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Pro linkem Hedonismus

via burks:

Es hat sich eine Achsenverschiebung innerhalb der Linken ergeben: Weg von der sozialen Idee und Kategorien wie menschlicher Fortschritt zu einer protestantisch geprägten, grünasketischen Verdrängungs- und Verbotskultur: Man muss möglichst politisch korrekt agieren, man darf den Islam nicht kritisieren und ansonsten hat man möglichst gesund zu leben…

Michael Hirsch: Genau. Wichtig an neomarxistischen Positionen wie denen von Marcuse und Adorno scheint mir deren hedonistische Achse zu sein, das heißt man denkt Befreiung im Lichte von verbesserten Lebensmöglichkeiten. Es gibt von vornherein eine klare Vorstellung, wohin der Fortschritt führen könnte und deswegen auch eine klarere Idee, was diesem Vorhaben auch innerhalb des eigenen Lagers entgegen steht. Man konnte einen schlechten Asketismus auch bei den eigenen Leuten kritisieren. Der Hedonismus, also die Idee eines guten, eines besseren Lebens ist einer der wesentlichsten Aspekte bei der neomarxistischen Linken, die irgendwann innerhalb der intellektuellen Linken sehr stark an Einfluss verloren hat.

Lesebefehl!

Ich relativiere mein „Ja“ in einem Punkt:

ich glaube, dass Adornos Projekt in sich selbst widersprüchlich (meine Hervorhebung, hf) und dialektisch ist. Die Vernunftkritik ist in sich gespalten: Es existiert auf der einen Seite eine Vernunftkritik an der modernen Gesellschaft als einer verselbständigten, die vermeintlich vernünftig ist, aber tatsächlich einem wahnsinnig gewordenen Realitätsprinzip unterworfen ist. Obwohl unsere Verhältnisse aus menschlichen Handlungen resultieren, sind sie die Menschen nicht Herr ihrer Lage.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich diejenige Vernunft, an die sämtliche moderne emanzipierte denkerische Modelle appellieren, nämlich die des demokratischen, klassisch republikanischen Rechtsstaats, eines Gemeinwesens, welches in freier Vereinbarung sich selbst die Regeln gibt. Diese Idee von demokratischer Souveränität kommt ohne Vernunft nicht aus. Diese Art von Vernunft wird aber wiederum gewissermaßen gegen die sozialen Tatsachen normativ behauptet.

Das ist überhaupt die Eigenart aller vernunftrechtlich argumentierender Positionen seit Kant: Man behauptet ja nicht, der Mensch sei gut, sondern versucht Axiome und Kriterien zu ergründen, aus denen wir vernünftige Verfahren der Entscheidungsfindung entwickeln können. Adorno möchte hier also die Vernunft retten.

Die andere Seite, das Hedonistische, das Freie, kommt hingegen in seinem ästhetischen Denken zu tragen: Dieser Bereich soll ja gerade nicht vernünftig geregelt werden, sondern nur die äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere die Ökonomien. Alles was mit unseren ethischen, ästhetischen und feinsinnigen Strömungen als Menschen zu tun hat, alle Sinnenpotentiale sollen nicht verrechtlicht und kollektiv geregelt werden, sondern idiosynkratisch dem Einzelnen überlassen bleiben.

Deshalb ist bei Adorno der Bereich des Ästhetischen, des Funktionslosen, etwas das in sich selbst seine eigene Berechtigung hat, so wichtig. Hier gilt das Primat des Besonderen: Der Mensch ist kein Mittel zum Zweck, auch nicht zum Aufbau einer höheren Form von Gesellschaft, sondern ein radikaler, irreduzibler Selbstwert.

Man hat also hier zwei Ebenen: Zum einen eine Ethik des Besonderen, den irreduziblen Wert des Einzelnen und auf der anderen Seite eine eher kollektiv-demokratische grundrechtliche, soziale Doktrin, die versucht, gesellschaftliche Verhältnisse zu bändigen.

Alles richtig – aber wo ist das widersprüchlich? Ich sehe den Widerspruch einfach nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen. Wo soll sich Baudelaire-Lesen und Bordeaux-Saufen denn mit Antirassismus beißen? Ist nicht vielmehr die Suggestion, hier läge ein Widerspruch vor, eine der großen blinden Flecke linken Denkens? Hirsch sagt es ja selber: Zwei Ebenen – eben! Die der sozialen Gerechtigkeit und die der persönlichen, individuellen Lebenswelt, die jeweils nicht aufeinander reduzierbar sind und deswegen auch nicht aufeinander reduziert werden sollten. Wer es dennoch versucht, etabliert entweder eine neostalinistische Trischta, die linke Sauberkeitserziehung, den „linken Rohrstock“ (Rühmkorf), oder das ironische Beliebigkeitsgetründel jener Typen, denen man irgendwann einmal erlaubt hat, 2 Seiten Derrida zu lesen.

Ceterum censeo: Der Satz „Das Politische ist privat und das Private politisch“ ist die große linke Grunddummheit…und zwar, historisch betrachtet, letztlich spätestens seit 1789.

