Heinrich Böll 1976 über Bersarin

Heinrich Böll hat sich vor knapp 40 Jahren zustimmend über Bersarin geäußert (vergl. auch hier und hier):

Es wird so leicht dahin gesagt, Zahlen sprächen für sich; ich zweifle an dieser Feststellung. Große Zahlen verdecken eher, als daß sie offenbaren. Wenn es um ein Menschenleben geht, ist es immer die Ziffer und die Zahl eins, die uns nahegeht. Vor einiger Zeit – ungefähr um die Zeit, als der Film Das große Fressen lief – fand in der Bundesrepublik Deutschland eine Gerichtsverhandlung um ein verhungertes Kind statt. Der Gegenstand des Prozesses galt als im einzig wahren Sinn sensationell, und es war dann auch, wie es der absurden Logik unseres Publikationswesens entspricht, nicht die Sensationspresse, die über den Fall ausführlich, mit genauen Analysen und Millieubeschreibungen berichtete.

Dieser Prozeß um ein verhungertes Kind schreckte auf. In unserem Land war ein Kind verhungert!

Nach den Unterlagen der UNICEF verhungern jährlich 10 bis 15 Millionen Kinder auf dieser Erde – ich muß feststellen, daß in dem Wörtchen „bis“ die ganze Schnödigkeit und Grausamkeit enthalten ist, die man ziffermäßig erfassten Toten angedeihen läßt. Und es muß die Frage folgen: wer führt die zehn bis fünfzehn Millionen Prozesse, die da fällig waren? Wer klagt an, wer verteidigt, wer richtet? Angesichts dieser notwendigen Frage und ausgeliefert der Phantasie, die notwendig (und das einzig brauchbare Mittel) ist, sich fünfzehn Millionen Gerichtsverfahren vorzustellen, muß wohl festgestellt werden, daß diese Ziffer – bedenkt man, wieviel planerische Intelligenz wir entwickeln und angewendet haben – die Bilanz eines totalen Bankrottes ist. (Böll, Heinrich, Das große Menschen-Fressen, in: Böll, Heinrich, Es kann einem bange werden, Schriften und Reden 1976-1977, München (dtv), 1985, p. 89)

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Kommentare

  • mark793  On September 10, 2015 at 12:34

    Womit wir bei Stalin wären, dem die Sentenz zugeschrieben wird: „Ein Toter ist eine Tragödie – eine Million Tote, das ist Statistik.“ Vielleicht hat es die Bilder von dem toten Jungen am Strand gebraucht, um manchem ins Gedächtnis zu rufen, dass die Statistik der tödlich endenden Fluchtversuche sich aus lauter Einzeltragödien zusammensetzt.

    • summacumlaudeblog  On September 10, 2015 at 18:14

      Vielleicht hat es die Bilder von dem toten Jungen am Strand gebraucht, um manchem ins Gedächtnis zu rufen, dass die „Statistik der tödlich endenden Fluchtversuche sich aus lauter Einzeltragödien zusammensetzt.“ ist auch meine Überzeugung. Gegen diese Bilder konnte Merkel nicht mehr entscheiden, deswegen das Öffnen der Tore. Habe heute auf meiner Arbeitsstelle die teilweise gruseligen Folgen des Wochenendes mit anhören müssen. Tja Angela, so schnell wird man eine Linksradikale….

      • summacumlaudeblog  On September 10, 2015 at 18:16

        Scheiß wordpressreader, habe wegen Unübersichtlichkeit die Anführungszeichen falsch gesetzt…

Trackbacks

  • […] Welthunger, die Weltungerechtigkeit besiegt. Ich weiß aber eines: dass das Problem (Böll habe ich zitiert!) seit Jahrzehnten bekannt ist, und dass die westliche Welt seit Jahrzehnten nichts tut, jedenfalls […]

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