Category Archives: Literatur

Gaddis

Das Interview ist unglaubliche 20 Jahre alt:

SPIEGEL: Sie haben früher im Bereich Public Relations gearbeitet. War das Broterwerb oder Recherche?
Gaddis: Reiner Broterwerb. Als 1955 mein erster Roman „The Recognitions“ erschien, hoffte ich auf Erfolg. Ich war jung damals. Doch das Buch verschwand schnell vom Markt. Ich hatte gerade geheiratet, dann kamen zwei Kinder. Also mußte ich einen Job annehmen. Der sollte mit dem Literaturbetrieb nichts zu tun haben. In einem pharmazeutischen Betrieb habe ich fünf Jahre Reden und dergleichen geschrieben – und gelitten.
SPIEGEL: Aber einige Einsichten für Ihren im Wirtschaftsleben spielenden Roman „J R“ haben Sie doch immerhin gewonnen?
Gaddis: Einige schon. Vor allem über die Gefühle, die viele Männer haben, die ihre Familie ernähren müssen und einer Arbeit nachgehen, die sie hassen. Darauf beruht unser System: auf Männern, die ihren Job hassen.
Gaddis habe ich – man kann ja nicht alles wissen – bisher verpasst. Da muss ich etwas nachholen.

Li Shangyin, Teil 2

Wieder unfassbar schön.

Li Shangyin

Auf Tell ein unfassbar schönes Gedicht Li Shangyins, übersetzt von Raffael Keller. Natürlich kann ich mangels Masse die Qualität der Übersetzung nicht wirklich prüfen, auch, wenn Keller eine Interlinear anbietet. Aber das so entstandene deutschsprachige Gedicht spricht für sich selbst (nach meinem Verständnis literarischer Übersetzungen ist ein übersetztes Gedicht ein neues, eigenständiges Gedicht mit einem einzigen Thema: den Spendertext möglichst präzise, möglichst vollständig in der Zielsprache abzubilden).

VG Wort – update

Obwohl Jan Drees „Deutschlands wohl präzisesten Dialektiker“ konsultiert hat, geraten ihm und Zorn einige Dinge durcheinander. Drees und Zorn haben alle logischen Fäden in der Hand, dröseln sie aber nicht korrekt auf.

Es geht also um die VG Wort, um deren Ausschüttungen, es geht um Verlage und um Urheber. Was ist ein Verlag? Geben wir mit dem späten Wittgenstein einmal einige Beispieldefinitionen, dann sieht man schon, in welche Schwierigkeiten wir geraten. Ein Druckkostenzuschußverlag ist zum Beispiel ein Verlag. Random House mit diversen Erfolgsautoren (=relativ verläßlicher Umsatz) ist einer. Schulbuchverlage (mit relativ sicher planbarem Absatz) sind welche. Und junge, kleine Literaturverlage, die alles auf eigene Rechnung, eigenes Risiko betreiben und junge Autorinnen, junge Autoren fördern sind auch welche. Da haben wir schon mal ein erstes Problem. Ganz offenbar verführt der Begriff Verlag zunächst dazu, scheinbar nicht Vergleichbares zu vergleichen, nicht Identisches ineins zu setzen. Hier will Drees offenbar „differenzieren“. Fragen wir uns aber, ob es so etwas wie eine „Familienähnlichkeit“ zwischen allen Verlagsspielarten gibt: natürlich gibt es sie. Alle Verlage verdienen Geld damit (oder wollen oder müssen das), Literatur an den Mann zu bringen – von der fröhlich-vorhersagbaren Arztschnulze als Heftchenroman bis zur erregenden Neuübersetzung von Proust oder dem mutigen Debut einer Jobberin.

Mit dem Urheber sieht es nicht anders aus. Urheber – Drees zitiert Hagner völlig zu Recht – sind verbeamtete Professoren, deren Schreibarbeit (Forschung und Lehre sind ja ihr Auftrag, dafür werden sie bezahlt) bereits vom Steuerzahler durchfinanziert ist, und die Jungautorin, die sich ihren Erstling erkellnert hat. Kleiner Unterschied!  Aber auch hier gibt es natürlich Überschneidungen: Prof Dr. X und Jungautorin Y haben tatsächlich das jeweilige Werk als sog. geistige Urheber zu verantworten.

