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Erik Satie (Werbeblock)

Ich bitte auch hier um gefällige Beachtung.

50 .- €, die nicht verloren sind.

Als ich beinahe einmal Wagner inszenierte…

Natürlich unterstütze ich Aloni und Tiran in ihrem Protest; das Absetzen einer Wagner-Inszenierung, die, inhaltlich treffend, Wagner mit Nazi-Deutschland verknüpft, ist absurd. Die medizinische Begründung überschreitet sogar die Grenze zur Burleske. ‚Mussten sich in Behandlung begeben’…und niemand lacht schallend los. Höbel hat völlig recht:

Mindestens zehn Premierenbesucher, so wird in Düsseldorf berichtet, hätten sich nach der Premiere in ärztliche Betreuung begeben müssen. Das hat für die Absetzung gereicht. Die Deutschen haben in ihrer jüngeren Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im Jahr 2013 auf einer Opernbühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel Doktor.

So weit, so banal. Das Wagner-Gesindel, das Siegfried am Liebsten immer noch im Flügelhelm sähe, braucht uns wirklich nicht groß zu interessieren. Hat jedoch, mit allem Respekt, Yakov Hadas-Handelman überhaupt zur Kenntnis genommen, worum es Kosminski ging? Ich habe den Eindruck, das ihn irgend wer einfach angespitzt hat – „Du, die spielen Wagner mit Hakenkreuz“ -, und er dann, weiß Gott nachvollziehbar, gar nicht mehr genau hinschaute. Im Tannhäuser, grob gesagt, geht es, wie immer bei Wagner, um Schuld, Vergebung, Erlösung durch die Liebe. Erlösende Liebe ist Unschuld. „Was wären wir ohne diese Schuld?“ frug Syberberg. Worauf Lettau kühl und zutreffend: Auf diese Frage sei eine Antwort möglich. Ohne diese Schuld wären wir unschuldig. Es gibt diesen Zustand der Unschuld nicht – vielleicht nirgends, in jedem Fall nicht in Deutschland. Das zu zeigen, scheint Kosminskis Ansatz gewesen zu sein – und wenn es denn so war (da die Inszenierung abgesetzt wurde, kann das derzeit keiner mehr überprüfen), was wäre dagegen zu sagen? Der zum Schluß im Tod erlöste Tannhäuser, dieser Wahrheits- und identitätssucher ein schlichter Mörder…vorzüglich!

Wo „darf“ man Nazi-Symbolik künstlerisch „einsetzen“? herrje, überall natürlich. Ob das künstlerisch angemessen erfolgt ist, darüber befindet allein die öffentliche Debatte über Kunst, die nach meinem Werkverständnis immer als Teil des Werks selber angesehen werden sollte. Aber einfach verbieten ist, erstens, Zensur und also sowieso und allemal falsch (das würde als Argument gegen das Absetzen der Inszenierung völlig genügen). Zum zweiten ist diese speziell deutsche, verquaste Art des Umgangs mit Nazi-Symbolik einfach nur beklemmend. Am Kurt-Huber (!!!)-Gymnasium – Huber war bekanntlich hingerichteter Widerstandskämpfer, und selbst als solcher nicht frei von antisemitischer Borniertheit – führte die Theatertruppe 1981 Ariane Mnouchkines Mephisto-Adaption auf. Im ursprünglichen Plakat gab es, huch, wie schrecklich, ein Hakenkreuz. das wurde vom Direktor selbstredend zensiert, da es ja verfassungsfeindliche Symbole enthielt. Eberhard Spangenberg summiert in seinem noch heute lesenswerten Buch über Klaus Manns Mephisto (Spangenberg, Eberhard, Karriere eines Romans, Mephisto, Klaus Mann und Gustav Gründgens, Reinbek 1986, p. 286, ursprünglich München, 1982, dort auch die heute ggfls verbotene Darstellung nicht nur des zensierten, sondern auch des unzensierten Theaterplakats) etwas zu optimistisch: „In diesem Fall wachte nicht die Staatsanwaltschaft, sondern ein gesetzesfester Oberstudiendirektor (…)
So aber sind diese hoffentlich letzten (sic!), in ihrer Wirkung belanglosen Eingriffe Zeichen der Unsicherheit der staatlichen „Obrigkeit“ gegenüber ihren Kritikern (…)“ Schön wärs. 32 Jahre später wird eine Oper abgesetzt, weil in ihr, historisch zutreffend, eine Gaskammer dargestellt wird…

Ich selber, ein bißchen Größenwahn schadet nie, habe mir mal überlegt, wie ich den Ring inszenieren würde. Weit gekommen bin ich nicht (was macht man mit Loge?). Allemal aber hätte ich die Rheintöchter in BDM-Uniform gesteckt und sie auf dem Rhönrad (dem ‚deutschesten‘ aller Turngeräte) turnen lassen: Keine Unschuld in Deutschland, nirgends. Im weiteren Verlauf hätte ich mich von Manns Wagneraufsatz von 33 (ja, genau der!) inspirieren lassen. Mann rehabilitiert Wagner, indem er ihn partiell als Parodie seiner selbst deutet – die Parodie als Nachromantik oder kritische Romantik, man erinnere sich an Heinrich Heine und auch an Wagners widerwärtiges Verdikt über ihn: „Dies Deutschtum (Wagners, hf) also, so wahr und mächtig es sei, ist modern gebrochen und zersetzt (sic!), dekorativ (doppel-sic! Natürlich hat Mann recht! hf), analytisch, intellektuell, und seine Faszinationskraft, seine eingeborene Fähigkeit zu kosmopolitischer, zu planetarischer Wirkung kommt daher. Wagners Kunst ist die sensationellste Selbstdarstellung und Selbstkritik deutschen Wesens, die sich erdenken läßt (…)“ (Mann, Thomas, Leiden und Größe Richard Wagners, zitiert nach: Mann, Thomas, Essays, Band 3: Musik und Philosophie, herausgegeben von Herrmann Kurzke, Frankfurt/Main 1978/82, p. 111). Wäre ich Antisemit und nähme ich daraufhin Manns Beschreibung Wagners Ernst (letzteres tue ich sogar), ich erklärte Wagner zum Juden. (Interessanterweise sah das Gustav Freytag nicht anders!) Der Selbsthaß des modernen Intellektuellen (warum, ach, warum ist mir die naive Lebensfreude und Hingabe nicht gegeben?) ist bei Wagner sicherlich ein wesentlicher Faktor. Er dürfte, ich hau mal einen raus, bei nicht wenigen Rechtsintellektuellen, wenn nicht bei allen – Modellfall: Spengler – eine Rolle spielen. Die Sehnsucht nach der Unschuld = wahrer Liebe als Movens… Allerdings darf auch er nicht zu einer dann versteckten, also besonders niederträchtigen Entschuldungsstrategie führen. Haß geht nicht, Mord geht nicht, Haß und Mord fallen aus wegen iss nich, und das zu begreifen sollte so schwer nicht fallen, wenn man denn schon Intellektuelle/r ist. Alle Intellektualität in Ehren, und alle „Nachtgeweihte“ (Novalis/Wagner, vergl Mann, aaO p. 93), aller Rausch…es gibt Dinge jenseits aller Kunst, die ja nicht umsonst ein enges begriffliches Verhältnis mit der Künstlichkeit pflegt, die denn doch wichtiger sind. Vielleicht muss man auf dem Venusberg gewesen sein…vielleicht. War ich da? Waren Sie da? Oder holt Wagner sich seine Attraktivität nicht doch durch die Suggestion, er sei in Regionen zuhause, die Ihnen wie mir fremd sind?

Zurück zum Anlaß: Wer Wagner nur goutieren will, um sich als Mitglied der happy few zu fühlen, war bei Kosminskis Inszenierung zweifellos fehl am Platze. (Gut so!) Was tun? (frug mal einer und ging fürchterlich fehl in seiner Antwort) Ich schlage vor: Die Inszenierung wieder aufnehmen, und auf 3sat und/oder arte, besser noch ard/zdf/iba live senden. Dass aka ob die Inszenierung unbrauchbar ist – das sollte das Publikum selber feststellen (können). Ohne laienmedizinisches Gutachten vorab. In Kosminskis Inszenierung wird dargestellt, wie Menschen vergast werden. Präziser: Wie Menschen andere Menschen vergasen. Noch präziser: Wie jüdische Menschen durch deutsche Menschen vergast werden. Es wird also die Wahrheit dargestellt. Da man die gar nicht präzise genug darstellen kann, sage ich: Her mit der Sendung!

