Tatsache und Ideologie

Ich muss es, aus Zeitgründen, an dieser Stelle bei ein paar versteckten Hinweisen belassen. Dieser Blog hat sich ja immer wieder einmal Gedanken gemacht zum Verhältnis Tatsache-Dekonstruktion-Ideologie. Ich plädiere weiterhin dafür, den Tatsachenbegriff nicht preiszugeben. Dass der Mond sich um die Erde dreht, dass die Menschen im wesentlichen (gemeint ist: statistisch im wesentlichen) zwei Geschlechter ausprägen und sich die Menschheit derzeit noch im wesentlichen zweigeschlechtlich vermehrt, sind banale und uninteressante Tatsachen. Sie bedeuten, recht verstanden, so gut wie gar nichts. Es ist keine gute Idee, sie unter Ideologieverdacht zu stellen.

Man kann es sich vielleicht am besten an folgendem Beispiel klarmachen:
Dass Menschen unterschiedliche Hautfaarben ausprägen, ist eine unstrittige und völlig harmlose Tatsache – und kein „Konstrukt“. Daraus zu folgern, es gäbe unterschiedliche Menschen“rassen“, ist dann gar nicht mehr harmlos (und falsch ist es übrigens auch – für die Wissenschaftsreligiösen: es ist dies sogar genetisch, sogar humanbiologisch falsch!).

Ist es wirklich nur belangloser biografischer Zufall, dass zwei der profiliertesten Ahnherren der Postmoderne, de Man und Heidegger, deutliche Bezüge zu faschistischem Denken aufwiesen? Hatte Mark Lilla so Unrecht, als er in einer Kritik an Derridas Apologie de Mans notierte: Dekonstruktivismus scheine zu bedeuten, sich nie entschuldigen zu müssen? Schon Nietzsche hat, wie Sebastian Haffner einmal sehr klug bemerkte, das „Beklagenswerte bejubelt“. Derrida selber hat eine solche Kritik nicht verdient, ihm waren diese Probleme immerhin bewusst. Aber ich habe den Eindruck, dass weite Teile der Postmoderne diese Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft scheuen. Meine alte Frage: Wer dekonstruiert eigentlich die Dekonstrukteure? Faschismusvorwürfe aus dem Munde derer, die sich auf de Man und Heidegger beziehen finde ich schon reichlich schofel.

Eine Kritik des cartesischen Subjekts muss nicht zur Preisgabe des Tatsachenbegriffs führen – einfach deswegen nicht, weil der Tatsachenbegriff gar kein herrschendes Subjekt erfordert. Wo denn auch? Dass jede Tatsachenbehauptung eine binäre Setzung ist, ist allein schon begriffslogisch klar – Arturo Danto bemerkte einmal sehr witzig, die Welt sei überhaupt voller Nicht-Elefanten. Aber was folgt daraus? Derridas Grundthese, einen direkten Bezug Signifikant-Signifikat könne es nicht geben, wird allein schon durch die Spracherwerbsstory widerlegt – ich lerne den Term „Baum“ überhaupt nur in einer Welt, in der es ‚irgendwie‘ Bäume gibt. „Hinterher“ hat Derrida recht: Diese ursprüngliche Einheit von Signifikant und Signifikat zerbricht sehr schnell, zerfasert sich, wird überlagert, gedeutet, ideologisch aufgeladen, unterlaufen. Und sobald wir auch die Ausdrücke „Ritter“ und „Dinosaurier“ lernen, wird es kompliziert. Aber jede Generation lernt aufs neue ursprünglich – dies verbürgt auch die zumindest prinzipiell vorhandene Möglichkeit einer jeden Generation, ‚etwas Neues anzufangen'(Arendt). Es war denn auch Hannah Arendt, die wieder und wieder vor einer Preisgabe der Kategorie „Tatsache“ gewarnt hat. Wenn wir mit Tatsachen so umgingen, als seien das bloße Meinungen (moderner: Konstrukte), seien wir am Ende.

