Der unbekannte Klassiker

herder

(Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Im 26. Humanitätsbrief führt Herder einen Dialog mit einem Kontrahenten. Es geht ganz offenbar um Befreiung, Humanisierung, um die bürgerliche und die Ständegesellschaft – von der Herder wusste, dass sie so nicht mehr länger würde halten können. Und es ging, wenn wir uns die geheime Gesellschaft des Kontrahenten ansehen, gegen die Herder die „Gesellschaft aller denkenden Menschen in allen Weltteilen“ setzt, zweifellos auch um eine vorwegnehmende Antwort an Goethe und dessen vom Freimaurertum inspirierte Turmgesellschaft. Eben jene, die Novalis als „Wallfahrt nach dem Adelsdiplom“ verspotten würde. Goethes Wilhelm Meister erschien 1794/95, als Herders 26ter Brief bereits vorlag; Herder wird aber Auszüge gehört oder gekannt haben, und allemal waren ihm natürlich Goethes und anderer Sympathien für die Freimaurerei geläufig. (Herder selber war in jungen Jahren ebenfalls Freimaurer geworden, aber nie sonderlich engagiert, noch 1803 heißt es in einem Brief ausgerechnet an Schröder: „Mit meiner ganzen Freimaurerei, verehrter Freund (ich muß es bekennen), ist’s nicht weit her. Wenig über 20 Jahre war ich, als ich in Riga die 2. ersten Grade bekam, in der stricten Observanz und (ich kann’s wohl sagen) mit gar keinem Strahl des Lichtes. Seitdem habe ich keine Loge besucht, nie das Zeichen gemacht, selbst Gespräche über die Freimaurerei, wie ich konnte, vermieden. (Mich dünkt, wir haben darüber geredet.)“)

Herders Humanismusbriefe unterlagen einer inneren Vorzensur; größere Teile schrieb er um, entschärfte sie, nachdem in Frankreich der König entmachtet, dann hingerichtet und die Republik ausgerufen wurde. Im ursprünglichen 18. Brief schrieb er, die Republik (also ohne Monarchie) sei die „bessere“ Verfassung für Frankreich. Seine Position auch in den veröffentlichten Humanismusbriefen war dennoch radikal genug, um ihm einiges an Ärger zu verschaffen. Und da Herders „Volksgeist“, aller Bezüge entkleidet, eine unheilvolle Rezeptionsgeschichte zeitigte, sei noch einmal klar gesagt: Herders großes Verdienst ist es, den modernen Kultur-Begriff gleichsam vorab entdeckt zu haben. Kultur ist nicht nur die Oper X, das Drama Y, die Symphonie Z. Kultur hat auch der indigene Stamm A, der mit Pfeil und Bogen jagt (und, nebenbei bemerkt, sich natürlich auch in Kunstwerken ausdrückt). Viel wichtiger: Alle Kulturen sind gleichberechtigt und gleichwertig nach Herder, alle tragen in ihren guten Momenten zur Humanisierung des Menschengeschlechts bei, und alle sind aus sich selbst heraus zu verstehen, zu bewerten. Damit wendet er sich nicht nur gegen Schillers Jenaer Antrittsrede – und zwar zu Recht, wie heute wohl nicht mehr bestritten wird -, sondern er entdeckt en passant auch noch (ein, zwei Generationen vor Ranke) die historistische Grundansicht. Das wird inzwischen von der Kulturwissenschaft auch gesehen – es ist kein Zufall, dass eine der schönsten Einführungen in Herders Werk vom Historiker Michael Maurer stammt (Stichwort: kulturwissenschaftliche Wende in Geschichts- und Literaturwissenschaft). Dennoch bleibt Herder der unbekannte Klassiker, was ich bedaure.

Kleiner Test: Welche Werke Goethes können Sie spontan benennen? Eben! Schiller? Siehste! Shakespeare? Keine Frage! Kant, Aristoteles, Plato? No problem! Kleist, Thomas Mann, Kafka, Joyce, Lessing, Brecht? Es sprudelt sofort! Baudelaire, Poe, Dante? Die Frage ist ein Witz! Und welches Werk Herders? Ich vermute mal, ich habe Sie jetzt erwischt, oder? Ich würde mich freuen, wenn z.B. seine großartigen Humanismusbriefe ab sofort dazu gehörten – am besten im gelesenen Zustand.

Hier also ein Auszug aus dem Gespräch im 26ten Humanismusbrief. Er ist so unfassbar schön, die Trias „Poesie“ (gemeint: Kunst in jeder Hinsicht von Kunst), „Philosophie“ und „Geschichte“ so triftig, dass ich mir sogar Herders argumentative Schwächen gerne gefallen lasse:

Ich: Poesie, Philosophie und Geschichte sind, wie mich dünkt, die drei Lichter, die hierüber Nationen, Sekten und Geschlechter erleuchten: ein heiliges Dreieck! Poesie erhebt den Menschen durch eine angenehme, sinnliche Gegenwart der Dinge über alle jene Trennungen und Einseitigkeiten. Philosophie gibt ihm feste, bleibende Grundsätze darüber, und wenn es ihm nötig ist, wird ihm die Geschichte nähere Maximen nicht versagen.

Er: Ob aber auch diese Grundsätze, diese Maximen und Anschauungen Taten wirkten? Gäbe nicht die Gesellschaft einen Antrieb mehr?

Ich: Ich nehme dir deine eignen Worte aus dem Munde. »Sage mir nichts von der Menge der Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive Kraft gegeben! Die Menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in einer Maschine. Je mehr Räder, desto wandelbarer.«

Er: Und was wäre dein einziger Antrieb?

Ich: Humanität. Gäbe man diesem Begriff alle seine Stärke, zeigte man ihn im ganzen Umfange seiner Wirkungen und legte ihn als Pflicht, als unumgängliche, allgemeine, erste Pflicht sich und andern ans Herz, alle Vorurteile von Staatsinteresse, angeborner Religion und das törichtste Vorurteil unter allen, von Rang und Stande, würden –

Er: Verschwinden? Da irrest du dich sehr.

Ich: Nicht verschwinden, aber gedämpft, eingeschränkt, unschädlich gemacht werden, was deine genannte und vielleicht verdienstvolle Gesellschaft ja auch nur bewirken konnte, wenn sie es bewirken wollte. Weißt du es nicht besser als ich, daß alle dergleichen Siege über das Vorurteil von innen heraus, nicht von außen hinein erfochten werden müssen? Die Denkart macht den Menschen, nicht die Gesellschaft; wo jene da ist, formt und stimmt sich diese von selbst. Setze zwei Menschen von gleichen Grundsätzen zusammen; ohne Griff und Zeichen verstehen sie sich und bauen in stillen Taten den großen, edlen Bau der Humanität fort. Jeder, nachdem er kann, in seiner Lage, praktisch; er freuet sich aber auch am Werk andrer Hände, weil er überzeugt ist, daß dies unendliche, unabsehliche Gebäude nur von allen Händen vollführt werden kann, daß alle Zeiten, alle Beziehungen dazu erfordert werden, mithin ein jeder einen jeden nicht einmal kennen darf, kennen soll, geschweige, daß er ihn durch Eidschwüre, durch Gesetze und Symbole bände.

Er: Du bist auf dem rechten Wege; auf ihm gibt es freie Arbeit. Kein wahres Licht läßt sich verbergen, wenn man es auch verbergen wollte; und das reinste Licht sucht man nicht eben in den Grüften.

Ich: Alle solche Symbole mögen einst gut und notwendig gewesen sein; sie sind aber, wie mich dünkt, nicht mehr für unsre Zeiten. Für unsre Zeiten ist gerade das Gegenteil ihrer Methode nötig, reine, helle, offenbare Wahrheit.

Er: Ich wünsche dir Glück. Glaubst du aber nicht, daß man auch dem Wort Humanität einen Fleck anhängen werde?

Ich: Das wäre sehr inhuman. Wir sind nichts als Menschen; sei du der Erste unsrer Gesellschaft.“

Immer wieder erliegt Herder dieser naiven Hoffnung – damit war und ist er jedoch nicht allein, noch Brecht schrieb „Reden erst die Völker selber / werden sie schnell einig sein“. Herder destruiert die Metaphysik, indem er sie historisch und kulturell relativiert, scheut sich aber – wer will es einem 1744 geborenen vorwerfen – , die Bilanz zu ziehen.

Im 29. Humanitätsbrief nähert er sich regelrecht Kant an – Zitat:

„Der Mensch hat einen Willen, er ist des Gesetzes fähig; seine Vernunft ist ihm Gesetz. Ein heiliges, unverbrüchliches Gesetz, dem er sich nie entziehen darf, dem er sich nie entziehen soll.“

um ihn aber sogleich wieder zu verlassen (ungekürzte Fortsetzung):

„Er ist nicht etwa nur ein mechanisches Glied der Naturkette, sondern der Geist, der die Natur beherrscht (meine Hervorhebung, hf), ist teilweise in ihm. Jener soll er folgen; die Dinge um ihn her, insonderheit seine eigne Handlungen, soll er dellt allgemeinen Principium der Welt gemäß anordnen. Hierin ist er keinem Zwange unterworfen, ja er ist keines Zwanges fähig. Er kostituieret sich selbst; er konstituiert mit andern ihm Gleichgesinnten nach heiligen, unverbrüchlichen Gesetzen eine Gesellschaft. Nach solchen ist er Freund, Bürger, Ehemann, Vater, Mitbürger endlich der großen Stadt Gottes auf Erden, die nur ein Gesetz, ein Dämon, der Geist einer allgemeinen Vernunft und Humanität beherrschet, ordnet, lenket.“

Kurzum: Kants Vernunft, pantheistisch verdorben. Die freie Entscheidung pro Moral, pro Humanität wird reduziert auf einen Dämon, der uns klandestin lenkt. Bin ich böse, wenn ich sage, dass er der Geheimgesellschaft, der er oben so deutlich und gut begründet sein „Nein“ zustellte, hier eine Hintertreppe eröffnet?

Herder war Christ, zumindest öffentlich, war es wohl auch privat so halb und halb, hat aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Mensch nie für die Religion, die Religion immer für den Menschen da zu sein hat. Damit hat Herder de facto – öffentlich konnte er das so damals nicht sagen – das Christentum relativiert: Über dem Christentum steht die Humanität. Auf nichts anderes laufen seine Kultur- und Geschichtsbegriffe hinaus. (Streng genommen – aber was heißt hier streng genommen? – war er damit natürlich kein Christ mehr.)

Herders Humanitätsbegriff ist dynamisch und statisch zugleich: Jede menschliche Gemeinschaft entwickelt eine Kultur, die dann dynamisch zur Entwicklung der statischen allgemeinen Humanität beiträgt… Anklänge an Hegels Geschichtsdialektik sind vorhanden. Wobei ich, ich tippe es, vor Kühnheit zitternd, Herder bevorzuge. Denn Herders offener Humanitätsbegriff (Herder wusste immer, dass die Humanisierung des Menschengeschlechts fehl gehen kann!) erlaubte es ihm, moralisch zu argumentieren.

Jean Paul notierte über Herder, er sei kein Stern erster oder sonstiger Größe gewesen, sondern ein Bündel von Sternen. Da Herder zugleich seinen inneren Kompaß namens Humanität nie preis gab, ist das im postmodernen Jahr des verstorbenen Christenherrn 2016 eigentlich das Beste, was man über Herder sagen kann.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: