„pädagogisch wertvoll“ – pawlowsche Reflexe (Gegenreflexe, Gegengegenreflexe, Gegengegengegen…) – update

Die Debatte rund um den entlassenen 17jährigen Lehrling in Österreich ist wieder einmal „pädagogisch wertvoll“ (wie burks es immer nennt), weil sie zeigt, wie eingeschränkt öffentliche Unterredungen ablaufen – man hat da eigentlich immer nur die Wahl zwischen pawlowschem Reflex und Gegenreflex; eine unerquickliche Situation für jede und jeden, die differenzierter kritisieren wollen. Die Stimmen überschlagen sich hüben wie drüben: Da die Sauberkeitserziehung, die ihren Mausanzeiger nicht vom Melde-Button bekommt, sogar den Arbeit“geber“ informiert, ohne sich mit den Hintergründen des Falles auseinander gesetzt zu haben. Drüben die, die ihr Plädoyer für menschliche Niedertracht als edlen Kampf für Meinungsfreiheit tarnen. Dieser kleine, kluge, menschenfreundliche Blog hat sich immer schon gegen beide Reflexe verwahrt: Gegen die selbstgerechte Härte ideologischer Sauberkeitserziehung, aber auch gegen jenen billig herbeidesignten Amoralismus, dem man irgendwann einmal erlaubt hat, zwei Seiten Nietzsche zu lesen und der jetzt „wieder Neger sagt, weil das die PC-Spießer so ärgert, höhöhöhö“.

Dies vorausgeschickt: ich fremdele mit dem Antifaschismus, der sich auf den „melde“-Button beschränkt; ganz ehrlich. Vor einigen Wochen habe ich hier Sascha Lobo ordentlich gelobt (guckstu) und muss da nichts zurück nehmen. Aber auch, gerade Lobo dürfte sich unwohl fühlen dabei, dass gegen den irrwitzigen Haß, der sich in likes niederschlägt, nur ein Gegenmob sich aufbaut. dem auch nichts anderes einfällt, als pawlowsch/gegenpawlowsch auf „melden“ und „like“ zu drücken. Und da haben wir es wieder: Die Reduzierung allen Denkens auf Reflexe, Klischees, die „schlechte Unendlichkeit“ Hegels, hin und her, hin und her, ohne wirkliche Bewegung, „wie bei einem Tennisspiel“ (Böll).

Die Sanktion, die der Empörungsdienst regelmäßig zu verhängen wünscht, besteht in nichts anderem als im sozialen Tod. Entlassung, darf nie wieder eingestellt werden, raus mit dem… Mich schockiert diese Härte, diese Erbarmungslosigkeit, die sich der Einzelfallanalyse verweigert. Bei einem (fiktiven) 35jährigen Geschichtslehrer, der behauptet, vor 1933 hätten die Juden tatsächlich zu viel Macht gehabt, würde auch ich sagen: Der suche sich bitte eine neue Existenz, ich möchte nicht, dass solche schmierigen Hohlköpfe Kindern Geschichte „beibringen“. Aber bei einem pubertären 17jährigen Lehrling? Jetzt lese ich – inwieweit das stimmt, weiß ich nicht -, dass seine Eltern dem österreichischen Pegida-Ableger nahe stehen sollen. Wenn das stimmt (ich habe deutlich „wenn“ gesagt!) – wo hätte er es besser lernen sollen? Ist eine Entlassung aus dem Lehrverhältnis, also eine sehr weit reichende Beschädigung des gesamten weiteren Berufslebens, wirklich eine angemessene Sanktion für einen Jugendlichen, der im Zweifelsfall (ich habe deutlich „im Zweifelsfall“ gesagt!) nur das miese Zeug nachgeplappert hat, das er zuhause hören musste? Oder wäre es überhaupt eine angemessene Sanktion für einen 17jährigen? Mit einem 17jährigen kann ich vielleicht noch reden. Reden nach vollzogener sozialer Todesstrafe stelle ich mir indessen etwas schwierig vor. Es geht bei diesem Reden natürlich nicht um Inhalte. Ein kleines Mädchen oder überhaupt einen Menschen dem Flammenwerfer überantworten zu wollen ist Faschismus, punkt. Es geht um die Frage, wie, um alles in der Welt, jemand auf solche Gedanken kommt. (update: Und was diese Gedanken bedeuten. Verfestigtes Nazi-Weltbild oder pubertäre Kraftmeierei? Ich frage ergebnisoffen, ich will es wissen, in Hannah Arendts Worten: „ich will verstehen“)