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Kommentare

  • H. A.  On Juni 4, 2015 at 13:47

    @H. F.:
    “Man kann es sich vielleicht am besten an folgendem Beispiel klarmachen:
    Dass Menschen unterschiedliche Hautfarben ausprägen, ist eine unstrittige und völlig harmlose Tatsache – und kein “Konstrukt”. Daraus zu folgern, es gäbe unterschiedliche Menschen”rassen”, ist dann gar nicht mehr harmlos (und falsch ist es übrigens auch – für die Wissenschaftsreligiösen: es ist dies sogar genetisch, sogar humanbiologisch falsch!).“

    Die Frage ist, wie man „Rasse“ definiert.

    Zweifelsohne ist die Hautfarbe ein – wissenschaftlich unbestreitbarer – Hinweis auf einen Abstammungszusammenhang.

    Verwandtschaft durch Abstammung gibt es in „Familien“ und in „Stämmen“.

    Stammesmitglieder durften sich – in den meisten tribalistischen Gesellschaften – untereinander nicht versklaven.

    Die USA sind von den westlichen bzw. christlichen Gesellschaften diejenige, welche am längsten Sklaverei betrieben hat – weit bis ins 19. Jahrhundert hinein.
    Nur schwarze Menschen durften versklavt werden, aber nicht weiße.

    „Rasse“ drückte in diesem Kontext also aus, dass die Schwarzen von ihrem Wesen her sich von den weißen Menschen unterscheiden. Daher durfte man sie wie Nutztiere behandeln.

    Kommt diese Annahme einer durch äußere (biologische) Merkmale erkennbaren Wesensverschiedenheit von Menschen nicht bekannt vor?
    Klingelt es?
    Argumentierten die Feministinnen nicht genau so?!

    „Rasse“ ist heute out.

    Wie sieht es aus mit „Klassen“

    Gibt es in der Wissenschaft noch antagonistische Klassen, welche sich in herrschende und ausbeutende sowie in beherrschte und ausgebeutete Klassen differenzieren?

    Gibt es in der Wissenschaft noch patriarchalische Herrschaft, wo Männer eine privilegierte, herrschenden Klasse und Frauen eine benachteiligte Klasse darstellen?
    Fragt ´mal die feministischen WissenschaftlerInnen!
    Ist dies nicht die Ideologie des „Staatsfeminismus“, mit der er seine Gleichstellungspolitik begründet?

    In vielen modernen Soziologiebüchern oder soziologischen Lehrveranstaltungen kommen Begriffe wie Herrschaft, Ausbeutung, Klassen und Klassenherrschaft nicht mehr vor. In den Medien sowieso nicht.

    Wie sieht es mit den gesellschaftlichen Tatsachen aus?
    Ist diese Gesellschaft durch Herrschaft, Ausbeutung, Klassen und Klassenherrschaft gekennzeichnet?

  • Die Katze aus dem Sack  On Juni 4, 2015 at 17:38

    Ich bin immer wieder interessiert daran, wenn Menschen sich gegenseitige Andersartigkeiten unterstellen, und verfolge das Thema wissbegierig bis auf die biomolekulare Ebene hinunter.

  • ziggev  On Juni 4, 2015 at 21:03

    @ H. A.

    warum ist es angezeigt, Kants Kritik der reinen Vernunft zu lesen? Weil wir befürchten, „Gehirne im Tank“ zu sein, verzweifelt ob der Frage, ob es die Welt „da draußen“ gibt? Weil wir trotz der sehr erstaunlichen wissenschaftlichen und medizinischen Fähigkeiten sowie Ingenieurleistungen, die die Menschheit seit
    Jahrtausenden zustandebringt, zweifeln, wie es denn eigentlich um unsere Urteilsfähigkeit bestellt sein mag; weil es für uns ein Rätsel sein muss, wie wir Intentionalität haben können, ohne zuvor Gegenstände überhaupt erst identifiziert zu haben (o.k., das ist mehr Husserl) ? Antwort: Natürlich nicht.