Wir bekommen die Sache besser in den Griff, wenn wir untersuchen, warum die VG Wort Geld ausschüttet. Weil ein Urheber ein Werk geschrieben hat? Nein (sonst hätte ich auch gerne ein bißchen Geld, ich schreibe auch ständig Werke, eins nach dem anderen…). Sondern: Weil ein von einen Urheber verfasstest, vom Verlag lektoriertes, veröffentlichtes und beworbenes Werk im Markt einen gewissen Erfolg generieren konnte.

Auf den Punkt gebracht: Joyce ist meinethalben alleiniger Urheber des „Ulysses“ (selbst das kann man mit sehr guten Gründen bestreiten, da der „Ulysses“ ja ohne die lange literarische Tradition Europas nicht denkbar ist, da andere Joyce´  Bildung bezahlt haben, Joyce literarische Diskussionen mit anderen führte etcetc, aber gut). Er ist jedoch allemal und unstreitig nicht der alleinige Urheber des Erfolgs, den der „Ulysses“ im literarischen Feld an den Tag gelegt hat! Dazu braucht es, und zwar essenziell, einen Verlag, eine Publikation, eine Veröffentlichung, und nicht zuletzt Buchhändler, die den Roman bevorraten oder bestellen.

Die Ausschüttung der VG Wort beruht nun, auch das ist unstrittig, auf dem wie auch immer meßbaren Erfolg des Werks am Markt. Das mag man degoutant finden, es ist so. Und insofern ist die bisherige Ausschüttung angemessen gewesen. Denn Urheber im sozialen und kulturellen Sinn, zumindest Urheber des Erfolgs, ist eben nicht nur der Autor.

Nach meinem Dafürhalten liegt der Denkfehler des Gerichts – dem es aber wohl kaum entgehen konnte – im kulturell tief verankerten, fehlerhaften Urheberbegriff, der immer noch nicht über das Originalgenie des deutschen Sturm und Drang hinaus gekommen ist – eine recht dumpfe, idealistisch verbrämte Projektion des Eigentumsbegriffs („ist meins, meins, meins“). Beim Patent- und Markenrecht haben wir eine ähnliche logische Schiefstellung, die gleichfalls unserem fatalen Eigentumsbegriff geschuldet ist und die sich in ganz analogen idealistischen Projektionen vom genialen Daniel Düsentrieb in seiner einsamen Forscherklause ausdrückt. Juristisch war da vielleicht nichts anderes drin, ich werfe das den Richtern gar nicht vor. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihre Argumente mitmachen muss. Hier wäre eine gesetzliche Regelung vonnöten, die berücksichtigt, dass Werke das Ergebnis sozialer Interaktionen sind…und niemals (das galt nicht einmal für Kafkas Werk) in einsamer Klause entstehen.

 

update: mein Freund Matthias Gronemeyer macht mich auf facebook darauf aufmerksam, dass die VG Wort ja sozialverträglich ausschütte, „Erfolg“ es so also nicht treffe. Stimmt natürlich, war ungeschickt ausgedrückt. Am Kern des Arguments – die VG Wort honoriert nicht ein Werk, sondern ein von einem Verlag unter Kosten am Markt platziertes Werk – ändert sich aber nichts. Matthias Gronemeyer möchte sich diesen Mechanismen nicht mehr aussetzen, sondern geht für sein neues Buch „Vögeln – eine Philosophie vom Sex“ neue Wege.

 

Glücksgefühl und Bewunderung

Als ich einem Professor der Sorbonne gegenüber einen Roman von Balzac erwähnte, fragte dieser: „Beschäftigen Sie sich speziell mit Balzac?“ Ich antwortete ihm, daß ich Balzac oft und gern läse. „Schreiben Sie denn dann kein Buch über ihn?“ wollte er wissen. „Ach so“, sagte ich, „ein Buch ist etwas, worüber man ein anderes Buch schreibt. Aber ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich, wenn ich einen meiner Lieblingsautoren lese, es nur zu meinem Vergnügen tue.“

(…)

Wann werde ich endlich erwachsen werden?  Meiner Ansicht nach sind es das Glücksgefühl und die Bewunderung, welche man bei der Lektüre empfindet, die einem einen Autor erklären. ich habe immer geraten, einen Schriftsteller zu lesen, ohne sich Notizen zu machen, dafür aber so lange, bis man ihn wirklich kennt. Schreibt man dann über ihn, wird nichts die Begeisterung daran hindern, sich den eigenen Sätzen mitzuteilen, und man wird etwas schreiben, das des Autors würdig ist. (Alain, Spielregeln der Kunst)

Ganz großartig… (Hier gehts zur Debate auf „Tell“)

Alain

Ziel des Vergleichs ist nicht zu erklären, sondern zu regeln.