Es kommt noch schlimmer. Wer auch nur ein wenig Erfahrung sammeln durfte mit Webdiskussionen, der weiß, wie schnell Labels wie „Rassist“, „Antisemit“ etc bei der Hand sind – mit zum Teil wahnwitzigen „Belegen“. Ich erschrecke bei dem Gedanken, dass eine solche widerliche Hetzmeute geistig Alkoholisierter anderen die Existenz zerstören kann, indem sie den Arbeit“geber“ über Xens „erwiesenen Antisemitismus/Rassismus/etcetc“ (erwünschtes bitte ankreutzen) „informiert“. Vor einigen Jahren wurde eine lokale Website der Linkspartei – über die man als Partei denken mag wie auch immer – gehackt, und es tauchten Nazi-Symbole auf ihr auf. Ergebnis: Bis in die internationale Presse hinein galt dieser Hack* als „Beleg“ für linken Antisemitismus. Ich bestreite nicht, dass es linken Antisemitismus gibt – natürlich gibt es ihn. Über dessen Ausmaß muss man diskutieren; der Tatbestand als solcher ist unstreitig und beschämend. Aber: Recherche, Recherche, Recherche. Nachfragen, den zweiten, dritten Blick riskieren. Wo alle Beifall klatschen, da sollst Du fragen. Wo alle Buh rufen, da sollst Du fragen. Hier hat sich Internationale der Empörten offenkundig am falschen Objekt abgearbeitet. Kann, darf passieren. Wir alle hauen mal daneben. Entschuldigungsmails an die Duisburger Linke sind mir jedoch nicht bekannt geworden.

„Stimme erheben, mutig sein“…bin ich mutig, wenn ich mich hier, in meinem privatpersönlichen Blögchen, antifaschistisch auslebe? Ich habe seit langem den Verdacht, dass es eine Art kostenbefreiten Antifaschismuses gibt, die es einem erlaubt, den kostenintensiven Antifaschismus nicht auf die Probe stellen zu müssen. „Schrecklich, was im Mittelmeer passiert“ kostet nichts (von tv-kompatiblen Aktionen unserer Flotte vielleicht abgesehen – selbst das geht als Ausbildungsfahrt durch, ist also Portokasse). „Warum ist es vor Lampedusa so, wie es ist – und was wäre zu tun?“ kostet im Zweifelsfall. Wer sind die Menschen, die diesen gefährlichen Weg wählen? Warum wählen sie ihn? In der Schweiz ist der Lebensstandard höher als bei uns in Deutschland, in Norwegen ebenso. Wimmelt der Bodensee, wimmelt der Skagerrak von Flüchtlingen, die aus Deutschland in die Schweiz oder nach Norwegen überzusiedeln wünschen? Wieviel Deutsche ertrinken dort? Es ist das alles so widerlich…

Nein, ich bin nicht gegen Antirassismus – ich bin gegen kostenlosen Ersatz-Antirassismus, gegen Antirassismus per dislike, per „melden“-Button. Diesen 17jährigen Vollhonk virtuell fertig zu machen war billig. Sind die schwungvoll empörten Antifaschisten (Ziel erreicht! Lehrlingsvertrag gekündigt!) auch bereit, das Flüchtlingscamp nebenan – die preisliche Neubewertung des eigenen Grundstücks immer inklusive – mit zu machen? Nicht so wirklich? Ach…

update: Und da die menschliche Dummheit offenbar wirklich grenzenlos ist, sei es aus dem Kommentarteil hierher hoch gehoben: „Hier und jetzt geht es um die Frage: Wie gehe ich mit einem 17jährigen um, der in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft den Rassismus, den andere versteckt in sich tragen, offen ausagiert! Siehe meine Abschlußpassage wg preislicher Neubewertung – ich dachte, das sei deutlich genug. Sollen wir ihn öffentlich schlachten, um uns selbst ein gutes antirassistisches Gewissen zu verschaffen? Scheint mir keine gute Idee…“

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* Dierkes öffentlicher Darstellung, er habe sofort Strafanzeige gestellt, das Hochspielen der Datei habe aber nur bis zum Raum Essen/Gelsenkirchen verfolgt werden können, wurde bis heute nirgends qualifiziert widersprochen. Nach allen Standards der Rationalität hat das also – solange keine neuen Fakten präsentiert werden – bis auf weiteres als erwiesener Hack, von wem auch immer, zu gelten.

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Kommentare

  • wolfgang  On August 9, 2015 at 17:04

    Wie kommt ein 17jähriger auf solchen Satz?

  • piet  On August 9, 2015 at 18:06

    Die sog. watchblogs gibt es bei fb jetzt schon 2-3 Jahre. Erst durch sie bin ich über das Ausmaß der Hetze dort halbwegs informiert. Diese leute haben dokumentiert, auch über die „geheimen“ Gruppen und -JA- gemeldet. Unlautere Motive, Denunziantentum und Pseudoantirassismus zu unterstellen greift hier aber mal dermaßen ins Klo. Über den längsten Zeitraum wurden Hass-posts anonymisiert veröffentlicht in der Hoffnung das hätte einen Effekt. Nein, es ist alles nur noch viel schlimmer, massiger und verbalbrutaler geworden. Und die Hetze aus dem Netz trägt Früchte nach draußen, wie selbst Du erkennen solltest. Scheiß Facebook sperrt lieber Nippel und Pimmel, hat aber kein Problem mit öffentlichen Lynchaufrufen, und glaub mir, da ist der Flammenwerfer noch harmlos, Nach dem diese Scheiße jahrelang hochgekocht wurde, ermitteln und urteilen endlich einmal die zuständigen Stellen. Und was fällt dir dazu ein ? Dein übliches „Ich bin zwar links, antifa-ra-tralala … aber“ Gedöns. Fällt mir nix mehr zu ein. Außer vielleicht, daß der Mensch, der den Uzi-duzi-knuddel 17-Jährigen ans Licht gebracht hat, mittlerweile Österreich verlassen hat, aufgrund massivster Bedrohungen. Hartmut, ich muß es sagen, ich lese dich zwar gerne, aber deine Art und Weise geht mir zusehends auf den Sack.

    • hf99  On August 9, 2015 at 19:24

      Dieser Post hat ja nun eindeutig gesagt. worauf er hinaus will. Ist Lesen so schwer? Diskutier darüber mit Dierkes, der in Watch-Communitys damals quasi als „Antisemit des Jahres“ galt und bei dem sich die Hetzmeute bis heute nicht einmal entschuldigt hat, nicht mit mir.

    • Dirk  On August 10, 2015 at 03:04

      @ Piet: Sorry, aber Du glaubst wohl selbst nicht, dass irgendwelche NPD-Honks und Webtrolle mit teilweise eklatanten Rechtschreib- und Bildungsdefiziten, dafür verantwortlich sind, dass rassistische Positionen bis in die politische Mitte hinein konsensfähig sind. Hier sind die Befunde der Soziologie eindeutig. So geht man mittlerweile davon aus, dass es mit der Entstehung moderner Staaten zur Politisierung ethnischer Differenzen kommt. Nationalismus und Rassismus, sind demnach politische Strategien mit denen man Rechte auf politische und soziale Teilhabe einfordern kann. Wer ernsthaften Antirassismus betreibt, sollte hier ansetzen anstatt Gesinnungsschnüffelei in Webforen zu betreiben.

  • eb  On August 9, 2015 at 18:38

    Das war, mit Verlaub (und natürlich sehr subjektiv gesehen, aber jedem möglichem Respekt), seit langem eines deiner schönsten blogs. So voller Fragen …

  • piet  On August 9, 2015 at 23:32

    Oha. „Du bist doof, ich diskutier nicht mit dir“ – das ist dein statement ? Alles klar. Hängst dich an Dierkes auf. Ich hab den diversen blogs für ihren antideutschen Tinneff weiß der Düwel eins übergebraten. Nur hier verkennst du mal eindeutig die Dimensionen und die „Qualität“ des rassistischen Gebräus, das mittlerweile vorherrscht und massenkompatibel ist. Koch du aber ruhig dein eigenes Schwallhalla-Süppchen weiter. Bin raus. Frohes Abgrenzen noch.

    • hf99  On August 9, 2015 at 23:49

      jo, frohes Abgrenzen. Freut mich, Dummerjahne wie Dich los zu sein. Meine Lebenserfahrung: gegen böswilliges Missverstehen gibts nur den Mittelfinger als einzig angemessene Antwort.

      Ich könnte über die „Ballade von der inskünftigen Asylantenhure“ (1993) reden, über den „Gesamtdeutschen Merz“ (1995) und über so manches andere. Über Demos gegen das rechte Gesindel nach den Brandmorden Beginn 90er, über unsere Demo in Bonn 1993 wg Änderung Artikel 16 GG. Und über Menschen, die sich durchaus anbietende Karrierechancen nicht wahrnahmen, weil sie in dieser verkommenen, verluderten Gesellschaft sie selber bleiben wollten. Aber bevor ich mich in Rage rede…

      PS: Rühmkorf berichtet, dass ein altgedienter Linker, der schon in den Adenauer-Jahren bei den Demos der Wenigen mit dabei war, 1968 von einem Jungspund abgepöbelt wurde, was er denn schon vorzuweisen hätte „für die Bewegung“… Lassen wir es mal so stehen…

      Hier und jetzt geht es um die Frage: Wie gehe ich mit einem 17jährigen um, der in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft den Rassismus, den andere versteckt in sich tragen, offen ausagiert! Siehe meine Abschlußpassage wg preislicher Neubewertung – ich dachte, das sei deutlich genug. Sollen wir ihn öffentlich schlachten, um uns selbst ein gutes antirassistisches Gewissen zu verschaffen? Scheint mir keine gute Idee…

  • eb  On August 10, 2015 at 08:21

    Ich kämpfe im privaten Umfeld mit ähnlichen bis gleichen Schwierigkeiten wenn es ums Verhältnis Eltern zu ihren, – ich nenne sie Agenda- bzw. auch Sarrazin-Kinder geht. Mehr spezifiziert, meine ich diesen Nachwuchs, welche in vor- wie voller pubertärer Blüte nicht nur der neu-rechts konditionierten Ideologie ihrer Eltern, sondern mit denen zusammen, eben auch der medialen Einflüsse-, – im Gegensatz zu ihren Eltern, aber nicht mehr den doch noch vorhandenen humaneren Hemmschuhen der Zeit davor ausgesetzt waren. Also die volle ungehemmte Breitseite; „Angst vor einem Linksrutsch“, „Sarrazin, – da könnte ja was dran sein“, „Deutschland schafft sich selbst ab“, mit; „nur wer arbeitet soll auch essen usw. usf.“ Sich auf die Resultate davon bei so manchen Kids alleine einzuschießen, im Besonderen auch von so manchen Älteren, die noch vor einem halben Jahrzehnt ganz anders geredet haben, – kann es wahrhaftig nicht sein.

  • wolfgang  On August 10, 2015 at 11:27

    Klar gibt es noch schlimmeres als Flammenwerfer – Kinos, Fernsehen, Spiele usf. sind voll davon. Am Wochenende das Fussballspiel Essen gegen Düsseldorf, nur mal die Art und Weise, wie da „Spaß“ gemacht wird. Ich dachte jedenfalls, ich spinne. Aber offensichtlich ist dies die Art „Kultur“, die gemocht und gewollt ist. Aber wie komme ich jetzt zurück zum Flammenwerfer?

  • Dirk  On August 10, 2015 at 22:16

    Ist mein Kommentar zufällig im Spmfilter verschwunden ?

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