    Wir lesen die KdrV, weil wir wissen wollen, warum um alles in der Welt Kant dieses berüchtigte Werk verfasste. (Ich schaute neulich mal in Kants Vorwort (bei Kant, glaube ich, „Vorrede“?) hinein, und meine Angst, mich mit diesem für seine Schwerverständlichkeit berüchtigtes Werk zu überfordern nahm ziemlich ab. Kant erklärt´s ganz gut lesbar und verständlich.)

    Die Frage ist nicht, wie wir „Rasse“ definieren, sondern warum um alles in der Welt wir diesen Begriff definieren wollen sollten !

    Wir definieren in den Wissenschaften, nur dann, wenn eine solche Definition zumindest eben auch für die Wissenschaft nützlich wäre. Für eine Kolonialmacht ist es nützlich, ´nen pseudowissenschaftlichen Begriff von „Rasse“ zu „haben“. Aber wissenschaftlich ? In der Zoologie haben wir vielleicht noch „Unterarten“. Unterarten sind Gruppen von Tieren, bei denen noch nicht klar ist, ob sie eine eigene Art (systematische Einheit) bilden, oder ob sie nicht doch der und der Art zugehören. Wir jedoch sind doch alle Menschen, nicht ?

    Eine gewisse Katrin Roennecke entblödete sich einmal nicht, von Noa Sow bzw. aus deren Buch Deutschland Schwarz Weiß gelernt haben zu wollen, „dass Rasse kein wissenschaftlicher Begriff“ sei. Zu dieser Erkenntnis hätte es aber nicht dieser radikalen Aktivisten bedurft. Es hätte bereits ausgereicht, sich den Artikel Taxon bei Wicki zu Gemüte zu führen. Der Begriff „Rasse“ bringt in der Biologie/ der Zoologie auf keine erdenkliche Weise auch nur den geringsten Erkenntnisgewinn, jedenfalls wenn wir von Menschen sprechen. Du wirst feststellen, dass das Wort „Rasse“ im ganzen Artikel bei kein einziges Mal auftaucht.

    Alle Definitionen von“Rasse“ beinhalten einen Zirkel der Art “ watschelt, wie eine Ente, schnatterz, wie eine Ente, wackelt mit dem Schwanz, wie eine Ente – also ist es eine Ente“.

    Darum ist nicht die Frage, wie wir „Rasse“ definieren, sondern warum der betreffende Begriff definiert werden sollte. Natürlich nur, um als Legitimation von Vorurteilen, Hass, Unterdrückung, Ausbeutung und Mord zu dienen.

  • El_Mocho  On Juni 5, 2015 at 14:24

    Mit verlaub, hat hier schon mal jemand etwas von Evolutionärer Erkenntnistheorie gehört?

    • hf99  On Juni 5, 2015 at 15:10

      Ja. Widerlegt. War nicht schwer. Eine kontingenterweise zu t1 halbwegs gut bestätigte empirische Theorie über „X“ kann keine angemessene, überzeitliche Begriffsanalyse von „X“ sein. Kategorienfehler.

      • ziggev  On Juni 5, 2015 at 19:55

        Gegenbeweis II: eine widerlegte Theorie kann sich nicht fortpflanzen.

      • El_Mocho  On Juni 6, 2015 at 11:48

        Wozu bracht man eine überzeitliche Begriffsanalyse?

        • ziggev  On Juni 6, 2015 at 16:30

          El_Mocho, ist Dir klar, dass das, was Du sagst, auf eine Erkenntnistheorie mit Faustschlägen hinausläuft ?

          • El_Mocho  On Juni 8, 2015 at 15:51

            Klar ist mir vor allem, dass die evolutionäre Erkenntnistheorie erlaubt, die Dekonstrukteure zu dekonstruieren, ohne sich in die Wiedersprüchlichkeiten der idealistischen Philosophie zu verwickeln.

