Schützt unsere Frauen und Kinder vor den muslimischen Bestien!

Karolin Schwarz‘ Hoaxmap ist die derzeit wohl mit wichtigsten deutschsprachige Website. Ich wusste ja, dass es schlimm ist, dass seit Monaten plumpe Fälschungen aufgeboten werden, um Flüchtlinge zu kriminalisieren – aber ich kannte das Ausmaß nicht. Wir reden, Stand heute, z. B. von 40 (in Worten: vierzig!) dokumentierten gefakten Vergewaltigungsvorwürfen. Inzwischen dürfen wir als sicher annehmen, dass auch in Köln eine erhebliche Anzahl an Fake-Anzeigen vorliegt; 1.000 Vorfälle können es jedenfalls nicht gewesen sein, das sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen. Warum auch sollten Pegida-nahe Kreise, die ansonsten überall bereit sind, mit Hilfe selbst plumpster Fälschungen Vorwürfe gegen Flüchtlinge zu lancieren, ausgemacht in Köln durch Passivität glänzen? Übrigens: Köln ist Pegida-Hochburg im Westen…

Das eigentlich Verstörende ist die offenkundige Sehnsucht des Publikums nach solchen Nachrichten, seine klammoffene Freude daran. Welche Bedürfnisse werden hier bedient? Freud (auf den in diesem Zusammenhang mich eine gute Freundin aufmerksam machte) spricht von der ‚wahnhaften Umbildung der Realität‘, einer Paranoia, die die Funktionen hat, Glücksversicherung und Leidensschutz zu schaffen (Freud, Sigmund, das Unbehagen in der Kultur, in: Freud, Sigmund, Abriß der Psychoanalyse, Das Unbehagen in der Kultur, Frankfurt/Main (Fischer), 1972/1984, p. 79). Das ist wohl so, und doch liegt hier noch etwas besonderes vor: Wenn ich fake, wenn ich z.B. etwa Ihnen einen Vergewaltigungsvorwurf zulüge, dann liegt ja eine bewusste Unwahrheit vor, eben eine Lüge. Ich weiß dann ja, was ich tue. Gegen diese Niedertracht, die man als bewusste Paranoia bezeichnen könnte, ist so gut wie kein Kraut gewachsen. Modellfall dieser bewusst konstruierten, bewusst herbeidesignten Paranoia ist natürlich wieder einmal der Antisemitismus. Die „Herrschaft des Finanzjudentums“ existiert bekanntlich nicht und existierte nie; nicht einmal ein „Finanzjudentum“ als solches existierte je. Aufgeklärte Zeitgenossen haben das auch immer schon gewusst. Dies hinderte die Antisemiten noch nie daran, ihre Bedürfnisse durch selbst lancierte Mythen zu füttern. Eine der berühmtesten antisemitischen Stories ist die von der vorgeblichen Herrschaft des Bankhauses Rothschild. Rothschild soll bekanntlich, frühzeitig über den Ausgang der Schlacht von Waterloo informiert, mit Hilfe dieses Informationsvorsprungs die Londoner Börse gesprengt und so seine Herrschaft über das europäische Finanzsystem errichtet haben. Dieser Unfug, schnell und stringent widerlegt, war so wirkungsmächtig, dass ihm selbst der arme Stefan Zweig in seinen „Sternstunden der Menschheit“ noch auf den Leim ging.

In diesem Zusammenhang bietet es sich auch an, das Mem vom vertierten Muselsexmob einmal zu kontrastieren mit dem Narrativ von den Rotarmisten, die ab 1944 wie die Wilden über ‚unsere‘ (sic!) Frauen hergefallen sein sollen. Nun bestreitet kein Mensch, dass diverse Rotarmisten bei ihrem Einmarsch 1944/45 vergewaltigt haben. Bemerkenswert jedoch: Die Zahl der Vergewaltigungen durch Rotarmisten ist, kontrastiert man sie mit der der Vergewaltigungen durch andere kriegsteilnehmende Armeen (1944/45 durch Armeeangehörige der Westalliierten, 1939-1944 durch die der deutschen Wehrmacht) keineswegs exorbitant hoch. Vergewaltigung und Plünderung sind gleichsam ’natürliche‘ Begleiterscheinungen eines Krieges; sofern man hier überhaupt von Begleiterscheinungen sprechen kann. Niemand will solche Kriegsverbrechen verharmlosen. Im kollektiven Bewusstsein der Deutschen blieb aber allein der vertierte Asiate, der Fremde, „der Russe“ haften. Und das ist bezeichnend.

„Köln Köln Köln“ – mit häßlichem Triumph in der Stimme, das werden wir ab sofort hören. Immer wieder. Denn nichts ist so machtvoll wie ein Mythos, der paßgenau andockt an inneren Bedürfnissen, die sich aus Angst und Haß gegen das Andere, den Anderen, den Fremden speisen. Die Konstruktion einer (schlechten) Identität erfolgt immer über Abwehr des Anderen. Vielleicht sollte man, ich gehe seit langem schwanger mit dieser Überlegung, den kulturwissenschaftichen Identitätsbegriff überhaupt abschaffen. Allemal sollte man ihm jede normative Rolle verweigern. Identität! Identität ist die engste aller Äquivalenzrelationen und sonst gar nichts.

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Kommentare

  • altautonomer  On Februar 13, 2016 at 12:13

    Rotarmisten:
    Zu diesem Thema hat Ingrid Strobl in konkret 8/1992 einen passenden Text verfasst “Wann begann das Grauen?” und sich mit dem Film der Autorinnen Barbara Johr und Helke Sander “Befreier und Befreite” kritisch auseinandergesetzt.

    Auszug Strobl-Text: “Es ist nicht zu leugnen, und es soll auch nicht geleugnet werden, daß Rotarmisten einzeln und/oder in Gruppen Massen von Frauen und Mädchen in den ehemaligen Ostgebieten und in Berlin vergewaltigt haben. Eine Vergewaltigung ist – als solche – eine Vergewaltigung, egal, ob sie von einem Russen, einem Amerikaner, einem Franzosen oder einem Deutschen begangen wird. Aber auch Vergewaltigungen spielen sich in einem bestimmten Kontext ab, und dieser muß dann thematisiert werden, wenn eine bestimmte Gruppe von Vergewaltigern und Vergewaltigten hervorgehoben werden soll. Der Gesamtzusammenhang sind die unzählbaren und unvergleichlichen Greueltaten der Deutschen in den besetzten Ländern, und auch hier wieder speziell in Polen und in der UdSSR. Es geht nur darum, zu sagen: Wir erzählen erst einmal die ganze Geschichte, das, was Deutsche, also auch die Männer, Väter und Söhne der später vergewaltigten Frauen, in der UdSSR angerichtet haben. Schwangere Frauen in Belorußland wurden von den deutschen Besatzern mit allen anderen in die Scheune getrieben und lebendigen Leibes verbrannt. Jüdischen Frauen wurden die Säuglinge von der SS aus dem Arm gerissen, und dann wurden die Kinder vor den Augen der Mütter so lange mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, bis nur noch ein Brei aus Blut und Gehirnmasse übrig war. Die Rotarmisten taten im eroberten Deutschland nichts dergleichen. Sie ermordeten keine Säuglinge, sie verbrannten nicht Menschen lebendigen Leibes, sie legten nicht systematisch Dörfer und Städte in Schutt und Asche, sie vernichteten nicht gezielt die Ernte und das Vieh der deutschen Bauern, und so weiter und so fort.“

    Differenzierung statt Relativierung.

    • hf99  On Februar 13, 2016 at 13:00

      Zu Ingrid Strobl, mit allem respekt: jein.

      Vergewaltigung/Plünderung ist sozusagen das ’normale‘ Kriegsverbrechen (wenn ich das mal so sagen darf). Die neueren zahlen – sofern wir seriöse Zahlen haben – sind da relativ eindeutig: Man kann nicht sagen, dass zB Rotarmisten sagenwirmal um den Faktor 10mal häufiger vergewaltigt haben (wie es der Mythos ja behauptet). Dies betrifft übrigens auch/gerade die durchaus hohe Zahl an Vergewaltigungen durch deutsche Wehrmachtssoldaten. (Die British Army war wohl die vergleichsweise noch humanste.) Vergewaltigung ist im Krieg immer mir eingepreist.

      Die „sonstigen“, will sagen die sozusagen eigentlichen, exklusiven Verbrechen der Wehrmacht, Judenmord, Slawenmord etc sind dann noch on top.

      Hier gehts mir um die sozusagen „normalen“ Kriegsverbrechen im Rahmen der enthemmenden Kriegssituation.

  • summacumlaudeblog  On Februar 13, 2016 at 13:20

    „Denn nichts ist so machtvoll wie ein Mythos, der paßgenau andockt an inneren Bedürfnissen..“ so ist es.
    Ohne den bereits vorhandenen Resonanzkörper ist eine Resonanzschwingung der Vorurteile nicht denkbar. Ich mag eigentlich keine Projektion wissenschaftlicher Erkenntnis in das Reich der Metaphern, hier aber passt es. Die Resonanzschwingung ist bekanntlich eine Erregung eines schwingungsfähigen Systems in der Nähe der Eigenfrequenz. Besser ist das Bedienen von Vorurteilen nicht zubeschreiben. Man regt das Vorurteil durch scheinbar bestätugende „Meldungen“ an. Dann kann der klügste Kopf auftauchen, er ist doch nur Ausdruck der Lügenpresse.
    Was ich in den letzten Wochen im öffentlich-medialen Raum – Qualitätsmedien wie Netz – erleben mußte, habe selbst ich nicht für möglich gehalten.

    • summacumlaudeblog  On Februar 13, 2016 at 13:29

      Zu schnell frei gegeben! Denn der richtige Moment ist ja noch entscheidend: pi-halbe phasenverschoben, also einen viertel Umlauf nach der Eigenschwingung nachgereicht bewikt eine Resonanzschwingung. Passt haargenau! Die Empörung wallt auf und im Entstehen der Eigenschwingung wird das schwingungsfähige System nochmals auf der eigenen Frequenz angeregt. Die Resonanzschwingung ist da! Der Muselsexmob, die Schweine!

      • summacumlaudeblog  On Februar 13, 2016 at 13:47

        Und wieder zu früh frei gegeben. Vor der Eigenschwingung nicht danach. Nun ist es korrekt😄

  • neumondschein  On Februar 13, 2016 at 15:07

    Muss Euch schnell noch einmal mit russischem Fernsehen vergiften:

    • neumondschein  On Februar 13, 2016 at 17:20

      Sry, war das falsche Filmchen. Das folgende zeigt die russische Propaganda in voller Laenge:

      Lohnt sich!

  • Dirk  On Februar 13, 2016 at 22:27

    „Die Konstruktion einer (schlechten) Identität erfolgt immer über Abwehr des Anderen. Vielleicht sollte man, ich gehe seit langem schwanger mit dieser Überlegung, den kulturwissenschaftichen Identitätsbegriff überhaupt abschaffen. “

    Halte ich für schwierig, in den Kulturwissenschaften spielen essentialistische Identitätskonzepte ohnehin kaum noch eine Rolle. Identitäten sind im Alltagswissen und Alltagshandeln ja durchaus wirksam, weshalb man sich auch mit ihnen auseinandersetzen sollte.

  • Dirk  On Februar 14, 2016 at 14:27

    Mit dem Satz danach bin ich auch einverstanden. Wollte nur darauf hinweisen, dass solche Identitätskonzepte im wissenschaftlichen Diskurs ohnehin keine Rolle mehr spielen.

    • hf99  On Februar 14, 2016 at 21:34

      Irrtum vom Amte. Der Begriff spielt in den KuWi eine große Rolle. Der Wiki-Artikel fasst es ganz gut zusammen. Als kritisch-deskriptiver Begriff ist er ja auch brauchbar.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturelle_Identit%C3%A4t

      Fatal wird es, wenn leutz wie Thea Dorn anrücken und von deutscher Seele faseln.

      • Dirk  On Februar 14, 2016 at 21:42

        Das habe ich auch gar nicht bestritten. Ich habe nur geschrieben, dass essentialistische Identiätskonzepte in den Kulturwissenschaften so gut wie keine Rolle mehr spielen. Zumindest werden in den mir bekannten Konzepten Identitäten als relational und in sich brüchig beschrieben.

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