VG Wort – update

Obwohl Jan Drees „Deutschlands wohl präzisesten Dialektiker“ konsultiert hat, geraten ihm und Zorn einige Dinge durcheinander. Drees und Zorn haben alle logischen Fäden in der Hand, dröseln sie aber nicht korrekt auf.

Es geht also um die VG Wort, um deren Ausschüttungen, es geht um Verlage und um Urheber. Was ist ein Verlag? Geben wir mit dem späten Wittgenstein einmal einige Beispieldefinitionen, dann sieht man schon, in welche Schwierigkeiten wir geraten. Ein Druckkostenzuschußverlag ist zum Beispiel ein Verlag. Random House mit diversen Erfolgsautoren (=relativ verläßlicher Umsatz) ist einer. Schulbuchverlage (mit relativ sicher planbarem Absatz) sind welche. Und junge, kleine Literaturverlage, die alles auf eigene Rechnung, eigenes Risiko betreiben und junge Autorinnen, junge Autoren fördern sind auch welche. Da haben wir schon mal ein erstes Problem. Ganz offenbar verführt der Begriff Verlag zunächst dazu, scheinbar nicht Vergleichbares zu vergleichen, nicht Identisches ineins zu setzen. Hier will Drees offenbar „differenzieren“. Fragen wir uns aber, ob es so etwas wie eine „Familienähnlichkeit“ zwischen allen Verlagsspielarten gibt: natürlich gibt es sie. Alle Verlage verdienen Geld damit (oder wollen oder müssen das), Literatur an den Mann zu bringen – von der fröhlich-vorhersagbaren Arztschnulze als Heftchenroman bis zur erregenden Neuübersetzung von Proust oder dem mutigen Debut einer Jobberin.

Mit dem Urheber sieht es nicht anders aus. Urheber – Drees zitiert Hagner völlig zu Recht – sind verbeamtete Professoren, deren Schreibarbeit (Forschung und Lehre sind ja ihr Auftrag, dafür werden sie bezahlt) bereits vom Steuerzahler durchfinanziert ist, und die Jungautorin, die sich ihren Erstling erkellnert hat. Kleiner Unterschied!  Aber auch hier gibt es natürlich Überschneidungen: Prof Dr. X und Jungautorin Y haben tatsächlich das jeweilige Werk als sog. geistige Urheber zu verantworten.

Wir bekommen die Sache besser in den Griff, wenn wir untersuchen, warum die VG Wort Geld ausschüttet. Weil ein Urheber ein Werk geschrieben hat? Nein (sonst hätte ich auch gerne ein bißchen Geld, ich schreibe auch ständig Werke, eins nach dem anderen…). Sondern: Weil ein von einen Urheber verfasstest, vom Verlag lektoriertes, veröffentlichtes und beworbenes Werk im Markt einen gewissen Erfolg generieren konnte.

Auf den Punkt gebracht: Joyce ist meinethalben alleiniger Urheber des „Ulysses“ (selbst das kann man mit sehr guten Gründen bestreiten, da der „Ulysses“ ja ohne die lange literarische Tradition Europas nicht denkbar ist, da andere Joyce´  Bildung bezahlt haben, Joyce literarische Diskussionen mit anderen führte etcetc, aber gut). Er ist jedoch allemal und unstreitig nicht der alleinige Urheber des Erfolgs, den der „Ulysses“ im literarischen Feld an den Tag gelegt hat! Dazu braucht es, und zwar essenziell, einen Verlag, eine Publikation, eine Veröffentlichung, und nicht zuletzt Buchhändler, die den Roman bevorraten oder bestellen.

Die Ausschüttung der VG Wort beruht nun, auch das ist unstrittig, auf dem wie auch immer meßbaren Erfolg des Werks am Markt. Das mag man degoutant finden, es ist so. Und insofern ist die bisherige Ausschüttung angemessen gewesen. Denn Urheber im sozialen und kulturellen Sinn, zumindest Urheber des Erfolgs, ist eben nicht nur der Autor.