Nietzsche.Steinbruch.Nachmoderne.heute

Lektüre: Nietzsche, Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, in der von Manfred Riedel herausgegebenen und mit einem Nachwort versehenen Reclam-Ausgabe Stuttgart 1994, 227 Seiten. Nicht nur mit den Vorlesungsmanuskripten zu Empedokles, Leukipp und Demokrit, den Pythagoreern und Sokrates, sondern mit reichhaltigen Auszügen aus dem Nachlaß 1872-73; m.E. eine sehr gute Ausgabe. Nach ihr zitiere ich auch.

Bis auf die ersten, bekannten Passagen („Es giebt Gegner der Philosophie, und man thut wohl auf sie zu hören“) über Philosophie, Krankheit, Gesundheit, kannte ich den Text bisher nicht („Lesen ist Pflicht“ lernte ich…). Eine wichtige Ergänzung zur Geburt der Tragödie. Im Kern geht es Nietzsche darum, zu zeigen, dass sich, wie in der Tragödie, so auch in der griechischen Philosophie die Welt ausdrückt. Es ginge auch ihr, wie der Kunst, letztlich um „Erlösung“ (127). Allerdings gilt dies nur für die Philosophie vor Plato, in der die Philosophen noch als Original, als Paradigma auftreten (123). Plato gilt ihm dann allen Ernstes als der erste Epigone; mit Plato und dessen Zersplitterung, dessen Zitaten, dessen Aneignungen verschiedener Originale beginnt sozusagen das, was in der Moderne endet. Plato der erste (Post?Post!)moderne – das ist immerhin originell.

Für Nietzsche sind die Griechen des tragischen Zeitalters paradigmatisch „gesund“, von einer „einheitlichen Kultur“ (13) und ohne jene Verwirrtheit, die dem modernen Philosophen eigne in seinem „Zwiespalt des Wunsches nach Freiheit Schönheit Größe des Lebens“ (12). Nur eine Kultur wie die griechische könne die Philosophie letztlich rechtfertigen. Gäbe es keine „stählerne Notwendigkeit“ (sic!), mit der die Philosophie an eine einheitliche Kultur wie die griechische „(ge)fessel(t)“ (abermals sic!) sei, so mutiere der Philosoph von einem Hauptgestirn im Sonnensystem der Kultur zu einem unberechenbaren und darum Schrecken einflössenden Kometen (12-13 passim).

Interessante Passagen. Sie lassen mich ein weiteres Mal fragen, wo Nietzsche stand: Wirklich auf Seiten von Kontingenz und Nicht-Identität, also auf Seiten jener Spät- oder Nach-Moderne, die er doch kritisiert?

Sicher, die Warnung Montinaris muss immer im Hinterkopf haben, wer sich über Nietzsche äußert.

Dennoch glaube ich, dass wir aus Nietzsches Werk insgesamt eher eine antimoderne Haltung ablesen können. Kein freudiges Bejahen von „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ (wie Rortys großartiges Buch heißt) lese ich da, sondern regelrechte Verachtung der Moderne, die mit dem reinen Griechentum kontrastiert und als Degeneration gedeutet wird. Eine klägliche Sucht nach neuer Reinheit – und diese sog. Reinheit ist durchaus auch sexuell zu sehen. Es findet sich immer wieder bei ihm.

