26.06.2015, 21 Uhr, Art Store St. Pauli

Am 26.06.lese ich um 21 Uhr im Art Store St. Pauli Passagen aus „Fluchtanlässe“.

Der Art Store hat mich dazu kurz interviewt. Da Karl Hilse, wie wir alle, wenig Zeit hat, habe ich mir das Interview schamlos selber geschrieben und es nachträglich vom Interviewenden authorisieren lassen. Burks ist ja gegen das Authorisieren von Interviews durch die Interviewten – ich hoffe aber, so herum ists in Ordnung…

Art Store : In Deinem Roman geht es unter anderem ja um die deutsch-deutsche Geschichte 1988-89. Um Fluchthilfe, um eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte. Ist es indiskret, wenn ich frage: Inwieweit ist die Geschichte autobiografisch?

Finkeldey: Es ist indiskret, aber legitim. Übrigens auch juristisch wichtig, weil es um die Legitimität realistischer Schreibverfahren geht – Stichwort: Mephisto-Urteil, Esra-Urteil, Tina Uebel. Wenn man die Realität literarisch gefiltert nicht mehr ausdrücken darf, dann gute Nacht. Aber ich will nicht abwiegeln: Der äußere Handlungsablauf stimmt. Der innere nicht. Mein Held, vermutlich ein Anti-Held, ist intellektuell um einiges reifer, als ich damals war, menschlich sehr viel reifer, als ich damals war – trotz all seiner Verwerfungen. Vermutlich ist er aber auch um einiges verzweifelter und radikaler. Von allen anderen damals real Beteiligten gilt: Ihr könnt Euch beruhigt zurücklehnen. Ihr seid nicht gemeint.

Art Store: Speziell die betreffende Frau hätte ja auch gar keinen Grund zur Klage, weil sie zumindest bei mir verdammt sympathisch rüber kommt…

Finkeldey: So ist es. Aber sie ist es ja gar nicht. Vielleicht verklagt sie mich ja, weil sie nicht gemeint ist, wär doch mal was Neues (kichert) – im Ernst: Die Debatte ist öde. Wer sich da alles immer „gemeint“ fühlt. Wenn, bei realistischem Schreibverfahren, überhaupt irgend jemand „gemeint“ ist. Realistische Schreibverfahren spiegeln und brechen die Realität, die es als „die“ Realität sowieso nicht gibt, symbolisch. In Thomas Manns Worten: „Dummköpfe! Ich meine immer nur mich selber.“

Art Store: Es ist ja eine Art Werther – Du selber stellst diesen Bezug in Deiner Einleitung her. Einen Werther aber, verzeih bitte, schreibt man in seinen 20ern, nicht als Mann Mitte-Ende 40.

Finkeldey: Danke, sehr obligiert. (lacht) Ist schon klar. Ein literarisch restlos unbrauchbarer Textkorpus existierte 1993/94. Den bot ich einem großen Verlag an, und die wollten den allen Ernstes sehen. (lacht wiederum) Hab ich natürlich nie abgeschickt – die Finalblamage hab ich mir immerhin erspart. Mein jetziges Interesse an der Sache hat auch etwas mit Distanzierung zu tun. Ich, als Hartmut Finkeldey, bin in dieser Sache allein der mittelalte Herausgeber, der die Geschichte mit der kritischen Distanz darstellt, die einem ein reichliches viertel Jahrhundert erlaubt.

Art Store: Wie Du selber im „Vorwort des Herausgebers“ schreibst, bezieht der Roman seine vordergründige Attraktivität ja nun mal daher, dass es sich um eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte zur Wendezeit handelt, genauer 1988-91. Wie hast Du damals die Einheit erlebt?

Finkeldey: Als irre Zeit, sehr schnell, sehr beschleunigt, auch sehr skurril. Ich war Pfingsten 89 in Ost-Berlin und habe das, wie wir jetzt wissen, letzte FDJ-Pfingstreffen mit erlebt. Dass sich die Blauhemden da schon nicht mehr wohl fühlten in ihrer Synthetikhaut, war physisch spürbar. Alles lief mit sooo einer Flappe durch die Gegend – die hatten null Bock mehr auf die DDR. Uns war klar: Irgendwo ein kleiner Dammbruch, und das wars dann. Ich gab der DDR noch 6 Monate und hatte es per random damit ganz gut getroffen.

Art Store: Respekt, Respekt…

Finkeldey: Nein, gar nicht! Wie gesagt: Sooo ne Flappe! Die hatten sowas von null Bock auf weitere Jahre Aktuelle Kamera, Stasi und Kaderakten.

Art Store: Sind die im Anhang abgedruckten Stasi-Akten denn authentisch?

Finkeldey: Nein. Ich kenne meine Stasi-Akten, die es irgendwie geben muss, noch gar nicht. Ich habe die schamlos erfunden – stilistisch habe ich mich dabei bei Kunzes „Deckname Lyrik“ bedient.

Art Store: Es ist ja auch ein Buch über Desillusionierung. Hast Du selber das damals auch so erlebt?

Finkeldey: Schon im „Ostseeripper“ lasse ich Merrit sagen: „Ach, du, mein lieber Polizist: Du hast ja keine Ahnung, wie es war, 1990 jung zu sein, schlechte Gedichte zu schreiben und in einem rostigen Käfer ständig zwischen Hamburg und Berlin zu pendeln…Ein gelogener Sommer. Ein glücklicher Sommer“. „Fluchtanlässe“ ist einfach der Roman zur Passage…das Glück als retardierendes Moment. Ja, ich war fassungslos, als im Herbst 90 die Armeen in den Golf geflogen wurden. Und im Radio plärrten Midnight Oils Forgotten Years. Am 16. Januar zog ich gerade um und renovierte die neue Wohnung, das Radio lief. 10 Uhr morgens die Meldung: B 52 Bomber in Diego Garcia aufgestiegen. Sie machen es, sie machen es wirklich…

Art Store: Was dürfen wir am 26.06. 21 Uhr im Art Store erwarten?

Finkeldey: Einen geilen Roman. (lacht) Im Ernst: Ne schöne Party. Ne Lesung von einer guten halben Stunde. Und alles andere entscheidet, so mächtig und ungerecht wie immer, das Publikum.

Sämtliche von Hartmut Finkeldey an diesem Abend individuell „auf Hut“ erzielten Einnahmen gehen an das Projekt „Lampedusa in Hamburg“ http://www.lampedusa-in-hamburg.org/ .

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