Ches Schelmenroman aus der autonomen Szene

Ein paar Vorbemerkungen bitte. Ich fühle mich ganz merkwürdig berührt von diesem Buch. Die Szene, die Ches brillanter Schelmenroman schildert – nämlich die linksautonome -, war nur wenige Zentimeter von mir entfernt – und mir dennoch so fremd, dass ich trotz grundsätzlicher Sympathien immer auf Distanz hielt. Das ging nicht nur mir so. Und che schildert so ironisch wie großartig, warum das so war: Weil zum Beispiel einfach niemand von ‘uns’ – ich sage jetzt mal ‘uns’ und nenne uns ‘adorno/nietzsche-affine, linksbürgerliche Ästheten, Philosophen, Künstler’, da gerade kein besserer Begriff zur Hand ist – weil also schlicht niemand von uns Lust hatte, seine oder ihre privaten Verhältnisse in irgend welchen Plenen verhandelt zu sehen. Weil niemand von uns Lust hatte, sämtliche Gefühlsregungen, sämtliche Lebensvollzüge unter ideologiekritisches Kuratel gestellt zu wissen. Che schildert eine Frauengruppe, die jeglichen Geschlechtsverkehr, der über schamvolles Berühren von Eichel und Klitoris hinausgeht, als Vergewaltigung einordnet…und jede und jeder, die und der Einblick haben konnte, weiß, dass er nicht einmal übertriebt; genau so war es. Als ich, es muss Herbst 87 gewesen sein, mitten in der Woche, in meinem ersten Semester, per Bahn nach Lübeck fuhr, um gegen Atomtransporte zu demonstrieren, wurde ich auf der Wallhalbinsel in der Initiative mit der Frage empfangen, wer mich delegiert hätte… auf diese Art, sich gleichsam revolutionär gruppendynamisch ausweisen zu müssen, hatte ich keine Lust und saß postwendend im nächsten Zug nach Hamburg. Der Atomtransport wurde dann ohne mich nicht verhindert…  Die Staatsschutz-Paranoia war mit allen Händen greifbar, und auch, wenn diese Paranoia weiß Gott nicht grundlos war – Paranoia bleibt Paranoia und ist für den, der ‘unschuldig’ mit ihr konfrontiert wird, schlicht nervig. Es waren solche Dummheiten, die mich „no, no, no“ sagen ließen – womit wir zum cum grano salis übergehen können.

Sie hatten ja recht! Klar, Hafen bleibt, Faschos verjagen, Waffenhandel stoppen, der Staatsschutz (schöne Grüße an die Herren Urbach und Weingraber) ein einziger Graus, Slimes „Bullenschweine“ liefen auch auf unseren Partys (die Scherben sowieso), und den Klassiker „ich bin nichts, ich kann nichts, ach gebt mir doch ne Uniform“ (bzw „Strasse frei, SA marschiert“) kenne ich natürlich auch noch. Das schlechte Gewissen war bei mir, auch bei anderen immer mit eingepreist. Denn gar keine Frage: So radikal, so ohne Rückversicherung lebte ich, lebten (hier darf ich es wohl so sagen) wir nicht; jedenfalls nicht politisch. Die Autonomen haben die Brücken hinter sich abgebrochen; nicht wir – und der Satz „ich will mir nicht alle Möglichkeiten verbauen“ wurde nicht nur gedacht, sondern manchmal auch klar ausgesprochen. Die Albernheiten der autonomen Szene haben uns das „Nein danke“ zweifellos leicht gemacht – aber man war, seien wir ehrlich, auch erleichtert, dass es nicht zum Schwur kam.

Che verschweigt nichts. Nicht die zT wahnwitzigen, nur noch selbstbezüglichen Gruppendynamiken, nicht das taktische Verhältnis zur Wahrheit, nicht die absurden Denunziationen, aber er nimmt politisch nichts zurück, und das ist gut so. Warum sollte er auch? Die politische Kritik der Linksautonomen traf eigentlich immer. Er kannte und kennt die Szene als (Ex?)Autonomer, insbesondere die Hamburger und Göttinger, auch die Vorgänge rund um Conny Wessmanns Tod hat er hautnah miterlebt; im Roman spielt er darauf an (aus einer Mail Ches an mich: „ich habe Conny nicht gekannt, nur mal gesehen, aber engste GenossInnen von mir waren mit ihr befreundet. Als „Umfeld von Conny“ darfst Du mich gern erwähnen, aber: Sie war keine Autonome, nur eine liebe Frau, die aus persönlicher Betroffenheit eher zufällig zwischen die Fronten geriet. Das macht die eigentliche Tragik aus. Wie auch bei dem kurz darauf von Nazis ermordeten Alex, der als Bundeswehrsoldat mit der ganzen Antifaszene noch viel weniger zu tun hatte, aber gegen Nazis war.“) Und wenn der Roman ‘nur’ die Kultur der autonomen Szene dokumentierte, wäre er bereits legitimiert.

Jetzt aber zur Sache, zum Roman selber.

Das Personeninventar: Diverse Autonome, mit allen Macken, Beschränkungen, Großartigkeiten, Liebessehnsüchten, wie sie Menschen nun einmal eignen: Der unterwürfige Henning, die verklemmt-skurrile Dorit, die coole Heike, der kluge Alfie mit seinen unerfüllten Sehnsüchten, Rock, der Spitzel, Matthias, der Resignierte… und neben diversen Nebenfiguren vor allem zwei, die für das Schürzen des Knotens elementar sind: Azad, Polisario-Aktivist aus der West-Sahara (dort geht es um Schürfrechte), sowie die undurchsichtige Britt, die in Hamburg mit Huren politisch gearbeitet und dadurch deren Kunden, zB einen Staatsrat, gut kennen und erpressen gelernt hat und ansonsten vom besten Drogendesigner der Stadt beliefert wird…

Nach der etwas umständlichen Einführung der Handelnden – vielleicht die einzige kleine literarische Schwäche des Romans, aber selbst die liest man vergnügt – nimmt die Geschichte Fahrt auf: Es kommt, denn ohne geht nicht, zu einer vertiablen Hausbesetzung, die zunächst geduldet wird – scheinbar, weil es dem Staatsschutz gelungen ist, einen Spitzel zu platzieren. Nach dessen öffentlicher Enttarnung wird geräumt. Britts 44er – vor kurzem vertrieb er noch die Faschos – und ein unklarer Haftbefehl gegen Azad sind der Vorwand. Azad, by random nicht im Haus, als geräumt wird, muss verschwinden. Um ihn und seine politischen Aktivitäten in der Westsahara geht es letztlich. Sehr schnell entwickelt sich ein Politthriller rund um Schürfrechte, sinistre Dienste und eine staatlich abgenickte Entführung a la Peter Lorenz. Am Ende gibt es sogar noch eine kleine Siegesfeier unserer autonomen Heldinnen und Helden. Wobei mir (und wohl auch dem Verfasser) da schon das berühmte Rilke-Wort in den Sinn kam, wer spreche von siegen, überstehen sei alles…Aber das löse ich hier nicht auf: Selber lesen!

Ein Schelmenroman? Sicher doch – aber auch ein Politthriller, eine Satire. manchmal eine sympathische, immer ironische Allmachtsphantasie. Ein Schlüsselroman? Nein, obwohl das Online-Geraune schon gestartet ist! Katz, nicht Maus(s), und Katz überlebt den Roman ja nicht einmal.

Wenn Euer Buchhändler zu doof ist, Bücher bei kleinen Verlagen zu bestellen, ordert es einfach direkt bei Renneritz. Wenn es partout nicht anders geht, machts über amazon. Ches brillanten Schelmenroman aus der autonomen Szene laß ich mir sogar per amazon gefallen.

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Juli 2, 2015 at 12:11

    Das Buch ist natürlich längst auf meinem Nachttisch gelandet und wird dort verschlungen. Nachttisch ist für ein Buch ein großes Lob, wird nur noch von der Klolektüre übertroffen, in die es problemlos aufsteigen wird.

    In der Tat: Die Zusammenhänge, die Che schildert, sind uns fremd und nah zugleich. Ich war 1990 in Göttingen, einen alten Freund besuchen. Der Tod Conny Wessmanns war allgegenwärtig. Aber ich war ja gar nicht in der Szene drin.
    Ich wollte mal einen WG-Platz in einer Szene-WG in Lübeck (also Szene-light) für eine Freundin ergattern und erhielt die Antwort, sie müsse „in der scene“ sein, Szene auf Englisch. Der Bestimmer sagte gar nicht, in welcher, aber er tat zu Recht so, dass man das wissen müsse, respektive so, dass derjenige, der nicht wisse, welche „scene“ gemeint sei, dann auch nicht sich darin befinde. Meine Freundin erhielt den WG-Platz nicht. Sie und ich waren eben nicht in der „scene“.

    Bei mir kam später noch über meine Frau die mittelbare Erfahrung Friedrichshain 90er Jahre hinzu, der Konflikt Ost-West-Besetzer, Stichwort: Mainzer Straße.
    Wie die Ostbesetzer eine „Sicherheitspartnerschaft“ mit der Polizei eingingen, was die Wessis vehement ablehnten. Nach den Jahrzehnten der Erfahrung mit den „West“diensten sicherlich nicht zu Unrecht. Da waren die Ossis seinerzeit (und heute?) noch naiv: Gefährlich waren Vopo und Stasi, die demokratisch kontrollierte Staatsgewalt kann so schlimm ja nicht sein.
    Später aber war an der Haustür meiner Frau zu lesen: „MIt uns ist weiterhin kein Staat zu machen!“ Man hatte erste Erfahrungen mit „demokratischer“ Kontrolle einschließlich eine Einkesselung hinter sich…
    Überhaupt: Die Haupt- und Untermietverträge der 90er in Freidrichshain, in einer Zeit, beinahe der Anarchie! Auch das wäre ein Schelmenroman wert.

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