Interview mit Byung-Chui Han

von der Struktur unterscheidet sich diese Gesellschaft nicht vom Feudalismus des Mittelalters. Wir befinden uns in einer Leibeigenschaft. Die digitalen Feudalherren wie Facebook geben uns Land, sagen: Beackert es, ihr bekommt es kostenlos. Und wir beackern es wie verrückt, dieses Land. Am Ende kommen die Lehnsherren und holen die Ernte. Das ist eine Ausbeutung der Kommunikation. Wir kommunizieren miteinander, und wir fühlen uns dabei frei. Die Lehnsherren schlagen Kapital aus dieser Kommunikation. Und Geheimdienste überwachen sie. Dieses System ist extrem effizient. Es gibt keinen Protest dagegen, weil wir in einem System leben, das die Freiheit ausbeutet.
(…)
Die heutige digitale Gesellschaft ist keine klassenlose Gesellschaft. Nehmen Sie die Datenfirma Acxiom: Sie unterteilt Menschen in Kategorien. Die letzte Kategorie heißt „waste“ – Müll. Acxiom handelt mit den Daten von rund 300 Millionen US-Bürgern, also von beinahe allen. Die Firma weiß inzwischen mehr über die US-Bürger als das FBI, wahrscheinlich sogar mehr als die NSA. Bei Acxiom werden die Menschen in siebzig Kategorien eingeteilt, im Katalog werden sie wie Waren angeboten, und für jeden Bedarf gibt es etwas zu kaufen. Konsumenten mit hohem Marktwert finden sich in der Gruppe „Shooting Stars“. Sie sind zwischen 26 und 45 Jahre alt, dynamisch, stehen zum Joggen früh auf, haben keine Kinder, sind aber vielleicht verheiratet und pflegen einen veganen Lebensstil, reisen gern, schauen die Fernsehserie Seinfeld. So lässt Big Data eine neue, digitale Klassengesellschaft entstehen.

ZEIT Wissen: Und wer gehört alles zur „Waste“-Klasse?

Han: Diejenigen mit schlechtem Score-Wert. Sie bekommen beispielsweise keine Kredite. Und so tritt neben das Panoptikum, das ideale Gefängnis Jeremy Benthams, ein „Bannoptikum“, wie der Soziologe Zygmunt Bauman es genannt hat. Das Panoptikum überwacht die eingeschlossenen Insassen des Systems, das Bannoptikum ist dagegen ein Dispositiv, das die systemfernen oder systemfeindlichen Personen als unerwünscht identifiziert und ausschließt. Das klassische Panoptikum dient der Disziplinierung, das Bannoptikum dagegen sorgt für Sicherheit und Effizienz des Systems. Interessant ist, dass NSA und Acxiom zusammenarbeiten, also Geheimdienst und Markt.

(…)

Die verstecken sich, die schämen sich, das sind zum Beispiel „Hartzer“. Sie werden ständig in Angst versetzt. Es ist Wahnsinn, in welcher Angst die Hartzer hier leben. Sie werden festgehalten in diesem Bannoptikum, auf dass sie nicht ausbrechen aus ihrer Angstzelle. Ich kenne viele Hartzer, sie werden wie Müll behandelt. In einem der reichsten Länder der Welt, in Deutschland, werden Menschen wie Abschaum behandelt.

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Kommentare

  • wolfgang  On Oktober 9, 2015 at 16:19

    Ja, da staunste nur noch und fragst schnell noch mal nach; wie war das doch gleich? Wer, woher kommt er und wohin gehen wir, Mensch?

  • Dirk  On Oktober 9, 2015 at 18:27

    Sehr schöner Text, die These der Feudalisierung der Klassengesellschaft sollte man mal ernsthaft diskutieren. Zumindest was die zunehmende Vermögensungleichheit und die Bedeutung ererbten Kapitals angeht, dürfte es solche Tendenzen tatsächlich geben.

  • perahim mayer  On Oktober 10, 2015 at 01:58

    Darf ich wieder kommentieren? – Nein!!

  • perahim mayer  On Oktober 10, 2015 at 01:59

    hf 99 hat nicht aufgepasst?
    Ich mache einen Kotau bis tief in den Staub der Erde.

  • perahim mayer  On Oktober 10, 2015 at 02:08

    Ich habe eine einfache Abitur-Frage: Was ist ein nicht-beseeltes Wesen? (Got it?) Was ist ein Wesen ohne Seele? Wer kein Wissenschaftler (Objektivierer) ist, wird keine Antwort finden – oder? Der Müll wird verwaltet von Müll? Was soll das? (Am Rande, ich bin ein Hartzer.)

  • Lemmy Caution  On Oktober 11, 2015 at 13:57

    Vielen Dank für den Link auf dieses Interviews. Dieser Typ ist eine absolute Granate und das Interview hat mich zum Spontan-Kaufs eines seiner Bücher bewogen.
    Nun das aber.
    Das mit der „waste“ Klasse sollten die Betroffenen sportlich nehmen.
    Sowas wie Axciom gibt es schon viel länger. Das ist kein neues Big Data Phänomen.
    So lief das Ende der 90er, wenn bei einem US-amerikanischen Autokonzern Nachfragen nach Hochglanzbroschüren eines Sportwagens eingingen:
    Die hatten ihre gekauften „Marketing-Datenbanken“, in denen die von der Adresse des Interessenten Wertungen über dessen Einkommensniveau und Kreditbonität aggregiert auf ca 20 Wohneinheiten schlossen. So ähnlich jedenfalls. Das war datenschutzrechtlich alles total halal. Wenn der Interessent „falsch“ wohnte, bekam er das teure Marketing-Material nicht zugeschickt.

    Mich widert es an, in einer Welt zu leben, in der sich Mitmenschen Sportwagen für über 80.000 Euro kaufen. Dass die Produzenten für die Distribution des kostspieligen Marketingmaterials irgendwelche Filterkriterien nutzen können, halte ich nicht für den eigentlichen Skandal. Für mich ist das ein klarer Fall von pick your battle.

    Ich besitze ein gewisses Interesse und auch Kenntnisse in Statistik. Aus meiner Sicht wird deren Mächtigkeit ziemlich überschätzt und deren Ergebnisse, bzw. explizit die Prämissen auf denen einzelne erstellt werden, zu wenig hinterfragt.

  • Frans van der Reep  On Oktober 16, 2015 at 10:30

    Vielen Dank!

    Lesen Sie bitte ‚Renaissance des Mittelalters‘, in zwei Teilen, oder Alte Fragen mit Neuen Antworten (Teil 1), (in) Kultur und Management, nr 90, Juni 2014, Seite 48-52
    http://www.kulturmanagement.net/frontend/media/Magazin/km1406.pdf

    Renaissance des Mittelalters, oder Alte Fragen mit Neuen Antworten (Teil 2), (in) Kultur und Management, nr 91, Juli 2014, Seite 59-62
    http://www.kulturmanagement.net/frontend/media/Magazin/km1407.pdf

    Zurueck ins Mittelalter? Brandeins, 14.Jahrgang, Heft 07, Juli 2012. seite 131
    http://www.fransvanderreep.com/wp-content/uploads/2012/08/Brandeins.pdf
    prof Frans van der Reep
    Niederlande

  • Frans van der Reep  On Oktober 16, 2015 at 10:40

    Auch dies waere interssant om zu fassen was wirklich passiert? Verstehen wir was wir sehen?
    http://www.fransvanderreep.com/2014/12/12/neue-technologie-gesellschaftsgrundordnung-und-das-rechtssystem/

  • Frans van der reep  On Oktober 16, 2015 at 21:57

    Mein Kommentar fehlt Feudal.

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