Herder, Cassirer, Arendt und die Romantik

„Aber ihr (der Romantiker, hf) Nationalismus war nicht von imperialistischer Art. Ihr Sorge war, zu bewahren, nicht zu erobern. Sie versuchten mit der äußersten Anstrengung all ihrer geistigen Kräfte, die Eigenart des deutschen Charakters zu bewahren; aber sie beabsichtigten niemals, ihn anderen Völkern aufzudrängen und aufzuerlegen.

Dies war ein notwendiges Resultat des Ursprungs des deutschen Nationalismus. Dieser Nationalismus war von Herder geschaffen worden – von allen Denkern und Dichtern des achtzehnten Jahrhunderts besaß Herder den schärfsten Sinn und das tiefste Verständnis für Individualität. Dieser Individualismus wurde eine der hervorstechenden und charakteristischten Wesenszüge der romantischen Bewegung. Die Romantiker konnten niemals die besonderen und spezifischen Formen des kulturellen Lebens, Dichtung, Kunst, Religion und Geschichte dem „totalitären Staat“ aufopfern. Sie hatten einen tiefen Respekt für all die unzähligen, feinen Unterschiede, die das Leben der Individuen und der Völker charakterisieren. Diese Unterschiede zu fühlen und sich ihrer zu freuen, mit allen Formen nationalen Lebens zu empfinden, war für sie das eigentliche Ziel und der größte Reiz des historischen Wissens. Der Nationalismus der Romantiker war daher kein bloßer Partikularismus. Er war das gerade Gegenteil. Er war nicht nur mit einem wirklichen Universalismus vereinbar, sondern setzte ihn voraus. Für Herder war jede Nation nur eine individuelle Stimme in einer universalen, allumfassenden Harmonie.“ (Cassirer, Ernst, Der Mythus des Staates, Frankfurt/Main (Fischer) 1985, p. 241-242)

Sehr fein. Auch Cassirer deutet – wie schon Heinrich Heine – Herder letztlich also als Frühromantiker, was m.E. ja auch völlig richtig ist. Ob er der späteren Romantik hier aber nicht doch zuviel zugesteht? Irgendwann schlug der romantische Nationalismus jedenfalls in Gewalt um, und zwar schon recht früh. Diese zunächst verbale Gewalt nahm sich, neben ‚den‘ Franzosen, sehr schnell auch die Juden und (!) die Philister vor. Cassirer ist das wohl entgangen. Es gibt einen verstörenden Text von Achim von Arnim – verstörend deswegen, weil er einerseits seinen wohl allen Ernstes „witzig“ gemeinten Gewaltphantasien hemmungslosen Lauf läßt (man nehme eine Juden, zerstoße ihn, zerreibe ihn im Mörser und erwärme ihn, mit Ätzlauge versetzt, im Tiegel „bis zum Durchglühen“), er andererseits aber formuliert: Man müsse „bedenken, wie unzählige Grausamkeiten unter dem Vorwande des christlichen Glaubens gegen dieses unglückliche Volk verübt worden sind“. Diesen offenkundigen Selbstwiderspruch von Arnims sollen andere erklären; ich kapituliere da. Halten wir fest, dass die Romantik den herderschen Weg früh preis zu geben anfing.

Herders eigene Sicht auf das Judentum geht, wie bereits die junge Hannah Arendt bemerkte, einen völlig anderen Weg. Sie ist nicht unproblematisch, weil sie letztlich, indem die Juden sich „bilden“ (heißt auch: assimilieren) sollen, dafür sorgt, dass diese zu den „Geschichtslosen in der Geschichte“ (Arendt) werden. Die Juden würden somit, so Arendt, dem Nichts gegenüber stehen. Gerade diese Bindungslosigkeit sieht Herder jedoch als große Auszeichnung, als Vorurteilslosigkeit – ein ziemlich moderner Gedanke. Herders Begriffsinstrumentarium hat nicht ausgereicht, ihn vollständig auszumultiplizieren, denn warum sollte die Befreiung von Tradition, also ein distanziertes Verhältnis zu ihr, nur Juden (gezwungenermaßen) möglich sein? Aber für einen 1740 geborenen Intellektuellen sind seine differenzierten Gedanken über das Judentum und seine Geschichte anregend zu lesen. Natürlich enthalten seine Werke, das kann gar nicht anders sein, indiskutable Vorurteile über ‚die‘ Juden (die „Ebräer“), etwa über ihren angeblichen „Wucher“, aber ähnlich wie Dohm führt er diese angeblichen Volkseigenschaften ‚der‘ Juden eben nicht auf angeborene Eigenschaften zurück, sondern analysiert sie geschichtlich. „Witzige“ Judentests a la von Arnim/Brentano finden sich in Herders Werk jedenfalls nicht. Herder hat nicht, wie die Romantiker, explizit gegen die Judenemanzipation argumentiert, sondern für sie. Wenn Himmler in seiner ersten Posener Rede davon spricht, Herder müsse „besoffen“ gewesen sein, als er allen Völkern gleiche Rechte zugestand, ist das kein Zufall.

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Kommentare

  • che2001  On April 13, 2016 at 15:18

    Entscheidend ist: Die deutsche Klassik und frühe Romantik war ohne Rassenbegriff (der fatalerweise u.a. ausgerechnet auf Kant zurückging, der in seinem Lexikon schrieb, auf welche Weise der Schwarze zu peitschen sei). Noch Hegel schrieb, demjenigen, der meinte, aus der Form des Schädels ableiten zu können was für ein Geist darin stecke sei derselbige einzuschlagen. Die Dialektik der Aufklärung schlug mit historischem Fortschreiten auch in diesem Fall leider in eine fatale Richtung um.

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