Category Archives: Medien

Kölle

Da ist jemand aber enttäuscht! In der Tat: Die weitaus meisten Taten in der Sylvesternacht waren, sofern real, Bagatelldelikte. „Gib Kuß, Puppe!“, Antatschereien, Klaps aufn Po – alles nicht schön, gar keine Frage, alles primitiv, aber eben Dinge, die an jedem Wochenende in jeder Disco, in jedem Club ständig vorkommen. Hier wurde ja so getan, als ob über Stunden hinweg ein durchorganisierter Mob ein Haberfeldtreiben eröffnet hätte. Gegen „unsere“ Frauen (also: mir gehörn se nich, wem gehörn se denn dann? Frau Petry? Herrn Meuthen?)

Übrigens: Die erste Falschbeschuldigung wg angeblicher Vergewaltigung ist aufgedeckt: Ein offenbar psychisch labiles Mädchen (dem ich selbstverständlich keine großen Vorwürfe mache, sondern eher alles Gute für ihre Zukunft wünsche) hatte die ohnedies unglaubwürdige Behauptung erfunden, sie sei auf der Domplatte vergewaltigt worden und danach schwanger gewesen. (War im Arriba-Bad genauso: Die massiven, inzwischen widerlegten Vorwürfe stammten von zwei wohl ebenfalls psychisch instabilen Mädchen. Auch ihnen wünsche ich Stabilität und Ruhe.)

Das Ganze ist nur noch verrückt. Ich gehe davon aus, dass diversen Redaktionen das offenkundige Missverhältnis zwischen dem Kölner Narrativ und der Kölner Realität längst klar ist, sich aber niemand rantraut. Dafür war die Hysterie – inklusive front page story in der New York Times – zu massiv.

Gaddis

Das Interview ist unglaubliche 20 Jahre alt:

SPIEGEL: Sie haben früher im Bereich Public Relations gearbeitet. War das Broterwerb oder Recherche?
Gaddis: Reiner Broterwerb. Als 1955 mein erster Roman „The Recognitions“ erschien, hoffte ich auf Erfolg. Ich war jung damals. Doch das Buch verschwand schnell vom Markt. Ich hatte gerade geheiratet, dann kamen zwei Kinder. Also mußte ich einen Job annehmen. Der sollte mit dem Literaturbetrieb nichts zu tun haben. In einem pharmazeutischen Betrieb habe ich fünf Jahre Reden und dergleichen geschrieben – und gelitten.
SPIEGEL: Aber einige Einsichten für Ihren im Wirtschaftsleben spielenden Roman „J R“ haben Sie doch immerhin gewonnen?
Gaddis: Einige schon. Vor allem über die Gefühle, die viele Männer haben, die ihre Familie ernähren müssen und einer Arbeit nachgehen, die sie hassen. Darauf beruht unser System: auf Männern, die ihren Job hassen.
Gaddis habe ich – man kann ja nicht alles wissen – bisher verpasst. Da muss ich etwas nachholen.

VG Wort – update

Obwohl Jan Drees „Deutschlands wohl präzisesten Dialektiker“ konsultiert hat, geraten ihm und Zorn einige Dinge durcheinander. Drees und Zorn haben alle logischen Fäden in der Hand, dröseln sie aber nicht korrekt auf.

Es geht also um die VG Wort, um deren Ausschüttungen, es geht um Verlage und um Urheber. Was ist ein Verlag? Geben wir mit dem späten Wittgenstein einmal einige Beispieldefinitionen, dann sieht man schon, in welche Schwierigkeiten wir geraten. Ein Druckkostenzuschußverlag ist zum Beispiel ein Verlag. Random House mit diversen Erfolgsautoren (=relativ verläßlicher Umsatz) ist einer. Schulbuchverlage (mit relativ sicher planbarem Absatz) sind welche. Und junge, kleine Literaturverlage, die alles auf eigene Rechnung, eigenes Risiko betreiben und junge Autorinnen, junge Autoren fördern sind auch welche. Da haben wir schon mal ein erstes Problem. Ganz offenbar verführt der Begriff Verlag zunächst dazu, scheinbar nicht Vergleichbares zu vergleichen, nicht Identisches ineins zu setzen. Hier will Drees offenbar „differenzieren“. Fragen wir uns aber, ob es so etwas wie eine „Familienähnlichkeit“ zwischen allen Verlagsspielarten gibt: natürlich gibt es sie. Alle Verlage verdienen Geld damit (oder wollen oder müssen das), Literatur an den Mann zu bringen – von der fröhlich-vorhersagbaren Arztschnulze als Heftchenroman bis zur erregenden Neuübersetzung von Proust oder dem mutigen Debut einer Jobberin.

Mit dem Urheber sieht es nicht anders aus. Urheber – Drees zitiert Hagner völlig zu Recht – sind verbeamtete Professoren, deren Schreibarbeit (Forschung und Lehre sind ja ihr Auftrag, dafür werden sie bezahlt) bereits vom Steuerzahler durchfinanziert ist, und die Jungautorin, die sich ihren Erstling erkellnert hat. Kleiner Unterschied!  Aber auch hier gibt es natürlich Überschneidungen: Prof Dr. X und Jungautorin Y haben tatsächlich das jeweilige Werk als sog. geistige Urheber zu verantworten.

Wir bekommen die Sache besser in den Griff, wenn wir untersuchen, warum die VG Wort Geld ausschüttet. Weil ein Urheber ein Werk geschrieben hat? Nein (sonst hätte ich auch gerne ein bißchen Geld, ich schreibe auch ständig Werke, eins nach dem anderen…). Sondern: Weil ein von einen Urheber verfasstest, vom Verlag lektoriertes, veröffentlichtes und beworbenes Werk im Markt einen gewissen Erfolg generieren konnte.

Auf den Punkt gebracht: Joyce ist meinethalben alleiniger Urheber des „Ulysses“ (selbst das kann man mit sehr guten Gründen bestreiten, da der „Ulysses“ ja ohne die lange literarische Tradition Europas nicht denkbar ist, da andere Joyce´  Bildung bezahlt haben, Joyce literarische Diskussionen mit anderen führte etcetc, aber gut). Er ist jedoch allemal und unstreitig nicht der alleinige Urheber des Erfolgs, den der „Ulysses“ im literarischen Feld an den Tag gelegt hat! Dazu braucht es, und zwar essenziell, einen Verlag, eine Publikation, eine Veröffentlichung, und nicht zuletzt Buchhändler, die den Roman bevorraten oder bestellen.

Die Ausschüttung der VG Wort beruht nun, auch das ist unstrittig, auf dem wie auch immer meßbaren Erfolg des Werks am Markt. Das mag man degoutant finden, es ist so. Und insofern ist die bisherige Ausschüttung angemessen gewesen. Denn Urheber im sozialen und kulturellen Sinn, zumindest Urheber des Erfolgs, ist eben nicht nur der Autor.

Nach meinem Dafürhalten liegt der Denkfehler des Gerichts – dem es aber wohl kaum entgehen konnte – im kulturell tief verankerten, fehlerhaften Urheberbegriff, der immer noch nicht über das Originalgenie des deutschen Sturm und Drang hinaus gekommen ist – eine recht dumpfe, idealistisch verbrämte Projektion des Eigentumsbegriffs („ist meins, meins, meins“). Beim Patent- und Markenrecht haben wir eine ähnliche logische Schiefstellung, die gleichfalls unserem fatalen Eigentumsbegriff geschuldet ist und die sich in ganz analogen idealistischen Projektionen vom genialen Daniel Düsentrieb in seiner einsamen Forscherklause ausdrückt. Juristisch war da vielleicht nichts anderes drin, ich werfe das den Richtern gar nicht vor. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihre Argumente mitmachen muss. Hier wäre eine gesetzliche Regelung vonnöten, die berücksichtigt, dass Werke das Ergebnis sozialer Interaktionen sind…und niemals (das galt nicht einmal für Kafkas Werk) in einsamer Klause entstehen.

