Category Archives: Philosophie

Kant aus Angst?

Vielleicht bin ich Kantianer aus Angst – weil ich, gottweißwoher, ein bisschen Bescheid weiß um die Abgründe des Menschengeschlechts, und mir einen Rahmen wünsche. Kant aus Angst – das wäre natürlich (zu so viel Kant-Exegese langt es sogar bei mir) ein schlechter Kantianismus. Aber besser ein schlechter als gar keiner.

Alle Geschichtstheorien, alle Gesellschaftstheorien leiden daran, dass sie in etwas über etwas aussagen wollen – dass ein selbst vergesellschafteter Mensch etwas über die Gesellschaft überhaupt, ein selbst geschichtlich gewachsener und geschichtlich relativer Mensch etwas über die Geschichte überhaupt aussagen will. Kurz: Man sitzt gefangen  im System S1 und will zu objektiven Erkenntnissen über S1 gelangen. Das kann natürlich nicht gutgehen. Hier scheitern Links- wie Rechtshegelianismus, also Marx und Luhmann zugleich.

Vernunft und Weltbezug

Gibt es irgend einen gemeinsamen Nenner, der die Fälle Köln, Gina-Lisa und Anna Rockel-Loenhoff (dank an die Schrottpresse; kannte ich gar nicht, den Fall) verbindet? Gibt es: Es ist die Realitätsverweigerung. Nach dem, was ich gelernt habe, ist es Pflicht derer, die urteilen (Urteil im philosophischen Sinn, als Urteilsakt verstanden – ist aber natürlich auf den juristischen Sinn übertragbar), die Umstände möglichst umfassend und möglichst vorurteilsfrei zu erfassen. Was einem das reden so erschwert sind die Narrative, Metaphern, Topoi, die eine einfache Geschichte überlagern können und an die die Projektionen so gerne andocken. Grob geschätzt 90 % der Energie, die man in Diskurse steckt, gehen für solchen überflüssigen Kram drauf.

Um es an einem, wie burks immer so gerne sagt, „pädagogisch wertvollen Beispiel“ ab zu machen: Gab es im Rahmen der sog. „Wiedergutmachung“ der Verbrechen Deutschlands in Einzelfällen auch Betrugsversuche? Richtige, statistisch zu erwartende und absolut bedeutungslose Antwort (bedeutungslos über den Einzelfall hinaus): Ja, gab es. Who cares! Stichwort Werner Nachmann. Der Fall Nachmann sagt nur über sich selber etwas aus – er bedeutet nichts. Dass die Judenhasser diesen Fall klammoffen jubelnd begrüßt haben ist schon klar – für Menschen, die einen möglichst vorurteilsfreien Blick auf die Welt anstreben, besagt der Fall gar nichts und darf es auch nicht.

Hat irgend jemand eine interessante Theorie, einen interessanten Ansatz, warum dieser Gedanke, den zu verstehen kein Albert Einsteinscher Intelligenzquotient vonnöten ist, sich so schwer durchsetzen kann? Woher die Macht der Narrative, der „Klischees“ (Arendt)?

 

Das Wort zum Sonntag

hat heute Hannah Arendt:

Politisch gesprochen ist die Idee der Menschheit, von der man kein Volk ausschließen und innerhalb derer man keinem das Monopol des Lasters zubilligen kann, die einzige Garantie dafür, daß nicht eine „höhere Rasse“ nach der anderen sich verpflichtet glauben wird, dem Naturgesetz vom „Recht des Stärkeren“ zu folgen und die „niederen lebensunfähigen Rassen“ auszurotten. (…) Eine nichtimperialistische Politik zu machen, eine nichtrassische Gesinnung sich zu bewahren wird täglich schwerer, weil täglich klarer wird, was für eine Last die Menschheit für den Menschen ist.“ (Arendt, Hannah, Organisierte Schuld)

So ist es.

 

Das Unwort zum Sonntag entnehmen wir André  Poggenburgs Facebook-Account, er schrieb es in Kenntnis der wahren Hintergründe des Münchner Amoklaufs:

Rechte Hetze oder Mut zur Wahrheit?

Kritische Hinweise zum Terror in München mit Bezugnahme auf ein ‪#‎Politikversagen‬ der Merkel-Einheitspartei werden von Teilen der Medien, etablierten Politikern und vor allem Linksradikalen sofort als „Rechte Hetze“ verunglimpft.

Die Bluttat von Ali David Sonboly in München weist, wie viele Blut- und Gewalttaten der letzten Zeit, deutlich darauf hin, dass Multi-Kulti in vielerlei Hinsicht gescheitert ist. Dies trifft eben auch im Hinblick auf die Sicherheitslage zu. Linke Gewaltdrohungen und Medienhetze werden die AfD-Politiker nicht daran hindern auch zukünftig unangenehme Dinge direkt anzusprechen.

Den Hinterbliebenen und vielen Verletzten des Terrors in München und anderswo gilt selbstverständlich unsere Anteilnahme. Als Politiker haben wir allerdings die Aufgabe dafür zu sorgen, dass endlich Sicherheit geschaffen und das bisherige Politikversagen gestoppt wird. Dazu bedarf es allerdings ehrlicher Benennung von Ursache und Wirkung, auch entgegen einer „Political Correctness“. Dies leistet in Deutschland wahrnehmbar nur die ‪#‎AfD‬!

Nicht mehr des Kommentars bedürftig. Das ist innere Verwahrlosung und weiter gar nichts.

Btw: Bevor Herr Poggenburg gewählt wurde, stand er offenbar kurz vor der Privatinsolvenz; zumindest hatte ihn Creditreform bereits deutlich auf dem Radar, die Erzwingungshaft war mehrfach angedroht. (Klick) Selbst ehemalige politische Weggefährten werfen Poggenburg vor, dass es ihm allein um Alimentierung ginge. Der Verdacht ist nicht abwegig, dass hier Steuerzahler wie zum Beispiel ich eine verkrachte Existenz sanieren dürfen.

IS und die Säurefässer

Nicht, dass ich dem IS dergleichen nicht zutraute. Das sind warlords (Krieg und also Kriegsgründe finden, Gegner finden, Haß säen, Menschen zerstören ist deren Job, deren Lebensaufgabe)! Und dennoch: Als ich las, dass der IS seine Gegner (oder „Gegner“) in Säure ertränkt – Stern-online bedient sich des Indikativs! …ich weiß nicht.

Ich musste sofort an die Brutkastenlüge denken (Januar 1991, unvergesslich!). Und an Sender Gleiwitz (googelt selber, ihr blöden Deutschen!). Und an das Flugzeug über Nürnberg.

Ja, ich bin ein böser Mensch. Vermutlich ein Antisemit. Denn was ich sage, sagen ja auch Antisemiten, sagen KenFM und Elsässer, und also… Es ist schon ziemlich deprimierend, den öffentlichen Diskurs mit einer recht ordentlichen Ausbildung in formaler und informeller Logik verfolgen zu müssen. Bettina Stangneth nennt diese widerwärtige Unart, per scheinbar ‚korrektem‘ Denken den Opponenten moralisch zu diskreditieren, „Böses Denken“. Recht hat sie. (Ja, ich kenne Bettina persönlich und schätze sie. Und nun?)

Kein Mensch, der für zwei nano-Sekunden bei moralischem Trost und Verstand ist, findet beim IS irgend etwas, was in die Zukunft weist.

Ich möchte dennoch gerne wissen, was es mit dieser Säure-Geschichte auf sich hat. Und ich lasse es nicht zu, jetzt zum Verschwörungsirren psychiatrisiert zu werden. Ich möchte es einfach wissen. Und bitte nicht abspeisen lassen mit der Bemerkung, solche Nachfragen sei man von AfD-Wählern gewohnt. Da haben wir ja das böse Denken life und in Farbe…genau darum geht es ja, seit Katyn, seit eh und überhaupt: Reductio at Hitlerum!

Vögeln (Werbeblock)

Da es nicht für mich ist, schalte ich hier mal einen Werbeblock: Nämlich für das Buchprojekt „Vögeln – eine Philosophie vom Sex“ von Matthias Gronemeyer. Da ich selber bereits subskribiert habe, hab ich ein ganz persönliches Interesse daran, dass das Buch zustande kommt. Leseproben gibt es hier; die Subskription dabei aber nicht vergessen.

Spott und Lob

Und da ich soeben, wenn auch gutmütig, ein bißchen über Daniel-Pascal Zorn gespottet habe, beeile ich mich hinzu zu fügen, dass ich seit längerem begeisterter Leser seiner Logik-Kolumne bin. Lesebefehl! (Alle Kolumnen hier)

Behemoth – unsystematische Reflexionen

Vermutlich voll akzpetiert wird die sozialimperialistische Ideologie (also die Ideologie von unterschiedlichen Rassen und ihrer unterschiedlichen Wertigkeit, die Ideologie vom „Herrenvolk“, das den Auftrag habe, zu herrschen, hf) jedoch von den entwurzelten Mittelschichten, soweit die in der NSDAP organisiert sind. Denn dieser Teil der Mittelschicht ist sehr antikapitalistisch eingestellt. Für ihn ist die neue Theorie tatsächlich Ausdruck eines psychologischen Bedürfnisses nach größerer Würde. (…) Der Sozialimperialismus ist die gefährlichste Formel der nationalsozialistischen Ideologie. Er spricht all jene Gruppen in der ganzen Welt an, die von der Proletarisierung bedroht sind: Bauern, Einzelhändler, Handwerker, Lehrer und andere Intellektuelle, er spricht die Arbeitslosen an, alle, die im Monopolisierungsprozeß ihre Sicherheit verloren haben, aber keine Proletarier sein wollen. (Neumann, Franz, Behemoth, Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933 – 1944, Frankfurt/Main (Fischer TB) 1998, p. 267)

Franz Neumanns mitten im Krieg (deswegen, kein Tipfehler, 1933-1944!), zuerst 1942, dann mit Ergänzungen 1944 im Exil geschriebene und publizierte Strukturbeschreibung des NS war und ist bis heute profund und lesenswert. Allerdings denke ich, dass er in einigen Punkten fehl geht. Zunächst einmal – es kommt schon im Titel zum Ausdruck – zur These vom „Unstaat“. „Behemoth oder das lange Parlament“ war die weniger bekannte Ergänzungsschrift Hobbes zu seinem „Leviathan“. „Behemoth“ ist bei Hobbes die Metapher für Chaos, für den nunmehr wirklich stattfindenden Kampf aller gegen alle. Neumann erläutert:

Sein (Hobbes, hf) Leviathan ist die Analyse eines Staates, das heißt eines politischen Zwangssystems, in dem Reste der Herrschaft des Gesetzes und von individuellen Rechten noch gewahrt sind. Sein Behemoth (…) schildert dagegen einen Unstaat, ein Chaos, einen Zustand der Gesetzlosigkeit, des Aufruhrs und der Anarchie.“ (aao, p. 16)

Aber trifft das auf den NS wirklich zu? Chaotisch war der NS ja nun gerade nicht. In Auschwitz, perverser geht nicht, gab es ein Standesamt, welches ganz „ordentlich“ Sterbeurkunden ausstellte. Der Judenmord war auch ein Verwaltungsakt, das war es doch gerade. Dass Terror und Willkür Herrschaftsinstrumente des NS waren, stimmt natürlich, betraf aber nur – ein bewusstes „nur! – die Gegner (bzw zu „Gegnern“ erklärten). Völkische Ideologien behandeln ihre sogenannten ‚eigenen Leute‘ eigentlich immer sehr gut, solang die mitspielen. (Völkisches Denken ist neben dem fatal falschen Eigentumsbegriff eine der Grundirrtümer der Menschheit – die Differenz ‚eigene Leute’/ Fremde preisgeben wäre eine der großen Zivilisationsfortschritte der Menschheit. Deswegen verachte ich das Gerede vom „positivem Patriotismus“ so sehr. Es gibt keinen „positiven Patriotismus“. Dies anbei.) ‚Arische‘ Deutsche, also Volksgenossen, haben im NS ein gutes, von diversen NS-Organisationen effektiv durchorganisiertes Leben geführt, Urlaub inklusive – gut jedenfalls so lange, bis die Wellingtons, Stirlings, Halifaxs, Lancasters und B-17s die Volksgenossen und Volksgenossinnen darüber zu belehren hatten, dass man deutsches Liedgut („Bomben auf Engelland“) auch übersetzen kann.

Franz Neumann selber zeigt ja auf – angesichts seiner schmalen Quellenbasis muss man seine Arbeit bewundern! -, wie exakt der NS die Gesellschaft durchorganisiert hat. Kein Unstaat, eher ein Einheitsstaat (siehe etwa aaO, p. 464). Wen die Preisgabe von Pluralität und Spontaneität (also von Freiheit in Arendts Verständnis) nicht störte, der war als ‚Arier‘ in Nazi-Deutschland sozusagen gut aufgehoben.

Zum zweiten greift seine Analyse derjenigen, die den NS unterstützten (s.o. erstes Zitat) zu kurz. Keine Frage: Der NS hatte im sog. Stehkragenproletarier mit seinen Abstiegsängsten und seinem Abgrenzungsbedürfnis treue und verlässliche Unterstützung gefunden. Aber wie Falters klassische Analyse der Wählerschichten der NSDAP zeigt, war dies nicht die einzige Klientel, die er ansprach (Falter, Jürgen, Hitlers Wähler, 1991). Gehobenes Bürgertum, Professoren, Richter, leitenden Ingenieure, ‚Manager‘, kurz die Funktionselite war nicht weniger begeistert dabei. Und eben diese Funktionselite hat ja informellen Einfluß über ihre bloße Stimmenzahl bei Wahlen hinaus („Mein Chef, der Herr Dipl-Ing Dr. Müller-Meier-Schulze, ist auch für Hitler“ vergl. Walter Kempowski: Amtsgerichtsrat Warkentin!).

Vor kurzem noch mussten wir uns von Heinz Bude eine ganz ähnliche Analyse anhören: Die „Verbitterten“, zu denen der verbeamtete Bude natürlich im Leben nicht gehört, sind also die, die sich keinen diving-adventure-Urlaub auf den Malediven leisten können, weil sie in die Zukunft ihrer Kinder investieren…

Habe ich mich verhört, wenn ich hier den arrivierten Großbürger bei vehementer Abwehr beobachte? „Die Aldi-Kassiererin und der Dreher, die wählen AfD in ihrer Abstiegsangst, und der verbitterte Vorstadintellektuelle, der sich zu kurz gekommen fühlt, kommt ihnen zur Hilfe“ – keine Zweifel: Unter den Afd-Wählern wird es Aldi-Kassiererinnen und Dreher mit Abstiegsängsten und auch verbitterte Vorstadintellektuelle geben. Gewählt und vor allem politisch vertreten wird sie aber auch von verbeamteten Universitätsprofessoren, Budes Professoren-Kollege Meuthen etwa, und Adeligen, die finanziell ausgesorgt haben. Neumanns Analyse war 1944 nicht besser zu haben. Dass Bude – ein pro-Agenda-Mann – es heute aber immer noch nicht besser weiß oder wissen will, ist schon verstörend. Ich habe seine Analyse, die die Standards, die Falter mit seiner Untersuchung gesetzt hat, nicht zur Kenntnis nimmt, als übergriffig und herrenmenschig empfunden. Das steht ihm so einfach nicht zu. Es stimmt schlicht nicht, und zwar auf der Ebene der schieren Fakten nicht, dass rechtes, völkisches Denken lediglich ein Phänomen prekär beschäftigter einfacher Dienstleister oder sich abgehängt oder verkannt fühlender Akademiker ist. Hitler wurde nicht nur von den Versagern oder „Versagern“ gewählt. Die billige 50er-Jahre-These vom „NS als Revolution des Pöbels“, in der sich das deutsche Bildungsbürgertum, schuldbewusst, gefiel („ich nicht, ich nicht“), sollte doch wirklich der Vergangenheit angehören.

Herder, Cassirer, Arendt und die Romantik

„Aber ihr (der Romantiker, hf) Nationalismus war nicht von imperialistischer Art. Ihr Sorge war, zu bewahren, nicht zu erobern. Sie versuchten mit der äußersten Anstrengung all ihrer geistigen Kräfte, die Eigenart des deutschen Charakters zu bewahren; aber sie beabsichtigten niemals, ihn anderen Völkern aufzudrängen und aufzuerlegen.

Dies war ein notwendiges Resultat des Ursprungs des deutschen Nationalismus. Dieser Nationalismus war von Herder geschaffen worden – von allen Denkern und Dichtern des achtzehnten Jahrhunderts besaß Herder den schärfsten Sinn und das tiefste Verständnis für Individualität. Dieser Individualismus wurde eine der hervorstechenden und charakteristischten Wesenszüge der romantischen Bewegung. Die Romantiker konnten niemals die besonderen und spezifischen Formen des kulturellen Lebens, Dichtung, Kunst, Religion und Geschichte dem „totalitären Staat“ aufopfern. Sie hatten einen tiefen Respekt für all die unzähligen, feinen Unterschiede, die das Leben der Individuen und der Völker charakterisieren. Diese Unterschiede zu fühlen und sich ihrer zu freuen, mit allen Formen nationalen Lebens zu empfinden, war für sie das eigentliche Ziel und der größte Reiz des historischen Wissens. Der Nationalismus der Romantiker war daher kein bloßer Partikularismus. Er war das gerade Gegenteil. Er war nicht nur mit einem wirklichen Universalismus vereinbar, sondern setzte ihn voraus. Für Herder war jede Nation nur eine individuelle Stimme in einer universalen, allumfassenden Harmonie.“ (Cassirer, Ernst, Der Mythus des Staates, Frankfurt/Main (Fischer) 1985, p. 241-242)

Sehr fein. Auch Cassirer deutet – wie schon Heinrich Heine – Herder letztlich also als Frühromantiker, was m.E. ja auch völlig richtig ist. Ob er der späteren Romantik hier aber nicht doch zuviel zugesteht? Irgendwann schlug der romantische Nationalismus jedenfalls in Gewalt um, und zwar schon recht früh. Diese zunächst verbale Gewalt nahm sich, neben ‚den‘ Franzosen, sehr schnell auch die Juden und (!) die Philister vor. Cassirer ist das wohl entgangen. Es gibt einen verstörenden Text von Achim von Arnim – verstörend deswegen, weil er einerseits seinen wohl allen Ernstes „witzig“ gemeinten Gewaltphantasien hemmungslosen Lauf läßt (man nehme eine Juden, zerstoße ihn, zerreibe ihn im Mörser und erwärme ihn, mit Ätzlauge versetzt, im Tiegel „bis zum Durchglühen“), er andererseits aber formuliert: Man müsse „bedenken, wie unzählige Grausamkeiten unter dem Vorwande des christlichen Glaubens gegen dieses unglückliche Volk verübt worden sind“. Diesen offenkundigen Selbstwiderspruch von Arnims sollen andere erklären; ich kapituliere da. Halten wir fest, dass die Romantik den herderschen Weg früh preis zu geben anfing.

Herders eigene Sicht auf das Judentum geht, wie bereits die junge Hannah Arendt bemerkte, einen völlig anderen Weg. Sie ist nicht unproblematisch, weil sie letztlich, indem die Juden sich „bilden“ (heißt auch: assimilieren) sollen, dafür sorgt, dass diese zu den „Geschichtslosen in der Geschichte“ (Arendt) werden. Die Juden würden somit, so Arendt, dem Nichts gegenüber stehen. Gerade diese Bindungslosigkeit sieht Herder jedoch als große Auszeichnung, als Vorurteilslosigkeit – ein ziemlich moderner Gedanke. Herders Begriffsinstrumentarium hat nicht ausgereicht, ihn vollständig auszumultiplizieren, denn warum sollte die Befreiung von Tradition, also ein distanziertes Verhältnis zu ihr, nur Juden (gezwungenermaßen) möglich sein? Aber für einen 1740 geborenen Intellektuellen sind seine differenzierten Gedanken über das Judentum und seine Geschichte anregend zu lesen. Natürlich enthalten seine Werke, das kann gar nicht anders sein, indiskutable Vorurteile über ‚die‘ Juden (die „Ebräer“), etwa über ihren angeblichen „Wucher“, aber ähnlich wie Dohm führt er diese angeblichen Volkseigenschaften ‚der‘ Juden eben nicht auf angeborene Eigenschaften zurück, sondern analysiert sie geschichtlich. „Witzige“ Judentests a la von Arnim/Brentano finden sich in Herders Werk jedenfalls nicht. Herder hat nicht, wie die Romantiker, explizit gegen die Judenemanzipation argumentiert, sondern für sie. Wenn Himmler in seiner ersten Posener Rede davon spricht, Herder müsse „besoffen“ gewesen sein, als er allen Völkern gleiche Rechte zugestand, ist das kein Zufall.