Großerzählungen und anderes

Dank User(in?) „kalo“ habe ich Seeßlens Beitrag gelesen:

Ich bin gespalten. Ich wünsche mir keine Rückkehr der Sauertöpfe und der Rechthaber, schon gar keine der Stalinisten und Seminaristen. Zu Recht misstraut die Kultur des Unernstes den großen Welterzählungen und heroischen Mythen der Geschichte, zu Recht misstraut sie Lösungen, Modellen, Projektionen, Helden und Vordenkern; zu Unrecht aber glaubt sie, man könne sich durch Ironie, Moderation und Distanz von der Verantwortung für den Lauf der Dinge befreien. Zu Unrecht glaubt sie an eine Möglichkeit, sich rauszuhalten und trotzdem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kultur von Abklärung und Unernst, den Mächtigen sei am besten mit taktischer Nachgiebigkeit und einem Hauch von Subversion zu begegnen.

Schwierig. Weder das – sorry! – Petra Kellysche Dauerleiden an der Welt noch der totale Unernst, dessen billig herbeidesignte Ironie sich mit Souveränität und Welthaltigkeit verwechselt, haben mir je etwas sagen können. Die Welt befindet sich nicht nur wie seit eh in einem desolaten Zustand, sondern seit einigen Jahrzehnten dank fortgeschrittener Kommunikationsmittel auch in einem Zustand, der bis ins Kleinste bekannt ist – niemand kann sich auf Nicht-Wissen herausreden – und dem seit einigen Jahrzehnten auch problemlos abgeholfen werden könnte. Aber der Meinungstrubel diskutiert gleichberechtigt über den Welthunger, Bibis Wimperntusche, das Wembley-Tor und Veggie-Days. Dieses völlige Abhanden Kommen von Maßstäben, die Gleichgültigkeit, die sich einstellt, sobald die Diskurskarawane weitergezogen ist und die Agenda von Waffenhandel zu Veganismus umgeswitcht wurde macht mich seit eh ratlos.

Den großen Erzählungen habe ich immer misstraut – aber ist Schopenhauers neminem laede, sind die basalsten, ganz präpolitischen Basics des Menschenanstands eine „große Erzählung“? Ist „niemand darf hungern, niemand getötet oder gar gefoltert werden, es darf keine Lager geben“ – sind das „große Erzählungen“? Widersprechen sie ihnen nicht eher?

Es war das basale neminem laede, was mich die Linke immer auch ein bißchen auf Distanz halten ließ. („Ich bin Linker, wenn es um Hunger und Waffenhandel geht, kein Linker, wenn es darum zu tun ist, Abweichler unter die Ideologie-Stiefel zu nehmen.“) Es war das neminem laede, was mich das freudlose Dauerleiden an der Welt verabschieden ließ (meine Schultern sind nicht breit genug, alles Weh der Welt zu tragen – niemand kann das leisten. Im Übrigen gibt es ein Leben vor der Revolution und das Recht auf Glück in ihm.) Und es war eben dieses neminem laede, weswegen ich auch die heilige Dauerironie der 90er Jahre sofort blockte – eine ironische Distanz, die nach meinen Erfahrungen viel mit Unterwerfung zu tun hat und dann ganz folgerichtig mit rattenhafter Wut verteidigt wird. „Ohnmacht als ideologischer Lustgewinn“ diagnostizierte Moshe Zuckermann der Postmoderne, besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Und auch, wenn einige jetzt aufheulen werden vor Empörung: Das gilt selbstverständlich auch für Judith Butler, die, intellektuell wenig interessant, alten Wein in alte Schläuche füllt und sich zum dernier crie ausrufen lässt. Ja, ich halte die Gendertröten für affirmativ  (um einmal ein gutes, altes 68er Wort zu rehabilitieren). Und ja, ich halte den politischen Part der 68er selbst auch für ziemlich durchgeknallt in seinem Trischta-Totalitarismus. (Andersch als Alt-Linker notierte damals über die Kunstfeindlichkeit der 68er: Wer sich keine Geschichten vom Menschen anhören möge, sei ihm verdächtig.) Und ja, ich halte meine Position für konsistent.

Eine Welt, die Bibis Wimperntusche (nein, es geht nicht um den belanglosen menschlichen Wirklichkeitsfall „Bibi“) mit demselben Ernst oder Unernst diskutiert wie den Hunger – eine solche Welt ist am Ende, richtig. Eine Welt, die eher eine herbeibehauptete Mikrogewalt problematisiert, sich eher an der Frauenquote in DAX-Vorständen abarbeitet, eher einer hoch problematischen Mrs. Sulkowicz Preise verleiht, als sich um die sehr realen Opfer der Grenzkriege zu kümmern, die das Imperium am neuen Limes führt, ist es aber ebenso. Ich unterstelle da Feigheit. Denn sich mit Rheinmetall anlegen würde ja kosten. 11jährigen Jungs verbeamtet ein selbstkritisches Verhältnis zum eigenen Geschlecht abfordern bzw Bibis belangloses Getründel als lustvollen Beitrag zur Seins-Kritik abfeiern oder Mrs. Sulkowicz zujubeln ist hingegen jeweils ziemlich kostenbefreit…

Autobiographisch argumentiert: Seit ich mit etwa 16 begann, politisch zu denken, seit dem Sammelband „Cheschahshit“, seit Costa-Gavras „Missing“, seit „Under Fire“, seit den einschlägigen rororo-aktuell-Bänden und (und!) seit Kunzes ‚wunderbaren Jahren‘, Solschenyzins ‚Archipel GuLaG‘ gilt für mich die Faustregel: Wer ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit und zum neminem laede pflegt, lügt, und zwar zuinnerst! Auf den Punkt gebracht: Die ganze verfluchte Ticket-Reiterei ist eine einzige Lüge. Diese Faustregel gilt bis heute. Privat-persönlich bin ich frei floatender Ästhet – politisch ist das neminem laede mein Lakmustest. Und nachdem so gut wie alle, um nicht zu sagen alle politischen Konzepte gescheitert sind, frage ich mich, ob meine Reduzierung politischen Denkens auf den präpolitischen, schlichten Menschenanstand wirklich so naiv ist, wie er klingt. Jedenfalls kann ich meine damalige Ratlosigkeit nicht vergessen und will auch nicht. Es ist über 30 Jahre her, als ich zum ersten Mal wahrnahm: In Afrika werden Menschen mit Füssen getreten, in Lateinamerika werden sie es, im Ostblock, und letztlich in meinem eigenen damaligen Land (BRD) ebenso. Die Ausmaße mögen unterschiedlich sein, aber getreten wird überall und darf nirgends. So meine damalige Haltung; ich bin heute noch versoffener, entgleister Schillerianer und möchte nichts anderes sein. „Philosophischer“ gesagt: Das neminem laede ist bewusst undialektisch, bewusst starr zu halten.

Es ist gut, um auf den verlinkten Artikel Seeßlens zurück zu kommen, dass ein Linker, ohne penetrantes Renegatentum a la Glucksmann, auf die französische Revolution aufmerksam macht. Denn natürlich war und ist das Scheitern dessen, was wir einmal sehr grob „die Linke“ nennen können, seit der französischen Revolution, seit Robespierre, evident. Und auch der Grund für das Scheitern ist es seit eh: Weil eine Revolution den „neuen“ Menschen erfordert und überall nur „alte“ antrifft, mit allen Verbiegungen und Brüchen, die Menschen, die in Hierarchien aufgewachsen sind, nun einmal eignen. Wir haben derzeit sowieso keine revolutionäre Situation; dafür geht es den Menschen in den Machtzentren dieser Welt schlicht zu gut. Ich weiß aber nicht einmal, ob ich eine Revolution wollte. In einer Revolution wird der Aushub hervorgespült. Eine Revolution muss an Gewaltinstinkte appellieren – ohne Gewalt, schon die französische Revolution zeigt es, werden die alten Herren nicht gehen. An Gewaltinstinkte appellieren aber bedeutet, den Impetus einer Revolution – dass der Mensch aufhöre, ein geknechtetes, verächtliches Wesen zu sein – von vorneherein ad absurdum zu führen. Mir graut vor der gegenwärtigen Welt. Sie hätte eine Revolution wahrlich nötig. Mir graut aber auch vor dem „Gesetz gegen die Verdächtigen“ vom 17. September 1793. Auswege aus diesem Zirkel sehe ich Stand jetzt nirgends.

 

(diverse stilistische updates, 29.12.2015)

Interview mit Paul Schreyer

Ein Interview mit Paul Schreyer auf den nds, das ich – neben seinen telepolis-Aufsätzen – sehr ans Herz lege. Es entspricht ziemlich genau der hier von mir seit eh vertretenen Haltung: nein, keine Finalverschwörung von gaaaanz oben, kein die-Amis-warens, keine „Hologrambilder von Flugzeugen“, kein auf-Bilderberg-wird-alles-bestimmt…aber kritische Nachfragen.

Modellfall all solcher Fragen ist und bleibt der Kennedy-Mord. Natürlich kann es Oswald alleine gewesen sein – ich schließe gar nichts aus, also auch das nicht. Aber wie wahrscheinlich ist das, und sei es bloß wegen Jack Ruby, über dessen Begründung – er habe Jackie Kennedy den Prozess ersparen wollen – inzwischen die Hühner auf jedem nordamerikanischen Bauernhof kichern? Ja, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt können – logisch auszuschließen ist das nicht – über ein Jahrzehnt unerkannt im Untergrund gelebt haben, nur am Rande etwas von alten Kameraden unterstützt. Ja, unserem Inlandsgeheimdienst ist das de facto Geständnis durch „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ ein Jahr vor offizieller Enttarnung der Terrorzelle entgangen, ja, der Verfassungs“schützer“ Andreas Themme war ganz zufällig zugegen in Kassel und wird ganz zufällig von ganz oben gedeckt, Schilys Erklärung einen Tag nach der Explosion in der Keupstrasse…die diversen V-Männer in diesem Fall, zwei sind (schon?) tot…alles Zufall, bedauerliche Fehler…aber wie wahrscheinlich ist das, wenn wir allein nur an das inzwischen bekannt gewordene Ausmaß an Überwachung denken, vom Aktenschreddern zu schweigen? Ja, Gundolf Köhler war vielleicht wirklich ein Alleintäter, seine Beziehungen zur – alles Ableugnen ist zwecklos! – von der CSU massiv gedeckten WSG Hoffmann war längst eingeschlafen, ein junger Mann, persönliche Probleme (glaub ich sogar!), Liebeskummer (glaub ich sogar!)…also frustrierter Einzeltäter…das ist zweifellos möglich, aber wie plausibel ist das?

Paul Schreyer berichtet von Übungen, die es bei mehreren Terrorattentaten zeitnah – wenige Stunden vorher jeweils – gab und deren Szenario den tatsächlichen Ablauf erschreckend genau vorwegnahmen. Meine Frage lautet schlicht: War dem so? Hier möchte ich mich nicht mit dem VT-Dummy abspeisen lassen; ich möchte einfach nur wissen, ob dem so war und was es bedeutet, wenn dem so war.

