Literaturkritik

Soviel Unbescheidenheit muss sein: ich habe mich schon vor Jahren gegen die damals noch weit verbreitete Netzbesoffenheit („Demokratie 2.0“) gewandt und leider Recht behalten. Im Web findet statt, was schon auf Tontäfelchen, auf Papyrus, in mittelalterlichen Handschriften, im Gutenbergdruckstock, per Bleisatz oder per rororo statt fand: Es werden kluge Sachen geschrieben und nicht ganz so kluge. Das galt für den politischen Bereich – und es wird für den der Literaturkritik genau so gelten. Natürlich ist ein solches Literaturkritikprojekt nur online denkbar – aber das hat pragmatische Gründe: Wer wird den jetzt noch eine neue Print-Literaturzeitschrift gründen wollen, bei dem Kostenvorlauf? Wer jedoch glaubt, eine digitale Literaturkritik sei aufgrund ihrer Digitalität in der Lage, neue Inhalte auszuformulieren, und insbesondere sei sie frei von Hierarchien, der hat sich, Verzeihung, mit dem Scheitern der digitalen Revolte, mit dem Scheitern der „Generation Piratenpartei“ nicht näher befasst.

Krise der Kritik? Wirklich? Eine Krise der Kritik wird doch seit eh konstatiert. Es fehle, so schon Thomas Mann, in Deutschland an Bosheit, an Gehässigkeit der Kritik…Geisel selber zitiert ja Schlegel, das war 1801. Ich weiß letztlich nicht einmal, ob diese Dauerklage berechtigt ist. Dass es häufig an Mut vor Fürstenthronen fehlt, stimmt natürlich – wer will es sich mit Papa Suhrkamp oder Mama Fischer verscherzen? Literaturkritik wies immer schon einen hohen Anteil an Gefälligkeitsgutachten auf. Das ist aber kein Problem des literarischen Felds. Da reden wir über ganz andere Dinge, über die conditio humana und Anverwandtes. Das Online-Projekt wird entweder outside bleiben, kann somit als Geplärre der zu kurz Gekommenen denunziert werden und also nirgends Gehör finden – oder den Weg alles Etablierten gehen; betriebliche Rücksichtnahme immer inklusive. Im übrigen verknoten sich betriebliche Rücksichten häufig tatsächlich mit persönlichen. Mein literarischer Alptraum: das Buch eines guten Freundes nicht mit gutem Gewissen empfehlen zu können…eine unerquickliche Situation. Bisher einmal erlebt, zum Glück ging es nur um ein Script, nicht um ein veröffentlichtes Werk.

Es fehle an Bosheit, an Mut zum Verriss? Es gab sie ja, die Bosheit der Kritik, immer wieder. Etwa beim großartigen Peter Rühmkorf, der mit Leslie Meiers Lyrikschlachthof einstieg („Anmut dürftiger Gebilde!/Kraut und Rüben gleich Gedicht!/Wenn die Bundesschäfergilde/Spargel sticht und Kränze flicht“ – über die Naturlyrik der 50er Jahre) und vorm Literaturnobelpreisträger Octavio Paz nicht halt machte („Oha, hier dichtet wirklich der internationale Diskurs persönlich – aber wenn Du draufkloppst: Sperrholz!“). Entscheidend an Rühmkorfs Polemiken: Sie waren immer fundiert. Rühmkorf konnte in Grund und Boden kritisieren, aber er hat immer gesagt, warum… Ganz folgerichtig konnte er auch loben dort, wo es ihm angemessen schien – Endlers Ballade vom Schneemann etwa. Kritik muss boshaft sein können, aus Prinzip bösartig sollte sie nie sein.

Das ist heute unmöglich? Alle besprochenen Bücher werden heute in Watte gepackt? Ich halte das für einen Mythos.

Ohne Geisel zu nahe treten zu wollen: das Thema ist nicht neu, literaturkritik.de hatte ihm schon im Februar einen Schwerpunkt gewidmet. Das Thema als solches brodelt sogar schon seit Jahren. Keine Verisse mehr, keine Verrisse mehr… Süselbeck entgegnet dem in seinem auch ansonsten großartigen Essay so kühl wie zutreffend:

Auch wenn es zweifelsohne ein gewisses Risiko bedeutet und Mut braucht, um sich persönlich mit einem fulminanten Verriss zu exponieren, geschieht dies allen Unkenrufen zum Trotz nach wie vor – nicht zuletzt aus Gründen der Aufmerksamkeitserzeugung auf verschiedenen Ebenen.

Insofern wäre hier ein Sieglinde-Geisel-Verriss fällig. Da sie aber gerade ihrerseits einen brillanten und völlig zutreffenden Goetz-Verriss geschrieben hat, bin ich gnädig und halte es mit Robert Gernhard:

Lasst uns schweigen Freunde, tippts per ANSI:
Geisel irrt, doch formulieren kann sie.

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Kommentare

  • Sieglinde Geisel  On Juli 18, 2015 at 22:12

    Wow, gut gegeben! Es fehlt der Literaturkritik nicht an Bosheit, sondern an Klarheit, an Maßstäben. Die Einhelligkeit, mit der Autoren wie Daniel Kehlmann, Helene Hegemann oder weiland Ingo Schulze gehypt werden, ist für mich immer wieder schwer zu glauben. Es stört mich nicht, dass jemand diese Autoren großartig findet – aber dass dann alle hinterherrennen und nicht mehr genau lesen (mit dem Körper lesen, dann wird einem nämlich schlecht, wenn nichts drinsteht… so viel zu meinen Kriterien!…), ist unverzeihlich.
    Übrigens ist mir selbst die Begeisterung lieber als die Empörung, außerdem sind Verrisse schlecht für den Charakter, wie W. H. Auden erkannte: „You cannot write a bad review without showing off.“

    • hf99  On Juli 18, 2015 at 22:39

      Nun, was die literarische Belanglosigkeit Hegemann betrifft, dazu habe ich mich damals sehr deutlich geäußert. Aber ohne Kritiker war sie nicht. Über Günstlingswirtschaft im Literaturbetrieb müssen wir nicht reden. Junges Originalgenie fasziniert „alle“ – nur leider mithilfe von Papis amazon-Einkäufen…das war wirklich ekelhaft. Und das ganze galt dann auch noch als dernier crie der Subjektkritik. Wenn man schon nicht schreiben kann, sollte wenigstens die Theorie sitzen. Wobei mir der Mensch Helene Hegemann bei dieser Schmierenkomödie immer leid tat. Ich kenne hier in Hamburg übrigens keine Kollegin, keinen Kollegen, die/der n i c h t ins Essen gekotzt hat.

      Was Maßstäbe sein könnten? Letztlich ist meiner, aller nachträglichen Gedankendichterei entkleidet, banal: Spricht mich an versus spricht mich nicht an. Und dann müsste jedes mal gesagt werden, was mich zB an Lowrys „Under the vulcano“ ansprach. Oder an Grabows „Hanna“.

      Auch ich lobe lieber.

      Zu Götz: ich fand 1989 als Materialsammlung gar nicht uninteressant. Nur mit Literatur hat es selbstverständlich nichts zu tun. Aber als erste Materialsammlung im proseminar Zeitgeschichte ganz okay.

  • summacumlaudeblog  On Juli 19, 2015 at 07:44

    Was Du schreibst, Hartmut, bestreitet ja niemand. Korruption, „Freundschaftsdienste“, Gefälligkeitsrezensionen hat es im Literaturbetrieb immer gegeben. Das wissen z.B. Frau Geisel, Herr Schütte und Herr Knörer aber auch.

