Kant aus Angst?

Vielleicht bin ich Kantianer aus Angst – weil ich, gottweißwoher, ein bisschen Bescheid weiß um die Abgründe des Menschengeschlechts, und mir einen Rahmen wünsche. Kant aus Angst – das wäre natürlich (zu so viel Kant-Exegese langt es sogar bei mir) ein schlechter Kantianismus. Aber besser ein schlechter als gar keiner.

Alle Geschichtstheorien, alle Gesellschaftstheorien leiden daran, dass sie in etwas über etwas aussagen wollen – dass ein selbst vergesellschafteter Mensch etwas über die Gesellschaft überhaupt, ein selbst geschichtlich gewachsener und geschichtlich relativer Mensch etwas über die Geschichte überhaupt aussagen will. Kurz: Man sitzt gefangen  im System S1 und will zu objektiven Erkenntnissen über S1 gelangen. Das kann natürlich nicht gutgehen. Hier scheitern Links- wie Rechtshegelianismus, also Marx und Luhmann zugleich.

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Kommentare

  • kalo  On September 29, 2016 at 12:13

    Aber wie sollte Kants Position (oder eine kantische oder kantianische Position) dieser Gebundenheit entkommen?
    Die „Ethik der Pflichtgesinnung“ hat schon sehr viel vom Selbstverständnis des (klein)bürgerlichen Aufsteigers inmitten einer sich eben konstituierenden bürgerlichen Gesellschaft.

    • hf99  On September 30, 2016 at 22:56

      Als ich 1987 mein erstes Studium aufnahm, kamen Linke im bescheidwisserischen gestus an und labelten Kant als analen Zwangscharakter. 2 Jahre später waren diese Linken, die alles wussten und gottseidank nix erreichten, geschichtlich mausetot. Ich empfahl damals schon und empfehle heute der Linken (der ich zT zugehöre, zT nicht): Mal nachdenken, ob der präpolitische Begriff Moral wirklich so unzeitgemäß ist. Polemisch gesagt: Juden vergasen, d a s t u t m a n n i c h t, fast möchte ich sagen: Das gehört sich nicht!, und das sollte doch selbstverständlich sein. Dass diese Selbstverständlichkeit nicht selbstverständlich war, gerade das macht ja den totalen moralischen Zusammenbruch der deutschen Gesellschaft aus. Dass man keine Menschen vergast, darüber muss man doch eigentlich gar nicht reden. Jedes Mal, wenn ich meinen Ekel vor Nazi-Deutschland ausdrücke, schäme ich mich – ich komme mir vor wie jemand, der, Glocken läutend, verkündet, 2 und 2 seien 4 und die Erde keine Scheibe.

      • kalo  On Oktober 1, 2016 at 17:37

        Hm, wenn also die Gegenüberstellung Moral-Gesellschaftstheorie lauten soll, verstehe ich es leider nicht. Das wären doch zwei verschiedene Themen.

        Oder steckt in der Erwähnung dieser besserwisserischen Linken der Hinweis auf Menschen, die glauben ‚transmoralisches‘ Verhalten ließe sich mit einer Gesellschaftstheorie begründen? Aber wie paßte das in diese Gegenüberstellung?

  • ziggev  On Oktober 1, 2016 at 12:11

    warum aber, so frage ich mich, dear Hartmut, so kleinmütig (also ängstlich)? Kant verlässt ja in seiner Moralphilosophie bewusst den lärmenden Markt lebensweltlicher Empirie, um eine Metaphysik der Sitten zu begründen. Er sucht also Prinzipien a priori auf; die Ausformulierung eines „kategorischen Imperativs“ – sowie die Testung desselben in der real world – sind dabei lediglich ein zweiter Schritt.

    Sofern also niemand vor „2+2=5“ (siehe 1984, O´Brian) – wenn also Kant sich nicht irgendwie verrannt haben sollte -, Angst haben müsste – muss sich dann irgendjemand vor 2+2=4 fürchten?

    Hinzukommt, dass Kant in der KpV selber recht ambivalent, mindestens aber deutungswürdig bleibt, wenn es z.B. um Pädagogik, also die Frage, wie mit jungen Straftätern umzugehen sei, geht. Mit anderen Worten: sollte die Testung des KI Imperativs nicht in alles Fällen zu befriedigenden Ergebnissen führen, so ist damit Kant noch lange nicht widerlegt. Niemand muss deshalb seinen Kantianismus aufgeben.

