Paris im Herbst – update

Bersarins angenehm zurückhaltende Art hebt sich ab von all den „menschlich-allzumenschlichen“ Reaktionen (Nietzsches Doppeldeutigkeit ist aber schon klar, oder?), die jetzt allerorten gelesen werden kann. Ich habe gestern abend bis in den Morgen am „live-Ticker“ gesessen, als ob ich dem in Hamburg-Barmbek dadurch nahe käme.

Mir schwirrte einiges durch den Kopf. Ich dachte an den Drohnenkrieg und daran, dass dessen ebenso unschuldige Opfer nirgends die Empathie erhalten, die jetzt barsch eingefordert wird und die ich in dieser Form jedenfalls verweigere. Dass die Kriege, mit denen ‚der Westen‘ diverse Staaten in Nah-Ost und also die dort lebenden Menschen seit Jahrzehnten überzieht, in irgend einer Form etwas mit den Anschlägen in ‚westlichen‘ Städten oder auf ‚westliche‘ Touristen zu tun haben könnte – merkwürdig, auf diesen doch recht naheliegenden Gedanken scheint niemand zu kommen. Mit der Humanität ist es so eine Sache: Es gibt sie nur ungeteilt. Wer über Sadiq Rahim Jan nicht trauern mochte, möge auch jetzt bitte schweigen. Deswegen mache ich die organisierte twitter-Betroffenheit, deren Verlogenheit aus allen bits und bytes trieft, jetzt nicht mit. Dass ich gegen Mord bin, also auch gegen diesen 128fachen in Paris, ist selbstverständlich und geschenkt…ich würde aber gerne ein bißchen über die Ursachen reden, die zu diesem völlig sinnlosen Massaker führten.

update: burks dokumentiert Matusseks klammoffenen Jubel. burks schreibt auch: „Die Terror-Attentate hatten übrigens einen antisemitischen Hintergrund. Das Bataclan wurde seit 2007 von muslimischen Antisemiten attackiert, weil es auch israelische Veranstaltungen machte wie z.B. für die israelische Polizeieinheit Magav. Der Antisemitismus ist der Kernpunkt des Jihad.“ „Naja, interessting theory“, würde Arendt gesagt haben. Antisemitismus ist, wie jede Ideologie, zunächst einmal ein reines Überbauphänomen. Dass Ideologien Eigendynamiken entwickeln können, stimmt (schlag nach unter „Antisemitismus, deutscher“). Und Jihadisten bauen bei so gut wie all ihren Aktionen gerne einen antisemitischen Schlenker ein; das ist bei diesen Hohlköpfen immer mit eingepreist und eingebucht. Hier aber ging es primär wohl wirklich um Frankreich.

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Kommentare

  • Troptard  On November 14, 2015 at 18:08

    Es ist sicher ein Fehlschluss, dass Empahtie eine Fähigkeit ist, die weit über das eigene Umfeld hinausgeht und diese lässt sich auch nicht einfordern.

    Was ich persönlich brauche, ist die Nähe zu den Menschen. Was ich dennoch kann, ist mich in die Situation von Menschen hineindenken, in ihr Leiden, wenn ihre Angehörigen Opfer von Krieg und Terror werden.

    Was mir fehlt ist die Fähigkeit aufzurechnen, Schuld gegen Schuld. Warum sollte ich mich in die Arme der einen Barbaren dafür entscheiden, mich auf die Seite der anderen zu schlagen.

    Es ist sicher gerechtfertigt, das unter dem Aspekt von Ursache und Wirkung zu sehen.
    Aber welchen Nutzen bringt es einem Linken, der selbst aller Einflussnahme beraubt ist, wenn er nur auf die Ursachen verweisen kann und vor lauter Nebel nicht mehr sehen kann, was für ein religiös- faschistisches Potential die eigene Bevölkerung in den Ländern wie der Türkei, dem Iran, in Saudi-Arabien, Ägypten, im Libanon in Lybien usf. ausgesetzt sind und nicht nur dort.

    Es ist schlichtweg der Mangel an eigener Potenz, der dann auch zu dieser Aussage in Bezug auf einen antisemitischen Anschlag in Paris verleitet: „Naja,
    interessting theory“.

    Dazu eine kleines Erlebnis aus Anfang der 90er Jahre. Ich war arbeitslos und arbeitete bei einer Firma, die Müsli herstellte. In der Spätschicht, in der Pause sprach mich ein Libanese an: „Also der Hitler wäre schon toll gewesen! Allerdings hätte er es versäumt, alle Juden auszurotten.“

    Ich war so sprachlos, dass ich nichts darauf antworten konnte. Da ich hier in Frankreich unter vielen Arabern lebe und deren Einstellung mir zu den Juden mehr als bekannt ist, sind es nicht meine Freunde.

    • hf99  On November 14, 2015 at 19:45

      Nun ich kenne hier in hamburg auch eine familie, deren 9jähriger Sohn auf einmal, zur Fassungslosigkeit der Eltern, etwas negatives über „die Juden“ sagte…und als die dann recherchierten, stellte sich heraus (sorry, war so!): Der hate das von einem muslimischen Freund. Dass es innerhalb der muslimischen Community einen deutlich überdurchschnittlichen Antisemitismus gibt…das ist einfach so, das muss man klar so sagen, wie es ist.

      Exemplarisch der Angriff auf Rabbiner Alter: http://www.tagesspiegel.de/berlin/ein-jahr-nach-dem-antisemitischen-angriff-rabbi-daniel-alter-ich-haette-das-datum-fast-vergessen/8702020.html

      Das hat auszufallen wegen iss nich, und darüber diskutiere ich auch nicht.

      Alle Konflikte müssen von beiden Seiten gesehen werden. Es ist zwar richtig, dass der Abngriff des ‚Westens‘ nach 1990 den Konflikt katalysiert hat…falsch aber ist es, „die“ Muslime, wer immer das sei, nur als unschuldiges Opferhascherl zu sehen.

      Deswegen ja auch meine dialektische Sicht auf den nah-ost-Konflikt rund um Israel, mit der ich mir nirgends Freunde mache: Für die philosemitischen Seppel-Deppels, schlechthin alles in IL herrlich findend, bin ich natürlich ein „Antisemit“, für die Pali-Soli-Trottel ein „prozionistischer Kolonialherr“. (Beides sind Zitate, die ich mir habe anhören müssen – für dieselben Inhalte! Nicht schlecht, was?) Könnt ich jetzt viel drüber schreiben…egal.

      • aquadraht  On November 15, 2015 at 01:10

        Das mit der antisemitischen Propaganda vor allem, aber nicht nur, im arabisch-islamischen Raum ist eine traurige Tatsache. Dort werden Machwerke wie die Protokolle der Weisen von Zion, der Talmudjude und andere „Klassiker“ antisemitischer Hetze in mehr als hundert Sprachen übersetzt und in aller Welt kostenlos verteilt.

        Der Hauptverbreiter und Finanzier dieses Schmutzes ist Saudiarabien, schon seit den siebziger Jahren. Damals haben noch die Baath-Parteien in Syrien und Irak diesen Schund verboten und seine Verbreitung verfolgt. Auch in Algerien wurde solcher Dreck unterdrückt, und verschiedene palästinensische Organisationen haben dagegen polemisiert.

        Seit dem Vormarsch der Islamisten und der Vernichtung des arabischen Säkularismus sind da die Dämme gebrochen. Und Israel bemüht sich um ein gutes Verhältnis zu Saudiarabien, auch ADL und Honestly Concerned sind da dishonestly unconcerned. Honi soit qui mal y pense.

        a^2

  • Dirk  On November 14, 2015 at 20:30

    Ob der Anschlag antisemitisch motiviert war oder ob es hier um Frankreich ging, werden einem die Täter nicht mehr sagen können. Die Jihad-Ideologie basiert vor allem auf wilden Verschwörungsphantasmen. Insofern hat Burks schon recht wenn er schreibt, dass Antismemitismus ein Kernstück des Islamismus ist.

    • hf99  On November 14, 2015 at 20:36

      bestreite ich ja gar nicht, lieber Dirk. Wenn das nunmehr veröffentlichte Bekennerschreiben authentisch ist, wars „diesmal“ aber wirklich ein Anschlag primär gegen das christliche Frabnkreich – wobei, aber solche Leute sind immer auch dumm, das laizistische Frankreich mit Christentum nun wirklich wenig am Hut hat. Wie schon gesagt: Egal, gegen wen es geht – gegen die Juden immer auch. Insofern mag das Attentat aufs Bataclan gleichsam „gerne und en passant“ auch ein antisemitisches Moment enthalten haben.

      Wollen wir nicht drüber streiten. Dass die islamisten balla-balla sind und nichts eröffnen, gar nichts mit ihrer Ideologie, das ist klar. Übrigens ist der islamismus ein spezifisch modernes Phänomen, hat eben gerade nichts mit vormodernem Islam zu tun.

  • summacumlaudeblog  On November 14, 2015 at 22:06

    „Übrigens ist der islamismus ein spezifisch modernes Phänomen, hat eben gerade nichts mit vormodernem Islam zu tun.“ Er ist wie (fast) alle mörderischen Ideologien eine Reaktion auf die eingebildeten Zumutungen der Moderne. Als Praelude würde ich den Mahdi-Aufstand sehen.

  • aquadraht  On November 15, 2015 at 00:47

    Ich frage mich, ob der Anschlag besser oder schlechter wird, wenn er nicht oder doch antisemitisch motiviert war. Sind die Toten dann mehr oder weniger tot? Oder waren die Morde dann moralischer/unmoralischer?

    Sorry, wenn ich das sagen muss: nicht nur Jebsen hat einen Judentick.

    a^2

    • GrooveX  On November 15, 2015 at 12:02

      thx.

      sagen wir’s mal böse: seit er in der türsteher-szene ist, hat er ne neue agenda.

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