 

update: mein Freund Matthias Gronemeyer macht mich auf facebook darauf aufmerksam, dass die VG Wort ja sozialverträglich ausschütte, „Erfolg“ es so also nicht treffe. Stimmt natürlich, war ungeschickt ausgedrückt. Am Kern des Arguments – die VG Wort honoriert nicht ein Werk, sondern ein von einem Verlag unter Kosten am Markt platziertes Werk – ändert sich aber nichts. Matthias Gronemeyer möchte sich diesen Mechanismen nicht mehr aussetzen, sondern geht für sein neues Buch „Vögeln – eine Philosophie vom Sex“ neue Wege.

 

Nachdenkseiten reloaded

Lesenswert. In der Tat: Die Berichterstatung über die Anti-TTIP-Demo war widerwärtig; es spielt auch keine Rolle, ob man dort glatt gelogen hat oder bloß zu dumm ist, einfache Realitäten wahrzunehmen.

Ich bestreite das mit keinem Wort, schreibe im Gegenteil gegen solche Spindoctoreien an seit eh. Ich gehe auch ziemlich sicher davon aus, dass es in unserer Journalistenlandschaft embedded journalists idiots gibt, die sich von sinistren Diensten füttern aka führen lassen. Was ich einzig bestreite: dass es den einen, großen, monolithischen Manipulationsblock gibt. Und ich bestreite, dass „das Volk“ im Grunde gut, nur leider manipuliert ist. Darum, nur darum dreht sich der Streit. Im Konkreten haben die nds oft schlicht recht; so auch hier.

Terror in Berlin +++ Terror in Berlin +++ Terror in Berlin

Jedenfalls wenn es nach BILD geht.

Man vergleiche diese seriös formulierte Meldung des Tagesspiegel – Zitat: „Der erschossene Mann, der heute in Wilhelmstadt eine Polizistin mit einem Messer angegriffen hatte, gehörte nach Angaben der Staatsanwaltschaft (meine Hervorhebung) zur Islamistenszene“ – mit diesem Bild-Screenshot:

terrorbild

„pädagogisch wertvoll“ – pawlowsche Reflexe (Gegenreflexe, Gegengegenreflexe, Gegengegengegen…) – update

Die Debatte rund um den entlassenen 17jährigen Lehrling in Österreich ist wieder einmal „pädagogisch wertvoll“ (wie burks es immer nennt), weil sie zeigt, wie eingeschränkt öffentliche Unterredungen ablaufen – man hat da eigentlich immer nur die Wahl zwischen pawlowschem Reflex und Gegenreflex; eine unerquickliche Situation für jede und jeden, die differenzierter kritisieren wollen. Die Stimmen überschlagen sich hüben wie drüben: Da die Sauberkeitserziehung, die ihren Mausanzeiger nicht vom Melde-Button bekommt, sogar den Arbeit“geber“ informiert, ohne sich mit den Hintergründen des Falles auseinander gesetzt zu haben. Drüben die, die ihr Plädoyer für menschliche Niedertracht als edlen Kampf für Meinungsfreiheit tarnen. Dieser kleine, kluge, menschenfreundliche Blog hat sich immer schon gegen beide Reflexe verwahrt: Gegen die selbstgerechte Härte ideologischer Sauberkeitserziehung, aber auch gegen jenen billig herbeidesignten Amoralismus, dem man irgendwann einmal erlaubt hat, zwei Seiten Nietzsche zu lesen und der jetzt „wieder Neger sagt, weil das die PC-Spießer so ärgert, höhöhöhö“.

Dies vorausgeschickt: ich fremdele mit dem Antifaschismus, der sich auf den „melde“-Button beschränkt; ganz ehrlich. Vor einigen Wochen habe ich hier Sascha Lobo ordentlich gelobt (guckstu) und muss da nichts zurück nehmen. Aber auch, gerade Lobo dürfte sich unwohl fühlen dabei, dass gegen den irrwitzigen Haß, der sich in likes niederschlägt, nur ein Gegenmob sich aufbaut. dem auch nichts anderes einfällt, als pawlowsch/gegenpawlowsch auf „melden“ und „like“ zu drücken. Und da haben wir es wieder: Die Reduzierung allen Denkens auf Reflexe, Klischees, die „schlechte Unendlichkeit“ Hegels, hin und her, hin und her, ohne wirkliche Bewegung, „wie bei einem Tennisspiel“ (Böll).

Die Sanktion, die der Empörungsdienst regelmäßig zu verhängen wünscht, besteht in nichts anderem als im sozialen Tod. Entlassung, darf nie wieder eingestellt werden, raus mit dem… Mich schockiert diese Härte, diese Erbarmungslosigkeit, die sich der Einzelfallanalyse verweigert. Bei einem (fiktiven) 35jährigen Geschichtslehrer, der behauptet, vor 1933 hätten die Juden tatsächlich zu viel Macht gehabt, würde auch ich sagen: Der suche sich bitte eine neue Existenz, ich möchte nicht, dass solche schmierigen Hohlköpfe Kindern Geschichte „beibringen“. Aber bei einem pubertären 17jährigen Lehrling? Jetzt lese ich – inwieweit das stimmt, weiß ich nicht -, dass seine Eltern dem österreichischen Pegida-Ableger nahe stehen sollen. Wenn das stimmt (ich habe deutlich „wenn“ gesagt!) – wo hätte er es besser lernen sollen? Ist eine Entlassung aus dem Lehrverhältnis, also eine sehr weit reichende Beschädigung des gesamten weiteren Berufslebens, wirklich eine angemessene Sanktion für einen Jugendlichen, der im Zweifelsfall (ich habe deutlich „im Zweifelsfall“ gesagt!) nur das miese Zeug nachgeplappert hat, das er zuhause hören musste? Oder wäre es überhaupt eine angemessene Sanktion für einen 17jährigen? Mit einem 17jährigen kann ich vielleicht noch reden. Reden nach vollzogener sozialer Todesstrafe stelle ich mir indessen etwas schwierig vor. Es geht bei diesem Reden natürlich nicht um Inhalte. Ein kleines Mädchen oder überhaupt einen Menschen dem Flammenwerfer überantworten zu wollen ist Faschismus, punkt. Es geht um die Frage, wie, um alles in der Welt, jemand auf solche Gedanken kommt. (update: Und was diese Gedanken bedeuten. Verfestigtes Nazi-Weltbild oder pubertäre Kraftmeierei? Ich frage ergebnisoffen, ich will es wissen, in Hannah Arendts Worten: „ich will verstehen“)

Es kommt noch schlimmer. Wer auch nur ein wenig Erfahrung sammeln durfte mit Webdiskussionen, der weiß, wie schnell Labels wie „Rassist“, „Antisemit“ etc bei der Hand sind – mit zum Teil wahnwitzigen „Belegen“. Ich erschrecke bei dem Gedanken, dass eine solche widerliche Hetzmeute geistig Alkoholisierter anderen die Existenz zerstören kann, indem sie den Arbeit“geber“ über Xens „erwiesenen Antisemitismus/Rassismus/etcetc“ (erwünschtes bitte ankreutzen) „informiert“. Vor einigen Jahren wurde eine lokale Website der Linkspartei – über die man als Partei denken mag wie auch immer – gehackt, und es tauchten Nazi-Symbole auf ihr auf. Ergebnis: Bis in die internationale Presse hinein galt dieser Hack* als „Beleg“ für linken Antisemitismus. Ich bestreite nicht, dass es linken Antisemitismus gibt – natürlich gibt es ihn. Über dessen Ausmaß muss man diskutieren; der Tatbestand als solcher ist unstreitig und beschämend. Aber: Recherche, Recherche, Recherche. Nachfragen, den zweiten, dritten Blick riskieren. Wo alle Beifall klatschen, da sollst Du fragen. Wo alle Buh rufen, da sollst Du fragen. Hier hat sich Internationale der Empörten offenkundig am falschen Objekt abgearbeitet. Kann, darf passieren. Wir alle hauen mal daneben. Entschuldigungsmails an die Duisburger Linke sind mir jedoch nicht bekannt geworden.