    Denn in eindeutigen Fällen, in denen also niemand die betreffende moralische Forderung anzweifeln würde, geht die „Rechnung“ mit dem KI immer auf.

    Soviel zu einem „schlechten“ Kantianismus und wieweit hier meine Kant-Exegese langt.

    Ich frage mich aber – nach diesen Überlegungen -, ob es sich bei Deinem „schlechten“ Kantianismus um eine solche kantische „Regression“ handelt, wie ich sie oben anzudeuten versucht habe? Wenn ja, woher dann Dein Pessimismus? Bleiben wir kurz bei Kant, hören uns etwas um und bitten Bettina Stangneth – aus aktuellem Anlass – um Auskunsft. Ihr Buch: „Böses Denken“.

    Wenn Bettina Stangneth nämlich im Interview im Freitag vom 5.8.2016 sagt: „Die Wahl der Art des Denkens hat sich auf verheerende Weise als relevant für unsere Orientierung erwiesen. Deshalb braucht es eine Ethik des Denkens und mehr Wissen über gefährliche Denkwege“, dann frage ich mich, ob diese gar nicht so neue Erkenntnis Dir einen solchen Schrecken eingejagt hat, dass Du es – überflüssigerweise – vorziehst, Dich auf jenen „metaphysischen“ Kant der Moralphilosophie zurückzuziehen.

    Frau Stangneth kommt ja von Kant her – und dann zu diesem Ergebnis. Wir hätten dann aber eine etwas seltsame Situation: Aus Angst zu Kant – Weil Kant ! Dabei scheint es jetzt doch so auszusehen (falls wir Stangneth folgen, mit deren Buch mich zu beschäftigen ich mir fest vorgenommen habe), dass wir in der (was Kant betrifft) bequemen Situation sind, das, was ich bisher als Bedingungsvoraussetzung für jede Diskussion über moralische Fragen angesehen habe, nämlich einfach dabei höflich zu bleiben, möglicherweise auf Kant himself zurückbeziehen können. Denn intellektuelle Redlichkeit, das principle of charity, und dergleichen mehr befasste ich bisher unter ebensolche Mahnung zur Höflichkeit.

    Stangneth will uns nun aber nicht (erneut) auf den Kat. Imperativ einschwören, sondern das von ihr inkriminierte „gefährliche Denken“ korrumpiert ihr zufolge unsere Intelligenz und zersetzt selbst unsere Urteilsfähigkeit.

    Wir haben es bei ihr, wie ich es verstehe, nicht mehr mit (wohlfeilen) Warnungen vor „Irrationalität“ zu tun (aus der alles und nichts gefolgert werden kann), und die zu diagnostizieren nicht minder wohlfeil ist. Eine Übung in Bescheidwisserei. Insofern: Pessimismus – o.k. ! Aber „Angst“ ? Wie Du weißt, wächst mit der Gefahr das Rettende auch – also immer schön „höflich“ bleiben … Wir wissen jetzt aber on top auch, warum!

    Beispiel:

    Einige Schwachmaten führten an (ich glaube Dir ja, aber es scheint sich tatsächlich zugetragen zu haben), bei Kant handele es sich um einen „analen Zwangscharakter“. Hat diese Diagnose etwa den Status der Feststellung, er sei Rechts- bzw. Linkshänder? Natürlich nein. Durchschaubarerweise sucht sich dahinter eine moralische Wertung zu verbergen. Indem man dies nicht explizit ausspricht, glaubt man – so scheint es -, sich von der Notwendigkeit, sie zu begründen, enthoben. Weil ich etwas nicht begründe, ist es automatisch nicht hintergehbar! Na wunderbar! Tölpelhaftiger – da bin ich ganz bei Dir – geht es ja nun wirklich nicht mehr.

    Ach, und wie ich lese, hat Bettina Stangneth über Antisemitismus bei Kant geschrieben. Ich vermute daher, bei ihr werden wir eher weniger auf solche Zersetzung der Urteilskraft stoßen.

    • hf99  On Oktober 4, 2016 at 10:10

      Kantianer aus Angst ist in der tat ein Selbstwiderspruch – nichts anderes sage ich ja.

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