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Vernunft und Weltbezug

Gibt es irgend einen gemeinsamen Nenner, der die Fälle Köln, Gina-Lisa und Anna Rockel-Loenhoff (dank an die Schrottpresse; kannte ich gar nicht, den Fall) verbindet? Gibt es: Es ist die Realitätsverweigerung. Nach dem, was ich gelernt habe, ist es Pflicht derer, die urteilen (Urteil im philosophischen Sinn, als Urteilsakt verstanden – ist aber natürlich auf den juristischen Sinn übertragbar), die Umstände möglichst umfassend und möglichst vorurteilsfrei zu erfassen. Was einem das reden so erschwert sind die Narrative, Metaphern, Topoi, die eine einfache Geschichte überlagern können und an die die Projektionen so gerne andocken. Grob geschätzt 90 % der Energie, die man in Diskurse steckt, gehen für solchen überflüssigen Kram drauf.

Um es an einem, wie burks immer so gerne sagt, „pädagogisch wertvollen Beispiel“ ab zu machen: Gab es im Rahmen der sog. „Wiedergutmachung“ der Verbrechen Deutschlands in Einzelfällen auch Betrugsversuche? Richtige, statistisch zu erwartende und absolut bedeutungslose Antwort (bedeutungslos über den Einzelfall hinaus): Ja, gab es. Who cares! Stichwort Werner Nachmann. Der Fall Nachmann sagt nur über sich selber etwas aus – er bedeutet nichts. Dass die Judenhasser diesen Fall klammoffen jubelnd begrüßt haben ist schon klar – für Menschen, die einen möglichst vorurteilsfreien Blick auf die Welt anstreben, besagt der Fall gar nichts und darf es auch nicht.

Hat irgend jemand eine interessante Theorie, einen interessanten Ansatz, warum dieser Gedanke, den zu verstehen kein Albert Einsteinscher Intelligenzquotient vonnöten ist, sich so schwer durchsetzen kann? Woher die Macht der Narrative, der „Klischees“ (Arendt)?

 

Das Wort zum Sonntag

hat heute Hannah Arendt:

Politisch gesprochen ist die Idee der Menschheit, von der man kein Volk ausschließen und innerhalb derer man keinem das Monopol des Lasters zubilligen kann, die einzige Garantie dafür, daß nicht eine „höhere Rasse“ nach der anderen sich verpflichtet glauben wird, dem Naturgesetz vom „Recht des Stärkeren“ zu folgen und die „niederen lebensunfähigen Rassen“ auszurotten. (…) Eine nichtimperialistische Politik zu machen, eine nichtrassische Gesinnung sich zu bewahren wird täglich schwerer, weil täglich klarer wird, was für eine Last die Menschheit für den Menschen ist.“ (Arendt, Hannah, Organisierte Schuld)

So ist es.

 

Das Unwort zum Sonntag entnehmen wir André  Poggenburgs Facebook-Account, er schrieb es in Kenntnis der wahren Hintergründe des Münchner Amoklaufs:

Rechte Hetze oder Mut zur Wahrheit?

Kritische Hinweise zum Terror in München mit Bezugnahme auf ein ‪#‎Politikversagen‬ der Merkel-Einheitspartei werden von Teilen der Medien, etablierten Politikern und vor allem Linksradikalen sofort als „Rechte Hetze“ verunglimpft.

Die Bluttat von Ali David Sonboly in München weist, wie viele Blut- und Gewalttaten der letzten Zeit, deutlich darauf hin, dass Multi-Kulti in vielerlei Hinsicht gescheitert ist. Dies trifft eben auch im Hinblick auf die Sicherheitslage zu. Linke Gewaltdrohungen und Medienhetze werden die AfD-Politiker nicht daran hindern auch zukünftig unangenehme Dinge direkt anzusprechen.

Den Hinterbliebenen und vielen Verletzten des Terrors in München und anderswo gilt selbstverständlich unsere Anteilnahme. Als Politiker haben wir allerdings die Aufgabe dafür zu sorgen, dass endlich Sicherheit geschaffen und das bisherige Politikversagen gestoppt wird. Dazu bedarf es allerdings ehrlicher Benennung von Ursache und Wirkung, auch entgegen einer „Political Correctness“. Dies leistet in Deutschland wahrnehmbar nur die ‪#‎AfD‬!

Nicht mehr des Kommentars bedürftig. Das ist innere Verwahrlosung und weiter gar nichts.

Btw: Bevor Herr Poggenburg gewählt wurde, stand er offenbar kurz vor der Privatinsolvenz; zumindest hatte ihn Creditreform bereits deutlich auf dem Radar, die Erzwingungshaft war mehrfach angedroht. (Klick) Selbst ehemalige politische Weggefährten werfen Poggenburg vor, dass es ihm allein um Alimentierung ginge. Der Verdacht ist nicht abwegig, dass hier Steuerzahler wie zum Beispiel ich eine verkrachte Existenz sanieren dürfen.

Carolin Emcke

hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen.

Allein für diesen Satz (aus 2010!) hat sie ihn schon verdient:

Früher nannte man es Rassismus, wenn Kollektiven Eigenschaften zugeschrieben wurden – heute dagegen gelten dumpfe Vorurteile als »Angst, die man ernst nehmen muss«.