Der unbekannte Klassiker

herder

(Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Im 26. Humanitätsbrief führt Herder einen Dialog mit einem Kontrahenten. Es geht ganz offenbar um Befreiung, Humanisierung, um die bürgerliche und die Ständegesellschaft – von der Herder wusste, dass sie so nicht mehr länger würde halten können. Und es ging, wenn wir uns die geheime Gesellschaft des Kontrahenten ansehen, gegen die Herder die „Gesellschaft aller denkenden Menschen in allen Weltteilen“ setzt, zweifellos auch um eine vorwegnehmende Antwort an Goethe und dessen vom Freimaurertum inspirierte Turmgesellschaft. Eben jene, die Novalis als „Wallfahrt nach dem Adelsdiplom“ verspotten würde. Goethes Wilhelm Meister erschien 1794/95, als Herders 26ter Brief bereits vorlag; Herder wird aber Auszüge gehört oder gekannt haben, und allemal waren ihm natürlich Goethes und anderer Sympathien für die Freimaurerei geläufig. (Herder selber war in jungen Jahren ebenfalls Freimaurer geworden, aber nie sonderlich engagiert, noch 1803 heißt es in einem Brief ausgerechnet an Schröder: „Mit meiner ganzen Freimaurerei, verehrter Freund (ich muß es bekennen), ist’s nicht weit her. Wenig über 20 Jahre war ich, als ich in Riga die 2. ersten Grade bekam, in der stricten Observanz und (ich kann’s wohl sagen) mit gar keinem Strahl des Lichtes. Seitdem habe ich keine Loge besucht, nie das Zeichen gemacht, selbst Gespräche über die Freimaurerei, wie ich konnte, vermieden. (Mich dünkt, wir haben darüber geredet.)“)

Herders Humanismusbriefe unterlagen einer inneren Vorzensur; größere Teile schrieb er um, entschärfte sie, nachdem in Frankreich der König entmachtet, dann hingerichtet und die Republik ausgerufen wurde. Im ursprünglichen 18. Brief schrieb er, die Republik (also ohne Monarchie) sei die „bessere“ Verfassung für Frankreich. Seine Position auch in den veröffentlichten Humanismusbriefen war dennoch radikal genug, um ihm einiges an Ärger zu verschaffen. Und da Herders „Volksgeist“, aller Bezüge entkleidet, eine unheilvolle Rezeptionsgeschichte zeitigte, sei noch einmal klar gesagt: Herders großes Verdienst ist es, den modernen Kultur-Begriff gleichsam vorab entdeckt zu haben. Kultur ist nicht nur die Oper X, das Drama Y, die Symphonie Z. Kultur hat auch der indigene Stamm A, der mit Pfeil und Bogen jagt (und, nebenbei bemerkt, sich natürlich auch in Kunstwerken ausdrückt). Viel wichtiger: Alle Kulturen sind gleichberechtigt und gleichwertig nach Herder, alle tragen in ihren guten Momenten zur Humanisierung des Menschengeschlechts bei, und alle sind aus sich selbst heraus zu verstehen, zu bewerten. Damit wendet er sich nicht nur gegen Schillers Jenaer Antrittsrede – und zwar zu Recht, wie heute wohl nicht mehr bestritten wird -, sondern er entdeckt en passant auch noch (ein, zwei Generationen vor Ranke) die historistische Grundansicht. Das wird inzwischen von der Kulturwissenschaft auch gesehen – es ist kein Zufall, dass eine der schönsten Einführungen in Herders Werk vom Historiker Michael Maurer stammt (Stichwort: kulturwissenschaftliche Wende in Geschichts- und Literaturwissenschaft). Dennoch bleibt Herder der unbekannte Klassiker, was ich bedaure.

Kleiner Test: Welche Werke Goethes können Sie spontan benennen? Eben! Schiller? Siehste! Shakespeare? Keine Frage! Kant, Aristoteles, Plato? No problem! Kleist, Thomas Mann, Kafka, Joyce, Lessing, Brecht? Es sprudelt sofort! Baudelaire, Poe, Dante? Die Frage ist ein Witz! Und welches Werk Herders? Ich vermute mal, ich habe Sie jetzt erwischt, oder? Ich würde mich freuen, wenn z.B. seine großartigen Humanismusbriefe ab sofort dazu gehörten – am besten im gelesenen Zustand.

Hier also ein Auszug aus dem Gespräch im 26ten Humanismusbrief. Er ist so unfassbar schön, die Trias „Poesie“ (gemeint: Kunst in jeder Hinsicht von Kunst), „Philosophie“ und „Geschichte“ so triftig, dass ich mir sogar Herders argumentative Schwächen gerne gefallen lasse:

Ich: Poesie, Philosophie und Geschichte sind, wie mich dünkt, die drei Lichter, die hierüber Nationen, Sekten und Geschlechter erleuchten: ein heiliges Dreieck! Poesie erhebt den Menschen durch eine angenehme, sinnliche Gegenwart der Dinge über alle jene Trennungen und Einseitigkeiten. Philosophie gibt ihm feste, bleibende Grundsätze darüber, und wenn es ihm nötig ist, wird ihm die Geschichte nähere Maximen nicht versagen.

Er: Ob aber auch diese Grundsätze, diese Maximen und Anschauungen Taten wirkten? Gäbe nicht die Gesellschaft einen Antrieb mehr?

Ich: Ich nehme dir deine eignen Worte aus dem Munde. »Sage mir nichts von der Menge der Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive Kraft gegeben! Die Menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in einer Maschine. Je mehr Räder, desto wandelbarer.«

Er: Und was wäre dein einziger Antrieb?

Ich: Humanität. Gäbe man diesem Begriff alle seine Stärke, zeigte man ihn im ganzen Umfange seiner Wirkungen und legte ihn als Pflicht, als unumgängliche, allgemeine, erste Pflicht sich und andern ans Herz, alle Vorurteile von Staatsinteresse, angeborner Religion und das törichtste Vorurteil unter allen, von Rang und Stande, würden –

Er: Verschwinden? Da irrest du dich sehr.

Ich: Nicht verschwinden, aber gedämpft, eingeschränkt, unschädlich gemacht werden, was deine genannte und vielleicht verdienstvolle Gesellschaft ja auch nur bewirken konnte, wenn sie es bewirken wollte. Weißt du es nicht besser als ich, daß alle dergleichen Siege über das Vorurteil von innen heraus, nicht von außen hinein erfochten werden müssen? Die Denkart macht den Menschen, nicht die Gesellschaft; wo jene da ist, formt und stimmt sich diese von selbst. Setze zwei Menschen von gleichen Grundsätzen zusammen; ohne Griff und Zeichen verstehen sie sich und bauen in stillen Taten den großen, edlen Bau der Humanität fort. Jeder, nachdem er kann, in seiner Lage, praktisch; er freuet sich aber auch am Werk andrer Hände, weil er überzeugt ist, daß dies unendliche, unabsehliche Gebäude nur von allen Händen vollführt werden kann, daß alle Zeiten, alle Beziehungen dazu erfordert werden, mithin ein jeder einen jeden nicht einmal kennen darf, kennen soll, geschweige, daß er ihn durch Eidschwüre, durch Gesetze und Symbole bände.

Er: Du bist auf dem rechten Wege; auf ihm gibt es freie Arbeit. Kein wahres Licht läßt sich verbergen, wenn man es auch verbergen wollte; und das reinste Licht sucht man nicht eben in den Grüften.

Ich: Alle solche Symbole mögen einst gut und notwendig gewesen sein; sie sind aber, wie mich dünkt, nicht mehr für unsre Zeiten. Für unsre Zeiten ist gerade das Gegenteil ihrer Methode nötig, reine, helle, offenbare Wahrheit.

Er: Ich wünsche dir Glück. Glaubst du aber nicht, daß man auch dem Wort Humanität einen Fleck anhängen werde?

Ich: Das wäre sehr inhuman. Wir sind nichts als Menschen; sei du der Erste unsrer Gesellschaft.“

Immer wieder erliegt Herder dieser naiven Hoffnung – damit war und ist er jedoch nicht allein, noch Brecht schrieb „Reden erst die Völker selber / werden sie schnell einig sein“. Herder destruiert die Metaphysik, indem er sie historisch und kulturell relativiert, scheut sich aber – wer will es einem 1744 geborenen vorwerfen – , die Bilanz zu ziehen.