Es sei erinnert, dass sich Nietzsche schon in der „Geburt der Tragödie“ die Überwindung der “lüsternen“ sokratischen Reflektionskultur, also des Nihilismus, erhofft hat – und zwar bekanntlich auf ganz absurde Art und Weise: Nämlich mithilfe des „dionysischen Grunds des deutschen Geistes“, gemneint war die deutsche Musik. Nietzsches Griechenland-Projektionen unterscheiden sich nur wenig von denen Winkelmanns, Goethes, Schillers oder Hölderlins (auch, wenn Nietzsche sich eher im vor-klassischen Griechenland spiegelt). Auch die deutsche Philosophie, namentlich Kant und Schopenhauer, hätten durch ihre „unendlich tiefere und ernstere Betrachtung“ die „zufriedene Daseinslust der Sokratik (…) vernichtet“ (sic!) Durch das deutsche Wesen werde Griechenlands Reinheit wiedergewonnen werden…verrückt, verrückt. Wäre ich Frau (wär ich manchmal wirklich gerne gewesen; who cares!), also Feministin, würde ich sagen: Typische Männerfantasien.

Nietzsches Grundtenor – wider degenerierende Reflexion, pro Dionysos – hinterlässt mich kopschüttelnd, hat mich immer kopfschüttelnd hinterlassen trotz aller Faszination. Ich bewundere ihn, aber ich habe in seiner Gegenwart immer auch „gefremdelt“; vor allem wg seiner verbalen Gewaltexzesse, die man nicht kleinreden sollte. (Nochmals besten Dank an Taureck für sein Buch über Nietzsche als Protofaschisten! taureck bestreitet Nietzsches Verdienste mit keinem Wort, aber er sieht auch, was so offenkundig ist; etwa, wenn Nietzsche wortwörtlich über das „Ausrotten“ schwadroniert.) Ästhetizismus, wem Ästhetizismus gebührt, also der Kunst und den Künstlerinnen und Künstlern…aber ansonsten ziehe man sich anständig an und benehme sich gesittet. Nietzsches absurde Griechenland-Projektionen sind für sich um keinen Deut besser als das Gelalle durchschnittlicher wilhelminischer Bildungsspießer. Was ihn zu einem Jahrhundertereignis macht: dass er – ungewollt??? – der Gegenposition, der Moderne und der Nach-Moderne so beredt Ausdruck verlieh. Und sei es, weil er als ihr Kritiker sie noch genauer kannte als sie sich selbst.

Die berühmte – und selber unfassbar schöne – Passage aus der fröhlichen Wissenschaft kommt mir immer in den Sinn: „Eins ist Noth – seinem Charakter ‚Stil geben‘ – eine grosse und seltene Kunst.“ etcetc (FW, Passage 290) Das Leben als Kunst… Selbst die Schwäche soll das Auge entzücken. Auch dort: Eine deutlich Anti-postmoderne Haltung, gegen die Ungebundenheit, die der Moderne eignet. Für Haltung, für Zucht und Selbstzucht… Mir ist es unbegreiflich, wie man all diese deutlich anti-postmodernen Ansätze Nietzsches jahrzehntelang hat überlesen können. Oder hat man sie gar nicht überlesen, sondern ausgelebt? Siehe etwa Botho Strauss, Karl-Heinz Bohrer und Anverwandte, die ihren Rechtsnietzscheanismus unverholen ausgelebt haben?

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Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen (nicht vollständig)
Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus
Die fröhliche Wissenschaft

Georg Kreisler

Es wird alles wieder gut, Herr Professor… Na klar hat ein jegliches seine Zeit, na klar ist er steinalt geworden, aber ich darf ja wohl dennoch einfach mal ein bißchen traurig sein.

Armer Paul

Na, jetzt hab ich es doch noch gefunden…

Interzone – Armer Paul

Sie haben Paul geschlachtet
unten am Strand.
Sie haben Paul geschlachtet
und den Kadaver verbrannt.
Sie haben ihn zerrissen,
sie haben ihn zerhackt.
Sie haben Paul geschlachtet
sie haben ihn umgebracht.

Uuu-uuuiii, armer Paul…
Uuu-uuuiii, armer Paul…

Sie haben Paul geschlachtet
in diesem Land,
sie haben uns geschlachtet,
und die Kadaver verbrannt.
Sie haben uns zerrissen,
sie haben uns zerhackt,
sie haben uns gerrissen,
sie haben uns totgemacht.

Uuu-uuuiii, armer Paul…
Uuu-uuuiii, armer Paul…