Erdogan, Putin, Saudis und BND (update)

So, Putin wirft Erdogan also vor, den IS via Ölhandel indirekt zu sponsorn. Was machen wir nur, wenn Putin Recht hat? (Natürlich hat er Recht, und das wissen auch alle. Jetzt bin ich vermutlich ein Putin-Versteher…) Der BND hat inzwischen, bei seinem Budget nenne ich das überraschend, gemerkt, dass die Saudis falsch spielen. Hätte er auch hier im Blog aka in anderen guten Blogs nachlesen können, wär billiger gewesen, und unter Beobachtung dürften diese Blogs ja sowieso stehen. Hoffe ich wenigstens. Wg in‘ Spiegel gucken können und so… Was der SpON-Artikel nur indirekt sagt: Es ist nicht zuletzt Riad gewesen, das, aus besagten Gründen, dem IS die Anschubfinanzierung besorgt hat. ich gehe davon aus, dass die Geldwäsche pro IS bis heute über Saudi-Arabien und/oder Katar sowie VAE abgewickelt wird.

Es ist all das mal wieder so widerwärtig.

Dass man Realpolitik nicht bloß mit Moraltraktätchen bestreiten kann, weiß sogar ich. Denn Politik in einer Welt, die so ist, wie sie derzeit ist, bloß mit Moral-Appellen betreiben hieße: In einer Lotterie mit wenig Gewinnlosen mitspielen. Ggfls sind sogar gar keine in der Los-Trommel. Realpolitik aber bedeutet, auf den Gipfel getrieben: Alle Griffe sind erlaubt. Um unseren way of life (Demokratie, Freiheit, Toleranz, Lebensfreude oder wie sich das schreibt)  zu verteidigen, dürften wir also lügen bis zum Balken biegen, dürfen wir unsere Kritiker per Lüge kaputt machen, dürfen wir unsere Toleranz preisgeben (nur zu Lasten der „Falschen“, klar!), dürfen wir totalitär werden? Sollte uns wirklich ein neuer Hitler bedrohen, wäre das in Grenzen wirklich so. Auch Churchill und Roosevelt haben in ihrem Kampf gegen Nazi-Deutschland geflunkert, dass die Schwarte kracht. Wohl ihnen, wohl ihnen! Ging nicht anders. Denn bei Hitlern galt: Totschlagen wie einen räudigen Hund! Ich bin heute noch für den Luftangriff auf Dresden, und sei es „nur“, weil der zB Victor Klemperer das Leben gerettet hat… Nur haben die Alliierten, als ihr Sieg gesichert war, sofort umgeschaltet…und vor allem: Sie haben jederzeit realistisch analysiert. Ihnen war klar: Sie kämpfen hier in einem symmetrischen Krieg gegen eine strukturiert in offener Feldschlacht operierende Kriegsmaschine, die es in offener Feldschlacht zu besiegen galt. Alle Griffe waren erlaubt. Aber jetzt? Wer, zum Teufel, analysiert heute? Geheimdienst hin, Geheimdienst her – allein schon das „Geheim“ in Geheimdienst bedeutet ja: Hier wird systematisch gelogen; zT gegenüber der/dem Ehefrau/Ehemann. Isofern sollte man Geheimdienste ersatzlos abschaffen; dies nebenbei. Man kann das alles auch offen analysieren. Aber es gab/gibt (?) innerhalb jener Dienste auch Leute, die ihre Aufgabe ehrlich begreifen, nämlich so: Als Analytiker/in ein möglichst realistisches Lagebild erstellen. Auch Zuckmayer, Erika und Golo Mann, Franz Neumann, um nur einige Beispiele zu nennen, haben sich dem US-Geheimdienst in irgend einer Form zur Verfügung gehalten, und mit wahrlich guten Gründen. Dagegen ist nichts zu sagen. Warum aber haben die heutigen Dienste – wenn dem denn so ist, ich muss es annehmen – keine Analytiker/innen mehr auf deren Niveau (vergl. aber hier)? Wer die arabische Welt analysierte, konnte sogar ohne geheime Zusatzinfos auf die Idee kommen, auf die „wir Laien“ 2001 und 2003 schon kamen: dass eine solche Intervention mit massiven Ziviltoten im Sinne Tayllerands schlimmer als ein Verbrechen, nämlich ein Fehler sei. Was wurden wir damals angefeindet! Ich erinnere es genau. Auch der pawlowsch eintrudelnde Antisemitismus-Vorwurf ließ nicht lange auf sich warten. „Da fahrn wer nach Bagdad un machen ne Dämogratie auf!“ – kindisch! Erwachsene Leute haben diesen Blödsinn geglaubt.

Das ist, was mich am „Kampf gegen den Terror“ so verstört: Diese hemmungslose Realitätsvergessenheit. Dass ’normale‘ Kriegshandlungen in Syrien sachunangemessen sind als Reaktion auf Amokläufe, die von Menschen ausgeübt wurden, die hier geboren wurden, hier gelebt, hier ihre Erfahrungen gemacht haben, ist das eine – wir reden nämlich über eine in Europa geplante und begangene Straftat. Wir reden über einen Gruppenamoklauf a la „Columbine“, nicht über einen  „Weltkrieg“ (FAZ, monströs und beängstigend!). Sie wären indess sogar sachunangemessen, wenn „der Terror“ (in Wahrheit, wie gesagt, ein Gruppenamoklauf a la Columbine) wirklich aus Syrien über uns gekommen wäre.

Auch diese „humanitäre“ (wieviel Zynismus erträgt die Sprache?) Intervention wird natürlich wieder scheitern.

Welcher Teufel reitet unsere Machtelite? Das klägliche, inzwischen immerhin halbwegs eingräumte Scheitern in Afghanistan, das klägliche, inzwischen immerhin vollständig eingeräumte Scheitern im Irak (den IS gäbe es ja gar nicht ohne jene Intervention)…es hindert sie nicht, ein weiteres Mal mit dem Kopf gegen die Betonwand zu rennen. Die letzten Male war es ja schließlich zu schön, als der Schmerz endlich nachließ.

Wo waren wir? Ach ja, Realpolitik. Der knallharte Realismus, der so gerne gegen den Traumtänzer-Idealismus ausgespielt wird. Dass die Begrifflichkeiten philosophiegeschichtlich nicht stimmen – okay, geschenkt. Wir wissen in etwa, was gemeint ist. Der sog. „knallharte Realismus“ hat sich wieder und wieder als irreale Traumtänzerei erwiesen – es gehört nicht viel Talent zur Prophetie dazu: Er wird auch dieses Mal hart mit der Wirklichkeit kollidieren.

Wie war das noch mal mit dem Eventual-Vorsatz? Wusste oder hätte wissen müssen! Dieses Mal hätten „unsere“ es wirklich wissen müssen.

 

update: Hochinteressant! Ich sehe es (und, ähem, sah es auch vorher schon) ähnlich: kein „Weltkrieg“ (monströs!), sondern viel banaler… Ggfls sogar noch banaler, als Atran glaubt: ideologische Inhalte sind nicht nur gar nicht so wichtig resp. bloß vorgeschoben – sie sind ggfls sogar unerheblich.

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Kommentare

  • Hagnum  On Dezember 3, 2015 at 15:28

    „Hätten wissen müssen“.

    Das jetzt ist ja wohl auch nicht mehr mit Schäbigkeit zu erklären,mit Dummheit schon lange nicht mehr.Was ist es also?Etwa doch ausschließlich systembedingt?

    Ich glaube aber, man rennt nicht, sondern lässt wieder gegen die Betonwand rennen.

    Und CDUs Roderich Kiesewetter möchte den Einsatz noch ausdehnen, Libanon Jordanien und Libyen.

    Da weiß man dann wenigstens, wo das noch hinführt.

    Gespenstisch wird’s wenn man Klagen darüber hören kann, daß dt. Tornados
    nur bedingt einsatzfähig sind,wegen zu alt, und schlecht gewartet und so.

    Manch einer kann’s nicht erwarten, daß D endlich wieder mitmischt.
    (Offensichtlich Afghanistan schon wieder vergessen;vlt glaubt auch einer,
    diesmal werden se schon gewinnen)

    Mir wird übel, wenn ich „unsere Soldaten“ höre.Ich hab‘ jedenfalls keine.

    lg

    • hf99  On Dezember 3, 2015 at 15:31

      ich hab auch keine Soldaten, deswegen „unsere“ ja auch in „“;-) ist aber hoffentlich klar, was gemeint ist.

      Merkel ist immerhin die, die in – ohne „“ – unserem Namen in der Welt für uns handelt… es gehört zum politischen bewusstsein, dies so zu akzeptieren, ob man mit Mwerkel nun einverstanden ist oder nicht.

      • Hagnum  On Dezember 3, 2015 at 17:45

        Sorry Hartmut,

        aber dich hatte ich gar nicht im Sinn, als ich von „unseren“ Soldaten sprach.
        Hatte ich wohl überlesen in deinem Post.

        Ich meinte das Fernsehen,Zeitung etc. und die Leutz auf der Gasse,
        und mein persönliches Umfeld!!!

        Das war nicht auf dich gemünzt.Natürlich nicht.Diese MIssverständnisse
        beim Kommentieren…..

        lg

        • hf99  On Dezember 3, 2015 at 18:05

          no need to excuse.

          Dass der Haß, der uns (ohne „“) aus der muslimischen Welt zweifellos teilweise entgegen schlägt, irgend etwas mit unserem /“unserem“ politischen verhalten zu tun haben könnte…merkwürdig, auf diesen nahe liegenden Gedanken kommt niemand.

          Stattdessen formuliert man im Jahr 2015 Gedanken aus, die seit eh formuliert wuden, wenn es dartum ging, gegenüber „Anderen“ Legitimation zu erheischen: Gedanken über den Fremden, Anderen, der halt gewalttätig sei, barbarisch sei, sei eben so seine Natur…

          Nun bestreitet kein Mensch, dass der muslimischen Welt Gewalt eignet, dass es vieles an ihr zu kritisieren gibt…Stichwort: Schwule, Juden, Frauen…aber aus dem Mund des christlichen, seit einiger Zeit absurderweise „jüdisch-christlichen“ sog. Abendlandes wirken solche Vorwürfe schlicht grotesk.

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