Vielen fällt langsam ein bestimmtes Schema auf. Immer, wenn ein großer Anschlag verübt wird, heißt es zuerst, die Sicherheitsbehörden seien vollkommen überrascht worden. Schon 24 Stunden später kennt man dann aber angeblich genau die Täter.

Es waren in Paris – übrigens auch am 11.09.2001, auch 2005, auch in Madrid – nicht einmal 24 Stunden, wenn ich es recht erinnere. (siehe hier)

Von diesem Schema – alles ist überrascht, aber schnell werden die Täter präsentiert, und von dieser Präsentation wird dann auch nicht mehr abgegangen – weicht eine spezielle Form von Terroranschlägen interessanterweise völlig ab! Nämlich die, die von rechtsradikalen/Neonazis verübt wurden. Beim Oktoberfest 1980 war Strauss sehr schnell am Tatort und wetterte gegen links. Als nicht mehr zu verleugnen war, dass der Anschlag von rechts kam, schaltete man sofort auf den eher unpolitischen Einzeltäter um. The same with Breivik. Auch dort wurde zunächst, die screenshots brachte ich damals, auf einen muslimischen Anschlag abgehoben. Dies, übrigens belegt dinglich, dass es die eine große Megaverschwörung nicht gibt! Denn wenn es die eine große Bilderberg-CIA-Mossad-BND-MI6-undsoweiter-Weltverschwörung gäbe, wäre es ein leichtes, diese „Pannen“ zu vermeiden.

Warum dann aber doch die Uniformität der Berichterstattung? Dass alle vor Bilderberg kuschen, weil Bilderberg die totale Megamacht hat, ist auszuschließen. Aber so, ich bitte um Entschuldigung, stellen sich das eben nur der kleine Fritz und die kleine Fritzine vor. In Wahrheit wird eine Gesellschaft viel subtiler auf Linie gebracht. O-Ton Schreyer:

Nun ist es in der Tat sicher nicht so, dass in den Chefredaktionen jeden Morgen jemand anruft, einen „Tagesbefehl“ durchgibt und bestimmt, was geschrieben werden soll und was nicht. So eine Vorstellung ist wirklich Unsinn. Dennoch ist es für jeden halbwegs wachen Geist offenkundig, dass die großen Medien zumindest bei den Hauptthemen wie Ukraine, Griechenland oder eben Terrorismus tatsächlich mehr oder weniger das Gleiche schreiben.

(..)

Dann gibt es aber noch einen dritten Faktor, nämlich gezielt gesetzte Anreize und Karriereoptionen (meine Hervorhebung, hf) im Umfeld von Lobbygruppen. Es scheint mir zum Beispiel absurd, zu behaupten, dass transatlantische Netzwerke keine Rolle in der deutschen Medienlandschaft spielen würden. Sie spielen eine Rolle und auch darüber sollte geredet werden.

In diesen Netzwerken findet zwar keine Gehirnwäsche von Journalisten statt, wir leben ja nicht in Nordkorea, aber es werden dort eben gezielt Medienmacher eingeladen, von denen die Organisatoren wissen, dass sie schon ähnlich ticken. Und wenn diese Leitartikler dann weiterhin das schreiben und sagen, was in den Netzwerken zum guten Ton gehört, und wenn sie das weglassen, was man dort nicht gern hören möchte, dann gibt es auch Belohnungen, wie etwa Einladungen zu exklusiven Konferenzen, Zugang zu einflussreichen Interviewpartnern und Aussicht auf Jobs im Umfeld der Netzwerke.

Genau so werden Gesellschaften gesteuert. Nein, kein Tagesbefehl. Keine Bilderberg-Konferenz. Es ist alles viel banaler, viel mieser.

Fast am Wichtigsten:

Es geht ja auch um viel. Das Thema behandelt Macht auf einer sehr hohen Ebene. Dagegen sind die Affären, die uns sonst so beschäftigen, vom VW-Abgasskandal bis zur FIFA-Korruption, eher belanglos. Hier geht es an die Grundlagen der Politik. Jeder, der am heiligen Gral Terrorismus rührt und ihn mit Staatsterrorismus verknüpft, der stellt die Substanz infrage. Darum die ständige Ausgrenzung solcher Debatten. Im Grunde ist das Schweigen zwingend. Wie sollte es denn auch weitergehen, wenn wirklich einmal offen bei Anne Will oder Frank Plasberg über 9/11 oder das Wissen um die Verstrickungen von Geheimdiensten in so manches Attentat geredet werden würde? Was sollte daraus folgen? Da tut sich ein Abgrund auf. Und alle spüren das, auch wenn keiner in den Leitmedien darüber redet. Ich habe das in verschiedenen persönlichen Gesprächen mit Journalisten bemerkt.

Elmar Theveßen etwa, der Terrorexperte vom ZDF, hielt sich zum Thema 9/11 mir gegenüber sehr bedeckt, obwohl er selbst 2011 ein Buch dazu verfasst hatte. Als ich einzelne Punkte mit ihm diskutieren wollte, wurde es schnell still am anderen Ende. Und Jochen Bittner von der ZEIT meinte mir gegenüber, alternative Sichtweisen zu 9/11 wolle man lieber nicht drucken, weil das „die Leser verunsichern“ könne. Das ist kein Scherz. So denken führende Leute in den Redaktionen. Daher bleibt man lieber auf vermeintlich sicherem Boden und redet von „Verschwörungstheorien“. Das ist bequem, weil man sich dann mit den Fakten gar nicht erst auseinanderzusetzen braucht. Außerdem machen es ja alle so und man fällt dann nicht auf. Das ganze Thema ist sehr stark angstbesetzt, so mein Eindruck.