Nach meinem Dafürhalten liegt der Denkfehler des Gerichts – dem es aber wohl kaum entgehen konnte – im kulturell tief verankerten, fehlerhaften Urheberbegriff, der immer noch nicht über das Originalgenie des deutschen Sturm und Drang hinaus gekommen ist – eine recht dumpfe, idealistisch verbrämte Projektion des Eigentumsbegriffs („ist meins, meins, meins“). Beim Patent- und Markenrecht haben wir eine ähnliche logische Schiefstellung, die gleichfalls unserem fatalen Eigentumsbegriff geschuldet ist und die sich in ganz analogen idealistischen Projektionen vom genialen Daniel Düsentrieb in seiner einsamen Forscherklause ausdrückt. Juristisch war da vielleicht nichts anderes drin, ich werfe das den Richtern gar nicht vor. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihre Argumente mitmachen muss. Hier wäre eine gesetzliche Regelung vonnöten, die berücksichtigt, dass Werke das Ergebnis sozialer Interaktionen sind…und niemals (das galt nicht einmal für Kafkas Werk) in einsamer Klause entstehen.

 

update: mein Freund Matthias Gronemeyer macht mich auf facebook darauf aufmerksam, dass die VG Wort ja sozialverträglich ausschütte, „Erfolg“ es so also nicht treffe. Stimmt natürlich, war ungeschickt ausgedrückt. Am Kern des Arguments – die VG Wort honoriert nicht ein Werk, sondern ein von einem Verlag unter Kosten am Markt platziertes Werk – ändert sich aber nichts. Matthias Gronemeyer möchte sich diesen Mechanismen nicht mehr aussetzen, sondern geht für sein neues Buch „Vögeln – eine Philosophie vom Sex“ neue Wege.

 

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Kommentare

  • Wolfgang  On April 28, 2016 at 16:56

    Solange es immer nur um die „Kohle“ geht mein lieber kommst du mit deinen Vorstellungen vom Eigentumsbegriff (den ich übrigens mit dir teile) nicht in den Genuss von Gesetzesänderungen.

  • Wolf-Dieter  On April 28, 2016 at 22:18

    „Die Ausschüttung der VG Wort beruht nun, auch das ist unstrittig, auf dem wie auch immer meßbaren Erfolg des Werks am Markt.“ – Nö, sie beruht auf einem Vertrag zwischen Autor und VG Wort. Nicht zwischen Verlagen und VG Wort. Der Autor hat das direkte Nutzungsrecht an den Verlag abgetreten, damit ist das Geschäft perfekt und zu Ende, aber nicht die pauschale Vergütung auf Speichermedien.

    Der messbare Erfolg am Markt ist nur Kriterium für Ausschüttungshöhe.

    • hf99  On April 28, 2016 at 22:32

      Ich sagte ja: Juristisch ist das urteil wohl ok so, ich denke auch, dass die Richter (Richterinnen?) sich Mühe gegeben haben. Es geht mir grundlegender darum, den Urheberbegriff zu diskutieren. Wer ist der Urheber eines Werkes, wer ist der Urheber eines ö f f e n t l i c h einsehbaren Werkes? Gibt es Werke ohne Öffentlichkeit? Wer stellt Öffentlichkeit her? Kostet das etwa was? Undsoweiter…

      hG

      • Wolf-Dieter  On April 29, 2016 at 11:31

        Zum Begriff „Urheberschaft“ – läuft in meinem bescheidenen Verständnis hinaus auf Eigenständigkeit, Originalität, Qualität.

        Ein Werk kann zu 95% aus Bezug auf fremde Quellen bestehen: solange es nicht deren Ziele repetiert, sondern eigene Wertung ableitet, ist das Werk eigenständig. Prominentes Beispiel Karl Marx, „Anti-Dühring“, obwohl ohne Dühring Karl Marx niemals diese teilweise großartige Polemik hätte entwickeln können!

      • Wolf-Dieter  On April 29, 2016 at 11:34

        Zum Begriff „öffentlich einsehbar“ – die VG-Wort-Pauschale bezieht sich auf „fair use“ von proprietären Texten, z. B. Fotokopien gekaufter Texte. Ist das nach deinem Verständnis „öffentlich einsehbar“?

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