Im 29. Humanitätsbrief nähert er sich regelrecht Kant an – Zitat:

„Der Mensch hat einen Willen, er ist des Gesetzes fähig; seine Vernunft ist ihm Gesetz. Ein heiliges, unverbrüchliches Gesetz, dem er sich nie entziehen darf, dem er sich nie entziehen soll.“

um ihn aber sogleich wieder zu verlassen (ungekürzte Fortsetzung):

„Er ist nicht etwa nur ein mechanisches Glied der Naturkette, sondern der Geist, der die Natur beherrscht (meine Hervorhebung, hf), ist teilweise in ihm. Jener soll er folgen; die Dinge um ihn her, insonderheit seine eigne Handlungen, soll er dellt allgemeinen Principium der Welt gemäß anordnen. Hierin ist er keinem Zwange unterworfen, ja er ist keines Zwanges fähig. Er kostituieret sich selbst; er konstituiert mit andern ihm Gleichgesinnten nach heiligen, unverbrüchlichen Gesetzen eine Gesellschaft. Nach solchen ist er Freund, Bürger, Ehemann, Vater, Mitbürger endlich der großen Stadt Gottes auf Erden, die nur ein Gesetz, ein Dämon, der Geist einer allgemeinen Vernunft und Humanität beherrschet, ordnet, lenket.“

Kurzum: Kants Vernunft, pantheistisch verdorben. Die freie Entscheidung pro Moral, pro Humanität wird reduziert auf einen Dämon, der uns klandestin lenkt. Bin ich böse, wenn ich sage, dass er der Geheimgesellschaft, der er oben so deutlich und gut begründet sein „Nein“ zustellte, hier eine Hintertreppe eröffnet?

Herder war Christ, zumindest öffentlich, war es wohl auch privat so halb und halb, hat aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Mensch nie für die Religion, die Religion immer für den Menschen da zu sein hat. Damit hat Herder de facto – öffentlich konnte er das so damals nicht sagen – das Christentum relativiert: Über dem Christentum steht die Humanität. Auf nichts anderes laufen seine Kultur- und Geschichtsbegriffe hinaus. (Streng genommen – aber was heißt hier streng genommen? – war er damit natürlich kein Christ mehr.)

Herders Humanitätsbegriff ist dynamisch und statisch zugleich: Jede menschliche Gemeinschaft entwickelt eine Kultur, die dann dynamisch zur Entwicklung der statischen allgemeinen Humanität beiträgt… Anklänge an Hegels Geschichtsdialektik sind vorhanden. Wobei ich, ich tippe es, vor Kühnheit zitternd, Herder bevorzuge. Denn Herders offener Humanitätsbegriff (Herder wusste immer, dass die Humanisierung des Menschengeschlechts fehl gehen kann!) erlaubte es ihm, moralisch zu argumentieren.

Jean Paul notierte über Herder, er sei kein Stern erster oder sonstiger Größe gewesen, sondern ein Bündel von Sternen. Da Herder zugleich seinen inneren Kompaß namens Humanität nie preis gab, ist das im postmodernen Jahr des verstorbenen Christenherrn 2016 eigentlich das Beste, was man über Herder sagen kann.

Seeßlen-Interview

Wunderbares Interview. Ein Einwand:

Seeßlen: Die Voraussetzung wäre eine Idee von einem Europa, in dem wir wirklich frei und gleich sein wollen. Menschen, die mit der großen Hoffnung auf einen Neuanfang zu uns kommen, könnten die idealen Träger einer solchen Idee sein. Dann könnten die Flüchtlinge Europa möglicherweise vor sich selbst retten. Und vor seiner weiteren Verrohung und Verblödung.

Das ist mir zu naiv. Die Menschen, die zu uns kommen, sind um keinen Deut schlechter, aber natürlich ebenso wenig auch nur einen Deut besser als wir. Sie sind wie wir aufgewachsen in einer Welt voller Ungleichheit und Gewalt, Privilegien und Bauernschläue, Egoismen und Anpassungsdruck. Es gibt keinen „neuen Menschen“, nirgends. Immer nur die alten.