Category Archives: Kunst

Erik Satie (Werbeblock)

Ich bitte auch hier um gefällige Beachtung.

50 .- €, die nicht verloren sind.

Glücksgefühl und Bewunderung

Als ich einem Professor der Sorbonne gegenüber einen Roman von Balzac erwähnte, fragte dieser: „Beschäftigen Sie sich speziell mit Balzac?“ Ich antwortete ihm, daß ich Balzac oft und gern läse. „Schreiben Sie denn dann kein Buch über ihn?“ wollte er wissen. „Ach so“, sagte ich, „ein Buch ist etwas, worüber man ein anderes Buch schreibt. Aber ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich, wenn ich einen meiner Lieblingsautoren lese, es nur zu meinem Vergnügen tue.“

(…)

Wann werde ich endlich erwachsen werden?  Meiner Ansicht nach sind es das Glücksgefühl und die Bewunderung, welche man bei der Lektüre empfindet, die einem einen Autor erklären. ich habe immer geraten, einen Schriftsteller zu lesen, ohne sich Notizen zu machen, dafür aber so lange, bis man ihn wirklich kennt. Schreibt man dann über ihn, wird nichts die Begeisterung daran hindern, sich den eigenen Sätzen mitzuteilen, und man wird etwas schreiben, das des Autors würdig ist. (Alain, Spielregeln der Kunst)

Ganz großartig… (Hier gehts zur Debate auf „Tell“)

Alain

Ziel des Vergleichs ist nicht zu erklären, sondern zu regeln.

(…)

Ähnlich, was die Träumerei des Dichters betrifft: Sie bedarf der Disziplinierung durch einen Gegenstand, und zwar nicht einen ähnlichen Gegenstand, sondern  einen solchen, der widersteht.

(Alain)

 

Sehr fein beobachtet. Man darf den Tag ja auch mal mit Schönheit beginnen

Auden über Pornographie und anderes

Den minderen Wert von Pornografie wiederum erkenne man daran, dass man „zu Tränen gelangweilt“ werde, wenn man sie auf eine andere als die intendierte Weise zu lesen versuche.

Großartig.

Aber der ganze Text von Sieglinde Geisel ist es. Ich kannte – man kann ja nicht alles kennen – Audens Essays noch gar nicht. Lesebefehl, nicht nur wegen Auden!

Geniale Dilletanten (80er museal)

Im Rahmen der langen Nacht der Museen – die Säge Honkas durfte ich leider nicht ablichten – geriet ich auch an eine 80er-Jahre-Ausstellung im MKG, die mir bis dahin, so ignorant lebe ich, entgangen ist. Hier meine Foto-, besser Knipsereindrücke. Immerhin habe ich das Drumkit der Einstürzenden Neubauten erwischt…

Bin etwas zwiegespalten. In den 80ern hörte ich End60er/70er-Mugge (neben Bach, Beethoven, Schubert, Brahms, Dvorak, nicht!!! Wagner…), war politisch, liebte zwar die Kunst, sperrte mich aber gegen die beginnende Postmoderne und rannte in Turnschuhen, Jeans, T-Shirt, Jeans-Jacke gegen die unverbindlichen stylisch-80er an… „Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie“ trifft es allerdings brillant, wobei das meine damaligen Einwände waren… Jetzt ist meine Jugend also museal…

Lars Gustaffson

Die Ungerechtigkeit des Lesers – das fällt mir ein, wenn ich mich anläßlich seines Todes über Gustaffsons Werk äußern soll. „Die Tennisspieler“ – grandios, schon der Plot. „Der Tod eines Bienenzüchters“ – eine meiner prägenden Leseerlebnisse zu Beginn meiner 20er.

„Ich, ich, ich, ich…schon nach dem vierten mal ein sinnloses Wort.“ (aus dem Bienenzüchter)

Das ist ein Satz zum Verlieben, einer, der hängen bleibt, einer von denen, die einfach sitzen. Wer solche Sätze schreibt, weiß, wo der Teufel wohnt, und vielleicht sogar, wie man ihn bannt. Und weiter? Nichts weiter. Warum meine Lektüre nicht weiter ging? An Gustaffson lag es nicht, soviel kann ich sagen. Ist halt meine spezielle Art, mich der Literatur zu nähern: Fragmentarisch, partiell. Gustaffsons Werk hat mich nur einmal gestreift, aber beeindruckend gestreift, denn dabei blieb etwas hängen. Und so bleibt mir Dankbarkeit für diesen Satz und diese beiden Bücher, die bei mir pars pro toto für sein Werk stehen. Ein Werk, von dem ich hoffe, dass es mich noch einmal so erwischt wie damals…

100 Jahre Dada

Opus 2.0

 

Der insgesamte Augustin

weiß gar nicht mehr, woher, wohin.

Er geht nur ein, er geht nur aus

im trichinösen deutschen Haus

 

Ganz mundzwecklos und karzinös

ein aufgelassenes Getös.

Er gackert wie ein Kolibri:

so zwischen heute, hier und nie.

 

Auch sonnt sich sonstens segenreich

und wird vor lauter Kreide bleich

der turmuhrlose Schreckenszar,

denn Dada wurde hundert Jahr.

„Literatur-Management“ und Ästhetik (Literaturkritik 2)

„Das Literaturmanagement der heutigen Zeit übt in der Geschmacksbildung des Schreibenden einen ebenso massiven Einfluß aus wie die Fürsten von einst. Obwohl wir „auf der Seite des subjektiven Selbstverständnisses die Erscheinung des prophetischen, des missionarischen, des unterhaltsamen, des streng artistischen, des politischen und des nur auf Verdienst ausgehenden Schriftstellers“ (Leo Löwenthal) finden, so ist doch die objektive Beeinflußung durch die institutionalisierten Gruppen des Literatur-Managements so stark, daß überall der Einfluß dieser Gruppen aus den Werken der Schriftsteller herauszulesen ist. Selbst dann, wenn der Dichter und der Schriftsteller sich aus der Beeinflussung lösen und dem Druck der ihn umgebenden Gesellschaft ausweichen will, indem er sich abkapselt und ‚unbeeinflußt‘ schaffen möchte, so hat er sich schon allein durch diese Haltung in eine ‚Richtung‘ drängen lassen, so daß selbstverständlich auch das geschmacksbildende Moment eine Formung erfährt.“ (Nutz, Walter, Artikel „Geschmack“, in: Friedrich, Wolf-Hartmut/Killy, Walter (HG), Das Fischer-Lexikon „Literatur“, Frankfurt/Main (Fischer) 1965 (73.-80. Tausend Januar 1972), Band 2.1, p. 275).

So neu ist das also gar nicht; die derzeitige Klage über Literatur im Zeitalter des facebook-likens finde ich öde und unhistorisch. Schon Benjamin wusste bekanntlich, dass Art und Umfang der Reproduktion und also Präsenation von Kunst „auf die Kunst in ihrer überkommenen Gestalt zurückwirk(t)…“ (Benjamin, Walter, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Benjamin, Walter, Gesammelte Schriften Band I.2, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1980, p. 475). Der Ausstellungswert, u.a. also auch sein Warenwert, gewinnt „absolutes Gewicht“ und destruiert Aura und Kultwert jeder Kunst (aaO p 484). Denn „Die Art und Weise, in der menschliche Wahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt“ (aaO p 478). (Dass Benjamin dann allzu optimistisch über den Film und über „Zerstreuung“/Zersplitterung als Gegengift zum Faschismus dachte – Adorno gab ihm das zu bedenken -, steht auf einem anderen Blatt.) Insgesamt also an old hat. Where are the problems?

Schulte-Sasse fasste diese Überlegungen rezeptionsästhetisch so zusammen (den etwas ungelenken Stil, tpisch für Geisteswissenschaftler in den 70er-Jahren, sehe man ihm nach):

„Die Literaturwissenschaft konnte sich den Einsichten der Sozialwissenschaften, daß nämlich Werte weder objektiv noch subjektiv, weder zeitlos gültige Wesenheiten noch allein subjektive Chimären, sondern durch Sozialisation internalisierte Sinnvorstellungen sind, die aus wertorientiertem Handeln hervorgehen und für historisch und soziologisch faßbare Gruppen intersubjektiv gelten, entziehen, weil sie ihrem Gegenstand seit je einen besonderen ontologischen Status zuschrieb und die Ideologiehaltigkeit und Historizität dieser Zuschreibung nicht durchschaute. Denn die ungeschichtliche Verdinglichung des Wertes ist nur die Kehrseite einer ebenso ungeschichtlichen Verdinglichung der Bedeutungsstruktur des Kunstwerkes. (…) Das Postulat einer autonomen Kunst war eine historisch besondere Antwort auf gesellschaftliche Konstellationen des 18. jahrhunderts. Diese Antwort ist von der Germanistik, anknüpfend an sicher nicht leugbare Merkmale on Konsistenz und relativer Geschlossenheit von Dichtung, zum Wesen der Kunst verallgemeinert und damit ihrer historisch-konkreten Legitimation beraubt worden.“(Schulte-Sasse, Jochen, Autonomie als Wert, zitiert nach: Degenhardt, Inge, Literarische Wertung, Stuttgart (Reclam) 1979, p. 121ff)

Das gilt bis heute. Weder Literatur noch ihre Kritik können hinter diese Einsicht zurück. Erst mit dieser Einsicht im Rücken können Kunst, Literatur und Kritik sich überhaupt fragen, ob und wenn ja wie Autonomie gewonnen werden kann. Erst diese Einsicht erlaubt es, sich ihren Folgen zu entziehen – in kurzen Momenten der Autonomie, jenseits des Empirischen, jenseits pawlowscher Reaktionen, ein „Feuerwerk“.

Schönheit wird wieder politisch?

„Wer geduckt steht, will auch andere biegen.

(Sorgen brauchst Du Dir nicht selber zuzufügen,

Alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)

Bleib erschütterbar.

Bleib erschütterbar – doch widersteh.“

(Peter Rühmkorf)

Das Zentrum für politische Schönheit re-etabliert Schönheit als Politische Kategorie, und das ist zunächst einmal gut so, nach 25 Jahren postmoderner Beliebigkeit, Schmalspurklamauk, Befindlichkeitsprosa und poetologisch rückversicherter, wirklichkeitsloser Poesie. Denn Speichelleckereien sind, was immer sonst, vor allem eines: häßlich.

Die Gefahr, hier werde der Tod ästhetisiert, man selber damit schleichend faschisiert, eine Gefahr, auf die ich soeben nochmals per Email aufmerksam gemacht wurde, besteht dabei immer. Es beginnt ganz einfach – nämlich damit, klammheimlich, klammoffen nach ‚möglichst‘ hohen Totenzahlen zu schielen…weil diese Toten Sinn verleihen. Das einzig wirksame Antidot gegen jene fatal falsche Identifizierung mit den Opfern (die dann, weil identitätsstiftend, regelrecht ‚benötigt‘ werden) ist jene Warnung, die ich wieder und wieder ausspreche: die davor, Politik und persönliche Identität zu vermengen. Und das meint, sobald Schönheit politisch wird: ich warne, Schönheit und persönliche Identität zu vermengen. Solange das „Zentrum“ sich seine Realitätshärte erhält, sollte diese Befürchtung gegenstandslos sein. Aber es darf seine Aktionen weder identitär aufladen, noch übrigens, die zweite, handfestere Gefahr, zum Geschäftsmodell verkommen lassen (Stichwort „Greenpeacisierung“).

Vorderhand geht es tatsächlich nur um die Toten und darum, ihnen und ihrem vollkommen sinnlosen Tod politisch Gehör zu verschaffen. Ich befürchte allerdings, dass wir es wieder verlieren. Das Flüchtlingsdesaster existiert seit Jahrzehnten. In den 90er Jahren ertranken Menschen in der Oder beim Versuch, „illegal“ nach Deutschland zu kommen – die Gemeinden, an deren Gebiet die Leichen anlandeten, stießen sie in den Fluß zurück, weil man ansonsten auf den Beerdigungskosten sitzen geblieben wäre. Hat damals die Mehrheit nicht interessiert. So, wie die Lampedusa-Toten heute die Mehrheit nicht sonderlich tangieren. Das Problem soll nicht gelöst werden, nur aus dem Blickfeld muss es verschwinden – eine Aufgabe, bei der Merkel mit ihrer Kernkompetenz punkten kann: Probleme virtualisieren, also ins Nichts auflösen. Nie werde ich die mörderische Hetze vergessen, mit der 1992/93 der Änderung GG 16 eine Bresche geschossen wurde. Und natürlich brav und vergeblich in Bonn demonstriert Sommer 93 und gelernt: Die Mehrheit will es so… Insofern ist es zunächst einmal richtig, dieser Mehrheit und ihren Repräsentanten das Ergebnis der mehrheitlich gewollten Politik – Abschottung – vor Augen zu führen. Alles weitere werden wir sehen.

„Welttag der Poesie“

Heute ist, wie uns die MoPo, die dümmste Zeitung der Welt (Gremliza), mitteilt, „Welttag der Poesie“.

„Sehen Sie doch bloß die Sderne an. Da sdehen sie und glitzern, es ist, weiß Gott, der ganze Himmel voll. Und nun bitt‘ ich Sie, wenn man hinaufsieht und bedenkt, daß viele davon doch hundertmal größer sein sollen als die Erde, wie wird einem da zu Sinn? Wir Menschen haben den Telegraphen erfunden und das Telephon und so viele Errungenschaften der Neuzeit, ja, das haben wir. Aber wenn wir da hinaussehen, so müssen wir doch erkennen und versdehen, daß wir im grunde Gewürm sind, elendes Gewürm und nichts weiter – hab ich recht oder unrecht, Herr? Ja, wir sind Gewürm!“ antwortete er sich selbst und nickte demütig und zerknirrscht zum Firmament empor.
(…)
„Aber Sie haben recht“, sagte der junge Mann; „Sie haben weiß Gott, recht in dem, was Sie von wehmütig sagen! ich bin fast immer wehmütig, aber besonders an solchen Abenden wie heute, wenn die Sderne am Himmel sdehn.“ Und er stützte wieder sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger.
Sicherlich schrieb er Verse, dachte Tonio Kröger, tief ehrlich empfundene Kaufmannsverse.