So sehe ich das auch.

Orbán legt los

Vielleicht sollte der ZdJ in Deutschland seine antilinken Reflexe noch mal überdenken. Es gibt, keine Frage, auch antilinken Antisemitismus, und er nervt mich bis dorthinaus, er ist widerlich; ich habe es da an Deutlichkeit nie fehlen lassen. Ob es aber eine so gute Idee ist, der Hans-Globke-Partei CDU moralische carte blanc zu erteilen? Es war übrigens Seehofer, der Orbán Satisfaktionsfähigkeit zugeschrieben hat.

Anbei: Die „Nachdenkseiten“ haben diese Verschwörungstheorie zumindest ansatzweise präferriert (Stichwort: Es gäbe Interessen, Europa per Flüchtlingsschwemme zu destabilisieren) – genau da ist ein kritischer Blick auf die nds schon berechtigt. Ich werde nicht jeden Analysefehler gleich als moralisch disqualifizierend betrachten…vielleicht sollten die nds und Jens Berger hierüber aber doch mal etwas tiefer nachdenken. Hat Berger wirklich nicht mehr drauf, als alle Kritiker einfach unter „Trolle“ zu subsummieren?

In defence of Albrecht Müller (???) (update 2)

Ganz offenkundig habe ich mich unverständlich ausgedrückt. Deswegen in Kürze:

Dieser Blog für die intelligente Frau und den intelligenten Mann warnt seit eh davor, den pawlowschen Diskursreflexen und Gegenreflexen aufzusitzen. „X sagt aber dasselbe…“ (X ist meistens Goebbels oder Stalin) ist kein Argument. Böswillige Missversteherei ist kein Argument. Motivunterstellungen sind kein Argument. Und Denunziationen sind es schon gar nicht. Die gesamte öffentliche Unterredung ist in einem erschreckenden Ausmaß vergiftet durch gehässige Unterstellungen, durch Images, Projektionen, manchmal auch schlichte Lügen.

Albrecht Müller hat alles Recht der Welt, sich zu unterhalten, mit wem es ihm beliebt. Ihm daraus etwas drehen zu wollen, ist tatsächlich irgend etwas zwischen albern und schäbig.

Eine ganz andere Frage wäre die, ob Müller allen Ernstes glaubt, Leute wie KenFM und Elsässer, im weitesten also Querfrontereien in der Tradition obskurer „national-bolschewistischer“ Ideen zwischen links und rechts, würden politisch etwas eröffnen. Dazu habe ich mich vor Monaten schon geäußert: Ich halte eine solche Querfront aus sehr guten Gründen für Aberwitz. Insbesondere halte ich eine Rehabilitierung sog. ethnischer, also völkischer Kriterien, in welcher Form auch immer, für grotesk. Völkische Identitäten sind das große Unglück dieser Welt; nichts hat diese Welt nötiger als deren Überwindung.

fefe über „AktivistIn(InIn)enn“

Ich habe ja lange Jahre gedacht, solche Leute müssen von den Geheimdiensten geschickt sein. So unfassbar dämlich, dachte ich mir, kann keiner sein. Das müssen die doch merken, dass sie sich ihre einzige Chance auf Erfüllung ihrer Forderungen kaputtmachen! Aber dann habe ich mich mit ein paar solcher Leute unterhalten und heute denke ich, dass die wirklich so blöde sind.

Da will ich nach burks aber im Bunde der Dritte sein.

Dieses hochintelligente Blog kümmert sich ja seit Jahren ua um die Frage, warum, um alles in der Welt, „die“ linken Strömungen nichts beseres zu tun haben, als sich untereinander zu zerlegen. Gegen diese innerlinke Dummheit rede ich nicht gefühlt sondern tatsächlich seit einem Vierteljahrhundert an. Es ist Sisyphosarbeit. fefes Verdacht hatte ich auch lange. Ich weiß übrigens nicht einmal, ob diese VT so aus der Welt ist. Wäre ich Geheimdienstler mit dem dienstlichen Autrag, die Linke zu zersetzen – ich würde es genau so anstellen: Per Agenda-Setting dafür sorgen, dass sie sich immer und immer und immer wieder selbst zerlegt.

„pädagogisch wertvoll“ – pawlowsche Reflexe (Gegenreflexe, Gegengegenreflexe, Gegengegengegen…) – update

Die Debatte rund um den entlassenen 17jährigen Lehrling in Österreich ist wieder einmal „pädagogisch wertvoll“ (wie burks es immer nennt), weil sie zeigt, wie eingeschränkt öffentliche Unterredungen ablaufen – man hat da eigentlich immer nur die Wahl zwischen pawlowschem Reflex und Gegenreflex; eine unerquickliche Situation für jede und jeden, die differenzierter kritisieren wollen. Die Stimmen überschlagen sich hüben wie drüben: Da die Sauberkeitserziehung, die ihren Mausanzeiger nicht vom Melde-Button bekommt, sogar den Arbeit“geber“ informiert, ohne sich mit den Hintergründen des Falles auseinander gesetzt zu haben. Drüben die, die ihr Plädoyer für menschliche Niedertracht als edlen Kampf für Meinungsfreiheit tarnen. Dieser kleine, kluge, menschenfreundliche Blog hat sich immer schon gegen beide Reflexe verwahrt: Gegen die selbstgerechte Härte ideologischer Sauberkeitserziehung, aber auch gegen jenen billig herbeidesignten Amoralismus, dem man irgendwann einmal erlaubt hat, zwei Seiten Nietzsche zu lesen und der jetzt „wieder Neger sagt, weil das die PC-Spießer so ärgert, höhöhöhö“.

Dies vorausgeschickt: ich fremdele mit dem Antifaschismus, der sich auf den „melde“-Button beschränkt; ganz ehrlich. Vor einigen Wochen habe ich hier Sascha Lobo ordentlich gelobt (guckstu) und muss da nichts zurück nehmen. Aber auch, gerade Lobo dürfte sich unwohl fühlen dabei, dass gegen den irrwitzigen Haß, der sich in likes niederschlägt, nur ein Gegenmob sich aufbaut. dem auch nichts anderes einfällt, als pawlowsch/gegenpawlowsch auf „melden“ und „like“ zu drücken. Und da haben wir es wieder: Die Reduzierung allen Denkens auf Reflexe, Klischees, die „schlechte Unendlichkeit“ Hegels, hin und her, hin und her, ohne wirkliche Bewegung, „wie bei einem Tennisspiel“ (Böll).

Die Sanktion, die der Empörungsdienst regelmäßig zu verhängen wünscht, besteht in nichts anderem als im sozialen Tod. Entlassung, darf nie wieder eingestellt werden, raus mit dem… Mich schockiert diese Härte, diese Erbarmungslosigkeit, die sich der Einzelfallanalyse verweigert. Bei einem (fiktiven) 35jährigen Geschichtslehrer, der behauptet, vor 1933 hätten die Juden tatsächlich zu viel Macht gehabt, würde auch ich sagen: Der suche sich bitte eine neue Existenz, ich möchte nicht, dass solche schmierigen Hohlköpfe Kindern Geschichte „beibringen“. Aber bei einem pubertären 17jährigen Lehrling? Jetzt lese ich – inwieweit das stimmt, weiß ich nicht -, dass seine Eltern dem österreichischen Pegida-Ableger nahe stehen sollen. Wenn das stimmt (ich habe deutlich „wenn“ gesagt!) – wo hätte er es besser lernen sollen? Ist eine Entlassung aus dem Lehrverhältnis, also eine sehr weit reichende Beschädigung des gesamten weiteren Berufslebens, wirklich eine angemessene Sanktion für einen Jugendlichen, der im Zweifelsfall (ich habe deutlich „im Zweifelsfall“ gesagt!) nur das miese Zeug nachgeplappert hat, das er zuhause hören musste? Oder wäre es überhaupt eine angemessene Sanktion für einen 17jährigen? Mit einem 17jährigen kann ich vielleicht noch reden. Reden nach vollzogener sozialer Todesstrafe stelle ich mir indessen etwas schwierig vor. Es geht bei diesem Reden natürlich nicht um Inhalte. Ein kleines Mädchen oder überhaupt einen Menschen dem Flammenwerfer überantworten zu wollen ist Faschismus, punkt. Es geht um die Frage, wie, um alles in der Welt, jemand auf solche Gedanken kommt. (update: Und was diese Gedanken bedeuten. Verfestigtes Nazi-Weltbild oder pubertäre Kraftmeierei? Ich frage ergebnisoffen, ich will es wissen, in Hannah Arendts Worten: „ich will verstehen“)

Es kommt noch schlimmer. Wer auch nur ein wenig Erfahrung sammeln durfte mit Webdiskussionen, der weiß, wie schnell Labels wie „Rassist“, „Antisemit“ etc bei der Hand sind – mit zum Teil wahnwitzigen „Belegen“. Ich erschrecke bei dem Gedanken, dass eine solche widerliche Hetzmeute geistig Alkoholisierter anderen die Existenz zerstören kann, indem sie den Arbeit“geber“ über Xens „erwiesenen Antisemitismus/Rassismus/etcetc“ (erwünschtes bitte ankreutzen) „informiert“. Vor einigen Jahren wurde eine lokale Website der Linkspartei – über die man als Partei denken mag wie auch immer – gehackt, und es tauchten Nazi-Symbole auf ihr auf. Ergebnis: Bis in die internationale Presse hinein galt dieser Hack* als „Beleg“ für linken Antisemitismus. Ich bestreite nicht, dass es linken Antisemitismus gibt – natürlich gibt es ihn. Über dessen Ausmaß muss man diskutieren; der Tatbestand als solcher ist unstreitig und beschämend. Aber: Recherche, Recherche, Recherche. Nachfragen, den zweiten, dritten Blick riskieren. Wo alle Beifall klatschen, da sollst Du fragen. Wo alle Buh rufen, da sollst Du fragen. Hier hat sich Internationale der Empörten offenkundig am falschen Objekt abgearbeitet. Kann, darf passieren. Wir alle hauen mal daneben. Entschuldigungsmails an die Duisburger Linke sind mir jedoch nicht bekannt geworden.

