Interview mit Paul Schreyer

Ein Interview mit Paul Schreyer auf den nds, das ich – neben seinen telepolis-Aufsätzen – sehr ans Herz lege. Es entspricht ziemlich genau der hier von mir seit eh vertretenen Haltung: nein, keine Finalverschwörung von gaaaanz oben, kein die-Amis-warens, keine „Hologrambilder von Flugzeugen“, kein auf-Bilderberg-wird-alles-bestimmt…aber kritische Nachfragen.

Modellfall all solcher Fragen ist und bleibt der Kennedy-Mord. Natürlich kann es Oswald alleine gewesen sein – ich schließe gar nichts aus, also auch das nicht. Aber wie wahrscheinlich ist das, und sei es bloß wegen Jack Ruby, über dessen Begründung – er habe Jackie Kennedy den Prozess ersparen wollen – inzwischen die Hühner auf jedem nordamerikanischen Bauernhof kichern? Ja, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt können – logisch auszuschließen ist das nicht – über ein Jahrzehnt unerkannt im Untergrund gelebt haben, nur am Rande etwas von alten Kameraden unterstützt. Ja, unserem Inlandsgeheimdienst ist das de facto Geständnis durch „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ ein Jahr vor offizieller Enttarnung der Terrorzelle entgangen, ja, der Verfassungs“schützer“ Andreas Themme war ganz zufällig zugegen in Kassel und wird ganz zufällig von ganz oben gedeckt, Schilys Erklärung einen Tag nach der Explosion in der Keupstrasse…die diversen V-Männer in diesem Fall, zwei sind (schon?) tot…alles Zufall, bedauerliche Fehler…aber wie wahrscheinlich ist das, wenn wir allein nur an das inzwischen bekannt gewordene Ausmaß an Überwachung denken, vom Aktenschreddern zu schweigen? Ja, Gundolf Köhler war vielleicht wirklich ein Alleintäter, seine Beziehungen zur – alles Ableugnen ist zwecklos! – von der CSU massiv gedeckten WSG Hoffmann war längst eingeschlafen, ein junger Mann, persönliche Probleme (glaub ich sogar!), Liebeskummer (glaub ich sogar!)…also frustrierter Einzeltäter…das ist zweifellos möglich, aber wie plausibel ist das?

Paul Schreyer berichtet von Übungen, die es bei mehreren Terrorattentaten zeitnah – wenige Stunden vorher jeweils – gab und deren Szenario den tatsächlichen Ablauf erschreckend genau vorwegnahmen. Meine Frage lautet schlicht: War dem so? Hier möchte ich mich nicht mit dem VT-Dummy abspeisen lassen; ich möchte einfach nur wissen, ob dem so war und was es bedeutet, wenn dem so war.

Vielen fällt langsam ein bestimmtes Schema auf. Immer, wenn ein großer Anschlag verübt wird, heißt es zuerst, die Sicherheitsbehörden seien vollkommen überrascht worden. Schon 24 Stunden später kennt man dann aber angeblich genau die Täter.

Es waren in Paris – übrigens auch am 11.09.2001, auch 2005, auch in Madrid – nicht einmal 24 Stunden, wenn ich es recht erinnere. (siehe hier)

Von diesem Schema – alles ist überrascht, aber schnell werden die Täter präsentiert, und von dieser Präsentation wird dann auch nicht mehr abgegangen – weicht eine spezielle Form von Terroranschlägen interessanterweise völlig ab! Nämlich die, die von rechtsradikalen/Neonazis verübt wurden. Beim Oktoberfest 1980 war Strauss sehr schnell am Tatort und wetterte gegen links. Als nicht mehr zu verleugnen war, dass der Anschlag von rechts kam, schaltete man sofort auf den eher unpolitischen Einzeltäter um. The same with Breivik. Auch dort wurde zunächst, die screenshots brachte ich damals, auf einen muslimischen Anschlag abgehoben. Dies, übrigens belegt dinglich, dass es die eine große Megaverschwörung nicht gibt! Denn wenn es die eine große Bilderberg-CIA-Mossad-BND-MI6-undsoweiter-Weltverschwörung gäbe, wäre es ein leichtes, diese „Pannen“ zu vermeiden.

Warum dann aber doch die Uniformität der Berichterstattung? Dass alle vor Bilderberg kuschen, weil Bilderberg die totale Megamacht hat, ist auszuschließen. Aber so, ich bitte um Entschuldigung, stellen sich das eben nur der kleine Fritz und die kleine Fritzine vor. In Wahrheit wird eine Gesellschaft viel subtiler auf Linie gebracht. O-Ton Schreyer:

Nun ist es in der Tat sicher nicht so, dass in den Chefredaktionen jeden Morgen jemand anruft, einen „Tagesbefehl“ durchgibt und bestimmt, was geschrieben werden soll und was nicht. So eine Vorstellung ist wirklich Unsinn. Dennoch ist es für jeden halbwegs wachen Geist offenkundig, dass die großen Medien zumindest bei den Hauptthemen wie Ukraine, Griechenland oder eben Terrorismus tatsächlich mehr oder weniger das Gleiche schreiben.

(..)

Dann gibt es aber noch einen dritten Faktor, nämlich gezielt gesetzte Anreize und Karriereoptionen (meine Hervorhebung, hf) im Umfeld von Lobbygruppen. Es scheint mir zum Beispiel absurd, zu behaupten, dass transatlantische Netzwerke keine Rolle in der deutschen Medienlandschaft spielen würden. Sie spielen eine Rolle und auch darüber sollte geredet werden.

In diesen Netzwerken findet zwar keine Gehirnwäsche von Journalisten statt, wir leben ja nicht in Nordkorea, aber es werden dort eben gezielt Medienmacher eingeladen, von denen die Organisatoren wissen, dass sie schon ähnlich ticken. Und wenn diese Leitartikler dann weiterhin das schreiben und sagen, was in den Netzwerken zum guten Ton gehört, und wenn sie das weglassen, was man dort nicht gern hören möchte, dann gibt es auch Belohnungen, wie etwa Einladungen zu exklusiven Konferenzen, Zugang zu einflussreichen Interviewpartnern und Aussicht auf Jobs im Umfeld der Netzwerke.

Genau so werden Gesellschaften gesteuert. Nein, kein Tagesbefehl. Keine Bilderberg-Konferenz. Es ist alles viel banaler, viel mieser.

Fast am Wichtigsten:

Es geht ja auch um viel. Das Thema behandelt Macht auf einer sehr hohen Ebene. Dagegen sind die Affären, die uns sonst so beschäftigen, vom VW-Abgasskandal bis zur FIFA-Korruption, eher belanglos. Hier geht es an die Grundlagen der Politik. Jeder, der am heiligen Gral Terrorismus rührt und ihn mit Staatsterrorismus verknüpft, der stellt die Substanz infrage. Darum die ständige Ausgrenzung solcher Debatten. Im Grunde ist das Schweigen zwingend. Wie sollte es denn auch weitergehen, wenn wirklich einmal offen bei Anne Will oder Frank Plasberg über 9/11 oder das Wissen um die Verstrickungen von Geheimdiensten in so manches Attentat geredet werden würde? Was sollte daraus folgen? Da tut sich ein Abgrund auf. Und alle spüren das, auch wenn keiner in den Leitmedien darüber redet. Ich habe das in verschiedenen persönlichen Gesprächen mit Journalisten bemerkt.

Elmar Theveßen etwa, der Terrorexperte vom ZDF, hielt sich zum Thema 9/11 mir gegenüber sehr bedeckt, obwohl er selbst 2011 ein Buch dazu verfasst hatte. Als ich einzelne Punkte mit ihm diskutieren wollte, wurde es schnell still am anderen Ende. Und Jochen Bittner von der ZEIT meinte mir gegenüber, alternative Sichtweisen zu 9/11 wolle man lieber nicht drucken, weil das „die Leser verunsichern“ könne. Das ist kein Scherz. So denken führende Leute in den Redaktionen. Daher bleibt man lieber auf vermeintlich sicherem Boden und redet von „Verschwörungstheorien“. Das ist bequem, weil man sich dann mit den Fakten gar nicht erst auseinanderzusetzen braucht. Außerdem machen es ja alle so und man fällt dann nicht auf. Das ganze Thema ist sehr stark angstbesetzt, so mein Eindruck.

So sehe ich das auch.

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Dezember 8, 2015 at 22:03

    Es ist eigentlich nichts Neues. Denk an Pearl Harbour. Natürlich wußte Roosvelt darüber Bescheid, dass irgend etwas im Busch ist, dass man sich vorzubereiten hat. Nicht den genauen Angriffstermin, nicht die Uhrzeit der ersten Bombe, aber die Rivalität zu Deutschland und Japan war ja da. Und dann wußte keiner, dass alle großen, japanischen Träger auf See waren? Gloobichnich! Das wußten die Amerikaner.
    Und Roosvelt wußte, dass er vor der Öffentlichkeit den Krieg, den er wollte, legitimieren mußte. Nun, dieser Krieg gegen die Achse war notwendig und richtig (und dieser ungewöhnliche, weil moralisch so ungewohnt eindeutige Krieg dient bis heute absurderweise zur Legitimierung eines jeden Krieges), wie wir wissen, deswegen Bewunderung für Roosvelts Kaltschnäuzigkeit. Hart und cool. Anders ging es nicht mit Berlin-Rom-Tokio.

    Ähnlich mit dem Krieg gegen Terror. Die Rivalität war längst da, Anschläge hat es auch gegeben. Auch hier: Der genaue Termin war nicht bekannt, aber dass etwas kommen könnte, war keine Überraschung.

    Wobei das Ausmaß von Nine-Eleven wohl doch so nicht erwartet worden ist. Aber das da was kommt, war den Informierten klar. Was die Mordkommandos natürlich nicht legitimiert (ärgere mich fast über diesen Disclaimer, hier sollten intelligente Leser zu Hause sein, aber na gut. Da steht er nun).

    Eine auffällige Sache zu erwähnen kann ich mir nicht verkneifen. Die Medien waren sich bis vor ein-zwei Wochen einig, dass der IS via Türkei Ölhandel betrieben hat und betreibt. Nun mittenmal, seitdem Putin das auch behauptet, werden von ihm rigide Finale Beweise verlangt. Türkei ist halt NATO. Und Putin der nächste Feind. Dabei weiß jeder, dass er recht hat. Er darf es halt nicht haben.

  • Wolfgang  On Dezember 9, 2015 at 10:08

    So isses! Aber, wir alle, die so denken, lesen, schreiben sind die Trottel, gelinde gesagt.

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