Der unbekannte Klassiker

herder

(Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Im 26. Humanitätsbrief führt Herder einen Dialog mit einem Kontrahenten. Es geht ganz offenbar um Befreiung, Humanisierung, um die bürgerliche und die Ständegesellschaft – von der Herder wusste, dass sie so nicht mehr länger würde halten können. Und es ging, wenn wir uns die geheime Gesellschaft des Kontrahenten ansehen, gegen die Herder die „Gesellschaft aller denkenden Menschen in allen Weltteilen“ setzt, zweifellos auch um eine vorwegnehmende Antwort an Goethe und dessen vom Freimaurertum inspirierte Turmgesellschaft. Eben jene, die Novalis als „Wallfahrt nach dem Adelsdiplom“ verspotten würde. Goethes Wilhelm Meister erschien 1794/95, als Herders 26ter Brief bereits vorlag; Herder wird aber Auszüge gehört oder gekannt haben, und allemal waren ihm natürlich Goethes und anderer Sympathien für die Freimaurerei geläufig. (Herder selber war in jungen Jahren ebenfalls Freimaurer geworden, aber nie sonderlich engagiert, noch 1803 heißt es in einem Brief ausgerechnet an Schröder: „Mit meiner ganzen Freimaurerei, verehrter Freund (ich muß es bekennen), ist’s nicht weit her. Wenig über 20 Jahre war ich, als ich in Riga die 2. ersten Grade bekam, in der stricten Observanz und (ich kann’s wohl sagen) mit gar keinem Strahl des Lichtes. Seitdem habe ich keine Loge besucht, nie das Zeichen gemacht, selbst Gespräche über die Freimaurerei, wie ich konnte, vermieden. (Mich dünkt, wir haben darüber geredet.)“)

Herders Humanismusbriefe unterlagen einer inneren Vorzensur; größere Teile schrieb er um, entschärfte sie, nachdem in Frankreich der König entmachtet, dann hingerichtet und die Republik ausgerufen wurde. Im ursprünglichen 18. Brief schrieb er, die Republik (also ohne Monarchie) sei die „bessere“ Verfassung für Frankreich. Seine Position auch in den veröffentlichten Humanismusbriefen war dennoch radikal genug, um ihm einiges an Ärger zu verschaffen. Und da Herders „Volksgeist“, aller Bezüge entkleidet, eine unheilvolle Rezeptionsgeschichte zeitigte, sei noch einmal klar gesagt: Herders großes Verdienst ist es, den modernen Kultur-Begriff gleichsam vorab entdeckt zu haben. Kultur ist nicht nur die Oper X, das Drama Y, die Symphonie Z. Kultur hat auch der indigene Stamm A, der mit Pfeil und Bogen jagt (und, nebenbei bemerkt, sich natürlich auch in Kunstwerken ausdrückt). Viel wichtiger: Alle Kulturen sind gleichberechtigt und gleichwertig nach Herder, alle tragen in ihren guten Momenten zur Humanisierung des Menschengeschlechts bei, und alle sind aus sich selbst heraus zu verstehen, zu bewerten. Damit wendet er sich nicht nur gegen Schillers Jenaer Antrittsrede – und zwar zu Recht, wie heute wohl nicht mehr bestritten wird -, sondern er entdeckt en passant auch noch (ein, zwei Generationen vor Ranke) die historistische Grundansicht. Das wird inzwischen von der Kulturwissenschaft auch gesehen – es ist kein Zufall, dass eine der schönsten Einführungen in Herders Werk vom Historiker Michael Maurer stammt (Stichwort: kulturwissenschaftliche Wende in Geschichts- und Literaturwissenschaft). Dennoch bleibt Herder der unbekannte Klassiker, was ich bedaure.

Kleiner Test: Welche Werke Goethes können Sie spontan benennen? Eben! Schiller? Siehste! Shakespeare? Keine Frage! Kant, Aristoteles, Plato? No problem! Kleist, Thomas Mann, Kafka, Joyce, Lessing, Brecht? Es sprudelt sofort! Baudelaire, Poe, Dante? Die Frage ist ein Witz! Und welches Werk Herders? Ich vermute mal, ich habe Sie jetzt erwischt, oder? Ich würde mich freuen, wenn z.B. seine großartigen Humanismusbriefe ab sofort dazu gehörten – am besten im gelesenen Zustand.

Hier also ein Auszug aus dem Gespräch im 26ten Humanismusbrief. Er ist so unfassbar schön, die Trias „Poesie“ (gemeint: Kunst in jeder Hinsicht von Kunst), „Philosophie“ und „Geschichte“ so triftig, dass ich mir sogar Herders argumentative Schwächen gerne gefallen lasse:

Ich: Poesie, Philosophie und Geschichte sind, wie mich dünkt, die drei Lichter, die hierüber Nationen, Sekten und Geschlechter erleuchten: ein heiliges Dreieck! Poesie erhebt den Menschen durch eine angenehme, sinnliche Gegenwart der Dinge über alle jene Trennungen und Einseitigkeiten. Philosophie gibt ihm feste, bleibende Grundsätze darüber, und wenn es ihm nötig ist, wird ihm die Geschichte nähere Maximen nicht versagen.

