Sascha Lobo

Ich bin auch diesmal fast kritiklos einverstanden; übrigens wundert mich das alles natürlich gar nicht. Schon vor Jahren notierte ich: Wie plausibel sei es angesichts der totalen Überwachung eigentlich, dass sich das Terror-Trio NSU über ein Jahrzehnt unerkannt in Deutschland habe halten können; Fehmarnurlaub vom Morden inklusive…

Nur der erste Absatz widerspricht dem Rest des Textes:

Ja. Es gibt einen mörderischen, islamistischen Faschismus in Europa. Die gefährlichste Antwort darauf ist ein europäischer Gegenfaschismus. Die zweitgefährlichste Antwort ist die Verharmlosung oder gar Leugnung des islamistischen Faschismus.

Wie Lobo ja selber schreibt, zutreffend schreibt: Die Mehrheit der Attentäter ist vorher als Gewalttäter aufgefallen, war vorher im kriminellen Millieu beheimatet, also: Drogen nehmen, Drogen dealen, Gewaltinkasso, Diebstahl, Hehlerei, ggfls Zuhälterei, illegale Pornos gucken, halt der ganze Trara. Einen ideologisch durchgestylten und vollends aufmunitionierten Islamisten stell zumindest ich mir anders vor.

Natürlich gibt es Islamismus und Islamisten, natürlich gibt es islam-Faschismus; no doubts about that. Nur: Wie Ernst nehmen die sich selber? Die Führungsebene des IS? Ehemalige Täusch- und Tarnexperten Saddams; mehr oder weniger dessen Geheimdienst. (Die Baath-Partei war eine krude Mixtur aus „arabischem Sozialismus“ inklusive Bodenreform und Frauenentschleierung plus massiv ausgelebter Gewalt gegen deren Gegner. Als „Saddam“ in den 80ern gegen die Mullahs in Teheran militärisch vorging – trotz westlicher Hilfe nicht sehr erfolgreich übrigens -, galt noch: He is a son-of-a-bitch, but he’s our son-of-a-bitch) Ihre europäischen Handlanger: Kleinkriminelle mit Hang zur Gewalt, nicht zuletzt gegen sich selbst. Im Grunde sind alle Terroranschläge der letzten Jahre, Jahrzehnte, kriminologisch gedeutet, Amokläufe, hate crimes. (In gewisser Weise gilt das für alle Terroranschläge, die nicht ein bestimmtes politisches Ziel – König X, Ministerpräsident Y – treffen wollen, sondern Zufallsopfer aus der Bevölkerung.)

Im letzten Absatz landet Lobo dann einen Volltreffer. Zumindest fast:

Absurditäten des Überwachungszeitalters: Nie war Untertauchen leichter, dank strukturellen Staatsversagens. Man muss sich noch nicht einmal die unfassbare, schmerzhaft verstörende Geschichte der behördlichen Verstrickung beim Terror des NSU ansehen (wo absolut zufälligerweise kürzlich der fünfte mögliche Zeuge in Folge in jungem Alter zu Tode kam), um zu resignieren. Man muss nicht einmal Verschwörungstheorien bemühen, um zu schreien ohne Unterlass. Es reicht schon zu wissen, dass – während anlasslos immer mehr überwacht werden soll – längst bekannte Gefährder unterüberwacht werden. Oder nicht verhaftet. Der islamistische Faschismus bedankt sich herzlich.

Ja, eben. Eben. Eben! Das kritische Bewusstsein will keiner VT erliegen – und ständig kommt die Realität daher und zwingt einen fast schon, eine ‚Strategie der Spannung‘ durch klandestine Dienste annehmen zu müssen. Zumal, Ganser hin, Ganser her, Strategien der Spannung immer schon verfolgt wurden. Etwa durch Metternich. Daniele Gansers Ansatz ist ja nicht völlig außerhalb der Welt. Was ich, im Gegensatz wohl zu Ganser, allerdings nicht glaube: Dass hier der allwissende Betrachter eiskalt und gleichsam wider besseres Wissen eine Agenda durchzockt. Das mag es bei Totalzynikern im Einzelfall gegeben haben und geben – ein gewisser Zynismus ist ja Einstellungsvoraussetzung bei Geheimdienstlern -, dürfte aber nicht die Regel sein. Auch Geheimdienstler sind Menschen, die sich ihr Tun überwiegend als sinnvoll einreden müssen. Und auch Metternich hat, ganz genau wissen wir es nicht, subjektiv wohl völlig ehrlich an eine Bedrohung durch eine bundesweite Verschwörung geglaubt.

Habe ich einen Gegner aber erst einmal dämonisiert, ist das Kind im Brunnen. „Der signalisiert Friedensbereitschaft? Lüge! Zockertrick!“- eine Übertragungsneurose, wenn es je eine gab. Dagegen ist dann kein Anreden mehr, denn mein Anreden wäre dann auch bloß ein „Zockertrick“. Haben beide Seiten den jeweils anderen derart dämonisiert – im Nah-Ost-Konflikt ist das ersichtlich der Fall -, wird es fast hoffnungslos.

Was tun? (frug Lenin und gab die falsche Antwort) Natürlich deeskalieren, wo immer es geht. Viel grundlegender: Sich diese fatalen Mechanismen klar machen. Konsequent Kollektivzuschreibungen abwehren (eine der wichtigsten Faustregeln des Menschenanstands). Konsequent den Anderen als Menschen sehen (die allerwichtigste…). Das wird beim ökonomisch-soziologisch-politisch-dialektisch geschulten linken Denken auf Gekicher stoßen; ich weiß. Und beim konservativ-organisch-historistisch-hermeneutischen auf Verachtung. Dann sei es jeweils so.

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Kommentare

  • Wolfgang  On März 31, 2016 at 11:45

    Dazu auch der Text auf den Nachdenkseiten.de, „Tschäpes Flucht…“ Und, ob Lenin wirklich die „falsche Antwort“ gegeben hat bezweifle ich heftig. Und über die Umsetzung lässt sich Jahre streiten. Ich jedenfalls sehe, was ich heute sehe und höre und lese und kann mit kotzen nicht aufhören.

  • Wolfgang  On März 31, 2016 at 11:47

    Übrigens sollte das T ein Z sein, ist hier aber auch wurscht.

  • Publicviewer  On März 31, 2016 at 13:06

    Die Agenda heißt Wachstum und Profit!
    Nur gibt es noch intern Streit um die genaue Umsetzung durch die verschiedenen Fraktionen

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