(…)

Ähnlich, was die Träumerei des Dichters betrifft: Sie bedarf der Disziplinierung durch einen Gegenstand, und zwar nicht einen ähnlichen Gegenstand, sondern  einen solchen, der widersteht.

(Alain)

 

Sehr fein beobachtet. Man darf den Tag ja auch mal mit Schönheit beginnen

Herder, Cassirer, Arendt und die Romantik

„Aber ihr (der Romantiker, hf) Nationalismus war nicht von imperialistischer Art. Ihr Sorge war, zu bewahren, nicht zu erobern. Sie versuchten mit der äußersten Anstrengung all ihrer geistigen Kräfte, die Eigenart des deutschen Charakters zu bewahren; aber sie beabsichtigten niemals, ihn anderen Völkern aufzudrängen und aufzuerlegen.

Dies war ein notwendiges Resultat des Ursprungs des deutschen Nationalismus. Dieser Nationalismus war von Herder geschaffen worden – von allen Denkern und Dichtern des achtzehnten Jahrhunderts besaß Herder den schärfsten Sinn und das tiefste Verständnis für Individualität. Dieser Individualismus wurde eine der hervorstechenden und charakteristischten Wesenszüge der romantischen Bewegung. Die Romantiker konnten niemals die besonderen und spezifischen Formen des kulturellen Lebens, Dichtung, Kunst, Religion und Geschichte dem „totalitären Staat“ aufopfern. Sie hatten einen tiefen Respekt für all die unzähligen, feinen Unterschiede, die das Leben der Individuen und der Völker charakterisieren. Diese Unterschiede zu fühlen und sich ihrer zu freuen, mit allen Formen nationalen Lebens zu empfinden, war für sie das eigentliche Ziel und der größte Reiz des historischen Wissens. Der Nationalismus der Romantiker war daher kein bloßer Partikularismus. Er war das gerade Gegenteil. Er war nicht nur mit einem wirklichen Universalismus vereinbar, sondern setzte ihn voraus. Für Herder war jede Nation nur eine individuelle Stimme in einer universalen, allumfassenden Harmonie.“ (Cassirer, Ernst, Der Mythus des Staates, Frankfurt/Main (Fischer) 1985, p. 241-242)

Sehr fein. Auch Cassirer deutet – wie schon Heinrich Heine – Herder letztlich also als Frühromantiker, was m.E. ja auch völlig richtig ist. Ob er der späteren Romantik hier aber nicht doch zuviel zugesteht? Irgendwann schlug der romantische Nationalismus jedenfalls in Gewalt um, und zwar schon recht früh. Diese zunächst verbale Gewalt nahm sich, neben ‚den‘ Franzosen, sehr schnell auch die Juden und (!) die Philister vor. Cassirer ist das wohl entgangen. Es gibt einen verstörenden Text von Achim von Arnim – verstörend deswegen, weil er einerseits seinen wohl allen Ernstes „witzig“ gemeinten Gewaltphantasien hemmungslosen Lauf läßt (man nehme eine Juden, zerstoße ihn, zerreibe ihn im Mörser und erwärme ihn, mit Ätzlauge versetzt, im Tiegel „bis zum Durchglühen“), er andererseits aber formuliert: Man müsse „bedenken, wie unzählige Grausamkeiten unter dem Vorwande des christlichen Glaubens gegen dieses unglückliche Volk verübt worden sind“. Diesen offenkundigen Selbstwiderspruch von Arnims sollen andere erklären; ich kapituliere da. Halten wir fest, dass die Romantik den herderschen Weg früh preis zu geben anfing.