„Stimme erheben, mutig sein“…bin ich mutig, wenn ich mich hier, in meinem privatpersönlichen Blögchen, antifaschistisch auslebe? Ich habe seit langem den Verdacht, dass es eine Art kostenbefreiten Antifaschismuses gibt, die es einem erlaubt, den kostenintensiven Antifaschismus nicht auf die Probe stellen zu müssen. „Schrecklich, was im Mittelmeer passiert“ kostet nichts (von tv-kompatiblen Aktionen unserer Flotte vielleicht abgesehen – selbst das geht als Ausbildungsfahrt durch, ist also Portokasse). „Warum ist es vor Lampedusa so, wie es ist – und was wäre zu tun?“ kostet im Zweifelsfall. Wer sind die Menschen, die diesen gefährlichen Weg wählen? Warum wählen sie ihn? In der Schweiz ist der Lebensstandard höher als bei uns in Deutschland, in Norwegen ebenso. Wimmelt der Bodensee, wimmelt der Skagerrak von Flüchtlingen, die aus Deutschland in die Schweiz oder nach Norwegen überzusiedeln wünschen? Wieviel Deutsche ertrinken dort? Es ist das alles so widerlich…

Nein, ich bin nicht gegen Antirassismus – ich bin gegen kostenlosen Ersatz-Antirassismus, gegen Antirassismus per dislike, per „melden“-Button. Diesen 17jährigen Vollhonk virtuell fertig zu machen war billig. Sind die schwungvoll empörten Antifaschisten (Ziel erreicht! Lehrlingsvertrag gekündigt!) auch bereit, das Flüchtlingscamp nebenan – die preisliche Neubewertung des eigenen Grundstücks immer inklusive – mit zu machen? Nicht so wirklich? Ach…

update: Und da die menschliche Dummheit offenbar wirklich grenzenlos ist, sei es aus dem Kommentarteil hierher hoch gehoben: „Hier und jetzt geht es um die Frage: Wie gehe ich mit einem 17jährigen um, der in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft den Rassismus, den andere versteckt in sich tragen, offen ausagiert! Siehe meine Abschlußpassage wg preislicher Neubewertung – ich dachte, das sei deutlich genug. Sollen wir ihn öffentlich schlachten, um uns selbst ein gutes antirassistisches Gewissen zu verschaffen? Scheint mir keine gute Idee…“

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* Dierkes öffentlicher Darstellung, er habe sofort Strafanzeige gestellt, das Hochspielen der Datei habe aber nur bis zum Raum Essen/Gelsenkirchen verfolgt werden können, wurde bis heute nirgends qualifiziert widersprochen. Nach allen Standards der Rationalität hat das also – solange keine neuen Fakten präsentiert werden – bis auf weiteres als erwiesener Hack, von wem auch immer, zu gelten.

Bösartige Missversteherei

Ich muss noch einmal schreiben zum Thema, hoffentlich bis auf weiteres ein letztes Mal. Nicht, dass mir die Mechanismen neu wären. Aber ich bin, ich muss das offen zugeben, jedes Mal aufs Neue fassungslos über das Ausmaß an Realitätsvergessenheit. Wer in der Causa Kachelmann einfach nur für einen ergebnisoffenen, fairen Prozess plädiert, „will“ die Vergewaltigung straffrei stellen. Wer den Umgang der israelischen Machtelite mit ihrem Atommonopol politisch unklug findet, „will“ alle Juden ins Meer treiben. Wer einfach nur differenziert zwischen einem verunsicherten Konservativen und aggressiv vorgetragenem Schwulenhaß, der „will“ alle Schwulen entwerten. Das ist argumentativer Irrwitz, sicher – argumentationstheoretisch sind solche Fälle seit Schopenhauers Eristik geklärt. Man muss sich damit inhaltlich nun wirklich nicht mehr auseinander setzen: Das ist die Verdachtslogik der Inquisition, das ist bösartige, willentliche und wissentliche Missversteherei und punkt. Dennoch bleiben diese Fälle als Symptom hochinteressant.

Das Fatale an solchen Unterstellungen ist zunächst einmal der völlige Abbruch des Gesprächs. Ob ich 1968 in einer Uni-Aula als „funktional faschistoid“ bezeichnet werde oder in einem autonomen Plenum 1980 als „Mit-Vergewaltiger“, ob ein Antideutscher, der mich nie gesehen hat, ganz genau von mir weiß, dass ich „den Judenmord vollenden“ wolle, oder ob ich, wie neulich geschehen, in der Bloggosphäre als Verfechter der These vom „lebensunwerten Leben“ gelte, weil ich jemanden gegen Hemmungslosigkeit verteidigt habe…solche hasserfüllten Labels beenden jedes Gespräch. Sie wollen, alles Ableugnen ist zwecklos, Herrschaft ausüben, indem sie denunzieren, und nichts als das. „Mensch Hartmut, guck Dir das Argument doch noch mal genau an – merkste selber, was?“ – darauf kann ich antworten. Auf ein „Hartmut ist einer der T 4 Gasmänner“, auf diese gespenstische Entwertung des Diskussionspartners gibt es keine Antwort mehr.

Welche psychischen Bedürfnisse werden hier erfüllt? Glauben diese Elenden mit ihren zuzementierten Hirnen sich diesen Blödsinn selber? Ich befürchte das. Zweifellos wird die Label-Karte hie und da auch vorsätzlich gezückt, etwa in den think tanks der Parteien zu Wahlkampfzeiten – aber das dürfte die Ausnahme darstellen. Die sind meistens subjektiv völlig aufrichtig, sehen sich als hehren St. Georgs-Streiter gegen eine Welt voller Feinde und Ungemach. Ist es gewagt, hier von einer Sehnsucht nach Eindeutigkeit, also nach Freund/Feind-Dichotomien zu sprechen?

