Großerzählungen und anderes

Dank User(in?) „kalo“ habe ich Seeßlens Beitrag gelesen:

Ich bin gespalten. Ich wünsche mir keine Rückkehr der Sauertöpfe und der Rechthaber, schon gar keine der Stalinisten und Seminaristen. Zu Recht misstraut die Kultur des Unernstes den großen Welterzählungen und heroischen Mythen der Geschichte, zu Recht misstraut sie Lösungen, Modellen, Projektionen, Helden und Vordenkern; zu Unrecht aber glaubt sie, man könne sich durch Ironie, Moderation und Distanz von der Verantwortung für den Lauf der Dinge befreien. Zu Unrecht glaubt sie an eine Möglichkeit, sich rauszuhalten und trotzdem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kultur von Abklärung und Unernst, den Mächtigen sei am besten mit taktischer Nachgiebigkeit und einem Hauch von Subversion zu begegnen.

Schwierig. Weder das – sorry! – Petra Kellysche Dauerleiden an der Welt noch der totale Unernst, dessen billig herbeidesignte Ironie sich mit Souveränität und Welthaltigkeit verwechselt, haben mir je etwas sagen können. Die Welt befindet sich nicht nur wie seit eh in einem desolaten Zustand, sondern seit einigen Jahrzehnten dank fortgeschrittener Kommunikationsmittel auch in einem Zustand, der bis ins Kleinste bekannt ist – niemand kann sich auf Nicht-Wissen herausreden – und dem seit einigen Jahrzehnten auch problemlos abgeholfen werden könnte. Aber der Meinungstrubel diskutiert gleichberechtigt über den Welthunger, Bibis Wimperntusche, das Wembley-Tor und Veggie-Days. Dieses völlige Abhanden Kommen von Maßstäben, die Gleichgültigkeit, die sich einstellt, sobald die Diskurskarawane weitergezogen ist und die Agenda von Waffenhandel zu Veganismus umgeswitcht wurde macht mich seit eh ratlos.

Den großen Erzählungen habe ich immer misstraut – aber ist Schopenhauers neminem laede, sind die basalsten, ganz präpolitischen Basics des Menschenanstands eine „große Erzählung“? Ist „niemand darf hungern, niemand getötet oder gar gefoltert werden, es darf keine Lager geben“ – sind das „große Erzählungen“? Widersprechen sie ihnen nicht eher?

Es war das basale neminem laede, was mich die Linke immer auch ein bißchen auf Distanz halten ließ. („Ich bin Linker, wenn es um Hunger und Waffenhandel geht, kein Linker, wenn es darum zu tun ist, Abweichler unter die Ideologie-Stiefel zu nehmen.“) Es war das neminem laede, was mich das freudlose Dauerleiden an der Welt verabschieden ließ (meine Schultern sind nicht breit genug, alles Weh der Welt zu tragen – niemand kann das leisten. Im Übrigen gibt es ein Leben vor der Revolution und das Recht auf Glück in ihm.) Und es war eben dieses neminem laede, weswegen ich auch die heilige Dauerironie der 90er Jahre sofort blockte – eine ironische Distanz, die nach meinen Erfahrungen viel mit Unterwerfung zu tun hat und dann ganz folgerichtig mit rattenhafter Wut verteidigt wird. „Ohnmacht als ideologischer Lustgewinn“ diagnostizierte Moshe Zuckermann der Postmoderne, besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Und auch, wenn einige jetzt aufheulen werden vor Empörung: Das gilt selbstverständlich auch für Judith Butler, die, intellektuell wenig interessant, alten Wein in alte Schläuche füllt und sich zum dernier crie ausrufen lässt. Ja, ich halte die Gendertröten für affirmativ  (um einmal ein gutes, altes 68er Wort zu rehabilitieren). Und ja, ich halte den politischen Part der 68er selbst auch für ziemlich durchgeknallt in seinem Trischta-Totalitarismus. (Andersch als Alt-Linker notierte damals über die Kunstfeindlichkeit der 68er: Wer sich keine Geschichten vom Menschen anhören möge, sei ihm verdächtig.) Und ja, ich halte meine Position für konsistent.

