„Literatur-Management“ und Ästhetik (Literaturkritik 2)

„Das Literaturmanagement der heutigen Zeit übt in der Geschmacksbildung des Schreibenden einen ebenso massiven Einfluß aus wie die Fürsten von einst. Obwohl wir „auf der Seite des subjektiven Selbstverständnisses die Erscheinung des prophetischen, des missionarischen, des unterhaltsamen, des streng artistischen, des politischen und des nur auf Verdienst ausgehenden Schriftstellers“ (Leo Löwenthal) finden, so ist doch die objektive Beeinflußung durch die institutionalisierten Gruppen des Literatur-Managements so stark, daß überall der Einfluß dieser Gruppen aus den Werken der Schriftsteller herauszulesen ist. Selbst dann, wenn der Dichter und der Schriftsteller sich aus der Beeinflussung lösen und dem Druck der ihn umgebenden Gesellschaft ausweichen will, indem er sich abkapselt und ‚unbeeinflußt‘ schaffen möchte, so hat er sich schon allein durch diese Haltung in eine ‚Richtung‘ drängen lassen, so daß selbstverständlich auch das geschmacksbildende Moment eine Formung erfährt.“ (Nutz, Walter, Artikel „Geschmack“, in: Friedrich, Wolf-Hartmut/Killy, Walter (HG), Das Fischer-Lexikon „Literatur“, Frankfurt/Main (Fischer) 1965 (73.-80. Tausend Januar 1972), Band 2.1, p. 275).

So neu ist das also gar nicht; die derzeitige Klage über Literatur im Zeitalter des facebook-likens finde ich öde und unhistorisch. Schon Benjamin wusste bekanntlich, dass Art und Umfang der Reproduktion und also Präsenation von Kunst „auf die Kunst in ihrer überkommenen Gestalt zurückwirk(t)…“ (Benjamin, Walter, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Benjamin, Walter, Gesammelte Schriften Band I.2, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1980, p. 475). Der Ausstellungswert, u.a. also auch sein Warenwert, gewinnt „absolutes Gewicht“ und destruiert Aura und Kultwert jeder Kunst (aaO p 484). Denn „Die Art und Weise, in der menschliche Wahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt“ (aaO p 478). (Dass Benjamin dann allzu optimistisch über den Film und über „Zerstreuung“/Zersplitterung als Gegengift zum Faschismus dachte – Adorno gab ihm das zu bedenken -, steht auf einem anderen Blatt.) Insgesamt also an old hat. Where are the problems?

Schulte-Sasse fasste diese Überlegungen rezeptionsästhetisch so zusammen (den etwas ungelenken Stil, tpisch für Geisteswissenschaftler in den 70er-Jahren, sehe man ihm nach):

„Die Literaturwissenschaft konnte sich den Einsichten der Sozialwissenschaften, daß nämlich Werte weder objektiv noch subjektiv, weder zeitlos gültige Wesenheiten noch allein subjektive Chimären, sondern durch Sozialisation internalisierte Sinnvorstellungen sind, die aus wertorientiertem Handeln hervorgehen und für historisch und soziologisch faßbare Gruppen intersubjektiv gelten, entziehen, weil sie ihrem Gegenstand seit je einen besonderen ontologischen Status zuschrieb und die Ideologiehaltigkeit und Historizität dieser Zuschreibung nicht durchschaute. Denn die ungeschichtliche Verdinglichung des Wertes ist nur die Kehrseite einer ebenso ungeschichtlichen Verdinglichung der Bedeutungsstruktur des Kunstwerkes. (…) Das Postulat einer autonomen Kunst war eine historisch besondere Antwort auf gesellschaftliche Konstellationen des 18. jahrhunderts. Diese Antwort ist von der Germanistik, anknüpfend an sicher nicht leugbare Merkmale on Konsistenz und relativer Geschlossenheit von Dichtung, zum Wesen der Kunst verallgemeinert und damit ihrer historisch-konkreten Legitimation beraubt worden.“(Schulte-Sasse, Jochen, Autonomie als Wert, zitiert nach: Degenhardt, Inge, Literarische Wertung, Stuttgart (Reclam) 1979, p. 121ff)

Das gilt bis heute. Weder Literatur noch ihre Kritik können hinter diese Einsicht zurück. Erst mit dieser Einsicht im Rücken können Kunst, Literatur und Kritik sich überhaupt fragen, ob und wenn ja wie Autonomie gewonnen werden kann. Erst diese Einsicht erlaubt es, sich ihren Folgen zu entziehen – in kurzen Momenten der Autonomie, jenseits des Empirischen, jenseits pawlowscher Reaktionen, ein „Feuerwerk“.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: