es sei, als in der bleiernen Zeit

Alle haben mitgewusst, alle Vögel, alle (Kurt Tucholsky)

Von unserer Zeit als vom Neo-Biedermeier zu reden ist inzwischen Allgemeingut. Tatsächlich spricht ja auch einiges dafür. Ebenso gut könnte man von dark ages sprechen – das eine schließt das andere nicht aus. Ich muss keinen Essay schreiben, ich muss nur dieses Interview verlinken. Dieses Interview steht für das Grauen schlechthin. Denn genau das sind bleierne Zeiten: Die Welt taumelt wohlinformiert und demokratisch abgesichert von einem Desaster ins andere, und die happy few shoppen sich authentisch. Nicht, dass das neu wäre. Das alles gab es, minus Internet, natürlich seit eh; nichts ist absurder als die Klage, dies sei dem Netz geschuldet. Arno Placks Analyse des ‚Lebens aus zweiter Hand‘ ist bald ein halbes Jahrhundert alt. Mir geht nur inzwischen jeder analytische Impetus ab. Gegen Bibis Welt – ich könnte sie aber genauso gut Clementines Welt nennen – ist kein argumentatives Kraut gewachsen, wir werden sie so hinnehmen müssen und mit ihren Scherben leben.

Es geht selbstverständlich nicht um „Bibi“ persönlich. Vermutlich ist Frau Heinicke ein echt nettes, junges Ding. Es besteht sogar die Gefahr, dass sie ihre wohlfeilen Suggestionen vom freien, herrlichen, stylischen Leben ganz ehrlich meint – wobei ich sie für so dumm denn doch nicht halten möchte. Im übrigen könnten wir genauso gut auf den Vloger „LeFloid“ verweisen – der macht sogar die Politik selbst zum youtube-Event und suggeriert eine Mitmach-Demokratie; letztlich ist das noch schlimmer. Sein peinliches Merkel-„Interview“ schmerzt jedenfalls immer noch ganzkörperlich. Es geht um das monströse Missverhältnis zwischen unserem Leben in der first world (mit Leuten, die sich allen Ernstes über Nacht anstellen, um das neueste I-Phone als erster zu ergattern!) und jener anderen Welt, deren Elend uns unsere Scheinsorgen durchfinanziert.

Ich weiß kein stringentes Konzept, das den Welthunger, die Weltungerechtigkeit besiegt. Ich weiß aber eines: dass das Problem (Böll habe ich zitiert!) seit Jahrzehnten bekannt ist, und dass die westliche Welt seit Jahrzehnten nichts tut, jedenfalls nichts essenzielles, um diese furchtbare Menschenabdeckerei – seit Bölls Essay 400 Millionen, wenn nicht mehr (400! Vierhundert! Millionen! Kinder! Die Erwachsenen ad on!) – zu beenden. Es wird, von ein paar tremolierenden Spendenaufrufen (meist zur Weihnachtszeit) abgesehen, nicht einmal als Problem empfunden. Jean Ziegler hat völlig recht: Ein Kind, das angesichts heutiger Ressourcen noch verhungert oder an Hungerfolgen stirbt, wird ermordet; ganz einfach. Vor kurzem gab es Stefano Libertis gewichtigen Bericht „Landraub“ staatlich subventioniert bei der bpb – subventioniert von eben jenem Staat, der die dort kritisierte Politik sehr wesentlich mit zu verantworten hat. Seit ich politisch zu denken begann, seit ich als 16, 17jähriger an die rororo-aktuell-Bändchen geriet, über Waffenhandel, über Chile, über Südafrika, scheitere ich an dieser Absurdität: dass, ganz demokratisch, mit aller garantierten Meinunsgfreiheit, sämtliche Informationen vorliegen…und dennoch nicht reagiert wird. Es ist mitnichten „so schlimm wie unter den Nazis“. Es ist in gewisser Weise viel, viel schlimmer. Unsere Vorfahren konnten sich nach 33-45 immerhin noch auf die zutreffende, wenn auch klägliche Ausrede zurückziehen, sie hätten unter einem Terrorregime gelebt (dass sie selber zu 80 – 90 % dieses Terrorregime 12 Jahre lang haben hoch leben lassen, entging ihnen und ihrer Verlogenheit). Aber heute? Wir wissen Bescheid! Seit Jahrzehnten!

Die bleierne Zeit habe ich immer als die Zeit verstanden, in der die Katastrophe wissenden Auges und mit bestem Gewissen in Kauf genommen wird. Hölderlin hat sie, wenn ich es richtig sehe, als die Zeit agonierenden Gurgelns verstanden, eine Zeit, die genau wusste: So kann es nicht weiter gehen, in der aber auch Gegenkonzepte nicht tragfähig ausformuliert wurden (werden konnten?). So betrachtet lebte die Menschheit seit eh in bleiernen Zeiten.

Frühere Zeitalter hatten immerhin noch brauchbare Ausreden: Fehlende Ressourcen (solche materieller Art, aber auch fehlende Kommunikation). Mildernde Umstände können diesem Zeitalter nicht mehr zugestanden werden. Futur II: Die Ressourcen werden dagewesen sein, Die Informationen werden dagewesen sein, die Kommunikation wird dagewesen sein…und wir werden dabei gewesen sein.

jetzt also kommen sie, die „Flüchtlinge“. Meine einzige Frage: Jetzt erst? Wo wart Ihr die letzten Jahrzehnte?

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Kommentare

  • kalo  On Dezember 15, 2015 at 15:34

    Ich richte mich eben ein wenig an einem aktuellen Text von Georg Seesslen auf – aktuell, ohne von heute zu sein: http://www.seesslen-blog.de/2013/10/29/schluss-mit-lustig-ueber-die-sehr-geringen-chancen-vor-lachen-einen-klaren-politischen-gedanken-zu-fassen

    Wie man dem unfassbaren Pudding aus hollowness&cant entkommt, oder ihn bekämpft, weiss ich noch immer nicht, doch unterwegs an einem Halt rasten zu können, ist ja nicht überflüssig.

    • hf99  On Dezember 15, 2015 at 15:46

      ich habe ihn in der Blogroll, aber dieser gewichtige Essay scheint mir entgangen. So weit voneinander entfernt sind wir nicht – dennoch habe ich so manche Fragen. Das hat auch etwas mit unterschiedlichem Herkommen zu tun. Ich selber habe, obwohl, nunja, „links“, zur Linken im engeren Sinn immer bewusst Distanz gehalten. genauere Antwort folgt.

  • Wolfgang  On Dezember 15, 2015 at 16:32

    Wer so denkt ist links, Hartmut, ob du zu den Linken nun Distanz hältst oder nicht, ist dabei wurscht! Ich bin auch links, bin mit der „offiziellen“ auch offt nicht einer Meinung, na und? Schlimm, eher nicht.

  • Wolf-Dieter  On Dezember 15, 2015 at 18:06

    Diese ausgeprägte Produktfröhlichkeit weckt in mir keine Weltuntergangsangst … eine weitere eskapistische Ausdrucksform des Weltgefühls. Außerdem sind da Eigenschaften von unfreiwilliger Satire. (Nicht, dass ich es mir jetzt anschauen wollte.)

    Locker bleiben.

  • hANNES wURST  On Dezember 16, 2015 at 13:57

    Ich musste auch das Interview durchlesen, das für „das Grauen schlechthin“ steht. Bin aber enttäuscht worden, da plappert eine junge Frau unverstellt über ihre Einstellung zu Konsum und Kommerz. Die Markengeilheit war in meiner Jugend schon ähnlich ausgeprägt wie heute (Adidas Schuhe, Closed Jeans) aber natürlich gab es keine YouTube Kanäle darüber – who cares. Peinlich fand ich nur den Spiegel Journalisten, wie er versucht hat die dummen YouTuber in eine Ecke zu drängen, wohl in dem Bewusstsein, dass er ja wirklich etwas für die Aufklärung der Menschheit tut während Blogger und andere Internetheinis ja nur das Unkraut am Rande des geraden Journalistenwegs sind.

    • hf99  On Dezember 22, 2015 at 14:59

      answer will coming soon. Ich denke aber, ich habe klargemacht, dass es nicht um den belanglosen menschlichen Wirklichkeitsfall „Bibi“ geht sondern um das, wofür sie – ungewollt, wie ich unterstellen möchte – steht.

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