Schönheit wird wieder politisch?

„Wer geduckt steht, will auch andere biegen.

(Sorgen brauchst Du Dir nicht selber zuzufügen,

Alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)

Bleib erschütterbar.

Bleib erschütterbar – doch widersteh.“

(Peter Rühmkorf)

Das Zentrum für politische Schönheit re-etabliert Schönheit als Politische Kategorie, und das ist zunächst einmal gut so, nach 25 Jahren postmoderner Beliebigkeit, Schmalspurklamauk, Befindlichkeitsprosa und poetologisch rückversicherter, wirklichkeitsloser Poesie. Denn Speichelleckereien sind, was immer sonst, vor allem eines: häßlich.

Die Gefahr, hier werde der Tod ästhetisiert, man selber damit schleichend faschisiert, eine Gefahr, auf die ich soeben nochmals per Email aufmerksam gemacht wurde, besteht dabei immer. Es beginnt ganz einfach – nämlich damit, klammheimlich, klammoffen nach ‚möglichst‘ hohen Totenzahlen zu schielen…weil diese Toten Sinn verleihen. Das einzig wirksame Antidot gegen jene fatal falsche Identifizierung mit den Opfern (die dann, weil identitätsstiftend, regelrecht ‚benötigt‘ werden) ist jene Warnung, die ich wieder und wieder ausspreche: die davor, Politik und persönliche Identität zu vermengen. Und das meint, sobald Schönheit politisch wird: ich warne, Schönheit und persönliche Identität zu vermengen. Solange das „Zentrum“ sich seine Realitätshärte erhält, sollte diese Befürchtung gegenstandslos sein. Aber es darf seine Aktionen weder identitär aufladen, noch übrigens, die zweite, handfestere Gefahr, zum Geschäftsmodell verkommen lassen (Stichwort „Greenpeacisierung“).

Vorderhand geht es tatsächlich nur um die Toten und darum, ihnen und ihrem vollkommen sinnlosen Tod politisch Gehör zu verschaffen. Ich befürchte allerdings, dass wir es wieder verlieren. Das Flüchtlingsdesaster existiert seit Jahrzehnten. In den 90er Jahren ertranken Menschen in der Oder beim Versuch, „illegal“ nach Deutschland zu kommen – die Gemeinden, an deren Gebiet die Leichen anlandeten, stießen sie in den Fluß zurück, weil man ansonsten auf den Beerdigungskosten sitzen geblieben wäre. Hat damals die Mehrheit nicht interessiert. So, wie die Lampedusa-Toten heute die Mehrheit nicht sonderlich tangieren. Das Problem soll nicht gelöst werden, nur aus dem Blickfeld muss es verschwinden – eine Aufgabe, bei der Merkel mit ihrer Kernkompetenz punkten kann: Probleme virtualisieren, also ins Nichts auflösen. Nie werde ich die mörderische Hetze vergessen, mit der 1992/93 der Änderung GG 16 eine Bresche geschossen wurde. Und natürlich brav und vergeblich in Bonn demonstriert Sommer 93 und gelernt: Die Mehrheit will es so… Insofern ist es zunächst einmal richtig, dieser Mehrheit und ihren Repräsentanten das Ergebnis der mehrheitlich gewollten Politik – Abschottung – vor Augen zu führen. Alles weitere werden wir sehen.

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Kommentare

  • Dirk  On Juni 22, 2015 at 22:43

    Kleine Verständnisfrage: Inwiefern etablieren die Schönheit als politische Kategorie ? Denen geht es doch eher um die Politisierung von Kunst als um die Asthetisierung der Politik.

    • hf99  On Juni 22, 2015 at 23:27

      sie haben zumindest den Anspruch, politische Schönheit herzustellen. Es geht um Schönheit, nicht um Kunst – kleiner Unterschied. (edit: AgitProp will einfach nur wirken, hier aber geht es um Schönheit und vermutlich auch um das schöne Leben.)

      • Dirk  On Juni 23, 2015 at 16:29

        Kenne mich mit dem Thema nicht so gut aus, aber Schönheit ist doch zunächst mal ein Konzept aus dem künstlerischen Feld, der sich nicht ohne weiteres auf politische Konzepte übertragen läßt.

  • Wolf-Dieter  On Juni 23, 2015 at 09:06

    Ich kannte es vorher noch nicht und erlaube mir mal einen Radebrech: Politik und Ästhetik ist kategorisch so weit auseinander, dass Politische Schönheit ein Mem der kognitiven Dissonanz ist. Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie.

  • ziggev  On Juni 23, 2015 at 23:19

    gibt es nicht bei Schiller dieses schöne Bild, dass wie im Tanz, immer dann, wenn jemand einen Tanzschritt wohin macht, just in dem Moment jemand anderes seinen/ihren Fuß von diesem Fleck hinfortbewegt hat, so dass ein harmonisches Ganzes entsteht? Felder besetzen, die andere nicht einmal zu entdecken vermögen, um so den Gesamttanz umso harmonischer zu gestamlten – wer macht das z.z. schöner? Wer tanzt schöner, die griechische Regierung oder Merkel?

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