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„Sylvesterübergriffe“

So langsam lüftet sich einiges:

In der Urteilsbegründung ging die Vorsitzende Richterin mit den Ermittlern hart ins Gericht: „Die Polizei wollte durch den öffentlichen Druck und auch den der Medien und der Politik unbedingt Ermittlungserfolge sehen.“ Und: „Die Polizeibeamten haben der Zeugin Fotos gezeigt, bevor sie eine Täterbeschreibung abgegeben hat. Das halte ich nicht nur für unprofessionell sondern dramatisch.“

Eine Polizistin habe dem Angeklagten Alireza N. in der Vernehmung „an den Kopf geworfen“, dass sie wüsste, was er getan habe. Richterin Meier-Göring: „Ich möchte mich ausdrücklich für diesen Teil der Befragung entschuldigen.“

Der Polizei, so die Vorsitzende, sei keine Überführung gelungen: „Sondern sie hat schlicht und ergreifend geraten.“ Das Opfer, das sich erst Tage später nach Medienberichten bei der Polizei gemeldet habe, sei nicht traumatisiert, sondern habe nach den Übergriffen noch bis halb fünf weitergefeiert. (meine Hervorhebung)

– Quelle: http://www.mopo.de/25013026 ©2016

Für die meisten Kölner „Übergriffe“ dürfte ähnliches gelten. Insbesondere für jene „Übergriffe“, an die man sich Tage später, nach der Medienhysterie, erinnerte.

 

Respekt, Anerkennung an die Vorsitzende für diese klaren Worte! Dazu gehört angesichts der Hysterie (siehe jetzt die üble Hetzkampagne gegen Maas) einiges. (Man muss Maas nicht kritiklos lieben, aber was da derzeit – übrigens nicht nur per Pegida und AfD, auch per BILD – abgeht, sprengt jeden Rahmen. Und ja, das ist bereits andeutungsweise Weimar, da leg ich mich mal fest…)

 

„Der Horror von Köln“ – Walter van Rossum

Natürlich unterstütze ich dieses Interview, im allerherrlichsten Juristendeutsch, „vollinhaltlich“. Soviel verletzte Eitelkeit aber möchte sein (dass ich sie ehrlich zugebe, mag sie mildern oder verstärken, je nach Geschmack): Alles, was van Rossum – völlig zutreffend! -. sagt, konnte man hier im Blog auch schon lesen, nur eben schon vor 6 Monaten.

„Köln“ ist längst zum Narrativ, fast Topos geworden (wirklich fast?). Sylvester Köln bedeutete den swing-by pro AFD. Historiker werden noch in 100 Jahren – wenn  es dort noch eine Menschheit gibt, und wenn diese Menschheit noch historischen Sinn hat – darüber reden, was in Köln eigentlich passiert ist. Halten wir jetzt schon fest: Es sind, Standard 2016, alle kriminalistischen  Register gezogen worden, die verfügbar waren, alle. Eine SoKo mit ca 100 Ermittlern. Ergebnis: Quasi null.

Aufgrund dieser Anzeigen sind von einer zeitweilig über hundertköpfigen Sonderkommission mit hervorragenden technischen Mitteln in aufwendigster Kleinarbeit bislang 175 Beschuldigte ermittelt worden, davon geht es bei 37 Beschuldigten um Sexualdelikte

(…)

Wenn man die Ereignisse rückblickend halbwegs nüchtern analysiert, dann haben wir eine riesige Zahl an Anzeigen, von denen der überwältigende Anteil – rein strafrechtlich gesehen – Bagatelldelikte zum Inhalt hat. Bis auf die 21 Fälle von versuchter Vergewaltigung im oben beschriebenen Sinne. Ich vermute mal, das entspricht in etwa dem Pensum eines ganz normalen Karnevaltages und vermutlich ist an Karneval die Dunkelziffer – also die Zahl der nicht angezeigten Fälle – noch weit höher. Ansonsten muss man einfach feststellen: Anzeigen sind noch keine erwiesenen Straftaten. Und bis heute weiß niemand auch nur annähernd, wie viele Täter es überhaupt gegeben hat und wie viele sich an den schweren Sexualdelikten beteiligt haben.