Herders eigene Sicht auf das Judentum geht, wie bereits die junge Hannah Arendt bemerkte, einen völlig anderen Weg. Sie ist nicht unproblematisch, weil sie letztlich, indem die Juden sich „bilden“ (heißt auch: assimilieren) sollen, dafür sorgt, dass diese zu den „Geschichtslosen in der Geschichte“ (Arendt) werden. Die Juden würden somit, so Arendt, dem Nichts gegenüber stehen. Gerade diese Bindungslosigkeit sieht Herder jedoch als große Auszeichnung, als Vorurteilslosigkeit – ein ziemlich moderner Gedanke. Herders Begriffsinstrumentarium hat nicht ausgereicht, ihn vollständig auszumultiplizieren, denn warum sollte die Befreiung von Tradition, also ein distanziertes Verhältnis zu ihr, nur Juden (gezwungenermaßen) möglich sein? Aber für einen 1740 geborenen Intellektuellen sind seine differenzierten Gedanken über das Judentum und seine Geschichte anregend zu lesen. Natürlich enthalten seine Werke, das kann gar nicht anders sein, indiskutable Vorurteile über ‚die‘ Juden (die „Ebräer“), etwa über ihren angeblichen „Wucher“, aber ähnlich wie Dohm führt er diese angeblichen Volkseigenschaften ‚der‘ Juden eben nicht auf angeborene Eigenschaften zurück, sondern analysiert sie geschichtlich. „Witzige“ Judentests a la von Arnim/Brentano finden sich in Herders Werk jedenfalls nicht. Herder hat nicht, wie die Romantiker, explizit gegen die Judenemanzipation argumentiert, sondern für sie. Wenn Himmler in seiner ersten Posener Rede davon spricht, Herder müsse „besoffen“ gewesen sein, als er allen Völkern gleiche Rechte zugestand, ist das kein Zufall.

Böhmer…

Na gut, in Gottes und drei Teufels Namen: Hier meine 20 Cent.

Es geht nicht um Herrn Erdogan, der eine verschwiemelte Type ist, und schon gar nicht um Kunst- und Meinungsfreiheit, zwei bare Selbstverständlichkeiten. Meinungsfreiheit bedeutet aber auch, dass ich sagen darf, was von Böhmermanns Text zu halten ist:

Nichts.

Es ist diese billige Pose, die Vorurteilssau unter dem erlauchten Deckmantel von Satire und Meinungsfreiheit abzusondern, die mich anwidert. „Heute gestohlen, morgen in Polen“ – höhöhö, schenkelklopfte Hans-Günther Schnauzbartspießer und hielt sich für subtil.

„Ich sag wieder ‚Neger‘, weil das die political correctness-Spießer so ärgert…“, grinsts aus solchen Leuten heraus. Diese Haltung fand ich immer schon billig. Niemand verbietet ihnen, „Neger“ zu sagen. Dann muss es mir aber erlaubt sein, solche Leute als Idioten zu bezeichnen.

Erdogan ist eine politische Katastrophe; ein Ziegenficker ist er nicht, nicht mal per schlechter Satire.

Auden über Pornographie und anderes

Den minderen Wert von Pornografie wiederum erkenne man daran, dass man „zu Tränen gelangweilt“ werde, wenn man sie auf eine andere als die intendierte Weise zu lesen versuche.

Großartig.

Aber der ganze Text von Sieglinde Geisel ist es. Ich kannte – man kann ja nicht alles kennen – Audens Essays noch gar nicht. Lesebefehl, nicht nur wegen Auden!

Geniale Dilletanten (80er museal)

Im Rahmen der langen Nacht der Museen – die Säge Honkas durfte ich leider nicht ablichten – geriet ich auch an eine 80er-Jahre-Ausstellung im MKG, die mir bis dahin, so ignorant lebe ich, entgangen ist. Hier meine Foto-, besser Knipsereindrücke. Immerhin habe ich das Drumkit der Einstürzenden Neubauten erwischt…

Bin etwas zwiegespalten. In den 80ern hörte ich End60er/70er-Mugge (neben Bach, Beethoven, Schubert, Brahms, Dvorak, nicht!!! Wagner…), war politisch, liebte zwar die Kunst, sperrte mich aber gegen die beginnende Postmoderne und rannte in Turnschuhen, Jeans, T-Shirt, Jeans-Jacke gegen die unverbindlichen stylisch-80er an… „Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie“ trifft es allerdings brillant, wobei das meine damaligen Einwände waren… Jetzt ist meine Jugend also museal…