Unruhe, Brüssel

Soll man zur Ruhe aufrufen? Nein. Massenmord kann niemanden ruhig lassen. Zur Wut? Natürlich nicht. Wut berät einen immer schlecht. Zur Analyse? Ja, nur weiß ich dafür zu wenig. Versuchen wir es mal:

Die Führungsspitze des IS, sofern die öffentlich zugänglichen Informationen stimmen, besteht aus ehemaligen Geheimdienstoffizieren des Irak, also aus ehemaligen Mitgliedern der Baath-Partei Sadam Husseins; eine weltliche Orga, eine krude Mischung aus Panarabismus und einem „arabischen Sozialismus“, was immer das sei oder war. Bodenreform, Frauenbefreiung, Alphabetisierung verbanden sich im Irak Husseins mit erbarmungsloser Jagd auf alle innenpolitischen Gegner. (Sehr guter Standard-Artikel über die Hintergründe.) Gleichviel: Mit dem religiösen Background des IS dürfte es nicht weit her sein – wir haben es hier nicht  mit religiösen Fanatikern zu tun, sondern mit ehemals säkular orientierten Geheimdienstoffizieren, also mit geschulten, eiskalten Technikern der Macht, die genau wissen, wo die Schwachstellen des ‚Feindes‘ sind und wie man sie attackieren kann. Haben sie selber ein ideologisches Anliegen? Oder ist ihr Terror eher ein Geschäftsmodell, einfach der Job, den sie gelernt haben? So oder so: Mit „dem“ Islam, den es so nicht gibt, hat der IS nichts zu tun, er ist eine durch und durch moderne Veranstaltung. Wer jetzt über Karl Martell und Poitiers fantasiert, ist nicht ganz bei Troste.

Ob das IS-Fußvolk dem religiösen Brimborium glaubt, das man ihm andient, müsste im Einzelfall untersucht werden. Wenn die Vorgeschichte diverser Paris-Attentäter zutrifft – kleinkriminelles Millieu, Drogen, Hehlerware usf -, ergeben sich einige Fragen. Gebündelt lauten sie: Warum ist jemand, der, wie etwa Abaaoud, sogar auf einem ‚gutbürgerlichen‘ Gymnasium zur Schule ging, dort sehr angelegentlich  mit ‚Ungläubigen‘ kickte und auch sonstens integriert war, bereit, sein Leben rauschhaft zu beenden, es einer hanebüchenen Ideologie zu opfern? Wo war der Bruch bei dieser gescheiterten Existenz?

Viel weniger ideologisch bestimmt, als sie gedacht habe, notierte Hannah Arendt über Eichmann, und auch, wenn das auf die individuelle Person Eichmanns wohl nicht zutraf (Bettina Stangneth): Arendt hat hier eine Beobachtung gemacht, die den modernen Menschen überall betrifft. Wo ich ideologisch andocke, scheint bei destruktiven Menschen, denen der Kompaß abhanden kam, weit weniger wichtig, als dass ich nur überhaupt irgendwo dort andocke, wo ich meine Destruktivität ausleben kann.

„weniger Vernunft“ fordert Matthias Gronemeyer, und das ist schon mal ein guter Anfang.

Was also tun?

Gar nichts. Sich unbeeindruckt zeigen. Kein „Je suis Bruxelles“, keine Sondersendungen (irreal, ich weiß), nirgends. Zukünftige Terroristen sollen wissen, dass man sich nicht für sie interessieren wird. Keine der von ihnen vorab herbeifantasierten Schlagzeilen sollte es geben, nichts.

Der nächste Anschlag wird kommen; irgendwann wird es auch Deutschland treffen, da mache man sich nichts vor. 3, 4 halbwegs unterwiesene, entschlossene Täter reichen aus. Ich bin nicht bereit, die mir von ihnen zugewiesene Rolle zu spielen. Matthias Gronemeyer: „Und es wäre nach den Anschlägen von Paris wohl vernünftig, Angst zu haben. Ich habe keine.“

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On März 23, 2016 at 06:26

    Die Logistik des IS wies immer auf einen militärischen Ursprung hin. Für mich blieb er auch immer eine „Truppe“. Das Fußvolk aus Molenbeek – auffällig diese lokale Konzentration, ich dacht es liegt ein international vernetzter Dschihadismus vor? – das Fußvolk von dort also dürfte die üblich soziale Zurücksetzung erfahren und dann entsprechend „gehandelt“ haben. Religion? ja, auch. Religiöse Fanatiker sind „unsere“ Leute, deutsche Salafistenprediger, die sich auch aus Gewaltverherlichung dem Islam gegenüber verführbar zeigten, Herr Vogel zum Beispiel.
    Wer hier die Weltanschauungstrommel rührt – freies Abendland gegen unterdrückenden Islam – ist in der Tat reif für eine eigene Ideologie. Und hat sie eigentlich schon in sich.
    Ich jedenfalls lasse mich auf dieses Gleis nicht setzen.

  • Wolfgang  On März 23, 2016 at 10:05

    Wenn es denn so ist, wie du annimmst, Hartmut. Interessant in diesem Zusammenhang auch das Essay von Kennedy auf den Nachdenkseiten.de und mitleiweile auch anderswo. Da steckt soviel drinn, das es einem schwindlig werden kann.

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