Das Narratativ „Köln“ besagt – alles Ableugnen ist zwecklos, screenshots are taken – : In Köln sei eine vertierte, affenartig grunzende, männliche Muselsexmobmenge stundenlang und nicht zu stoppen über „unsere“ (aha!) blonden Frauen hergefallen. Und genau dieses Narrativ war seit spätestens Ende Januar widerlegbar.

War noch was? Ach ja. Wir sind in Deutschland. Da muss man den Disclaimer immer brav mit dazu packen. Da will ich mal ganz artig sein:

Ich bestreite mit keinem Wort und habe es auch nie, dass es in Köln Sylvester 15/16 Straftaten gegeben hat, sicherlich auch schwere, sicherlich auch über Normal Null. Was ich mit rationalen und bis heute nirgends widerlegten Argumenten bestritten hab und weiterhin bestreite ist dies: Dass Sylvester 15/16 in Köln über Stunden hinweg ein  von der Polizei (sie war massiv präsent) nicht kontrollierbarer Mob über Domplatte/Bahnhofsvorfeld gerast ist…ein Mob von vertierten (die völlig durchgeknallte Steuerhinterzieherin und multiple Prozessverliererin Schwarzer glaubt sogar: IS-gesteuerten), männlichen Muslimen.

Bis zum Beweis des Gegenteils (mir wurde bisher keiner angeboten, der den anerkannten Standards der Rationalität genügt) werde ich weiterhin behaupten: In Köln hat 15/16 in Wahrheit gar nichts statt gefunden, was den normalen Großstadt-Party-Wahnsinn wesentlich übersteigt.

 

 

Köln, Zündorfbad

Nanu, wo ist denn der Sexmob geblieben?

Wieder nichts? Schade…

Warten wir mal ab, was sich beim Norderstedter Arriba-Bad so alles ergibt. Auch dort wurde – in absurder Unverhältnismäßigkeit – ja U-Haft verhängt, wenn ich es richtig verfolgt habe u.a. sogar gegen einen 14jährigen. Das ist schon nicht mehr Hysterie, das ist mehr und Schlimmeres.

Ein paar Fakten

In der Diskussion über den „Mißbrauch mit dem Mißbrauch“ gibt es Fronten mit Denkverboten, auch politische Fronten. Und es geht neben Meinungshoheiten manchmal auch um Arbeitsplätze. Es ist mir bei Einladungen von engagieren Frauen zu Vorträgen schon passiert, daß mir offen gesagt wurde: „Also, Herr Baurmann, wenn Sie den Vortrag halten, nicht daß da Zahlen kommen, die das erdrückende Ausmaß in Frage stellen, denn wir haben gerade einen Förderungsantrag laufen.“ Da läuft etwas schief. Früher gab es solche Denk- und Redeverbote von der anderen Seite sehr häufig! Männerideologien und das Bild von der heilen Familie sollten nicht in Frage gestellt werden. Und es sollten Gelder gespart werden, die für Interventions- und Hilfssysteme notwendig waren. Seit Jahren erlebe ich, daß jede Fraktion sich fast ausschließlich die eigenen Argumente anhört. Man muß doch wohl darüber reden dürfen, wie die Situation tatsächlich oder vermutlich ist. Ob man sich da irrt oder nicht, ist noch eine andere Frage, aber daß diese Diskussion nicht stattfinden darf; das finde ich anrüchig. Im übrigen sind fundierte Lageanalysen notwendig, bevor Helferkonzepte erstellt werden. (…) Michael c. Baurmann, 1997 Leiter des Fachbereichs Kriminologie in der Kriminalistisch-kriminologischen Forschungsgruppe des Bundeskriminalamts in Wiesbaden

Noch Fragen?

Im alten Blog gab es ja eine wüste Debatte, die überwiegend von einer in der Bloggosphäre einschlägig bekannten Nörglerin gestaltet wurde. Nun, deren erlogene und erstunkene Vorwürfe sind natürlich albern. (Ich soll einen „verurteilten Kinderficker“ verteidigt haben; auf meine Rückfrage, welchen verurteilten Kinderficker ich denn wohl verteidigt habe, bekam ich leider keine Antwort. Gisela Friedrichsens Buch über den Pascal-Prozess sei verboten worden, und dass man das Buch weiterhin beziehen könne, sei ein „Justiz-Skandal“…kurzum, wüste Vorwürfe ohne Realität, bei denen ich mich des Mitleids nicht ganz enthalten konnte. Ich habe das gelöscht, um eine ersichtlich Derangierte vor sich selbst zu schützen. Der eine oder andere wirds mitbekommen haben. Who cares!)

Mich hat die Debatte zunächst einmal indirekt interessiert. Nämlich als fließbandartig produziertes Empörungsmaterial, um ganz andere Agenden durchsetzen zu können. „Du bist gegen die Kontrolle von web und Internet? Dann bist du pro Kinderficken…“, um die immer gleiche Infamie dieser schäbigen Logik ging es mir zunächst einmal.

Wenn man dann aber in die Debatte einsteigt und erfährt:

Es gibt keine millionenschwere Kinderpornoindustrie.

– In Sorgerechtstreitereien werden in 3 % der Fälle (ca. 6.000 von 200.000) Missbrauchsvorwürfe erhoben (nicht nur von Frauen gegen Männer übrigens, das geht gerne auch anders herum), wovon sich ca. 90% (kein Tippfehler: 90 %) als haltlos erweisen.

– Das berühmte „200.000mal im Jahr“, welches von Laien ja immer so wahrgenommen wird, als würden Kinder in Deutschland 200.000mal im Jahr schwer sexuell missbraucht werden, stimmt so schlicht und einfach nicht (siehe Baurmanns sachliche Ausführungen im obigen link)

– Auch mit den Wormser Prozessen sollte man sich nochmal befassen. (Gespenstisch, insbesondere, wenn man an den inzwischen verurteilten Heimleiter des „Spatzennest“ denkt!)

– Man denke auch mal an die „Operation Himmel“, die burks zu Recht „Operation heiße Luft“ nennt (siehe auch hier) – und kontrastiere das mit diesem Werbevideo von Dunkelziffer e.V.

Da frage ich mich schon: Woher kommt die Hysterie, wem dient sie, von wem wird sie am Köcheln gehalten. Dann interessiert mich das Thema auch direkt.

Im Gegensatz zur Frage nach der Anzahl schwerer sexueller Gewalt gegen Kinder, die nur schwer beantwortet werden kann – sobald man mal genauer nachfragt, sinken die Zahlen schnell (zum Glück ist das so! Wollen hier etwa einige auf Teufel komm raus hohe Zahlen?) – sind diejenigen zur im weitesten nicht-sexuellen Gewalt gegen Kinder bekannt. Und sie sind deprimierend, besonders das hier:

In einer internationalen Studie der Universität Halle-Wittenberg erklärten 86,8 Prozent der Mütter und Väter, sie strebten eine gewaltfreie Erziehung an.

Tatsächlich erzogen aber nur 28,2 Prozent ihre Kinder ohne körperliche Strafen. (Zahlen von 2007)

Tatsächlich müssen wir davon ausgehen, dass selbst 10 Jahre nach dem Verbot der Prügelstrafe die Mehrheit der Kinder immer noch in der einen oder anderen Form Erziehungsgewalt erfahren müssen. Es geht mir nicht darum, dass eine gegen das andere auszuspielen, sondern um die Proportionen und darum, Hysterie durch Sachlichkeit zu ersetzen. Der Mythos von den 200.000 Kinderfickereien/Jahr ist einfach falsch.

Wäre ich Verschwörungstheoretiker, ich würde sagen: Die bürgerliche Gesellschaft fokussiert sich auf schwere sexuelle Gewalt gegen Kinder, gerade weil sie weiß, dass die relativ selten vorkommt, und möchte damit einfach von der weiterhin ziemlich massiv vorkommenden Erziehungsgewalt gegen Kinder ablenken. Gegen den Kinderficker können sich alle sehr wohlfeil empören – aber beim „Poklaps“ müsste die bürgerliche Gesellschaft über sich selbst nachdenken.