Kölner Zustände

Die zT nur noch absurden Reaktionen auf die Vorgänge in Köln zeigen mir einmal mehr: Im Grunde ist alles Reden sinnlos. Okay, arbeiten wir es Stück für Stück ab.

Oktoberfest: ich bin zunächst ganz bei Bersarin und erinnere an Herbert Marcuses berühmte Feststellung zur tu-quoque-Rhetorik: Wer per tu quoque Schuld abweisen will, ist „unfähig zur einfachsten Erwachsenenlogik: Wenn B dasselbe getan hat wie A, ist B genauso schuldig, und A deswegen nicht etwa unschuldig“. Ich halte es dennoch für richtig, auf das Phänomen des Doppelstandards aufmerksam zu machen. Auf dem Oktoberfest werden Jahr für Jahr speziell die meist prekär beschäftigten Kellnerinnen auf übelste Art angegangen, und das alles unter dem erlauchten Deckmantel des schenkelklopfigen „Humors“. Kellnerinen, die sich das verbeten und den Kerlen eine langen, „verstehen keinen Spasss-mit-drei-s“ und sind im Zweifelsfall einfach ihren Job los. Auch diese Grabschereien finden aus einer aggressiven Gruppe häufig alkoholisierter Jungmannen statt, die wieder einmal ihr Testosteron nicht im Griff haben. Und wenn diese sexuelle Dauergewalt – eben keine Einzelfälle – einmal so (nämlich so gut wie gar nicht) und einmal so (nämlich, wie jetzt in Köln, mit internationalen Schlagzeilen!) wahrgenommen wird, dann sind das Doppelstandards, und die schmecken mir nicht.

Antanzen: Mikisch hat sich gegen diese „Verharmlosung“ gewehrt. Sorry, Lady, aber wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten. „Antanzen“ ist seit einigen Jahren ein stehender Begriff der Kriminalistik; er bedeutet eine besonders aggressive Abart des von Taschendieben seit Jahrhunderten gepflegten Anrempeltricks. Frauen und übrigens auch Männer, die von einer Taschendieb-Bande „angetanzt“ wurden, beschreiben diese Erfahrung zu recht als extrem widerwärtig und demütigend. Dass das Antanzen im Einzelfall auch als sexuelle Gewalt erlebt wird (ggfls verbinden die Taschendiebe im Einzelfall tatsächlich auch das „sexuell Angenehme“ mit dem „materiell Nützlichen“, wenn ich das mal so sagen darf), ist nachvollziehbar und berechtigt. Nur gehört es zur seriösen Ermittlungsarbeit der Polizei, abzuklären, welches Delikt vorlag: Sexuelle Gewalt oder ein aggressiv durchgeführtes Eigentumsdelikt. Ich denke, die Täter sollen aufgeklärt werden? Dann muss man die Ermittler aber auch seriös = ergebnisoffen arbeiten lassen. Die Straftaten in Köln zumindest zum Teil als „Antanzen“ zu deuten (was sie, siehe die Diebstähle, ja offenkundig waren), ist keine Verharmlosung, punkt, und wer etwas anderes behauptet, äußert sich über Dinge, von denen er nichts versteht.

OB Reker: Ach Gottchen, ihre Präventionsvorschläge waren, nun ja, suboptimal – aber mit „victimblaming“, wie gleich wieder pawlowsch gelallt wurde, hatten sie nichts zu tun. Sonst müsste die Kripo ihre gesamte Präventionsarbeit sofort einstellen – ist ja victimblaming. Nehmen wir einmal an, ich wäre Polizeipräsident einer veritablen Stadt (jetzt lass ich meine geheime Wunschsau raus!). In dieser Stadt gäbe es einen Serienvergewaltiger, der bis jetzt noch nicht aus dem Verkehr gezogen werden konnte; er träte am Liebsten nachts in einsamen Parks auf. Dann wäre ich schlicht verpflichtet, den Frauen dieser Stadt zu sagen: „Passt mal auf, geht, solange wir den Kerl nicht haben, besser nicht nachts allein in den Park!“ Kein victimblaming – natürlich müssen Frauen nachts sicher durch Parks gehen können, natürlich ist der Täter schuld – sondern schlicht Prävention.

ZDF: Die haben sich allen Ernstes entschuldigt? Wofür? Dafür, dass sie nicht gleich meldeten, sondern Infos abwarten wollten. Ich möchte das ZDF ermuntern, weiterhin so zu verfahren, dass erst seriös recherchiert wird und dann berichtet.

Nordafrikaner: Aber selbstverständlich darf und muss über die Herkunft der Täter berichtet werden, sofern dies für die Taten relevant ist. Rassistisch wäre es, von der vertierten Natur des Nordafrikaners an und für sich zu faseln. Nicht rassistisch ist es, soziologisch-kriminologisch und politisch zu analysieren, warum es immer wieder zu dem Phänomen kommt, dass bestimmte Gruppen homogen bleiben, unter sich bleiben und eine gewisse kriminelle Subkultur ausprägen. Das sind manchmal Einwanderergruppen, manchmal – etwa die berühmten Ringvereine im Berlin der Weimarer Republik – rekrutierten sich diese Gruppen woanders her. Das alles kann man ganz unaufgeregt analysieren – hier macht wirklich der Ton die Musike. An dieser Stelle nochmals Respekt vor dem Zentrum Judaicum für diese Ausstellung. Geht doch. Übrigens war und ist es in allen Fällen – von der „kosher nostra“ über die Mafia und die Ringvereine bis zu den Triaden – natürlich so, dass ein kulturell homogenes kriminelles Millieu lediglich von einer kleinen Minderheit der jeweiligen Herkunftsgruppe ausgeprägt wurde. (Über 99 % der Juden waren keine Mädchenhändler, über 99% der Italiener sind nicht bei der Mafia etcetc)

Pegida: Keine Frage: Köln hat bei Pegida zu klammoffenem Jubel geführt. Das war zu erwarten. Die sind bekanntlich richtig geil auf solche Taten… So ist das, wenn man nichts war, nichts ist und nie etwas anderes sein wird als ein Bündel dumpfer Ressentiments und Haß.

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