„Stimme erheben, mutig sein“…bin ich mutig, wenn ich mich hier, in meinem privatpersönlichen Blögchen, antifaschistisch auslebe? Ich habe seit langem den Verdacht, dass es eine Art kostenbefreiten Antifaschismuses gibt, die es einem erlaubt, den kostenintensiven Antifaschismus nicht auf die Probe stellen zu müssen. „Schrecklich, was im Mittelmeer passiert“ kostet nichts (von tv-kompatiblen Aktionen unserer Flotte vielleicht abgesehen – selbst das geht als Ausbildungsfahrt durch, ist also Portokasse). „Warum ist es vor Lampedusa so, wie es ist – und was wäre zu tun?“ kostet im Zweifelsfall. Wer sind die Menschen, die diesen gefährlichen Weg wählen? Warum wählen sie ihn? In der Schweiz ist der Lebensstandard höher als bei uns in Deutschland, in Norwegen ebenso. Wimmelt der Bodensee, wimmelt der Skagerrak von Flüchtlingen, die aus Deutschland in die Schweiz oder nach Norwegen überzusiedeln wünschen? Wieviel Deutsche ertrinken dort? Es ist das alles so widerlich…

Nein, ich bin nicht gegen Antirassismus – ich bin gegen kostenlosen Ersatz-Antirassismus, gegen Antirassismus per dislike, per „melden“-Button. Diesen 17jährigen Vollhonk virtuell fertig zu machen war billig. Sind die schwungvoll empörten Antifaschisten (Ziel erreicht! Lehrlingsvertrag gekündigt!) auch bereit, das Flüchtlingscamp nebenan – die preisliche Neubewertung des eigenen Grundstücks immer inklusive – mit zu machen? Nicht so wirklich? Ach…

update: Und da die menschliche Dummheit offenbar wirklich grenzenlos ist, sei es aus dem Kommentarteil hierher hoch gehoben: „Hier und jetzt geht es um die Frage: Wie gehe ich mit einem 17jährigen um, der in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft den Rassismus, den andere versteckt in sich tragen, offen ausagiert! Siehe meine Abschlußpassage wg preislicher Neubewertung – ich dachte, das sei deutlich genug. Sollen wir ihn öffentlich schlachten, um uns selbst ein gutes antirassistisches Gewissen zu verschaffen? Scheint mir keine gute Idee…“

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* Dierkes öffentlicher Darstellung, er habe sofort Strafanzeige gestellt, das Hochspielen der Datei habe aber nur bis zum Raum Essen/Gelsenkirchen verfolgt werden können, wurde bis heute nirgends qualifiziert widersprochen. Nach allen Standards der Rationalität hat das also – solange keine neuen Fakten präsentiert werden – bis auf weiteres als erwiesener Hack, von wem auch immer, zu gelten.

Was ist Wahrheit… (update)

Mit Dank an burks. Vergl insbesondere ab Min 9:21. Selber Lügen, also das Begriffsparr Wahrheit/Lüge macht- und profitbewusst vernutzen, und dann verkünden, Lüge und Wahrheit verwischten sich ohnehin – das hab ich so richtig gerne. Darüber sollten unsere Damen und Herren Strukturalisten und Subjektdekonstruierer mal nachdenken. Aber das trommel ich seit mehr als 25 Jahren… Ceterum censeo: Ich bin entgleister, versoffener Schillerianer und möchte nichts anderes sein.

Ab Min 14:00 wirds noch besser: Der Medienmanager hat zweifellos ein Hochschulstudium hinter sich. Hält er es wie der Werbefritze, den ich mal kennen lernte, der früher auch mal Adorno lesen durfte und der sich besoff, um mir zuzulallen „Eigenlich weissich, dassich von Lügn läbä – scheisse“?

update: Einziger Einwand gegen den Bericht: Allzu hurtig wird das Spiel „böse private versus gute öffentlich-rechtliche“ gespielt. Zumindest in den Histotainment-„Dokumentationen“ auf Phoenix haben sich längst auch die öffentlich-rechtlichen Sender auf scripted reality eingelassen.

MH 17 (4)

Und weiter im Kriegshetzetext. Obwohl derzeit noch nichts klar ist, obwohl, wenn Abschuß (ganz gleich, von wem), ein versehentlicher Abschuß das Wahrscheinlichste scheint…BILD läßt das Mausen nicht:

bild13

belanglose individuelle Erlebnisse

„Das frühere Feuilleton hat im neuen Deutschland keine Daseinsberechtigung mehr. Es war eine Errichtung der liberalistischen Zeit.(…)

Es ist natürlich, daß auch das, was man bisher die Unterhaltung nannte, unter den neuen Stil fällt. Wenn man heute das Bestreben hat, auch den unterhaltenden Teil unter die Gesetze der Volkswerdung zu stellen, stößt man auf zahllose Mißverständnisse, wohl mehr der Schreibenden, als der Lesenden. Die Unterhaltung war ein ganz allgemeiner Begriff. Das belanglose individuelle Erlebnis gehörte ebenso dahin wie die Dartsellung eines Volksbrauchs. Nun gehören Volksbräuche heute in die direkte Kulturpolitik. Belanglose individuelle Eerlebnisse mögen vielleicht noch Leser finden, innerlich haben sie keine Daseinsberechtigung mehr. Hier gilt es, solche geschmäcklerischen oder reißerischen oder sprachlich illuminierten Subjektivismen durch Proben echten Humors, durch Beispiele vorbildlicher Haltung in allen Lebenslagen, durch Geschichten mit echten Gefühlen und richtigen Taten zu ersetzen, damit die Leser nicht mehr die abgezogene Welt des sogenannten Feuilleton, sondern die echte deutsche Wirklichkeit erleben, nicht nur individuelle Stimmungen und abstrakte Gedanken, sondern das wirkliche deutsche Volk.“ (Westecker, Wilhelm, Vom Feuilleton zur Volkskultur, in: Deutsche Presse, Zeitschrift des Reichsverbands der deutschen Presse, Berlin, April 1935, p. 161ff)

Sie nennen es Nichtstun

Was ist es? Ein Episodenroman, Ich-Erzähler, männlich, erzählerisches Präsens.

Worum geht es? Um einen Hausmann, dessen Frau, seine drei Kinder, einen Freund namens Henny, Nachbarn. Beschrieben wird der Alltag dieser Familie: Schulprobleme, Kindergeburtstag, die skurrile Welt von Kindern, der normale Ehewahnsinn: All diese Kleinigkeiten, die einen dann denken lassen – so eröffnet Posch den Roman -, „mein Leben ist vorbei“. „ist“, Indikativ. Sozialstatus? Bildungsbürgertum, Eigenheim in einem Hamburger Vorort (er nennt ihn Rahlstedt; natürlich ist das erfunden wie alles). Millieu? Schwarz-grüne Eigenheimbesitzer im Weitesten; und diese schräge Künstlerfamilie, die sich nicht einmal ein Auto leisten kann, und allemal keinen China-Urlaub (s.u.) mittendrin. Sex? Kommt vordergründig kaum vor (stimmt nicht ganz, aber gut). Familienkram halt. Mit anderen Worten: Na ja!

Und dann ist da gar nichts „Na ja!“

Es gibt sie ja, die Bücher (entlarvend genug sinds dann auch noch Bestseller), die ihre faulen Witzchen zum Beispiel daraus ziehen, Sprach-, also Wehrlose vorzuführen. Etwa wenn eine „Frau Freitag“ dem Bildungsbürgergesindel das verhartzte Prekariat als strunzdoof schildert. „Pumphosenwitzig“ nannte Rühmkorf solcherart literarisches Treiben mal. Hier? Kein Wort davon! Ob Posch an diese Lehrerinnenbücher gedacht hat, als er, in genialer Umkehrung, nicht die Pädagogisierten auf die Schippe nahm, sondern die Pädagogen und Psychologen selber (Episode „Gewürm“)? Egal: Odysseus und Lovecroft schlagen intervenierende Sozialarbeit jedenfalls locker 2 – 0. Poschs Perspektive auf die Welt des bachblütentherapierten, farbberatenen, Yoga-gestählten sonoren neuen Bürgertums ist so herrlich schräg, dass diese in sich windschiefe Welt fast von selbst zurecht gerückt wird. Hinter der Flötenstunde lauert die Existenzialie.

Meine persönliche Lieblingsstelle? Es gibt so viele. Vielleicht die hier:

Sanddorn (ein Nachbar, hf) steht am Zaun. Ich stelle den Rasenmäher ab.
„Können Sie in den nächsten drei Wochen bei uns nach dem Rechten sehen? Weil, wir fahren nach China.“ China betont er, als wäre es die Welt.
„China“, echot meine Tochter, im selben Klang.
André fragt: „Was ist das China?“
„Das volle Programm“, erzählt Sanddorn. „Mauer, Tonsoldaten, ewige Stadt. Nur Schanghai lassen wir aus. Machen wir nächstes Jahr! Und Sie? Fahren Sie weg?“
„Wir haben einen Weltatlas zu Hause“, antworte ich. „Da gibt’s ne Karte mit den Raubkapitalismustaaten der Erde, und China ist komplett rot eingefärbt.“
„Also gut, dann lasse ich den Schlüssel bei Ihnen!“ Ich nicke und schmeiße die Maschine wieder an. (p.90)

Oder die?

Nachts wache ich auf. Ich überlege, wie oft meine Frau noch über die Witze lachen wird, die ich ihr seit fünfzehn Jahren erzähle. Fünfzehn Jahre kann man sich nicht vorstellen. Und es sind nur eine Handvoll Witze. Und wie lange mag ich noch ihre Geste, dieses ‚Hoppsa schöner Mann‘? Eine Geste, die frisch wirken soll und die sie mit dem ganzen Körper ausführt. Und wie oft werden wir noch miteinander schlafen? Bis zum Ende. Bis es nicht mehr auszuhalten ist. Es nicht mehr geht. Es nicht mehr steht. Ich grinse anzüglich. Obwohl ich alleine bin. Außerdem war es nur ein Gedanke. Nichts Echtes. Und im Dunklen. (p- 112-113)

Es ist ganz herrlich.

kein Ende scheine es zu haben, das Episodenhafte, bemerkt der Ich-Erzähler an anderer Stelle. Die Nicht-Entwicklung, das Abfrühstücken des Restlebens bei klarem Bewusstsein um die eigene Brüchigkeit als melancholischer Ausweg? Mithin: Neue Bürgerlichkeit, also postmodernes Biedermeier? Motto: Wie ein Punker Hausbesitzer wird? Er wird es mir vermutlich übel nehmen, aber ich sage: Ja, schon. Auch er, so wie wir alle. (Oder ist einer von uns gerade unterwegs? Auf der Reise in den Untergrund? Zur neuen RAF oder ins Nichts?) Denn auch der Spiegel gehört der Zeit und den Umständen an, die er spiegelt. Nur sollte ihn dieser vorderhand sicherlich wenig attraktive Begriff nicht verdrießen. Hebbel, selbst Heine und Büchner…sie alle schrieben im Zeitalter des überbordenden Biedermeier. Was ist denn derzeit, in diesen Zeiten politischer und vor allem menschlicher Agonie, nicht Biedermeier? Aber in genau solchen agonierenden Treibhauszuständen gährt ja etwas – und es sind diese Gährungsprozesse, die Poschs Prosa stilsicher schildert. Poschs Buch feiert nicht etwa den Rückzug ins Private, es schildert ihn präzise und melancholisch. Als Zeitdokument wird es allemal bleiben. Und wer nur die Episode „Vertane Chancen“ gelesen hat, wird bei mir sein, wenn ich ergänze: auch als großartiges Stück Literatur. Genau deswegen ärgert mich das Etikett „Hausmännerroman“ so sehr. Es ist kein „Hausmännerroman“. Es handelt sich um konkrete Auskünfte über uns, also um Kunst.

Es hat gedauert – aber jetzt ist er endlich da. Eine der wichtigsten Romane des Jahres. Dass er natürlich nicht nominiert wurde für den deutschen Buchpreis…nun denn. Dort werden „AutorInnen“ wie Helene Hegemann (mit Katharina Saalfrank in einer Gastrolle vermutlich) plus Consorten nominiert, mehr muss man zum deutschen Buchpreis auch nicht sagen.

Den amazon-Link googelt Ihr selber, wenn es denn sein muss. Ich empfehle Euch den Buchhändler Eures Vertrauens; wer noch keinen hat, geht einfach zur Buchhandlung Hoffmann hier in Barmbek; in Berlin ist die Paulus Buchhandlung einschlägig.

Posch, Alexander, Sie nennen es Nichtstun, München 2014, Verlag Langen/Müller ISBN 978-3-7844-3346-2, 17,99.- €