Zschäpe sagt aus – updates

Ich habe heute frei und sitze wie gebannt vor den live-Tickern. Bis jetzt läuft alles wie bestellt (was nicht bedeutet, dass es falsch sein muss!): Mundlos und Böhnhardt die Täter, Selbstmord bei drohender Festnahme, sie selber kaum verstrickt. Immerhin hat sie auf die (in der Tat massive!) Rolle des V-Manns Tino Brandt bei der Radikalisierung der Szene hingewiesen.

Kölner Bombe ebenfalls Mundlos Böhnhardt, sie selber unschuldig.

Wenn ihr Gewissen so sehr belastet war, warum hat sie dann ein Jahrzehnt lang mitgemacht?

„Die beiden Uwes waren meine Familie, wollte sie nicht verlieren. Ich ergab mich meinem Schicksal, auch wenn ich Morde schrecklich fand“, liest Grasel aus der Einlassung.

„Ich stand vor einem unlösbaren Problem. Sollte ich mich stellen, müsste ich den Tod der einzigen beiden Menschen auf mich nehmen, die mir neben meiner Oma wichtig waren.“ (stern ticker)

nicht ungeschickt.

Bei Kassel und Kiesewetter wird es spannend.

Läuft alles auf die beiden Uwes hinaus? Erweiterte Einzeltäterthese? Entlastung staatlicher Stellen?

„ich war dagegen, ich war nicht dabei, konnte mich aber nicht mehr lösen“…übrigens: Es k a n n wirklich so gewesen sein.

Bisheriger Eindruck (10:50 Uhr): Version, mit der sowohl Zschäpe als auch Bundesanwaltschaft als auch Verfassungsschutz gut leben können.

Frage: wenn es denn so war, warum das langjährige Schweigen? Damit häte Zschäpe auch unter Heer, Sathl und Sturm rausrücken können – und das werden die drei ja wohl auch so sehen.

 

Die Erklärung ist inzwischen bei den Morden sechs bis neun.
Zschäpe will im Vorfeld von all den Morden nichts gewusst haben. Mundlos und Böhnhardt sollen sich damit gebrüstet haben, dass sie „vier weitere Ausländer umgelegt hätten.“

Von den vier Morden erfuhr Zschäpe auf einen Schlag. „Ich war entsetzt, dass sie erneut gemordet haben.“ Nach diesem Zitat lachen Menschen im Gerichtssaal.stern ticker

Ich glaube, ich hätte mir ein verzweifeltes Auflachen auch nicht verkneifen können…

Kiesewetter? Auch Fehlanzeige. Aber wer war es? Mundlos und Böhnhardt alleine. Und es ging nur um die Pistolen.

Reicht eigentlich schon: Glatte Bestätigung der Version der Bundesanwaltschaft, wie hier schon vermutet, bei völligem Kleinreden des eigenen Tatbeitrages (kann stimmen!) – dies nach Jahren des Schweigens…und dafür brauchte sie Jahre und einen neuen Anwalt?

Mundlos und Böhnhardt alleine…alles auf die Toten, wie in jedem schlechten Court-room-Film. Das bedeutet nicht, dass es nicht stimmt, aber ich bleibe dabei: Wenn es so war…warum dann das jahrelange Geiere, warum dieser merkwürdige Anwaltwechsel?

Will sie jemanden schützen? Wenn ja, wen? Die Szene? Den VS? Beide?

Nicht ungeschickt. Die Aussage dürfte beweismittelkompatibel gemacht worden sein!

Natürlich kann es wirklich so gewesen sein. Aber speziell bei Kassel Halit Yozgat und Kiesewetter sind die Ungereimtheiten zu stark.

Und natürlich – Überraschung! – hat sie auch nicht mit dem Innenministerium telefoniert!

Dass die Fälle Özüdoğru in Nürnberg und Taşköprü in Hamburg auch aufs alleinige Konto der beiden Uwes gehen, versteht sich von selbst. Bis jetzt kein Hinweis auf Unterstützung von außen!(11:13 Uhr)

Zschäpe verschickt DVDs, die sie nicht kennt?

Wo bleibt die Keupstrasse? hab ichs überlesen?

 

Erstes Fazit: Waffenbeschaffung als Motiv für einen Mord, für den man eine so umfangreiche logistische Vorbereitung in Kauf nimmt (die Herren werden gewusst haben, wie einfach sich Waffen beschaffen ließen; auch hatten sie ja welche) – unglaubwürdig. Jahrelanges Schweigen für diese Story, die doch allen in die Karten spielt, dazu der Verteidigerwechsel – merkwürdig. Keine Hilfe von außen aus der Szene oder von sonstwo her – nicht nachvollziehbar. Ihre eigene Missbilligung der Taten, dennoch bei den Uwes bleiben – strange, kriminal-psychologisch aber nicht völlig abwegig, sowas gibt es.

 

Die Vorlesung der Aussage ist beendet, Grasel hatte die 53 Seiten in „Ich“-Form vorgetragen. Heer, Stahl und Sturm lasen mit. Zwischendurch guckten sie zum Teil recht fassungslos, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporterin Wiebke Ramm aus dem Gerichtssaal. spiegel-ticker , beweist natürlich nichts.

 

Spöttische Reaktion eines Nebenklägeranwalts nach Ende von Zschäpes Erklärung:
„Ist der Haftbefehl schon aufgehoben?“ stern-ticker

 Für mich klingt es so, als kommuniziere Zschäpe hier mit dem Staat: Milde Strafe gegen Reinwaschen der VS-Ämter…
Übrigens: Wenn sie nur am Rande beteiligt war, das Ganze innerlich abgewehrt hat – woher will sie dann eigentlich wissen, dass es Uwe plus Uwe allein waren?
weiteres Update, 14:04 Uhr: der stern-ticker (der wesentlich besser war als SpON!) fasst es ganz gut zusammen:

Hier noch einmal das Wichtigste des heutigen Prozesstages in Kürze:

▪ Zschäpe bestreitet eine Beteiligung an sämtlichen Morden und Sprengstoffanschlägen des NSU. Sie will nicht einmal Mitglied des NSU gewesen sein.

▪ Zschäpe beteuert, sie habe von den Morden ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt immer erst im Nachhinein erfahren und sei entsetzt gewesen.

▪ Sie gesteht, die letzte Fluchtwohnung der Gruppe in Zwickau in Brand gesetzt zu haben. Vor der Brandstiftung sei sie durchs Haus gegangen, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr darin befinde. Ein verschuldeter Mord durch Brandstiftung soll damit ausgeschlossen werden.

▪ Zschäpe sieht sich im juristischen nicht schuldig, räumt lediglich ein: „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte.“

▪ Sie habe versucht, Mundlos und Böhnhardt vom Morden abzuhalten. Sie habe immer wieder mit dem Gedanken gespielt, zur Polizei zu gehen und das Leben im Untergrund zu beenden. Doch wegen der Selbstmorddrohung ihrer Freunde (sie nennt sie ihre „Familie“) sei die Lage für sie unlösbar gewesen.

▪ Zschäpes neuer Pflichtverteidiger Grasel greift die drei alten Anwälte der Hauptangeklagten Heer, Stahl und Sturm aufs Schärfste an und fordert eine Entpflichtung dieser drei Pflichtverteidiger. Zschäpe sei es nicht möglich gewesen, ihr langes Schweigen im Prozess aus eigener Kraft zu brechen.

Dürfte, objektiv betrachtet, gar nicht so leicht sein, ihr diese Version zu widerlegen (das ist etwas anderes, als ihr diese Version zu glauben!). Gibt es denn hard facts – etwa: Zschäpe hat einen Stadtplan von Dortmund gekauft oä -, die sie mit den Taten verbinden?
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Kommentare

  • Dirk  On Dezember 9, 2015 at 12:17

    Eherlich gesagt halte ich die Aussage zum Mord an Kiesewetter für extrem unglaubwürdig. Das Trio hatte die Möglichkeit an Waffen zu kommen. Warum ermordet man dann eine Polizistin um an Waffen zu kommen die obendrein registriert sind und damit für Raubüberfälle oder ähnliches nicht verwendet werden können.

    • hf99  On Dezember 9, 2015 at 12:20

      An Waffen kommt jeder Hinterhofkriminelle problemlos ran.

  • Wolfgang  On Dezember 9, 2015 at 12:48

    Sie deckt den Tiefen Staat. Ich bin für Freispruch und Schadenersatz ( sagen wir- ein paar Mille?)

    • hf99  On Dezember 9, 2015 at 12:51

      Nana, Freispruch… Brandstiftung war es. Natürlichmildernde Umstände… Wenn ich vorher schon mißtrauisch war, nach dieser Schmierenkomödie bin ich es erst recht. Warum haben die VS-Ämter nur ihre Akten geschreddert? Ein kleines Gespräch mit Beate von Mensch zu Mensch häte es auch getan.

  • Dirk  On Dezember 9, 2015 at 12:52

    Die Strafzumessung dürfte hier in der Tat schwierig sein. Letztlich kann man Zschäpe nur die Brandstiftung eindeutig nachweisen. Welche Rolle sie bei den NSU-Morden und Banküberfällen spielte konnte bisher nicht aufgeklärt werden.

    • hf99  On Dezember 9, 2015 at 12:54

      Götzl kennt sich aus in freier Beweiswürdigung…Gespannt sein muss man jetzt auf die reaktion der Staatsanwaltschaft. Nimmt sie die Steilvorlage an? Zschäpe kommuniziert hier ja eindeutig mit dem Staat: Milde Strafe gegen Raushalten der Geheimdienste…

  • epikur  On Dezember 9, 2015 at 13:01

    Großes Schmierentheater. Vermutlich noch nicht der letzte Akt. Ich glaube gar nichts mehr und vermute alles.

    „Für mich klingt es so, als kommuniziere Zschäpe hier mit dem Staat: Milde Strafe gegen Reinwaschen der VS-Ämter…“

    Klingt wahrscheinlich.

  • Dirk  On Dezember 9, 2015 at 13:07

    Das Geständnis dürfte Zschäpe nur wenig nützen, da es keinen über die Aktenlage hinausgehenden Beitrag zur Aufklärung des NSU-Komplexes leistet. Meiner Meinung nach wäre Schweigen hier tatsächlich die beste Verteidigungsstrategie gewesen.

  • Wolfgang  On Dezember 9, 2015 at 13:10

    Was heist denn hier „Brandstiftung eindeutig nachweisen“? Sie war nicht bei Sinnen, während dieses tun’s. So einfach. Ich hab als Kind auch gerne gekokelt, sogar das Sofa soll mal gebrannt haben.

  • R@iner  On Dezember 9, 2015 at 13:11

    Ich plädiere für 4 Wochen Sozialdienst wegen Vernachlässigung der Katze. Das geht gar nicht!

  • Dirk  On Dezember 9, 2015 at 13:12

    Immerhin hat sie gestanden im Auftrag der Uwes die gemeinsame Wohnung angezündet zu haben.

  • R@iner  On Dezember 9, 2015 at 13:22

    Das ganze Verfahren hat meiner Ansicht nach keinen Sinn, wenn es in Deutschland durchgeführt wird. Wir haben schlicht keine Strukturen, die Aufklärung oder Schutz bieten, sollte der Staat auch nur verdachtsweise in Straftaten involviert sein.

    • R@iner  On Dezember 9, 2015 at 13:40

      p.s.: „Zschäpe schildert, wie sie die Wohnung mit Benzin anzündete. Sie habe danach kein Telefongespräch mit dem Innenministerium geführt – dieses soll bei ihr auf dem Handy angerufen haben.“

      Das kennen wir doch alle: Man parkt gerade in eine enge Parklücke ein und schwupp, ruft einen wieder das Ministerium an.

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