Kalter Staatsstreich und deutsche Kläglichkeiten

Der muffige Mythos vom „Wirtschaftswunder“, das nur möglich wurde, weil „alle mit anpackten“, gehört zu den widerwärtigsten und schamlosesten Narrativen des deutschen kulturellen Gedächtnisses. Historiker wissen es seit langem besser: Voraussetzung dafür, die ökonomische Übermacht in Europa wiederzugewinnen, war das Regulieren der deutschen Kriegsschulden, genauer: Ihre fast ersatzlose Streichung. Denn von ein paar belanglosen symbolischen Zahlungen abgesehen – Zahlungen, die locker zu stemmen waren -, hat Deutschland (West!) niemals für die immensen Schäden zahlen müssen, die es im zweiten Weltkrieg allein verursacht hat. Bis zum heutigen Tag will in Deutschland kaum jemand zur Kenntnis nehmen, welch unfassbar großzügiges Geschenk dem Land mit der Londoner Schuldenkonferenz 1952 gemacht wurde. Viel wichtiger noch als die sehr moderaten Zahlungsregelungen war aber etwas anderes: Der Artikel 5.2, also die Vertagung der Reparationsfragen auf einen späteren Friedensvertrag, den es bis heute zwar de facto, aber letztlich nicht de jure gibt (zumindest ist das unklar; siehe unten). Auf der Pariser Konferenz 1945/46 wurden noch zum Beispiel griechische Ansprüche an Deutschland in Höhe von 7 Milliarden US-Dollar (in Kaufkraft von 1938) festgestellt – an Griechenland ausgezahlt wurde später die lächerliche Summe von 15 Millionen USD (!!!) (vergl. Králová, Katerina/Kakasová, Nikola, Reparationsforderungen: Umfang, Rechtsfragen, politische Rahmenbedingungen, in: Klemm, Ulf-Dieter/Schultheiß, Wolfgang (HG), Die Krise in Griechenland – Ursprünge, Verlauf, Folgen, Frankfurt/Main (Campus) 2015, zit. nach der text- und seitenidentischen Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, p. 299-325, hier p. 312). Griechenland hat mehrfach auf die noch ausstehenden Zahlungen hingewiesen und wurde von der alten Bundesrepublik auf den noch ausstehenden Friedensvertrag verwiesen (aaO, p. 313 ff). Als nach den zwei-plus-vier-Verträgen, zumindest de facto der Friedensvertrag mit Deutschland, Athen und andere Länder im Ton deutlicher wurden, fuhr Deutschland ein multiples Arsenal an Argumenten auf: Neben dem Hinweis darauf, zwei-plus-vier sei kein Friedensvertrag (nebenbei: das behaupten auch die „reichsdeutschen“ Idioten!), verwies man auf Kredite seit 1958 (die Griechenland allerdings sauber zurück gezahlt hat), auf technische und militärische Hilfe im Rahmen der Nato, auf EU-Zahlungen an Griechenland (die allerdings eben EU-Zahlungen, nicht deutsche Zahlungen, sind), nicht zuletzt wollte man auf Verjährung plädieren (vergl aaO 314ff).

Wie auch immer im Einzelnen: Deutschland ist insgesamt, wenn wir uns das Desaster namens zweiter Weltkrieg ansehen, sehr gut weg gekommen. Vermutlich war es richtig, Deutschland nicht die Summe abzufordern, die hier fällig gewesen wäre – leisten können hätte Deutschland diese Summe ohnedies im Leben nicht! -, und eher auf die Zukunft zu setzen. Die deutsche Gesellschaft hätte jedoch allen Grund, dankbar zu sein. Sie ist es aber nicht. Der elend falsche Mythos vom Wirtschaftswunder („wir, wir allein, durch harte Arbeit…“) geht in Deutschland für gewöhnlich eine absurde Symbiose ein mit jener Aggressivität gegen alles und jeden, der fremd ist, denn „die“ wollten ja nur an „unser“ Geld. Die innere Selbstverwahrlosung Deutschlands – hier wird sie greifbar. Mein Land legt eine aggressive Freudlosigkeit an den Tag, die mich staunen macht. Ich bin fassungslos über das, was ich seit Monaten an regelrechten Haßexzessen gegen „die Griechen“ lesen muss. Inzwischen geht man, um die Stimmung am Köcheln zu halten, zu offenen Unwahrheiten über. Ganz unpolitisch nenne ich die antigriechische Hetze, die seit Jahren betrieben wird und die in den letzten Monaten unterirdisches Niveau erreicht hat, schlicht unanständig. (Zur antigriechischen Hetze der letzten Jahre vor 2015 vergl den Aufsatz „Die Rolle der Medien“ von Hans Bickes, Tina Otten und Laura Chelsea Weymann, aaO p. 326-351; Endredaktion des Bandes war Oktober 2014.) Man wirft mir und anderen ja gerne vor, das Insistieren auf schlichten Anstand habe etwas naives und allemal etwas bürgerliches an sich. Mag sein. Aber es ist, dabei bleibe ich, auch für die politische Analyse ein guter Einstieg. Denn: wer lügt, wer hetzt, wozu, warum, wofür? Und woher der offenkundige Erfolg dieser Hetze? Ich bin, was Dinge wie „Psycho-Historie“ betrifft, eher vorsichtig…aber habe ich mich so vollständig verhört, wenn ich hier eine massive Abspaltung wahrnehme? Der deutsche Steuerzahler weiß letztlich sehr genau, wie gut es ihm geht – und er weiß ebenso genau, wieviel Glück er hatte. Genau das aber führt bei ihm nicht zu Gelassenheit, sondern zu zum Teil absurden Haßexzessen. Wäre ich Christ, ich würde den Durchschnittsdeutschen so charakterisieren: Alle sieben Todsünden in Person… Ich bin kein Nationalist, nicht einmal negativer – aber das eigene Land zum Sauhaufen erklären zu müssen ist schon bitter. Im übrigen sind wir na klar die Allertollsten. Nicht zu begreifen, dass uns keiner mag.

Jetzt also haben wir – es ging sehr schnell – den von burks und mir (und anderen) vorhergesagten kalten Staatsstreich („Es ist das Programm einer feindlichen ausländischen Macht“ sagt der milde Münchau völlig zu Recht). Dass Tsipras nicht einfach zurück tritt, ehrt ihn vielleicht. Er scheint die Folgen zu fürchten. Aber wären die Folgen, vielleicht bis zu ausgewachsenen Riots, so viel schlimmer als das, was Griechenland jetzt bevorsteht – nämich die finale Brüningsche Dr-Eisenbarth-Kur? Glauben Merkel und Schäuble sich eigentlich den Blödsinn, den sie daher reden, selber? Griechenland bleibt entweder im Euro – dann muss es so etwas wie einen europäischen Länderfinanzausgleich geben (ich wäre dafür*), denn ein Angleichen des Produktivitätsniveaus wird es auf Jahrzehnte nicht geben. Oder Griechenland darf abwerten – und zwar die Währung. Die dritte Alternative, nämlich Griechenland habe weiter zu verarmen, Löhne, soziale Leistungen weiter zu verschlechtern, ist mir dann in der Tat ganz unpolitisch-bürgerlich zu unanständig. Aber auf diese Unanständigkeit wird es hinaus laufen. Denn Merkel vollzieht, was der deutsche Kleinbürger fordert, übrigens auch der postmoderne Kleinbürger (das ist der, der sich für kritisch hält, weil er Bio ißt und seine Kinder nicht mehr schlägt): Den Wohlstandsladen in Deutschland gefälligst flott halten; der Rest interessiert nicht. Die berühmte Kritik an Merkel, sie stehe eigentlich für gar nichts, deswegen ihr Erfolg, geht völlig fehl und hat das Geheimnis des Merkelschen Erfolgs nicht verstanden. Sie lebt, seit 2005, verstärkt seit 2007/08, von dem einen großen Narrativ: „ich sorge dafür, dass Ihr Deutschen weiterhin nach Malle jetten könnt und Euch dort schmatzend, rülpsend und mit Euro-Scheinen winkend als die Herren Europas aufspielen dürft!“ Ein Narrativ, dessen Bezüge zu dem oben benannten auf der Hand liegen.

______

*In Bayern (das ist jenes Bundesland, welches von 1950 bis in die End-80er fett reibe rangezockt hat beim Länderfinanzausgleich; „wir“ Hamburger habens den Bayern besonders massiv in den Arsch stecken müssen) sollte es für diese Forderung besonders viel Verständnis geben… Ich kann übrigens gönnen, erwarte gar keine Danke-Mails aus dem jahrzehntelangen Netto-Empfängerland Bayern. Was ich als Hamburger, Ihr von mir höchstpersönlich fett gefütterten Bayern, was ich von Euch allerdings erwarte: Jetzt mal die Klappe zu halten und etwas demütiger aufzutreten…Ansonsten möchte ich Griechenland gern bald mal besuchen. Aber als Gast, nicht als Eroberer. Sogar einen kleinen Abstecher nach Bayern könnte ich mir vorstellen…mal schauen, was meine beiden Hamburger Kolonien so machen…

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • Dirk  On Juli 13, 2015 at 21:47

    Danke für den Artikel. Deine Ausführungen zum Wirtschaftswunder sind wie immer richtig und wichtig. Deutschland ist was die Kriegsfolgen angeht nicht nur gut weg gekommen sondern hat zumindest ökonomisch vom zweiten Weltkrieg profitiert. Anders als in den Ländern die von der deutschen Wehrmacht in Schutt und Asche gelegt wurden, wurden in Deutschland nur 10 % der Industrieanlagen zerstört. Im Gegenteil: Durch Hitlers Rüstungsprogramme wuchs das Bruttoanlagevermögen der deutschen Wirtschaft um 20 % ohne, dass diese Investitionskosten jemals gezahlt werden mussten. Dies ist neben dem Erlass von Schulden und Reperationskosten die Ursache für den deutschen Wirtschaftsaufschwung. Neben dem Schuldenerlass hat die deutsche Wirtschaft davon profitiert, dass sie unter anderem auch griechische Gastarbeiter beschäftigte und dadurch die Lohnkosten niedrig halten konnte. Somit hat Deutschland wahrlich keinen Grund Griechenland irgendwelche Vorhaltungen zu machen.

    • hf99  On Juli 13, 2015 at 22:20

      Danke. Die Zahl, die ich kenne: 80 % blieben erhalten – was angesichts der massiven Bombardements (die ich nicht für falsch halte!) doch erstaunt. Sogar 90? Okay. Dass Deutschland letztlich von WW 2 profitiert hat, war und ist auch mir klar – nicht zuletzt deswegen übrigens, weil die defizitären Gebiete östlich Oder/Neisse endlich weg waren (das waren die Ost-gebiete, deren „Ostförderung“ Hitler zur Kanzlerschaft verholfen haben…es ist alles in Deutschland, alles, alles, so ekelhaft…).

  • Dirk  On Juli 13, 2015 at 22:36

    Bedank Dich für die Zahl nicht zu früh. Habe das nicht mehr nachgeschlagen sondern hatte die 10% im Kopf. Kann sein, dass ich mich da geirrt habe. Die 20% mit dem Bruttoanlagevermögen müssten aber stimmen.

  • Dirk  On Juli 13, 2015 at 22:50

    Habe noch mal nachgeschaut. Laut Abelshauser betrug der Wertverlust durch Kriegszerstörungen zwischen 1936 und 1945 17,4%.

    • hf99  On Juli 13, 2015 at 22:59

      da war ich mit meinen 20 % ja näher dran bäbäbä 😉 Egal: Der Mythos lautet: Wir waren am Ende, alles hatten uns unlieb,. und dann kamen wir, wir allein, gegen den rest der Welt (alle hasen uns…) und haben als Trümmerfrauen(männer) mit eigener Hände Arbeit etcetcetc…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: