(nicht nur) burks über den „Großmufti“

Pädagogisch wertvoll, wenn auch für mich nicht neu.

Der ganze Konflikt krankt daran, dass auf beiden Seiten bis zum Balken biegen gelogen wird; allein schon historisch. Hatten wir hier neulich ja schon.

Hätte ich Zeit, ich würde eine längere Arbeit in Angriff nehmen, betitelt „In defence of historism for left wingers“. Denn an Ranke und Droysen senior (dieses mal stimmt das Gebildetenvorurteil: Ja, Ranke und Droysen sind wirklich im wesentlichen die Begründer des Historismus als geschichtswissenschaftlicher Ansatz) kommt niemand vorbei. Geschichtswissenschaftlich geht es in der Tat zunächst darum – und muss es darum gehen -, herauszufinden, „wie es eigentlich gewesen ist“. Hinterher mag und muss man werten – zunächst einmal aber muss quellenkritisch abgesichert werden, wie es war. Polemisch könnte man sagen: Mit dem Historismus ist es wie mit der Totalitarismusthese – beide treffen zu, sobald sie ihrer ideologischen Vernutzung entkleidet sind.

Nietzsches Rodomontieren wider den Historismus – dem er, entlarvend genug, vorwirft, zur Schwächlichkeit zu verführen – ist ganz unzulänglich. Es ist keine Schwäche, sich geschichtlichen Mythen zu verweigern, die großen Erzählungen zu destruieren, den Geschichtsrelativismus als Haltung zu fördern…vielmehr Voraussetzung dafür, die „Anderen“ anzuerkennen. Es wäre im Nah-Ost-Konflikt unendlich viel gewonnen, wenn „die Palästinenser“ (die es als Volk vor 1948 nie gegeben hat, die sich erst danach qua Erzählung als solches konstituiert haben) endlich einsähen, dass der deutsche Verwaltungsvölkermord an den europäischen Juden kein zionistischer Propagandatünneff ist, sondern klägliche Realität. Und wenn „die Juden/jüdischen Israelis“ (wer ist das nun wieder? Netanyahu? Chomsky? Zuckermann? Lieberman? welcher: Avigdor oder Joe? Alle? Keiner?) einsähen, dass sie durch die Gründung Israels mitnichten ein „Licht für die Völker“ angezündet haben, sondern ein sehr irdisches Machtspiel spielten – verständlich, weil selber mörderisch verfolgt, aber eben mit allen Mitteln des Machtspiels, wie es nun einmal gespielt wird seit eh. Und das bedeutet: Mit Siegern (hier: Die Israelis) und also auch Verlierern (die Araber, die sich nunmehr Palästinenser nennen und die von ihren arabischen Edelbrüdern verraten wurden und werden, dass Gott erbarm).

Legte man eine angemessene historistische Sicht des Konflikts an den Tag, sähe man ein: Alle Erzählungen, die der einen Partei moralisch carte blanc ausstellen, gehen fehl. Die großen Erzählungen lügen immer – was nicht aus-, sondern einschließt, dass sie einen essenziellen Kern enthalten. Die große israelische Erzählung, sofern ich sie richtig verstanden habe, besagt zum Beispiel: Wir Juden waren 2.000 Jahre lang machtlos, haben immer nur an Humanität appellieren können; völlig erfolglos (Beleg hier). Jetzt appellieren wir nicht mehr, jetzt agieren wir. Jetzt sind wir nicht mehr Objekt, sondern Subjekt der Geschichte – wir schaffen uns die Humanität, die ihr uns verweigert habt. Und daran ist weißgott was dran, und nicht nur „was“. Die große palästinensische Erzählung (diesmal bewusst ohne „“, denn sie haben sich ja inzwischen konstituiert) lautet: Wir sind immer nur verraten worden, im osmanischen Reich, dann durch die Engländer, für die wir die Kastanien aus dem Feuer holten (Stichwort Lawrence of Arabia, Friedenskonferenzen nach dem Ersten Weltkrieg), dann in der Mandatszeit. Wir werden das nicht hinnehmen, wir werden kämpfen, und sei es mit Steinschleudern gegen die A-Bombe. Und auch daran ist weißgott was dran, und nicht nur „was“.

Gestünden beide Seiten der jeweils anderen – historistisch begründet (auch der Historismus kennt Dialektik!) – das Recht auf die jeweilige Erzählung des Anderen zu, wäre viel gewonnen. Ich möchte sogar frech behaupten, dass die Sache damit fast schon im Kasten wäre. Aber nein. Beide Seiten wollen es bis zur Neige trinken…

Übrigens: Die größte historische Lüge über Nah-Ost kommt weder aus Ramallah noch aus Tel-Aviv oder Jerusalem. Sie kommt, wie nicht anders zu erwarten, auch hier natürlich wieder aus Deutschland. Bin ich denn wirklich der Einzige, der sich regelmäßig übergibt vor Ekel, wenn er sich das verlogene Gelalle über die „jüdisch-christliche abendländische Tradition“ anhören muss? Nun: Der Einzige bin ich nicht. Bruckstein Coruh wusste es schon vor 5 Jahren. Ist mir damals entgangen – mein um ein halbes Jahrzehnt verspäteter Dank an sie ist dennoch ehrlich gemeint.

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Kommentare

  • wolfgang  On November 9, 2015 at 13:54

    Fakt ist doch aber dabei, dass die eine Seite immer die Arschkarte hatte/hat. Araber sind eben die langsameren.
    Mann hätte eben nach 45 doch anders entscheiden müssen. Wobei, die Zionisten die Sache schon zu weit vorangetrieben hatten- die konnten nicht
    mehr zurück. Und nun??
    Hab die Artikel von Bruckstein Coruh auch gerade gelesen.

    • hf99  On November 9, 2015 at 20:54

      Axo: Die Juden haten nie die Arschkarte? Äh…Oh…

      • neumondschein  On November 10, 2015 at 06:25

        Arschkarten-Skat.

        • hf99  On November 10, 2015 at 10:39

          nennt man auch „schwarzer Peter“.

          „Das dümmste aller Kartenspiele“ (Böll)

          • neumondschein  On November 10, 2015 at 17:11

            Arschkarten-Schwarzer-Peter mit dem britischen Löwen als Anstifter. Der hat sich elegant aus dem Spiel geschlichen. Von ihm redet kein Mensch mehr.

            • hf99  On November 11, 2015 at 10:57

              Ganz Europa war antisemitisch. Den eigenen Antisemitiasmus in nah-Ost entsorgen und jetzt „Israelis sind bäbäbä“ rufen finde ich ziemlich verlogen…

  • André  On November 9, 2015 at 18:37

    Sehr zu empfehlen: „Der Mufti, die Deutschen und die Shoa“
    http://lizaswelt.net/2015/10/29/der-mufti-die-deutschen-und-die-shoa/

    • hf99  On November 9, 2015 at 20:53

      Liza hat recht in allem.

      Problem: Gapso hat auch recht.

      http://www.haaretz.com/opinion/1.540278

      The racist Theodor Herzl wrote „Der Judenstaat“ (“The Jewish State,” not “The State of All Its Citizens”). Lord Balfour recommended the establishment of a national home for the Jewish people. David Ben-Gurion, Chaim Arlosoroff, Moshe Sharett and other racists established the Jewish Agency, and the racist UN decided to establish a Jewish state — in other words, a state for Jews. The racist Ben-Gurion announced the establishment of the Jewish State in the Land of Israel, and during the War of Independence even made sure to bring in hundreds of thousands of Jews and drive out hundreds of thousands of Arabs who had been living here — all to enable it to be founded with the desired racist character.

      Wenn nur endlich einmal akzeptiert würde, dass beide Seiten recht haben, wäre man ein wesentliches Stück weiter.

      Solange aber bloß Propaganda und Gegenpropaganda getrieben wird, können wir es vergessen. (Ich halte von lizaswelt überhaupt nichts nicht deswegen, weil er immer falsch läge – tut er nämlich gar nicht! -, sondern wegen seiner Einseitigkeit als Methode. Die Pali-Soli-Kommitees liegen auch nicht immer falsch, sind aber ebenso bewusst einseitig.)

  • Dirk  On November 10, 2015 at 10:46

    Beide Seiten haben auch in einer grundsätzlichen Sache Unrecht. Es gibt nämlich weder ein in sich homogenes palastinänsisches noch ein in sich homogenes jüdisches Volk. Daher hat auch niemand einen exklusiven Anspruch auf auf die Besetzten Gebiete oder das Staatsgebiet Israels. Letztlich würde es hier weiterhelfen, wenn beide Seiten anerkennen würden, dass nationale Grenzen politische Konstrukte und damit verhandelbar sind.

    • hf99  On November 10, 2015 at 10:49

      ja, natürlich. ich hoffe, das kam so rüber. Ethnisches, also völkisches Denken ist eine der Grundübel dieser Welt.

  • wolfgang  On November 10, 2015 at 10:53

    Historisch gesehen, Hartmut, hatten die Juden natürlich immer die Arschkarte. Wer das bestreiten wollte ist dumm.
    Und, bei soviel gemachter Realitäten, Siedlungsbau z.B., ist schlecht verhandeln.
    Isso, leider.

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