Er: Ob aber auch diese Grundsätze, diese Maximen und Anschauungen Taten wirkten? Gäbe nicht die Gesellschaft einen Antrieb mehr?

Ich: Ich nehme dir deine eignen Worte aus dem Munde. »Sage mir nichts von der Menge der Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive Kraft gegeben! Die Menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in einer Maschine. Je mehr Räder, desto wandelbarer.«

Er: Und was wäre dein einziger Antrieb?

Ich: Humanität. Gäbe man diesem Begriff alle seine Stärke, zeigte man ihn im ganzen Umfange seiner Wirkungen und legte ihn als Pflicht, als unumgängliche, allgemeine, erste Pflicht sich und andern ans Herz, alle Vorurteile von Staatsinteresse, angeborner Religion und das törichtste Vorurteil unter allen, von Rang und Stande, würden –

Er: Verschwinden? Da irrest du dich sehr.

Ich: Nicht verschwinden, aber gedämpft, eingeschränkt, unschädlich gemacht werden, was deine genannte und vielleicht verdienstvolle Gesellschaft ja auch nur bewirken konnte, wenn sie es bewirken wollte. Weißt du es nicht besser als ich, daß alle dergleichen Siege über das Vorurteil von innen heraus, nicht von außen hinein erfochten werden müssen? Die Denkart macht den Menschen, nicht die Gesellschaft; wo jene da ist, formt und stimmt sich diese von selbst. Setze zwei Menschen von gleichen Grundsätzen zusammen; ohne Griff und Zeichen verstehen sie sich und bauen in stillen Taten den großen, edlen Bau der Humanität fort. Jeder, nachdem er kann, in seiner Lage, praktisch; er freuet sich aber auch am Werk andrer Hände, weil er überzeugt ist, daß dies unendliche, unabsehliche Gebäude nur von allen Händen vollführt werden kann, daß alle Zeiten, alle Beziehungen dazu erfordert werden, mithin ein jeder einen jeden nicht einmal kennen darf, kennen soll, geschweige, daß er ihn durch Eidschwüre, durch Gesetze und Symbole bände.

Er: Du bist auf dem rechten Wege; auf ihm gibt es freie Arbeit. Kein wahres Licht läßt sich verbergen, wenn man es auch verbergen wollte; und das reinste Licht sucht man nicht eben in den Grüften.

Ich: Alle solche Symbole mögen einst gut und notwendig gewesen sein; sie sind aber, wie mich dünkt, nicht mehr für unsre Zeiten. Für unsre Zeiten ist gerade das Gegenteil ihrer Methode nötig, reine, helle, offenbare Wahrheit.

Er: Ich wünsche dir Glück. Glaubst du aber nicht, daß man auch dem Wort Humanität einen Fleck anhängen werde?

Ich: Das wäre sehr inhuman. Wir sind nichts als Menschen; sei du der Erste unsrer Gesellschaft.“

Immer wieder erliegt Herder dieser naiven Hoffnung – damit war und ist er jedoch nicht allein, noch Brecht schrieb „Reden erst die Völker selber / werden sie schnell einig sein“. Herder destruiert die Metaphysik, indem er sie historisch und kulturell relativiert, scheut sich aber – wer will es einem 1744 geborenen vorwerfen – , die Bilanz zu ziehen.

Im 29. Humanitätsbrief nähert er sich regelrecht Kant an – Zitat:

„Der Mensch hat einen Willen, er ist des Gesetzes fähig; seine Vernunft ist ihm Gesetz. Ein heiliges, unverbrüchliches Gesetz, dem er sich nie entziehen darf, dem er sich nie entziehen soll.“

um ihn aber sogleich wieder zu verlassen (ungekürzte Fortsetzung):

„Er ist nicht etwa nur ein mechanisches Glied der Naturkette, sondern der Geist, der die Natur beherrscht (meine Hervorhebung, hf), ist teilweise in ihm. Jener soll er folgen; die Dinge um ihn her, insonderheit seine eigne Handlungen, soll er dellt allgemeinen Principium der Welt gemäß anordnen. Hierin ist er keinem Zwange unterworfen, ja er ist keines Zwanges fähig. Er kostituieret sich selbst; er konstituiert mit andern ihm Gleichgesinnten nach heiligen, unverbrüchlichen Gesetzen eine Gesellschaft. Nach solchen ist er Freund, Bürger, Ehemann, Vater, Mitbürger endlich der großen Stadt Gottes auf Erden, die nur ein Gesetz, ein Dämon, der Geist einer allgemeinen Vernunft und Humanität beherrschet, ordnet, lenket.“

Kurzum: Kants Vernunft, pantheistisch verdorben. Die freie Entscheidung pro Moral, pro Humanität wird reduziert auf einen Dämon, der uns klandestin lenkt. Bin ich böse, wenn ich sage, dass er der Geheimgesellschaft, der er oben so deutlich und gut begründet sein „Nein“ zustellte, hier eine Hintertreppe eröffnet?

Herder war Christ, zumindest öffentlich, war es wohl auch privat so halb und halb, hat aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Mensch nie für die Religion, die Religion immer für den Menschen da zu sein hat. Damit hat Herder de facto – öffentlich konnte er das so damals nicht sagen – das Christentum relativiert: Über dem Christentum steht die Humanität. Auf nichts anderes laufen seine Kultur- und Geschichtsbegriffe hinaus. (Streng genommen – aber was heißt hier streng genommen? – war er damit natürlich kein Christ mehr.)

Herders Humanitätsbegriff ist dynamisch und statisch zugleich: Jede menschliche Gemeinschaft entwickelt eine Kultur, die dann dynamisch zur Entwicklung der statischen allgemeinen Humanität beiträgt… Anklänge an Hegels Geschichtsdialektik sind vorhanden. Wobei ich, ich tippe es, vor Kühnheit zitternd, Herder bevorzuge. Denn Herders offener Humanitätsbegriff (Herder wusste immer, dass die Humanisierung des Menschengeschlechts fehl gehen kann!) erlaubte es ihm, moralisch zu argumentieren.

Jean Paul notierte über Herder, er sei kein Stern erster oder sonstiger Größe gewesen, sondern ein Bündel von Sternen. Da Herder zugleich seinen inneren Kompaß namens Humanität nie preis gab, ist das im postmodernen Jahr des verstorbenen Christenherrn 2016 eigentlich das Beste, was man über Herder sagen kann.

Menschenrechte (aus meiner Korrespondenz)

zu Leitkultur (furchtbarer Begriff): Nun, es gibt natürlich eine
Leit“kultur“, nur ist es gar keine Kultur, schon gar nicht ‚unsere‘, was
immer das dann heiße, sondern eine Regel – nämlich, aber da werden wir uns
einig sein (ich trage mal Eulen nach Athen) die minima moralia, die eben
für alle gilt, alle verpflichtet, allen Menschen qua Mensch-Sein
grundlegende Rechte zuspricht. Die These, die arabische Welt (die es als
„die“ arabische Welt ja ohnedies nicht gibt) habe häufig nur sehr unvollkommen
Begriffe wie Menschenrechte etc entwickelt, stimmt sogar – aber wie
vollkommen ist der Begriff denn bei ‚uns‘ vorhanden, verinnerlicht,
gelebt? Ich meine jenseits der Schönwetterdemokratie… Wir tollen Westler
als dernier crie der Humanität, dass ich nicht lache.

Ich war immer gegen Muslim-Idyllik. Man muss das schon alles
thematisieren – Schwule, Juden, Frauen…Ich habe keine Probleme damit,
die erheblichen Defizite muslimischer Gesellschaften zu benennen. Aber
ausgemacht uns dann als Modell anpreisen, das ist absurd. Ganz abgesehen
davon, dass die korrekte Beschreibung muslimischer Gesellschaften
kategorial nichts mit der Frage zu tun hat, ob man Menschen in Not
helfen sollte oder nicht.

Ich verstehe nicht, was die immer mit Integration meinen? Dirndl und
Lederhosen tragen? HSV-Fan werden? Goethe oder Jerry Cotton lesen? Die
Menschen, die hierher kommen, müssen anständig behandelt werden und
ihrerseits alle Anderen anständig behandeln – also ein gegenseitiges
sich zueinander verhalten auf Augenhöhe -, mehr brauchts nicht. Where is
the problem? Ich sehe es einfach nicht. „Integration“, barsch eingefordert,
ist nur ein anderes Wort für Unterwerfung.

Pro linkem Hedonismus

via burks:

Es hat sich eine Achsenverschiebung innerhalb der Linken ergeben: Weg von der sozialen Idee und Kategorien wie menschlicher Fortschritt zu einer protestantisch geprägten, grünasketischen Verdrängungs- und Verbotskultur: Man muss möglichst politisch korrekt agieren, man darf den Islam nicht kritisieren und ansonsten hat man möglichst gesund zu leben…

Michael Hirsch: Genau. Wichtig an neomarxistischen Positionen wie denen von Marcuse und Adorno scheint mir deren hedonistische Achse zu sein, das heißt man denkt Befreiung im Lichte von verbesserten Lebensmöglichkeiten. Es gibt von vornherein eine klare Vorstellung, wohin der Fortschritt führen könnte und deswegen auch eine klarere Idee, was diesem Vorhaben auch innerhalb des eigenen Lagers entgegen steht. Man konnte einen schlechten Asketismus auch bei den eigenen Leuten kritisieren. Der Hedonismus, also die Idee eines guten, eines besseren Lebens ist einer der wesentlichsten Aspekte bei der neomarxistischen Linken, die irgendwann innerhalb der intellektuellen Linken sehr stark an Einfluss verloren hat.

Lesebefehl!