    Was neu in der heutigen Literaturkritik ist und zwar auf bemerkenswerte Art und Weise neu, ist die Maßlosigkeit im Lob und die Einhelligkeit der Meinung, wenn sich die fünf sechs Opinionleader einmal festgelegt haben. Wer da dann (z.B. bei Kehlmann) „Moment mal“ sagt, wer zweifelt, wer dann nicht gleich die Superlative zückt, ist auf die Rolle des neidischen Dümmlings abonniert und scheidet aus.
    Nicht getadelt ist genug gelobt, sagt der Lehrmeister im Schwabenland. Reziprok dazu der Literaturbetrieb: Ein Lob ohne Superlativ ist keines. Da wird auf den Brummkreisel draufgedroschen, bis „für keinen Pfennig Musik mehr drin“ ist (Rühmkorf). Die Nähe dieses TONS zum Ton der Werbewirtschaft ist evident. Darum gehts! Täusche ich mich oder begann dieser Werbeton mit dem Erneuern des „deutschen Fräuleinwunders“ in der Literatur Anfang des Jahrhunderts?
    (Ein „Wunder“ übrigens, das damals zwar Publizität versprach, zu dem heute aber kein ehemaliges Fräulein gezählt werden will. Das nur nebenbei.)

    Vor ca. einem Jahr rezensierte ich Martin Lechners „Kleine Kassa“ auf meinem Blog (siehe: Ältere Beiträge, einfach runter fahren). An meinem Lob, an meiner Begeisterung für diesen außergewöhnlichen Roman habe ich nichts zurück zu nehmen. Mein damaliger TON aber persiflierte schon diesen neuen Ton der Kritik. Er ist seinerzeit als Persiflage leider nicht erkannt worden.

    • hf99  On Juli 19, 2015 at 09:05

      Aber auch das ist nichts Neues. ich habe mich, wie Du weißt, damals schon gegen die Grünbein-Besoffenheit gewandt – nicht, weil ich all seine Gedichte unbrauchbar fand (das waren und sind sie ja nicht), sondern weil ich nicht sehe, wo seine interessanten Gedichte Gedichte eines „Götterlieblings“ sein sollen. Übrigens gab es schon damals auch Kritk an Grünbein – „Gedichte wie Designerdrogen“ (Raddatz), was nicht schlecht war! Das „Überfeiern“ (Rühmkorf) ist an old hat, immer da gewesen. Mich stört, dass hier ein Skandal wahrgenommen wird, der so nicht existiert, zumindest nicht als neues Phänomen.

      Was vielleicht neu ist: Das Phänomen Tochter/Sohn, Hegemann/Lebert, die vom Kulturbetriebspapi protegiert werden. Der Verweis auf Klaus Mann trifft, wie Du weißt, nicht ganz zu. „Kläuschen“ („Klaus Mann hat sich den Arm verstaucht und ist daher für die nächsten zwei Wochen am Reden verhindert“) wurde mitnichten von Papi protegiert, im Gegenteil, Thomas Mann war das außerordentlich unangenehm. Allerdings: Klaus selber hat mit seinem Nachnamen natürlich kräftig klingelingeling gemacht – und im Berliner Feuilleton war das schon damals das Sesam-öffne-Dich. Insofern muss man sogar hier sagen: Nüscht Neues!

      Ich bin keine 20 mehr und weiß um die Gesetze medialer Aufmerksamkeit – dennoch, besser: genau deswegen ärgert es mich ein ganz kleines bißchen, wenn hier eine Sensation ausgerufen wird (es gibt keine Verrisse mehr), wo business as usual vorliegt. Wenn dann auch noch, im Jahre des Christenherrn 2015, gehofft wird, per web werde alles besser, bin ich sowieso ratlos. Und beim Wort crowdfunding greife ich zum Klappmesser…

      Abgesehen davon wünsche ich dem Projekt natürlich alles gute. Ist nicht mal Ironie. Jede Literaturseite sollte begrüßt werden.

    • hf99  On Juli 19, 2015 at 09:28

      Und zur Maßlosigkeit des Lobs: Stichwort Forestier! Einfach mal googlen. Selbst Gottfried Benn ist reingeplumpst. Auch nüscht neues.

      Edith erspart Euch das googlen: https://de.wikipedia.org/wiki/George_Forestier

  • summacumlaudeblog  On Juli 20, 2015 at 12:17

    Was Du schilderst, sind die üblichen Korruptionen eines Betriebs, von denen der Literaturbetrieb natürlich auch nicht frei ist. Was ja auch schon hier und anderswo durch mich und viele andere gesagt worden ist. (Familiäre) Protektion, Gefälligkeistrezensionen, Fehldeutungen..usw.
    Den Namen Forestier habe ich im Casus AleaTorik schon auf das Tapet gehieft und ihm/ihr richtig die Rache des Literaturbetriebes in Form von Verschweigen vorausgesagt (vor ca. 2 Jahren!). Auch bei mir muß mal Selbstlob sein…

    Nur, darum geht es nicht. Sondern: Irgendwo zeitlich zwischen poplit. Quartett und Fräuleinwunder begann eine neue Qualität der Kritik, die sich wegbewegte von Kririk und hinmarschierte zum Marketing. Kritiken und Klappentexte wurden ununterscheidbar. Das hat es so vorher in dieser Massierung nicht gegeben. Und das beklagen ja auch diejenigen, die sehr viel näher am Betrieb dran sind, als wir. Das glaube ich denen auch.
    War es nicht Mangold, der sich in der „Zeit“ (immerhin!) vor nicht gar so langer Zeit darüber beklagte, von den Verlagen schon alleine deswegen angerufen zu werden, wenn in einer Buchkritik mal NICHT der Superlativ die vorherrschende Steigerungsform war?
    Meine Interpretation ist so simpel wie materialistisch: Das Geschäft ist härter geworden. Da kommt es auf jede Kritik an, ein „Gut“ reicht nicht mehr wie früher, es muß ein „Sehr Gut“ sein, besser noch ein, „Brilliant“, ein „Noch nie gelesen“, ein „stärkstes Debüt seit 10 Jahren“, welches selbsverständlich jedes Jahr mehrfach statt findet….
    Vielleicht ist es einfach nur Ausdruck der „Medienkrise“.

    • summacumlaudeblog  On Juli 20, 2015 at 21:52

      edit: Quelle gefunden. Mangold hat sich nicht „beklagt“, sondern festgestellt, dass es so ist. Ohne Superlativ in der Rezension kein Anstieg des Verkaufs.

      • hf99  On Juli 20, 2015 at 22:06

        alles nicht falsch, alles nicht falsch -aber ich bestreite, dass es so fundamental anders ist als früher. Sogar MRR gibt zu, dass er damals zB Böll bewusst (und nach meiner Erinnerubng, habe gerade die Quelle nicht parat, sogar nach Rücksprache mit anderen) „aufgebaut“ hat gegen Gerd Gaiser, und zwar aus politischen gründen. Das war nicht falsch von MRR, und Gaiser war ne Katastrophe…aber eben: Absprache! Darf man mal machen, aber man muss das wissen.

        Rühmkorf sprach schon vor Jahrzehnten von „Schwindelkursen“.

        Ich freue mich, dass es die Debatte überhaupt gibt…ärgere mich aber, dass so getan wird, als hätte man gottwunderwas entdeckt.

        Das takshowkompatible Fräuleinwunder damals war in der Tat zum Kotzen…aber es war buisiness as usual, muss man doch so sagen.

        Siehe Walter Nutz über „Literatur-Management“ – schon 1965!!!

        jetzt bitte nicht seinerseits aus Marketinggründen in Schnappatmung verfallen! „Wir erneuern die Literaturkritik“ – ja, nee, is klar ne?

        • summacumlaudeblog  On Juli 20, 2015 at 22:22

          Erinnerung an MRR ist zutreffend, Quelle ist das Herlinde Koelbl-Interview aus dem Jahr 1989. MRR wörtlich auf die Frage Koelbls, warum Böll hoch geschrieben wurde:

          „Wir, die wir zu Bölls Ruhm beigetragen haben, sahen keinen anderen Ausweg.Es gab keinen anderen. Die konservative Kritik wollte Gerd Gaiser zur Galionsfigur der Literatur machen. …. Das konnten wir nicht zulassen. Wir haben uns auf Böll als Gegenkandidaten geeinigt, …“

          Wer ist „Wir“ ? MRR erzählt es nicht, spricht aber im Plural.

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