Vor 100 Jahren: Verdun

Vor einhundert Jahren begann das, was man im engeren Sinn die „Schlacht von Verdun“ nennen kann. Dabei ist der Begriff Schlacht im Stellungskrieg nicht fest zu umreißen. In klassischen Kriegen mit beweglichen Heeren gab es noch eindeutige Schlachten – trafen die beiden Heere aufeinander, lieferten sie sich halt eine Schlacht (oder auch nicht). Der 21. Februar 1916 mag mit dem Beginn des Beschußes durch die deutsche Artillerie noch feststehen – wann sie endete, ist schon weniger klar. Die Deutschen brachen die Schlacht im August ab – die Soldaten wurden an der Somme und im Osten gebraucht. Die Franzosen griffen aber im Herbst wiederum an, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen. Im Dezember hatten sie ihr Ziel erreicht; es war mehr oder weniger die Frontlinie vom Februar wieder erreicht. Minus etwa 300.000 Toter und bis zu 400.000 Verwundeter, viele davon dauerhaft geschädigt.

Militärisch war diese Schlacht vorderhand unbedeutend. Sie entschied nichts. Sie fungierte auch nicht als Katalysator – der Übergang Bewegungskrieg/Stellungskrieg vollzog sich im Herbst 1914. Und schon in den Schlachten des Jahres 1914/15 formierte sich die sog. Materialschlacht, mit Trommelfeuer, Giftgaseinsatz und gotweißwas noch. Symbolisch aber gilt Verdun in Frankreich wie in Deutschland als Fixpunkt des Krieges (nicht in England, denn in Verdun kämpften keine Engländer; die Engländer spiegeln den Ersten Weltkrieg in der Somme-Schlacht).

Falkenhayn hat nach dem Krieg behauptet, er habe eine Ausblutungsstrategie verfolgt. Seine angebliche Weihnachtsdenkschrift, von der er nach dem krieg spricht, wurde nie aufgefunden – inzwischen herrscht Konsens, dass sie wohl gar nicht existiert hat. Ob die weitergehende Schlussfolgerung – das Ausbluten sei nicht Falkenhayns wahre Intention gewesen – zutrifft (so etwa Krumeich, 2016), bleibt aber fraglich. Jörn Leonard:

Falkenhayns Entscheidung für einen Angriff bei Verdun beruhte auf der Überlegung, einen symbolisch und strategisch wichtigen Punkt möglichst handstreichartig zu erobern – das Festungswerk von Verdun -, um die Franzosen dann angreifen zu lassen, durch überlegene Verteidigung die eigene Frontlinie zu halten und dem Gegner maximale Verluste zufügen, ihn in seinen Angriffen systematisch abzunutzen.

Die Weihnachtsdenkschrift mit der symptomatischen Metapher des „Verblutens“ war also nicht einfach eine nachträgliche Sinnstiftung in den Memoiren Falkenhayns, verfasst im Wissen um die Opfer und den Ausgang des Krieges. Die Äußerungen Falkenhayns seit dem Spätjahr 1914 legen vielmehr nahe, dass er intensiv nach einem Konzept suchte, um der Gesamtsituation Deutschlands in diesem Krieg gerecht zu werden (Falkenhayn hatte schon seit Ende 1914 klar erkannt, dass es einen klassischen Sieg für Deutschland etwa im Sinne des Schlieffenkonzepts nicht mehr geben könne, hf) und die Realität unmöglich gewordener großer Frontdurchbrüche dabei mit einzubeziehen – so zynisch die Logik der Abnutzung auch sein mochte. (Leonard, Jörn, Die Büchse der Pandora – Geschichte des Ersten Weltkriegs, Bonn (Lizenzausgabe der bpb), 2014, p. 436)

Sei dem wie dem sei – in der Realität dieser Schlacht lief sie auf Abnutzung hinaus. (Übrigens, womit ich Stellungskrieg und Verdun nicht zur Idylle verklären möchte: Die verlustreichsten Monate des Krieges waren die ersten, als ganze Infantrieregimenter noch ohne jede Artillerievorbereitung  in geschlossener Schützenlinie in das feindliche MG und Artillerie-Feuer liefen. Exemplarisch hierzu Langemarck, eine sinnlose und hinterher aufs widerwärtigste und verlogenste verklärte militärische Operation im Rahmen der Ersten Flandernschlacht, die mit einem strategisch wichtigen alliierten Abwehrsieg – „Wettlauf zum Meer“ –  endete.) Wenn es wahr ist, dass Falkenhayn bereits im November 1914 letztlich die Unmöglichkeit eines Sieges erkannt hat – und es ist wohl wahr -, wird man sein Weitermachen letztlich nur als geschlossenes Wahnsystem deuten können – es ist der Wahn derer, die immer größeren Einsatz wagten, längst alles verpfändet haben und jetzt aus dem Pokerspiel nicht mehr aussteigen können. Wobei hier nicht mit dem eigenen Besitz, sondern fremdem Leben gepokert wurde. Tatsächlich war diese Haltung – nach diesen Opfern musste einfach etwas rausspringen (bloß: für wen?) – innerhalb der deutschen Machtelite mit ihren weltfremden und unheilvollen Siegfriedenskonzepten weit verbreitet.

Frage: Sieht es, was die Betriebsblindheit von Militärs und sonstigen Machteliten betrifft, heute anders aus?

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Kommentare

  • Publicviewer  On Februar 24, 2016 at 00:48

    Das ist ein Symptom und gleichzeitig eine Parabel auf den Kapitalismus.

  • summacumlaudeblog  On Februar 24, 2016 at 06:45

    Seinen symbolischen Stellenwert neben der Schlacht an der Marne (die ja eigentlich die Schlacht Paris-Verdun heißen sollte, da sagte Joffre dann nein, er wolle nicht, dass eine Schlacht wie ein Schnellzug heißt) erhielt Verdun AUCH wegen des Renoirfilms la Grand Illusion. Das Ende der Adeligen Vorkriegsgesellschaft. Der Anachronismus von gesellschaftlichen Überzeugungen führt nicht selten zu exzessiver Gewalt. Weil sie sich eben anders nicht mehr oben halten können.
    Mit publicviewers Aussage, die nicht falsch sein muß, kann ich wenig anfangen. Genauso ist Verdun ein Symbol für das ancien Regime oder für den Real existierenden Sozialismus, der ja auch trotz offenkundigen Scheiterns noch Jahrzehnte einfach weiter wurschtelte.

  • altautonomer  On Februar 24, 2016 at 08:56

    „Das Gesicht des Krieges in 100 Jahren – Die Onlinefrage“

    http://quovadisbellum.com/2016/02/23/das-gesicht-des-krieges-in-100-jahren-die-onlinefrage/

    Das idiotische Kontrastprogramm. Mit einer Null weniger würde ich das Ganze ja noch ernst nehmen.

    Gibt es keine anderen großen Probleme?

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