Ich relativiere mein „Ja“ in einem Punkt:

ich glaube, dass Adornos Projekt in sich selbst widersprüchlich (meine Hervorhebung, hf) und dialektisch ist. Die Vernunftkritik ist in sich gespalten: Es existiert auf der einen Seite eine Vernunftkritik an der modernen Gesellschaft als einer verselbständigten, die vermeintlich vernünftig ist, aber tatsächlich einem wahnsinnig gewordenen Realitätsprinzip unterworfen ist. Obwohl unsere Verhältnisse aus menschlichen Handlungen resultieren, sind sie die Menschen nicht Herr ihrer Lage.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich diejenige Vernunft, an die sämtliche moderne emanzipierte denkerische Modelle appellieren, nämlich die des demokratischen, klassisch republikanischen Rechtsstaats, eines Gemeinwesens, welches in freier Vereinbarung sich selbst die Regeln gibt. Diese Idee von demokratischer Souveränität kommt ohne Vernunft nicht aus. Diese Art von Vernunft wird aber wiederum gewissermaßen gegen die sozialen Tatsachen normativ behauptet.

Das ist überhaupt die Eigenart aller vernunftrechtlich argumentierender Positionen seit Kant: Man behauptet ja nicht, der Mensch sei gut, sondern versucht Axiome und Kriterien zu ergründen, aus denen wir vernünftige Verfahren der Entscheidungsfindung entwickeln können. Adorno möchte hier also die Vernunft retten.

Die andere Seite, das Hedonistische, das Freie, kommt hingegen in seinem ästhetischen Denken zu tragen: Dieser Bereich soll ja gerade nicht vernünftig geregelt werden, sondern nur die äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere die Ökonomien. Alles was mit unseren ethischen, ästhetischen und feinsinnigen Strömungen als Menschen zu tun hat, alle Sinnenpotentiale sollen nicht verrechtlicht und kollektiv geregelt werden, sondern idiosynkratisch dem Einzelnen überlassen bleiben.

Deshalb ist bei Adorno der Bereich des Ästhetischen, des Funktionslosen, etwas das in sich selbst seine eigene Berechtigung hat, so wichtig. Hier gilt das Primat des Besonderen: Der Mensch ist kein Mittel zum Zweck, auch nicht zum Aufbau einer höheren Form von Gesellschaft, sondern ein radikaler, irreduzibler Selbstwert.

Man hat also hier zwei Ebenen: Zum einen eine Ethik des Besonderen, den irreduziblen Wert des Einzelnen und auf der anderen Seite eine eher kollektiv-demokratische grundrechtliche, soziale Doktrin, die versucht, gesellschaftliche Verhältnisse zu bändigen.

Alles richtig – aber wo ist das widersprüchlich? Ich sehe den Widerspruch einfach nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen. Wo soll sich Baudelaire-Lesen und Bordeaux-Saufen denn mit Antirassismus beißen? Ist nicht vielmehr die Suggestion, hier läge ein Widerspruch vor, eine der großen blinden Flecke linken Denkens? Hirsch sagt es ja selber: Zwei Ebenen – eben! Die der sozialen Gerechtigkeit und die der persönlichen, individuellen Lebenswelt, die jeweils nicht aufeinander reduzierbar sind und deswegen auch nicht aufeinander reduziert werden sollten. Wer es dennoch versucht, etabliert entweder eine neostalinistische Trischta, die linke Sauberkeitserziehung, den „linken Rohrstock“ (Rühmkorf), oder das ironische Beliebigkeitsgetründel jener Typen, denen man irgendwann einmal erlaubt hat, 2 Seiten Derrida zu lesen.

Ceterum censeo: Der Satz „Das Politische ist privat und das Private politisch“ ist die große linke Grunddummheit…und zwar, historisch betrachtet, letztlich spätestens seit 1789.

Großerzählungen und anderes

Dank User(in?) „kalo“ habe ich Seeßlens Beitrag gelesen:

Ich bin gespalten. Ich wünsche mir keine Rückkehr der Sauertöpfe und der Rechthaber, schon gar keine der Stalinisten und Seminaristen. Zu Recht misstraut die Kultur des Unernstes den großen Welterzählungen und heroischen Mythen der Geschichte, zu Recht misstraut sie Lösungen, Modellen, Projektionen, Helden und Vordenkern; zu Unrecht aber glaubt sie, man könne sich durch Ironie, Moderation und Distanz von der Verantwortung für den Lauf der Dinge befreien. Zu Unrecht glaubt sie an eine Möglichkeit, sich rauszuhalten und trotzdem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kultur von Abklärung und Unernst, den Mächtigen sei am besten mit taktischer Nachgiebigkeit und einem Hauch von Subversion zu begegnen.

Schwierig. Weder das – sorry! – Petra Kellysche Dauerleiden an der Welt noch der totale Unernst, dessen billig herbeidesignte Ironie sich mit Souveränität und Welthaltigkeit verwechselt, haben mir je etwas sagen können. Die Welt befindet sich nicht nur wie seit eh in einem desolaten Zustand, sondern seit einigen Jahrzehnten dank fortgeschrittener Kommunikationsmittel auch in einem Zustand, der bis ins Kleinste bekannt ist – niemand kann sich auf Nicht-Wissen herausreden – und dem seit einigen Jahrzehnten auch problemlos abgeholfen werden könnte. Aber der Meinungstrubel diskutiert gleichberechtigt über den Welthunger, Bibis Wimperntusche, das Wembley-Tor und Veggie-Days. Dieses völlige Abhanden Kommen von Maßstäben, die Gleichgültigkeit, die sich einstellt, sobald die Diskurskarawane weitergezogen ist und die Agenda von Waffenhandel zu Veganismus umgeswitcht wurde macht mich seit eh ratlos.

