Stokowski über Pegida

Vor einigen Monaten gab es hier im Blog eine wilde Battle. Es ging um eine Briefkastentante und um die Frage, ob sie essenziellen Schwulenhaß zum Ausdruck gebracht oder sich vielleicht doch nur etwas ungeschickt geäußert hatte. Für meine Entscheidung – Barbara Eggert habe sich tatsächlich wohl eher ungeschickt ausgedrückt – musste ich, mussten andere Kommentatoren hier sich absurderweise anhören, wir seien „unterwegs zur NPD“. Über durchgeknallten Alarmismus und gewaltsame Exklusion – Eggert hat damals bekanntlich ihren Job verloren – muss ich also nicht belehrt werden. Insoweit habe ich zunächst einmal Sympathie für Margarete Stokowskis Plädoyer für Kommunikation. Dass ich (leichter) Legastheniker bin, kommt vermutlich noch ad on.

Ich habe aber ein sehr spezielles Problem: Über was soll ich mit Pegida denn reden? Dass die Bewegung, die seit nunmehr einem Jahr eine unfassbar widerliche Vorstellung abgibt, lediglich zwei, drei ungeschickte Relativsätze rausgehauen hat, dürfen wir wohl ausschließen. Die meinen das genau so, wie sie es seit einem Jahr sagen: Es müsse „Widerstand“ geleistet werden gegen klandestine Machenschaften, die auf eine „Umvolkung Deutschlands“ hinaus liefen, darauf, dass „Kulturfremde“ hier übernehmen wollten, „ehrliche Deutsche“ an den rand drängten, während die „Lügenpresse“ die ideologische Begleitmusik dazu spielte. Mit einem solchen geschlossenen Wahnsystem kann ich nicht reden.

Ich gebe Stokowski recht: Es geht nicht darum, ob Höcke (hahaha, ist der doof) die Flagge falsch rum zeigt, es geht nicht um „Trottel“. Es geht – und es wird wieder Tote geben! – um ein gemeingefährliches, geschlossenes, rassistisches Wahnsystem. Nämlich einfach nur um die modernste Variante jenes hinlänglich bekannten Kleinbürgerwahns, der sich ums Leben betrogen fühlt, seine Wut an Wehrlosen auslebt und gar nicht merkt, in Wahrheit nur in den Fesseln ständigen Selbstbetrugs zu zappeln. Nichts wäre fataler, als dieses Kleinbürgertum einfach nur „Mob“ zu nennen (in meinen Augen der schwächste, weil zu unklare Begriff in Arendts Buch; das Bürgertum war bei den totalitären Bewegungen übrigens von Beginn an mit im Boot). Der „Mob“, das „Abfallprodukt des Kapitalismus“ mag mitmarschieren, in Gestalt der schmierigen Type Lutz Bachmann sogar an prominenter Stelle – aber er ist dort keineswegs unter sich. Wir haben es hier mit gut versorgten Bürgern zu tun, die genau sagen, was sie glauben – und die genau das wollen, was sie sagen. Das ist ja das Problem. Mit einem Politiker, der z.B. aus eiskaltem Machtkalkül die rassistische Karte zückt, kann man auf pragmatischer Ebene vielleicht noch reden – mit Überzeugungstätern kann man das nicht.

Wie Stokowski richtig feststellt: Wir reden derzeit nicht über die Mehrheit. 7, 8, 9 % für die AfD wären ein Ärgernis, aber noch reparierbar. Das zur Beruhigung. Ich rede mit jedem, der zuhören will – aber vom Willen, zuzuhören, andere Argumente mal gelten zu lassen verspüre ich nichts bei denen, die pawlowsch „Lügenpresse“ lallen, wenn sie mit Argumenten konfrontiert werden. Stokowski sieht das ja auch. Wie aber will sie dann reden?

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Kommentare

  • Bersarin  On Oktober 22, 2015 at 22:19

    Redet mit Pegida und Ihr werdet es bereuen, redet mit Pegida nicht und Ihr werdet es ebenso bereuen. Redet oder redet nicht, Ihr werdet es bereuen. Ich schreibe dies freilich wenige ekstatisch, sondern eher aus der Perspektive des Käfersammlers heraus.

    Die Aufregung um Akif Pirinçci verstehe ich bis heute nicht: Was will man von einem Menschen erwarten, der Katzenkrimis schreibt?

    • hf99  On Oktober 22, 2015 at 22:27

      Dein eleganter Ästhetizismus in unironischen Ehren. Es gibt Phänomene, denen kann man wohl wirklich nur mit Ästhetizismus oder einem coolen Bogard-Spruch beikommen – im Idealfall ists eine Kombination.

      Indessen: Das ist schon ein vollendetes Wahnsystem. Noch muss man sich keine großen Sorgen machen…obwohl: Das hasserfüllte Gegröhle der Pöbel-Menge erzeugte bei mir schon ein deja vu. Du weißt: Ich war immer gegen nachgeholtes, verbeamtetes Hans-und-Sophie-Scholl-Dasein: Adofn schnell mal post hoc (oder propter hoc? „wink“-Emoticon )auf der Glotzencouch besiegen… aber diese Hetzmeute ließ mich zum Canetti greifen, da war ich schon etwas fassungslos. Und es wird Tote geben. Es gab sie ja beinahe schon.

      • Bersarin  On Oktober 22, 2015 at 22:36

        Nur mit Ästhetik. Ich kann am Wegesrand stehen oder im Lehnstuhl ruhen, weil ich weiß und privilegiert bin. Ich werde zunächst nicht auffallen. Ich kann beobachten. Sollte es anders kommen, müßte man zu anderen Mitteln greifen.

  • Publicviewer  On Oktober 23, 2015 at 13:53

    In Frankreisch sind es schon fast 25%!
    Nur mal so als Anmerkung… 😉

  • wolfgang  On Oktober 23, 2015 at 14:42

    Hitler ist auch nicht „gleich“ zur Macht gelangt. Aber, Geschichte soll sich ja angeblich nicht wiederholen.

  • summacumlaudeblog  On Oktober 25, 2015 at 08:21

    Für eine Rechtsdiktatur sind die geschichtlichen Koordinaten noch nicht da und ein aggressives Moment nach Europa hin wie in den Jahren nach dem ersten WK gibt es derzeit in Dtl. nicht. Was aber erkennbar ist, das ist die Grundierung, die gesellschaftliche Gestimmtheit. Und die ist in der Tat nicht ungefährlich. Kommt nun eine geschichtliche und v.a. eine wirtschaftliche Großwetterlage hinzu, die eine „Lösung“ im Sinn dieser Gestimmtheit als plausibel erscheinen lässt, kann man in der Tat für nichts garantieren (und die Reaktionen auf die sog. Flüchtlingskrise ist ein erstes Anzeichen).
    Wie gesagt: Keine nach außen hin aggressive Diktatur wie 1933ff, das wohl nicht. Aber eine rechts-konservative, ständisch organisierte Gesellschaft, die ideologisch auf einem biologistischen Weltbild fußt, ist dann möglich. Alles selbstverständlich im Rahmen des zunehmend ausgehöhlten Grundgesetzes.
    Wie nun reden mit solchen Leuten? Nun, ich REDETE mit einem von ihnen auf einer Zugfahrt. Es war eine bange machende Erfahrung. Mehr demnächst bei mir „drüben“.

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