Category Archives: Occupy

„Finanzkapitalismus“ – edit (2)

Dass burks mit seiner ständigen Warnung davor, Finanzkapitalismus (pöhs!) gegen Real- oder rheinischen Kapitalismus (gutttt! siehe auch Rheinmetall) auszuspielen, letztlich Recht hat, habe ich nie bestritten; man kann das nachlesen. Geld kann nicht arbeiten, richtig (andere werden das verdrießliche Geschäft besorgen müssen), und burks Verweis auf Das Kapital 3, Kap. 24 ist selbstverständlich völlig richtig. Bisher hatte ich die Redeweise vom „Finanzkapitalismus“ immer verteidigt, eben deswegen, weil im „zinstragenden Kapital“ das Kapital seine „äußerlichste und fetischartigste Form“ erreiche. Und das könne man dann eben Finanzkapitalismus nennen, als effektivste Form von Mehrwertaneignung.

Schaue ich mir occupy und anderes Zinskritiker-Gedöns an – vom Freigeldgequatsche schweigen wir -, so hat burks eben doch Recht. Ein Panoptikum des intellektuellen Grauens. Ich erspare mir einzelne Belege; bitte selber googlen.

Was Marx – oder ich kenne die Stelle nicht – per 19. Jhdt. nicht bedacht hat, nicht bedenken konnte: Wie geschickt sich Herrschaft organisieren kann. So werden Teile des angeeigneten Mehrwerts an die Funktionselite der first world ausgeschüttet, um die Bagage bei Laune zu halten. Erste Faustregel der Macht: Teile und herrsche! Spiel sie gegeneinander aus! Keine Verelendung dort, wo Verelendung Folgen zeitigen könnte. Flugkapitäne, Oberstudienräte, Ingenieure, sie alle müssen bei der Stange bleiben. Die geminderten Gewinne holen wir uns an anderer Stelle wieder rein.

Es ist nicht, weil ich „Recht behalten“ will. Aber mein Pessimismus – schon im Herbst 2008 notierte ich: wer jetzt von einer revolutionären Situation fasele, solle die Drogen absetzen – erweist sich leider bis auf weiteres als Realismus. Nicht etwa die Desolidarisierung, sondern die geglückte Desolidarisierung ist es, die dieses System am Laufen hält. Solange – leider sind die Zitate authentisch – verbeamtete Studienräte daherlallen, dass sie das Instrument „Sanktion“ bei Erwerblosen (fälschlich als „arbeitslos“ bezeichnet) für „durchaus angebracht“ hielten, wobei man „im Einzelfall natürlich menschlich verfahren“ müsse, und dass in Sweat-Shops den Menschen „immerhin eine Perspektive geboten“ werde, wenn auch „im Einzelnen noch vieles verbessert werden muss“…solange das so ist, werden wir dinglich nichts erreichen, denn sozial (nicht letztendlich, wohl aber sozial) herrscht in einer Gesellschaft der Mittelstand, da er bestimmt, wie Selbst und Welt beschrieben werden. Insofern müsste es dem Mittelstand an den Kragen gehen, sonst änderte sich nichts. Das Revival der KP-Auffassung von 1932 aber wäre ein Desaster. Ersma mussäss allän schlächta gehn, paar Monate Faschismus, dann wir – das hatte damals schon Bert Brecht widerlegt: „Die „Rote Fahne“ schrieb noch „wir werden siegen“, da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz.“ Womit wir wieder beim Geld im Gegensatz zum Kapital wären…

Was also tun? Derzeit bleibt nur der humane Partisan. Jeder vereitelte sweat-shop, jede vereitelte Abschiebung, jede vereitelte Hartz-IV-Sanktion ist ein Erfolg. Folgenlos vorderhand, aber ein Erfolg.

edit: ich bleibe aber dabei (und das bestimmte damals ja auch meine Verteidigung des problematischen Begriffs): Nicht jede/r/m, die/der den Begriff „Finanzkapitalismus“ verwendet, darf der Antisemitismusverdacht unterschoben werden. Genau das ist ja das infame: Die „modernste“ Variante des Kapitalismus im damaligen Deutschland etablierten ab 1933 die Nazis. Sowohl die bürgerliche als auch die kapitalistische – meistens ohnedies kongruent – Kontinuität 1929-1949 sollte unstreitig sein. Kritikern eben jenes Kapitalismus wird mit diesem Spin die Verantwortung für den damaligen Kapitalismus zugelogen – von den heutigen, heute modernsten Vertretern eben jenes Kapitalismus; eine Schmierenkomödie. Als ob Nazi-Deutschland antikapitalistisch gewesen sei. Als ob damalige oder heutige Kapitalismuskritiker, wie ungenau ihre kritik auch immer sein mag, Kern und Essenz des Faschismus bildeten. Kern und Essenz des Faschismus war, ist und bleibt das ungeheuer versindelte rechte Bürgertum; speziell in Deutschland.

edit 2: auf der Ebene der Phänomene hat Wagenknecht natürlich Recht. Klar wird die bevölkerung, gerade auch der Mittelstand, derzeit verscheissert wie Bolle. Sie sollte diese konkret richtigen Einsichten eben mal nur mit MEW 25 kontrastieren.

Mo´s Krisenblogging – und Bemerkungen zu Occupy

Seit Jahren empfehle ich Monomas Blog; eine der subtilsten und, trotz aller Analysen, zugleich auch faktenreichsten Blogs zur Krise, den ich kenne. Ich würde mir eine Printausgabe wünschen.

Seit einiger Zeit kümmert sich Monoma verstärkt um die Occupy-Bewegung. Ich empfehle die Lektüre.

Ich persönlich weiß nicht, wie ich die Bewegung einschätzen kann.

Dass mich ihr Impetus zunächst einmal ganz „naiv“ – Naivität wiedergewinnen halte ich für wichtig – erfreut…versteht sich. Klar. Zumal es nicht zuletzt auch die kritische Bloggosphäre war, die Gegenöffentlichkeit, die die Occupy-Bewegung ein Stück weit mit herbei geschrieben hat. Die Nachdenkseiten, Monoma, ad sinistram, Kurt, der Verstorbene, ach, schaut auf meine Blogroll, sogar dieser Blog hier war manchmal adabei… Ich denke schon, dass ich mir in den letzten Jahren ein Recht erschrieben habe, als virtueller Teil der Occupy-Bewegung mein persönliches Statement abzugeben.

Und da muss ich sagen: Das hier schmerzt. Nicht, weil Reden falsch ist. Reden ist zunächst einmal richtig. Aber mit wem wird geredet, unter welchen Voraussetzungen, mit welchen Zielen, unter welchen Machtverhältnissen? Auch ich würde mit Ackermann reden – aber ich würde vorher die Voraussetzungen klären. Reden nur, damit Herr Ackermann eine gute PR bekommt (boah, der redet ja sogar mit seinen Kritikern), das muss nicht sein. Kurzum: Wenn Reden etwas ändern würde, wäre es längst verboten??? Soll ich das jetzt so verstehen? ich meine das nicht böse gegen die Aktivist/inn/en, aber ich frage mich…

Seit Jahren lässt Ackermann beispielweise lancieren, die Deutsche Bank habe kein Staatsgeld genommen, sie habe dergleichen nicht nötig, Staatsgeld zu nehmen sei gleichsam peinlich. Das ist so jedoch nicht richtig: Über die von Ackermann wesentlich mit initiierte sog. HRE-„Rettung“ Herbst 2008 hat die DB sehr wohl Staatsgeld bekommen, sehr wohl vom Steuerzahler profitiert; und nicht zu knapp. Und genau damit muss er konfrontiert werden, wieder und wieder. Ansonsten machen Gespräche keinen Sinn. Auch zur Bad Bank schon 2003 hätte ich einige Fragen an den Herrn. Öffentliche Fragen. Für eine kritische Spielwiese ganz hinten links, also für ein Demokratie-Alibi, sollten wir nicht zur Verfügung stehen…

Da wollte ich „bloß“ Monoma ein weiteres mal loben, und gerate doch etwas ins plaudern. Hat diesmal wirklich nichts miteinander zu tun. Ich denke: Monoma wird es nicht anders sehen als ich.

Occupy NY

Mit Dank an Monoma hierfür, wenn man da denn danken mag. Wo wird es enden? Wird es Einsicht, also Menschlichkeit im Fontaneschen Sinn des Begriffs, hervorrufen, oder Haß? Bilder wie diese erzeugen in mir Scham: ich werde morgen früh niemanden okkupieren, denn ich habe morgen früh zu tun.

Weiterhin werden 99 % der zu Recht beschworenen 99 % schweigen – und sich zumindest schämen, hope so -, obwohl alle Welt weiß, wie massiv wir derzeit um Gegenwart und Zukunft betrogen werden. Die Occupy-Bewegung muss aufhören, über die Wall Street zu reden. Verbleibt sie dort, sind lediglich einige talk-show und einige Polit-Karrieren a la Joscka Fischer drin. Sie muss anfangen, über den Kapitalismus zu reden.