Den großen Erzählungen habe ich immer misstraut – aber ist Schopenhauers neminem laede, sind die basalsten, ganz präpolitischen Basics des Menschenanstands eine „große Erzählung“? Ist „niemand darf hungern, niemand getötet oder gar gefoltert werden, es darf keine Lager geben“ – sind das „große Erzählungen“? Widersprechen sie ihnen nicht eher?

Es war das basale neminem laede, was mich die Linke immer auch ein bißchen auf Distanz halten ließ. („Ich bin Linker, wenn es um Hunger und Waffenhandel geht, kein Linker, wenn es darum zu tun ist, Abweichler unter die Ideologie-Stiefel zu nehmen.“) Es war das neminem laede, was mich das freudlose Dauerleiden an der Welt verabschieden ließ (meine Schultern sind nicht breit genug, alles Weh der Welt zu tragen – niemand kann das leisten. Im Übrigen gibt es ein Leben vor der Revolution und das Recht auf Glück in ihm.) Und es war eben dieses neminem laede, weswegen ich auch die heilige Dauerironie der 90er Jahre sofort blockte – eine ironische Distanz, die nach meinen Erfahrungen viel mit Unterwerfung zu tun hat und dann ganz folgerichtig mit rattenhafter Wut verteidigt wird. „Ohnmacht als ideologischer Lustgewinn“ diagnostizierte Moshe Zuckermann der Postmoderne, besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Und auch, wenn einige jetzt aufheulen werden vor Empörung: Das gilt selbstverständlich auch für Judith Butler, die, intellektuell wenig interessant, alten Wein in alte Schläuche füllt und sich zum dernier crie ausrufen lässt. Ja, ich halte die Gendertröten für affirmativ  (um einmal ein gutes, altes 68er Wort zu rehabilitieren). Und ja, ich halte den politischen Part der 68er selbst auch für ziemlich durchgeknallt in seinem Trischta-Totalitarismus. (Andersch als Alt-Linker notierte damals über die Kunstfeindlichkeit der 68er: Wer sich keine Geschichten vom Menschen anhören möge, sei ihm verdächtig.) Und ja, ich halte meine Position für konsistent.

Eine Welt, die Bibis Wimperntusche (nein, es geht nicht um den belanglosen menschlichen Wirklichkeitsfall „Bibi“) mit demselben Ernst oder Unernst diskutiert wie den Hunger – eine solche Welt ist am Ende, richtig. Eine Welt, die eher eine herbeibehauptete Mikrogewalt problematisiert, sich eher an der Frauenquote in DAX-Vorständen abarbeitet, eher einer hoch problematischen Mrs. Sulkowicz Preise verleiht, als sich um die sehr realen Opfer der Grenzkriege zu kümmern, die das Imperium am neuen Limes führt, ist es aber ebenso. Ich unterstelle da Feigheit. Denn sich mit Rheinmetall anlegen würde ja kosten. 11jährigen Jungs verbeamtet ein selbstkritisches Verhältnis zum eigenen Geschlecht abfordern bzw Bibis belangloses Getründel als lustvollen Beitrag zur Seins-Kritik abfeiern oder Mrs. Sulkowicz zujubeln ist hingegen jeweils ziemlich kostenbefreit…

Autobiographisch argumentiert: Seit ich mit etwa 16 begann, politisch zu denken, seit dem Sammelband „Cheschahshit“, seit Costa-Gavras „Missing“, seit „Under Fire“, seit den einschlägigen rororo-aktuell-Bänden und (und!) seit Kunzes ‚wunderbaren Jahren‘, Solschenyzins ‚Archipel GuLaG‘ gilt für mich die Faustregel: Wer ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit und zum neminem laede pflegt, lügt, und zwar zuinnerst! Auf den Punkt gebracht: Die ganze verfluchte Ticket-Reiterei ist eine einzige Lüge. Diese Faustregel gilt bis heute. Privat-persönlich bin ich frei floatender Ästhet – politisch ist das neminem laede mein Lakmustest. Und nachdem so gut wie alle, um nicht zu sagen alle politischen Konzepte gescheitert sind, frage ich mich, ob meine Reduzierung politischen Denkens auf den präpolitischen, schlichten Menschenanstand wirklich so naiv ist, wie er klingt. Jedenfalls kann ich meine damalige Ratlosigkeit nicht vergessen und will auch nicht. Es ist über 30 Jahre her, als ich zum ersten Mal wahrnahm: In Afrika werden Menschen mit Füssen getreten, in Lateinamerika werden sie es, im Ostblock, und letztlich in meinem eigenen damaligen Land (BRD) ebenso. Die Ausmaße mögen unterschiedlich sein, aber getreten wird überall und darf nirgends. So meine damalige Haltung; ich bin heute noch versoffener, entgleister Schillerianer und möchte nichts anderes sein. „Philosophischer“ gesagt: Das neminem laede ist bewusst undialektisch, bewusst starr zu halten.