  • H. A.  On Juni 6, 2015 at 16:36

    Die Frage ist, inwieweit aus der körperlichen Beschaffenheit (Konstitution) und Abstammung Rückschlüsse gezogen werde können. Und dies ist nicht möglich hinsichtlich „Begabung“, „Intelligenz“, „Psyche“, „Sozialverhalten“ etc.

    Anders sieht es z. B. hinsichtlich des Hautkrebsrisikos bei Sonnenexposition aus. Oder hinsichtlich Alkoholverträglichkeit. Etc.

    Selbstverständlich weist ein beispielsweise weibliches Gehirn (bzw. Herz, Leber …) bestimmte organische Unterschiede zu einem entsprechenden männlichen Organ auf.

    Aber der Genotyp determiniert nicht die Entwicklung von „Intelligenz“, „Psyche“, „Sozialverhalten“ etc.

    Genau dies behauptet der Rassismus.

    Die Frage, ob es Rassen gibt, also Abstammungszusammenhänge, welche genetisch determinierte Besonderheiten aufweisen ist nicht entscheidend, sondern das Problem ist jener Biologismus, welcher Kausalzusammenhänge zwischen Abstammung (Genotyp) und der Entwicklung von „Intelligenz“, „Psyche“, „Persönlichkeit“, „Sozialverhalten“ etc. beim Menschen behauptet.

    Darauf begründete der Adel seine Herrschaft …

    Wie wenig fortschrittlich und noch dem Mittelalter verhaftet Westeuropa und die entsprechenden Wissenschaften sind, lässt sich daran erkennen, dass es in der Mehrzahl der westeuropäischen Staaten noch Monarchien gibt.

    Das Gleiche gilt für das Erbrecht, welches Chancengleichheit verhindert.

    „Es ist das gesellschaftliche Sein, welches die psychosoziale Entwicklung von Individuen bestimmt …“

  • H. A.  On Juni 6, 2015 at 16:39

    Sind die Kommentare nicht mehr freigeschaltet?

    • H. A.  On Juni 6, 2015 at 17:36

      Seltsam, warum ist mein voriger Kommentar nicht durchgekommen?

      • hf99  On Juni 6, 2015 at 18:50

        Ganz ruhig. Hie und da uss ich für Knete arbeiten…ich kann hier nicht jede Stunde vorbeischauen.

  • Klaus Baum  On Juni 7, 2015 at 04:54

    tatsache ist, dass es tatsachen gibt.

  • H. A.  On Juni 7, 2015 at 11:54

    Tatsache ist, dass in den westlich-kapitalistischen, „demokratischen“ Ländern bei ca. 99% der Normalbevölkerung Ideologien = falsches Bewusstsein deren Denken und Handeln bestimmen und auch im Wissenschaftsbereich sieht es auch kaum besser aus, da bestehen die modernen Wissenschaften zu über 90% aus ideologischen Müll und in den Köpfen der Professoren und Studierenden sieht es nicht besser aus.

    • El_Mocho  On Juni 8, 2015 at 08:24

      Gut das du wenigstens den Durchblick hast.

      • H. A.  On Juni 8, 2015 at 12:30

        Meine These ist, dass in der Endphase des Kapitalismus die etablierten Wissenschaften Teil des allgemeinen gesellschaftlichen Niedergangsprozess sind und nichts Relevantes zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen.

        Im Wissenschaftsprozess finden hauptsächlich Wissenschaftssimulation und die Produktion von ideologischem Müll statt.

        Ausnahmen – wie z.B. ein Wolfgang Streeck – bestätigen die Regel.

        Wer meint, dem sei nicht so, der kann gern gegen meine These argumentieren – aber bitte belegt mit Tatsachen.

  • eb  On Juni 7, 2015 at 15:44

    Hihi, – zwischen Sätzen wie; „wir wissen alles“ und „wir wissen nichts“, – welche man wohl als unsachlich tatsachenlose Tatsachenbehauptungs-Tat beschreiben könnte,- bleibt immer noch die Frage, – woher wir das wissen. Tatsache ist, dass es Leute gibt, die solche Sätze los lassen. Also, ich schließe mich Klaus an.

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