Eine Welt, die Bibis Wimperntusche (nein, es geht nicht um den belanglosen menschlichen Wirklichkeitsfall „Bibi“) mit demselben Ernst oder Unernst diskutiert wie den Hunger – eine solche Welt ist am Ende, richtig. Eine Welt, die eher eine herbeibehauptete Mikrogewalt problematisiert, sich eher an der Frauenquote in DAX-Vorständen abarbeitet, eher einer hoch problematischen Mrs. Sulkowicz Preise verleiht, als sich um die sehr realen Opfer der Grenzkriege zu kümmern, die das Imperium am neuen Limes führt, ist es aber ebenso. Ich unterstelle da Feigheit. Denn sich mit Rheinmetall anlegen würde ja kosten. 11jährigen Jungs verbeamtet ein selbstkritisches Verhältnis zum eigenen Geschlecht abfordern bzw Bibis belangloses Getründel als lustvollen Beitrag zur Seins-Kritik abfeiern oder Mrs. Sulkowicz zujubeln ist hingegen jeweils ziemlich kostenbefreit…

Autobiographisch argumentiert: Seit ich mit etwa 16 begann, politisch zu denken, seit dem Sammelband „Cheschahshit“, seit Costa-Gavras „Missing“, seit „Under Fire“, seit den einschlägigen rororo-aktuell-Bänden und (und!) seit Kunzes ‚wunderbaren Jahren‘, Solschenyzins ‚Archipel GuLaG‘ gilt für mich die Faustregel: Wer ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit und zum neminem laede pflegt, lügt, und zwar zuinnerst! Auf den Punkt gebracht: Die ganze verfluchte Ticket-Reiterei ist eine einzige Lüge. Diese Faustregel gilt bis heute. Privat-persönlich bin ich frei floatender Ästhet – politisch ist das neminem laede mein Lakmustest. Und nachdem so gut wie alle, um nicht zu sagen alle politischen Konzepte gescheitert sind, frage ich mich, ob meine Reduzierung politischen Denkens auf den präpolitischen, schlichten Menschenanstand wirklich so naiv ist, wie er klingt. Jedenfalls kann ich meine damalige Ratlosigkeit nicht vergessen und will auch nicht. Es ist über 30 Jahre her, als ich zum ersten Mal wahrnahm: In Afrika werden Menschen mit Füssen getreten, in Lateinamerika werden sie es, im Ostblock, und letztlich in meinem eigenen damaligen Land (BRD) ebenso. Die Ausmaße mögen unterschiedlich sein, aber getreten wird überall und darf nirgends. So meine damalige Haltung; ich bin heute noch versoffener, entgleister Schillerianer und möchte nichts anderes sein. „Philosophischer“ gesagt: Das neminem laede ist bewusst undialektisch, bewusst starr zu halten.

Es ist gut, um auf den verlinkten Artikel Seeßlens zurück zu kommen, dass ein Linker, ohne penetrantes Renegatentum a la Glucksmann, auf die französische Revolution aufmerksam macht. Denn natürlich war und ist das Scheitern dessen, was wir einmal sehr grob „die Linke“ nennen können, seit der französischen Revolution, seit Robespierre, evident. Und auch der Grund für das Scheitern ist es seit eh: Weil eine Revolution den „neuen“ Menschen erfordert und überall nur „alte“ antrifft, mit allen Verbiegungen und Brüchen, die Menschen, die in Hierarchien aufgewachsen sind, nun einmal eignen. Wir haben derzeit sowieso keine revolutionäre Situation; dafür geht es den Menschen in den Machtzentren dieser Welt schlicht zu gut. Ich weiß aber nicht einmal, ob ich eine Revolution wollte. In einer Revolution wird der Aushub hervorgespült. Eine Revolution muss an Gewaltinstinkte appellieren – ohne Gewalt, schon die französische Revolution zeigt es, werden die alten Herren nicht gehen. An Gewaltinstinkte appellieren aber bedeutet, den Impetus einer Revolution – dass der Mensch aufhöre, ein geknechtetes, verächtliches Wesen zu sein – von vorneherein ad absurdum zu führen. Mir graut vor der gegenwärtigen Welt. Sie hätte eine Revolution wahrlich nötig. Mir graut aber auch vor dem „Gesetz gegen die Verdächtigen“ vom 17. September 1793. Auswege aus diesem Zirkel sehe ich Stand jetzt nirgends.

 

(diverse stilistische updates, 29.12.2015)

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Kommentare

  • Publicviewer  On Dezember 28, 2015 at 04:53

    Wenn man sich so anschaut wie der Gender und Veganerwahnsinn sich schleichend in die Köpfe der Restlinken voranarbeitet, kann einem schon grauen was passieren würde, wenn diese Leute den Imperialismus-Kapitalismus überwinden sollten.
    Zum Glück werden diese Leute nicht die Macht ergreifen, weil es nämlich die herrschenden mit aller Gewalt verhindern werden.
    Vielleicht sollten wir dankbar sein und etwas Gedult zeigen, denn der Knall wird ganz sicher kommen, einfach dadurch, da sich das System ja von innen aushöhlt.
    Leider wird es dann aber zu spät sein um die Welt noch vor dem ökologischen Disaster zu retten.

  • Wolfgang  On Dezember 28, 2015 at 10:19

    Ach Hartmut, meine Frau liest jetzt den „Ostseeripper“, das finde ich viel spannender.

  • altautonomer  On Dezember 28, 2015 at 10:46

    Ich bin weit davon entfernt, eine Hierarchie von Problemen und Widersprüchen aufzumachen. Aber jenseits von Veganismus und Gender gibt es globae Probleme , die seit 30 Jahren nicht beseitigt, sondern erwietert wurden:

    1. „Und derselbe World Food Report erklärt, dass wir mit unserer Landwirtschaft zwölf Milliarden Menschen normal ernähren könnten. Es gibt keinen objektiven Mangel. Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet. Und seine Mörder gehörten vor ein Nürnberger Gericht. Punkt, aus.“ Jean Ziegler im ZEIT-Interview.

    2. Der irreversble Klimawandel vernichtet bereits massenhaft menschliche Existenzen:

    Auszug aus konkret 6/2012:
    Laut einer innerhalb der Klimawissenschaft dominanten Hypothese wird ab einer CO2-Konzentration von mehr als 450 ppm – die einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter entspricht – der Klimawandel irreversibel beschleunigt, da ab diesem Grenzwert ein tipping point (Kippunkt) des Klimasystems erreicht würde, der eine Kaskade sich selbst verstärkender Rückkopplungseffekte auslösen würde, bei denen die Treibhausgasemissionen ohne weiteres menschliches Zutun über einen sehr langen Zeitraum immer weiter zunehmen würden.

    Nun läuft die Zeit ab. Die Internationale Energieagentur IEA geht davon aus, daß der point of no return bereits 2017, in fünf Jahren also, erreicht sein wird. »Die Tür schließt sich gerade«, warnte Fatih Birol, Chefökonom der IEA, Ende 2011. Der realexistierende Energiesektor der Weltwirtschaft emittiere bereits rund 80 Prozent des »Kohlendioxidbudgets«, das bis zum Erreichen des Kippunkts von 450 ppm noch übrig sei. 2015 werden es schon 90 Prozent sein.

    Quelle: http://www.konkret-magazin.de/aktuelles/aus-aktuellem-anlass/aus-aktuellem-anlass-beitrag/items/noch-fuenf-jahre.html

  • Siewurdengelesen  On Dezember 28, 2015 at 13:41

    @altautonomer

    +1

    Das sind alles Dinge, die der „Club Of Rome“ und viele Andere seit Jahren sagen. Sehr treffend ist auch das Zitat Jane Fondas:

    „Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum.“

    Fakt ist auf jeden Fall, die Menschheit ist auf dem besten Wege, sich selbst aus dem Universum zu werfen. Egal ob die apokalyptische oder die realistische Version zutrifft, das Selbstvernichten würde dabei nur durch die Dauer bestimmt. An eine tatsächliche Abkehr vom Versauen unseres Planeten glaube ich angesichts des letzten Meetings in Paris sowieso nicht, da sei spätestens mit TTIP und Co. das Interesse der Lobbyisten vor…

    Zum Thema selbst fehlt mir der Punkt, an dem sich die Masse Mensch weitestgehend ideologiefrei einigen kann, um dieses beschissene und vernichtende System zu kippen, welches sich lieber mit allen untergeht, statt auf einen µ Profit zu verzichten. Da gilt ähnlich wie in der Kunst zu tolerieren, solange der oder das zu Tolerierende nicht selbst intolerant ist.
    Revolution ist im Memont auch eher nicht, sondern höchstens Revolte und wer da derzeit in deutschen Landen das Zepter schwingen würde, wage ich gar nicht zu denken…

    …das wurde 1945 und 1989 wieder verkackt, wo eine tatsächliche, wenn auch minimale Möglichkeit bestand, etwas zu ändern.

    Öko, Gender usw. sind für sich allein genommen eher so halbesoterische Strömungen, die am Ende nur wieder ‚marktwirtschaftlich‘ verwurstet werden und dem Einzelnen dabei noch ein wohliges Gefühl verschaffen in seiner Nische.

    PS. Derzeit arbeite ich mich passenderweise gerade an Stefan Heyms „Schwarzenberg“ ab, das als rechtsfreies Niemandsland vergessen wurde und dadurch viele Ansätze hatte, aus dem Nichts des kriegsendes heraus eine echte Demokratie zu werden, wenn im Buch auch literarisch verklärt…

  • Publicviewer  On Dezember 28, 2015 at 16:54

    12 Milliarden sind aber zu viel für diese Welt…ich denke nur an den Club of Rome.
    Ernähren heist ja auch noch lange nicht, das sie dann auch artgerecht mit der Natur leben könnten.

  • che2001  On Dezember 28, 2015 at 17:00

    Was ist diese sogenannte „heilige Dauerironie der 90er Jahre“? Ich hatte davon überhaupt nichts mitbekommen. Die Neunziger Jahre waren für mich die Hochzeit äußerster politischer Korrektheit und ansonsten halt die Zeit des jugoslawischen und kurdischen Bürgerkriegs. Nix mit Ironie, das war eher eine pathetische Zeit. Oder meinst Du damit so etwas wie den FFN-Frühstyxradio-Humor?

    • hf99  On Dezember 28, 2015 at 17:09

      Die Kunst/Literatur-Szene zB. Genau jene Postmoderne, auf die Seeßlen anspielt, die Zuckermann meint.

  • hf99  On Dezember 28, 2015 at 17:11

    Schlingensief-Interview 2000 (seine großartige „Bitte liebt Österreich“-Aktion, als man Asylbewerber im Boigbrothercontainer sehen und rauswählen konnte)

  • che2001  On Dezember 28, 2015 at 17:27

    Das alles fand in einem fremden Ereignishorizont statt. Wenn man mich fragt was in der Zeit kulturell bedeutend war fielen mir Tarantino- und Schwarzenegger-Filme ein und ICE-T und Public Enemy.

    • hf99  On Dezember 29, 2015 at 11:37

      Wenn ich an Deinen hiermit nochmals wärmstens empfohlenen Roman denke, ist mir natürlich klar: Du gehörtest damals zu den traurigen Rest-Linken (ich meins nicht böse; war doch so!), die gegen die Veränderung der kulturellen Großwetterlage nach 89 angingen, deswegen ist dir der totale Triumph der Ironie nicht mehr so erinnerlich. Er war aber (fast) total. Leute wie Marko Martin sprachen regelrecht von den 89ern als Antidot zu den bekanntlich alles beherrschenden 68ern.

  • che2001  On Dezember 29, 2015 at 12:38

    Ähem, das geht weiter: Der Binnenhorizont der linken Szene (das meint links vom KB) war für mich damals die gesellschaftliche Normalität. So fast alle Leute die man näher kannte waren in Telefonketten vernetzt die nachts alarmiert wurden wenn sich irgendwo Glatzen zeigten. Die schlagstockbewehrte Demo als gesellschaftliches Event. Der Triumph der Ironie kann mir gar nicht erinnerlich sein weil es den in meiner Welt nicht gab. Höchstens in Form von popkulturell verfremdeten Parolen wie „terminiert die herrschende Klasse“, Bild von einer Pump Gun inklusive.

    • hf99  On Dezember 29, 2015 at 12:43

      Gutes beispiel: Stilistisch ward selbst ihr – das galt aber auch schon für die ‚klassischen‘ 68er, siehe Teufels Spaßguerilla – eben doch bereits von der Pop-Kultur, also dem ironischen Dauerrauschen, beeinflußt!

  • che2001  On Dezember 29, 2015 at 12:45

    Aber mal grundsätzlicher: Die Kritik der Großen Erzählungen kann außerhalb Frankreichs gar nicht verstanden werden. Als Lyotard sein „Postmodernes Wissen“ schrieb tat er das aus der Perspektive eines bis dahin gläubigen Anhängers eines wie eine Erlösungsreligion daherkommenden Marxismus-Leninismus, einer Verbindung aus Maoismus und Existenzialismus inklusive an sich selbst betriebener Gehirnwäsche in Form von Kritik-Selbstkritik-Ritualen als regelmäßige Veranstaltungen in der politischen Kleingruppe auf dem Heißen Stuhl (eine Art politerzieherische Psychotherapie). Dieser Horizont ist Voraussetzung, um den Zusammenbruch der Großen Erzählungen und die daraus abgeleitete Anything-Goes-Position überhaupt begreifen zu können.

    Oder hart gesprochen: Im Ursprung nur relevant als Selbsthilfeprogramm ehemaliger Maoisten. Die satirischen Comics von Lauzier, die sich über die Pariser linke Szene der Ära Mitterand lustig machen illustrieren das sehr schön.

    • hf99  On Dezember 29, 2015 at 12:59

      Jein. Für Frankreichs Linke gilt das zweifellos. Aber die kritik an der großen Welterzählung ist schon grundsätzicher zu verstehen, wurde übrigens – Arendt, Camus – auch schon vor dem Poststrukturalismus geleistet.

  • einer von jenen  On Dezember 30, 2015 at 13:16

    @ Che: Soweit ich das recherchiert hab, war Lyotard nur Mitglied bei Socialisme ou Barbarie, was sicher nicht die krassesten MLer waren, sondern eine recht libertär ausgerichtete Gruppe.

    Seine Abkehr vom Marxismus – und von den „Großen Erzählungen“ überhaupt – ist wohl eher als verspäteter Reflex der Debatten zu verstehen, die bei SouB Ende der 1950er liefen.
    Ein Großteil der Gruppe war damals wohl der Meinung, dass die Herrschaft des Kapitals mittlerweile von einer Herrschaft der Bürokratie ersetzt worden sei, weswegen der Klssengegensatz nicht mehr als Hauptwiderspruch betrachtet werden könne und mit dem Proletariat auch nicht mehr viel anzufangen sei.

    Lyotard nahm in der Debatte dagegen eine „orthodoxe“ Position ein, wollte also an der Arbeiterklasse festhalten und gründete 1959 eine eigene Gruppe, Pouvoir Ouvrier. Ein paar Jahre später hat er es sich dann doch anders überlegt und 1966 dann seine „marxistische Phase“ beendet.

    Dass seine Kritik der Großen Erzählungen tatsächlich für viele ehemalige K-Grüppler attraktiv gewesen sein dürfte, die jahrzehntelang mit Kritik-Selbstkritik-Sitzungen und ähnlichem Quark traktiert worden waren, ist aber sicher richtig.

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