Es ist gut, um auf den verlinkten Artikel Seeßlens zurück zu kommen, dass ein Linker, ohne penetrantes Renegatentum a la Glucksmann, auf die französische Revolution aufmerksam macht. Denn natürlich war und ist das Scheitern dessen, was wir einmal sehr grob „die Linke“ nennen können, seit der französischen Revolution, seit Robespierre, evident. Und auch der Grund für das Scheitern ist es seit eh: Weil eine Revolution den „neuen“ Menschen erfordert und überall nur „alte“ antrifft, mit allen Verbiegungen und Brüchen, die Menschen, die in Hierarchien aufgewachsen sind, nun einmal eignen. Wir haben derzeit sowieso keine revolutionäre Situation; dafür geht es den Menschen in den Machtzentren dieser Welt schlicht zu gut. Ich weiß aber nicht einmal, ob ich eine Revolution wollte. In einer Revolution wird der Aushub hervorgespült. Eine Revolution muss an Gewaltinstinkte appellieren – ohne Gewalt, schon die französische Revolution zeigt es, werden die alten Herren nicht gehen. An Gewaltinstinkte appellieren aber bedeutet, den Impetus einer Revolution – dass der Mensch aufhöre, ein geknechtetes, verächtliches Wesen zu sein – von vorneherein ad absurdum zu führen. Mir graut vor der gegenwärtigen Welt. Sie hätte eine Revolution wahrlich nötig. Mir graut aber auch vor dem „Gesetz gegen die Verdächtigen“ vom 17. September 1793. Auswege aus diesem Zirkel sehe ich Stand jetzt nirgends.

 

(diverse stilistische updates, 29.12.2015)

Burks über Genderismus

Kann ich fast alles unterschreiben. Allerdings mit einer wichtigen Ausnahme:

By the way: Die zentrale Idee der Gender Studies, dass “Geschlecht” ein kulturelles Konstrukt sei, ist sicher richtig.

Nein, sondern Geschlechterrollen sind kulturell konstruiert. Die zweigeschlechtliche Fortpflanzung durchzieht nun einmal die gesamte Natur höherer Wirbeltiere, zu denen wir auch gehören. Das ist, ich kann nichts dafür, die biologisch-materielle Basis des Menschengeschlechts, und die Aggressionen, die man hervorruft, wenn man diese basale Tatsache und Trivialität ganz wertfrei erwähnt, ist entlarvend. Kommen dann Zusätze wie etwa „Und deswegen ist die Heterosexualität auch das Natürliche…“ oder „Und deswegen muss die Frau auch zu Hause bleiben…“, dann immer gib ihm Kante. Das wäre dann in der Tat der argumentativ unzulässige Übergang zur Geschlechterrolle, eine unzulässige Naturalisierung. Homosexualität ist, indem sie ist, so natürlich wie Heterosexualität (oder so „natürlich“, denn was am Menschen ist eigentlich noch „natürlich“?), und wer etwas anderes behauptet, sollte sich überlegen, ob es wirklich eine so gute Idee war, das Proseminar „Einführung in die Begriffsanalyse und Logik“ zu schwänzen. Aber die schiere biologisch-materielle Basis des Menschengeschlechts – nichts sonst – ist schlicht so, wie sie ist. Aus ihr folgt nichts (jedenfalls nichts, was Sollens-Sätze impliziert – allein schon des Humeschen Gesetzes wegen nicht); wenn jedoch eine geisteswissenschaftliche Theorie diese basalen Fakten rundweg bestreitet, muss die Theorie sich fragen lassen, was an ihren Prämissen oder gar Axiomen falsch sein könnte.

Ich würde den Kampf gegen den Genderismus auch nicht so schrill führen wie Kutschera, aber logischen Unfug sollte man schon logischen Unfug nennen.

Herrenvolk voller Untertanen

Die sozialwissenschaftliche Diskussion um Nationalismus und Rassismus in unserer Gesellschaft hat ihre Zielgruppe gefunden: Es sind die rechtsextremen männlichen Jugendlichen, um die die wesentlichen Analysen kreisen. Das ist für mich bis zu einem gewissen Grad ein Ablenkungsmanöver. In der Konzentration auf diese Gruppen wird verschleiert, daß wir alle in einer rassistischen Gesellschaft leben, d.h. daß sich der Reichtum unserer Gesellschaft auf die Ausbeutung von Menschen aus andern Ländern stützt und zur Legitimation dieser Ausbeutung diese Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden.

Mit diesen Analysen wird der Blick verstellt, daß Rechte wie Linke, Konservative wie Liberale, Feministinnen wie Umweltschützer, Mächtige wie Machtlose rassistisch orientiert sind, wenn sie in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind und nicht gelernt haben sich bewußt davon zu distanzieren. Auf diese Tatsache zielt der Begriff der Dominanzkultur ab.
(…)
Alles Fremdartige wird im allgemeinen in unserer Gesellschaft als Provokation empfunden, als Herausforderung der eigenen Identität, faszinierend und Angst-machend zugleich. Um die Spannung zwischen Selbst und Fremden zu lösen, gibt es die Möglichkeit, das Fremde qua Bemächtigung auszuschalten oder so weit an die eigenen Vorstellungen zu assimilieren, bis das Fremde in der Anpassung verschwindet. Es gibt die Möglichkeit, sich dem Fremden zu unterwerfen und seine Eigenart aufzugeben. Und schließlich gibt es die Möglichkeit, das Andere in der Gegenseitigkeit als Anderes anzuerkennen und damit auch die Grenzen des eigenen Selbst.