Solche Fälle wären somit aber auch theoretisch fatal. Sie bedienen sich, in schwungvollem Zugriff, ja dekonstruierender Methoden, wollen „entlarven“, „demaskieren“, „Sub-Texte zum sprechen bringen“, „die verborgenen Signifikaten ans Licht zerren“. Dekonstruierende Verfahren sind legitim – aber sie müssen mit Vorsicht gehandhabt werden, das bedeutet vor allem: Sie müssen in sich stimmig sein und ihren Ansprüchen genügen. Denn solche Verfahren setzen ja mit einer Kritik an der Abbildtheorie, also am Glauben an die eine, objektive Welt an. Sie gewinnen ihre Verfahren überhaupt erst, indem sie den eindeutigen Zugriff auf die Welt („so und so ist die Welt, objektiv“) unterlaufen und dessen uneingestandene Prämissen sichtbar machen. Wenn man dann, sozusagen nach seinem kurzen Ausflug in die Tiefen und Untiefen der Postmoderne, wieder auftaucht und zur Eindeutigkeit regrediert („X ist ein Antisemit, Y ist ein Schwulenhasser“), wird es desolat. Bei Musil lernten wir: Der Schritt hin zum Möglichkeitssinn ist irreversibel. Die Freiheitsgrade, die die Moderne erkämpft hat, müssen auch ausgehalten werden. Ein Zurück zum Wirklichkeitssinn, zum schwungvollen Zugriff auf die Welt ist versperrt – und das ist sogar gut so.

Und so kommt es, sobald solche „Entlarver“ politisch werden, zur Katastrophe. Das alles ist bereits in der französischen Revolution und ihrem robbespiereschen Tugendterror enthalten. Dass ich die französische Revolution in ihrer Notwendigkeit für alle Zeiten verteidigen werde bedarf keines Hinweises. Das ancien regime musste weg, und freiwillig wäre es nicht gegangen. Ich verteidige aber auch Schillers Entsetzen. Es ist undialektisch gedacht, seine Augustenburger Briefe einfach nur reaktionär zu nennen – was sie zweifellos auch waren. Nirgends jedoch sagt Schiller „Zurück, zurück zum gnä Herrn, der es richten wird für uns alle“. Sein Problem war eher: Wie entwickelt sich die Menschheit zur befreiten Menschheit weiter ohne diesen Preis, ohne Septembermorde, ohne Guillotine, ohne Polit-Staatsanwaltschaft. Über seine bekannte Antwort – es sei die Kunst, durch welche die Freiheit zur Wirklichkeit wandere – kichern wir heute vielleicht etwas (ich persönlich kichere nicht…), aber das Problem hat Schiller sehr klar gesehen. Und ist seine Antwort – per Kunst, also per multipler Perspektive, indem wir Grund und Gegengrund benennen sowie Brüche und blinde Flecken zulassen – wirklich so unmodern?

Ich sehe in diesem Denunziantenwahnwitz tatsächlich so etwas wie Angst vor der Moderne, vor ihren Freiheitsgraden, auch ihrer Janusköpfigkeit am Werk. Man könnte von Infantilismus sprechen, allerdings einem sehr aggressiven Infantilismus. Politisch eröffnen solche Moral-Diskurse mit ihrer Lust an der Treibjagd gar nichts. Sie tragen mit keinem Wort dazu bei „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Im Gegenteil. Sie re-etablieren solche Verhältnisse mit ihren denkpolizeilichen Maßnahmen. Allein deswegen schon, weil sich die Linke mit solchen Debatten immer und immer und immer wieder selbst zerstört. Das kommt: Die Linke hat sich bis heute nicht mit ihrer eigenen Janusköpfigkeit – die ja nur die Janusköpfigkeit der Moderne überhaupt widerspiegelt – befasst. Sie will ihren Geburtsfehler nicht wahrhaben. Sie glaubt immer noch an den neuen Menschen, den die revolutionäre Bewegung schon herstellen werde. Sie sucht revolutionäre, eindeutige, makellose Helden, wundert sich, immer nur auf Menschen mit all ihren Brüchen und Begrenzungen zu treffen und nimmt diese Menschen dann unter ihre revolutionären Stiefel – natürlich ohne den Balken im eigenen Auge zu bemerken.

Persönlich bleibt wohl nur Schopenhauers Rat:

Die einzig sichere Gegenregel (gegen Argumente ad personam, also Argumente, die mit schlichten Beleidigungen operieren) ist daher die, welche schon Aristoteles im letzten Kapitel der Topica gibt: Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren; sondern allein mit solchen, die man kennt und von denen man weiß, dass sie Verstand genug besitzen, nicht gar zu Absurdes vorzubringen und dadurch beschämt werden zu müssen; und um mit Gründen zu disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und um auf Gründe zu hören und darauf einzugehen, und endlich, dass sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und Billigkeit genug haben, um es ertragen zu können Unrecht zu behalten, wenn die Wahrheit auf der anderen Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum Einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert.

Dieser Rat ist der persönlichen Gesundheit zuträglich. Politisch ist er problematisch, weil wir es uns im Bereich des Politischen nun einmal nicht aussuchen können, mit wem wir es zu tun haben. Dennoch ist es gutes Menschenrecht, sich bösartiger, willentlicher Missversteherei zu entziehen. Und das tue ich hiermit.