Die Politik des Augenblinzelns

Kluger, guter Aufsatz von Lenz Jacobsen mit vielen Fakten. Und doch begreift Jacobsen das Wesen rechtsradikaler Bewegungen im Zeitalter der Postmoderne nicht wirklich.

Man darf heute nicht mehr verkünden, es habe den Judenmord nicht gegeben. Was man darf: In scheinkritischer Distanz einem Holocaust-Leugner bedeuten, er müsse seinen Aufsatz methodisch überarbeiten (anstatt ihm zu verstehen zu geben, er könne sich seinen Lügendreck sonstwohin stecken…), wie es die JF tat. Man darf nicht mehr erklären, der „Neger“ sei kulturlos und dumm. Man muss über die angeblich naturbedingte höhere Geburtenrate von Schwarzafrikanern schwadronieren. Nein, die Juden beherrschen nicht mehr die Finanzwelt. Aber „kritisch“ (dass ich nicht lache) über die Rolle Baron Rothschilds zB und seinen Einfluß im 19. Jahrhundert diskutieren, das wird man ja wohl noch dürfen. Oder ist etwa die Meinungsfreiheit abgeschafft? Und und und…

Kurzum: Man muss mit den Augen blinzeln.

Frauke Petrys schmieriges Triumphgrinsen weiß selbstverständlich sehr genau, wo es andockt. Es kommuniziert mit den offen rechtsradikalen Teilen der Partei; es besagt: „Kinners, wir verstehen Euch, wir könnens nur nicht so direkt sagen!“ Wäre die AfD das, was sie zu sein vorgibt: Zwar konservativ, kniebundledrig, trachtenjankrig, aber doch eindeutig humanistisch-demokratisch…die Type Höcke hätte nach der ersten Entgleisung aus der Partei fliegen müssen. Er flog aber nicht, denn seine Entgleisung war natürlich gar keine. Höckes „Entgleisungen“ und Petrys Signale, dies gefalle ihr nicht so wirklich, aber Ausschluß sei auch keine Lösung, ergeben erst gemeinsam eine Botschaft: „Wir meinen irgendwie auch ‚Heil Hitler‘, dürfens aber nicht so laut sagen!“

Jörg Haider war Meister solcher Botschaften, Meister des Blinzelns. Nee, Nazi war er nich, nie nich niemals. Aber ne orrntliche Arbeitsmarktpolitik hat Adofn betriebn, und das wird man ja nochma sachn dürfn. Alle haben ihn verstanden, alle.

Ich darf das Folgende eigentlich gar nicht sagen, weil als Strategiepapier für die AfD missbrauchbar; allerdings befürchte ich, dass die das inzwischen leider selbst gerafft haben. Bis heute haben sich alle Parteien rechts der CDU in Deutschland selbst zerlegt – zT wegen persönlicher Eitelkeiten (man google PRO / Schill), überwiegend aber, weil der rechtsradikale Menschenhaß bis dato nicht an sich halten konnte, man musste dann irgendwann unter sich lassen, es ging nicht anders. Jetzt aber sehe ich, dass selbst ein Lutz Bachmann Kreide gefressen hat.

Wir wollen nicht übertreiben. Frauke Petry wird nicht die nächste Bundeskanzlerin sein. Aber eine etablierte Rechts-Partei würde die Agenda wesentlich mitbestimmen. Wohin die Reise dann ginge, kann man (ja, ich verlinke rechte Seiten, ich bin nämlich dafür, dass man sich aus erster Hand informiert!) hier nachlesen. Zitat:

Und es ist doch besser, für eine tausendjährige Zukunft des eigenen Landes zu kämpfen, anstatt wie die Altparteien dieses Land möglichst binnen der nächsten Jahrzehnte von der Landkarte fegen zu wollen und in einem Brüsseler Moloch aufzulösen.

Die tausendjährige Zukunft Deutschlands. Deutlicher kann man es wirklich nicht sagen. Hat sich das „Ostvolk“ offenbar doch nicht als das „stärkere“ erwiesen, wie?

Übrigens, aus besagtem Link:

Auch der jüngste JUSO-Beschluss, Fäkal-Vergleiche mit Deutschland zukünftig zu erlauben, wäre hier zu nennen gewesen.

Was? Das war und ist bis jetzt nicht erlaubt? Aber ich nenne das Land, welches zwischen 1933 und 1945 Millionen und Abermillionen Menschen ermorden ließ durch seine begeisterten deutschen Nazi-Bürger, doch seit eh Doofland, Blödland, Scheißland und empfehle, auf seine sog. Flagge zu kacken. Das ist strafbar? Ich scheiße in der Tat auf schwarz-rot-blöd, auf schwarz-rot-kackegelb, auf schwarz-rot-zahngold, denn Patriotismus und Nationalismus waren, sind und bleiben die Religion für arme Schweine und Komplettirre. Was nun?

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Kommentare

  • Wolfgang  On Dezember 30, 2015 at 12:23

    Traurig nur, dass genau diese Leut aus dem Osten kommen. Aber wundern tuts mich nicht. Haben ja entsprechende Vorbilder. Es scheint, dass bei der „Zusammenführungsüberstülpunk“ doch mehr schief gelaufen ist, als bisher angenommen.

  • eb  On Dezember 30, 2015 at 13:34

    ….. Kreide gefressen.
    Yup, besser kann man’s nicht mehr beschreiben.
    Der nette Nazi von nebenan, hat sich mittlerweile zur Bühnenreife entwickelt ,und spielt mitunter sogar recht gekonnt mit der Charmeschleuder auf der Klaviatur der niemals wirklich ehrlich verarbeiteten Nationalismen bürgerlichem Wohlgefühls. „Du bist das deutsche System“, auf völkisch mit der Gleitsichtbrille gesehen, hat mitunter etwas bemerkenswert nahtloses an sich.

Trackbacks

  • […] haben, das andere sparten auftaten – stichwort hashtag #landesverrat, oder eben blogs wie diese, diese und diese – bleibt nach wie vor unklar. eventuell ist es die enge des kunstsystems. […]

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