Hans Jonas (1984) hat die Konfliktlösung qua Domianzverhalten als ‚Alexandersyndrom‘ beschrieben: Jede Grenze zu einem neuen Land, zu einem unbekannten Territorium war für Alexander den Großen Provokation genug, um es unterwerfen zu müssen. Er war getrieben, alles Neue sich und seinem Reich einzuverleiben.

Dies Konfliktlösungsmuster, der Umgang mit Andersartigem als etwas zu Unterwerfendem, hat in unserer Gesellschaft eine elementare Quelle im Umgang mit dem Geschlechtsunterschied. Die Differenz der Geschlechter ist die erste Begegnung mit einer prinzipiellen Andersartigkeit von Menschen. Die Sozialisation lehrt die Jungen mithilfe aggressiver Selbstbehauptung und Abwertung des Weiblichen ihre Männlichkeit zu beweisen. Mädchen hingegen müssen ihre Weiblichkeit in Form von Friedlichkeit, Fürsorgeverhalten und Selbstentwertung entwickeln. Beide lernen so mit einem Unterschied qua Hierarchisierung umzugehen, qua Dominanz resp. Unterwerfung. Die Hierarchisierung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen bestätigt diese Grundmuster immer wieder aufs Neue. Das bedeutet nicht, daß Frauen immer unterwerfend reagieren und Männer dominant, sondern

a) daß beide qua Hierarchisierung Konflikte zu lösen lernen. Wer sich unterwirft, der ist auch dominant. Und wer herrscht, ist auch den Herrschenden gegenüber unterwürfig. Heinrich Mann hat diesen Zusammenhang auf den Begriff gebracht, indem er die Deutschen im Kaiserreich als ein ‚Herrenvolk von Untertanen‘ charakterisierte.

Birgit Rommelspacher ist gestorben.

Bersarin über Kunst und Kitsch

Interessant, dass Bersarin, und zwar vom Rezipienten her, die Unterscheidung Kunst/Kitsch rehabilitiert. Und zwar zu Recht rehabilitiert.

Das wird bei der Bedeutungsverschiebung des Begriffs „Romantik“ ganz augenscheinlich. Romantik ist ja der erste große Protest gegen die Moderne, übrigens ein gesamteuropäisch/nordamerikanisches Ereignis, und vor allem ein Protest innerhalb der Moderne, kein bloß retardierendes Moment. Übrigens ist sie, die ja auch in sich sehr widersprüchlich war (der Katholik Brentano ist so gut Romantiker wie der rote Heine) auch dort nicht einfach nur rückständig, wo sie die Rückkehr zu vormodernen Lebenswelten tatsächlich als Therapie andiente. Denn auch Brentano war sich natürlich darüber im Klaren, dass seine Sehnsucht nach dem ‚einfachen Leben‘ nicht nötig wäre, wenn das Leben diese Einfachheit aufwiese.

Soll ich arm mein Elend bauen, / Dann hab Mitleid und gib mehr; / Gib mir kindliches Vertrauen/ Dann wird alles leicht, was schwer. // Aus der Ferne schon gib Winke / Mahnt das Herz in deiner Brust, / Daß ich trinkend nicht ertrinke / Gib mir Innigkeit statt Lust. // Kind, wie auch der Blitz der Wonne / Mich an deiner Brust durchzückt, / Schrei‘ ich doch nach einer Sonne, / Die dein Blick mir hart entrückt (Brentano, Clemens, 7. April 1834, in Brentano, Clemens, Werke, Hg. Friedhelm Kemp, München 1972, Sonderausgabe München 1982, Band I, p. 198-199)

Einfach geht anders…

Indem ich die Romantik auf jenes candle-light-Dinner am See reduziere, das die Konsumenten buchen, weil sie, wie Bersarin richtig und kritisch anmerkt, „ihre Seele baumeln lassen“ und sich wohl auch ein bißchen fitt spritzen wollen für die Verteilungsschlägereien, die am Montag morgen wieder anstehen, bestreite ich alles, was Romantik mitsamt ihrem kritischen Impetus ausmacht. Diese Bedeutungsverschiebung ist in ihrem Ausmaß (und ihrer versteckten Infamie) nur noch mit jener zu vergleichen, die mit dem Begriff Idealismus betrieben wird. Man kann speziell über den deutschen Idealismus von Schiller bis Hegel selbstredend sehr geteilter Meinung sein… Subtile Theorien des Selbst- und damit Weltbewusstseins aber darauf zu reduzieren, „aus Idealismus“ einen Kuchen für eine Wohltätigkeitsveranstaltung gebacken zu haben…darauf muss man erst mal kommen.