Hasskultur? Hasskultur!

Bersarin (ich unterstelle mal, er habe durchaus auch an Vorkommnisse hier im Blog gedacht) macht auf einen „Skandal“ aufmerksam. Der Skandal ist, wie Bersarin richtig anmerkt, tatsächlich einer, ohne Tüttel-Tüttel – nur anders, als sich das die Berufsempörten denken.

Frau Rönne (ich nehme die Revolution von 1918 ernst: Der Adel ist abgeschafft, punkt; Ausnahmen bestätigen die Regel) äußert sich also. Ich muss das nicht gut finden. ich kann das alles schrottig nennen. Nur eines darf ich nicht: Ronja (na gut: von) Rönne als Person, als Mensch schrottig nennen… Ich will das erklären.

Ich bin vermutlich sehr bürgerlich, und allemal viel apolitischer, als mich manche sehen. In der Unterredung zwischen (mindestens) Zweien sind mir ein paar handfeste Regeln sehr wichtig. Zum Beispiel und vor allem die Regel, dem anderen nicht sofort Bösartigkeit zu unterstellen, wenn er abweichende Meinungen vertritt. Ich schätze eine gute Polemik. Aber ich habe mehr als einmal dargetan, dass ich zwischen Sache und Person trennen sollte. Genau darum geht es!

Wenn politische Debatten persönlich werden, wenn also Politik mit Fragen der persönlichen Identität und vor allem Integrität verknüpft werden, ist alles verloren. Ich trommel das seit knapp 30 Jahren: Die große Lüge, der große Selbstbetrug der Linken ist der Satz „Das Persönliche ist politisch und das Politische persönlich“. Nein. Eben gerade nicht. Um Himmels Willen! Denn dadurch wird die rationale Frage, wie wir uns gesellschaftlich klug/klüger, gemeint ist: human/humaner organisieren können, zur Frage nach dem persönlichen Seelenheil. Abweichende Meinungen sind dann nicht etwa andere Auffassungen, über die man sich höflich, freundlich, angemessen austauscht, sondern des Teufels. Und bedrohen mich, mich als Person. Ich weiß, was die reflektierte Linke mit diesem Satz meint, und so, wie er von ihr gemeint ist, ist er auch bedenkenswert: Auch und gerade persönliche Präferenzen sind ja politisch wirksam, natürlich müsste man sie soziologisch und sozialpsychologisch analysieren und berücksichtigen. Aber genau so ist es ja nicht gemeint von der angelinksten Bürger-Trischta. Die Etikettierung des Anderen, des Gegners erfolgt hier bloß deswegen, um im Diskurs zu obsiegen. Wer meiner Auffassung, wie man der Homophobie zu begegnen habe, widerspricht, hat nicht etwa eine falsche Meinung, die ich ruhig, sachlich, freundlich widerlege oder zu widerlegen suche…sondern der ist selber homphober Dreck, Faschist, „rechtes Gesocks“, „Mobber“, „Stalker“. Das ist nicht nur der Abbruch jeglichen Gesprächs. Das ist etwas viel Schlimmeres: Nämlich der Abbruch jeglichen Gesprächs unter dem erlauchten Deckmantel des Richtigen, des Wahren.

Argumentationstheoretisch ist das alles seit Schopenhauers Eristik abgeklärt. Die moderne informelle Logik spricht vom „Strohmann“, den man aufbaue, um so trefflich wie wohlfeil gegen ihn zu „argumentieren“.

Some of my best friends are neoliberalians – nur so geht es. Von Karl Jaspers lernte ich, dass der Mensch immer mehr ist, als er von sich weiß. Von der Jaspers-Schülerin Arendt lernte ich, wie man mit dem Problem umgehen könne. Als Hannah Arendt, im Rahmen der Rezeption von „Eichmann in Jerusalem“ (Arendt war bekanntlich eine „selbsthassende Jüdin“; oder wie sich der Blödsinn schreibt) mit einem Freund zusammen traf, der sie (er erlag der Kampagne gegen ihr Buch) kurz zuvor massiv kritisiert hatte, schob sie ihm schweigend ein Glas Whisky zu…

Ich plädiere für dieses Glas Whisky. Scheint ein gutes Gegengift gegen jene „Hasskultur“ – (von) Rönne hat hier völlig Recht -, die derzeit bzw seit Diskursgedenken dafür sorgt, dass Menschen sich nicht untereinander austauschen mögen.

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Juni 2, 2015 at 05:23

    Das Glas Whisky habe ich ja auch bei mir drüben angeboten. Hoffentlich wird es auch angenommen – und nicht gemutmaßt, es sei vergiftet

  • Amike  On Juni 2, 2015 at 11:48

    Ergänzend würde ich gerne anmerken, dass die Bedrohung durch „abweichende“ Meinungen für einige Personen, die sich am (linken) politischen Diskurs beteiligen durchaus real ist. Wer sich z.B. für HartzIV und die damit einhergehende Menschenschinderei ausspricht, der ist für mich (und vor allem für einige mir nahestehende Menschen) eine Bedrohung. Ganz real.

    Das mag für viele der an gesellschaftlichen Debatten Teilnehmenden nur eine theoretische Bedrohung sein, denn viele tatsächlich Betroffene sind an politischen Diskursen weder beteiligt noch interessiert, da mache ich mir nix vor. Allerdings gibt es durchaus auch solche, für die die „rationale Frage“ mehr ist als eine intellektuelle Betätigung.

    Wie gesagt, nur eine Anmerkung, was ich schreibe steht nicht im Gegensatz zur im Blogpost formulierten Haltung.

    • hf99  On Juni 2, 2015 at 16:36

      Ich stimme sofort zu.

      Ausgewachsene Homophobie ist für Schwule, die sich nachts in St. georg einfach nur frei bewegen wollen, also ein basales Menschenrecht wahrnehmen, eine sehr reale Drohung.

  • wolfdieter  On Juni 2, 2015 at 12:41

    Hartmut, um Gotteswillen, was hast du gegen das von? Der richtige Adel ist out, das von ist übrig … hat doch was pittoreskes.

    A propos, unserer Ronja von gelang dieser kollossale Satz:

    – Wer Teil der Hetze ist, ist wenigstens Teil von irgendwas. Es ist kalt dort draußen. –

    Hartmut. Gib es zu: dieser Satz entschädigt für vieles!

    • hf99  On Juni 2, 2015 at 16:38

      Ach, ist so ne Marotte von mir. ich habe mich über die ekelhafte Type Guttenberg schon aufgeregt, bevor Lügen-Gutie aufflog…nicht zuletzt deswegen, weil so viele Doitsche vor diesem sog. Adeligen innerlich immer noch stramm standen.

      Und zum zitierten satz: Ja, ua deswegen mein empfehlender Link.

  • ziggev  On Juni 2, 2015 at 18:14

    ich plädiere übrigends immer für Lach-Yoga o.Ä. (vielleicht besser als „Lasset uns gemeinsam beten“ und gesünder als der genannte Whiskey) und für „sichselbsthassende“ „Jüdin“ sowie für „mit einem Freund ‚zusammentraf'“ (brutalstmögliche Zusammenschreibung – hier spricht die Betonung auf zusámmen, also die Betonung im ersten Wort, fürs Kompositum).

    aber Scherz beiseite, ich darf Dich zitieren:

    Die große Lüge, der große Selbstbetrug der Linken ist der Satz “Das Persönliche ist politisch und das Politische persönlich”. Nein. Eben gerade nicht. Um Himmels Willen! Denn dadurch wird die rationale Frage, wie wir uns gesellschaftlich klug/klüger, gemeint ist: human/humaner organisieren können, zur Frage nach dem persönlichen Seelenheil. Abweichende Meinungen sind dann nicht etwa andere Auffassungen, über die man sich höflich, freundlich, angemessen austauscht, sondern des Teufels. Und bedrohen mich, mich als Person. Ich weiß, was die reflektierte Linke mit diesem Satz meint, und so, wie er von ihr gemeint ist, ist er auch bedenkenswert: Auch und gerade persönliche Präferenzen sind ja politisch wirksam, natürlich müsste man sie soziologisch und sozialpsychologisch analysieren und berücksichtigen. Aber genau so ist es ja nicht gemeint von der angelinksten Bürger-Trischta.

    ich habe mir erlaubt, hervorzuheben, worauf es mir ankam.

    Aber das ist nun mal wirklich ein lobenswerter Ansatz – zu versuchen, eine intuitiv völlig unsinnige Aussage einmal wenigstens sich selber als irgendwie plasusibel zurechtzulegen ! Deinem „Nein. Eben gerade nicht“ stimme ich natürlich völlig zu. Die von mir hervorgehobene Ausführung „natürlich müsste man sie [die persönlichen Präferenzen] soziologisch und sozialpsychologisch analysieren und berücksichtigen“ könnte nun gelesen werden als „weil sie bereits ein Symptom für etwas zu betrachten sind, das wir (auch) politisch (be)werten müssen“. – Du hättest Dich lediglich kurz gefasst, weil es Dir um etwas anderes ging … Dann wäre es aber womöglich die von Dir oft und gern so genannte „Gesinnungsschnüfflerei“ (oder so ähnlich).

    Eine historische Analyse der Entstehungsgeschichte dieses unseligen Slogans, der mich – aus kontingenten Gründen – regelmäßig einfach nur zur Weißglut treibt (wenn ichnur dran denke), wäre m.E. also tatsächlich überfällig.

    „Soziologen“, Marxisten nun endlich mal vor: Los! Rechtfertigt euch, wie habt ihr nur diesen für so viel Dummheit, Neid und Niedertracht gesorgt habenden Slogan in die Welt setzen können ? – Wir müssen das wissen, damit wir wissen, wie wir „die Frage nach dem persönlichen Seelenheil“, zur „rationale[n] Frage, wie wir uns gesellschaftlich klug/klüger, gemeint ist: human/humaner organisieren können (…) über die man sich höflich, freundlich, angemessen austauscht“, umwandeln können !

    • hf99  On Juni 2, 2015 at 18:59

      Mein obiger Text ist mal wieder so richtig saumäßig hingekliert. ich bin nicht zufrieden. Aber seine Idee ist richtig, deswegen mag er bleiben. ich will es kürzer sagen:

      Natürlich haben – und zwar trivialerweise, undiskutierbar – unsere Vergangenheiten Einfluß auf unsere Präferenzen. Bin ich als Kind kurz gehalten worden? Hat religiöse Unterweisung eine große Rolle gespielt? Wie gehe ich damit um? Bin ich mit rassistischen Metaphern gefüttert worden? Wurde mir beigebracht, dass Schwule Schweine sind? Insofern und insoweit ist das Persönliche natürlich politisch und vice versa.

      Das Problem entsteht, wenn ich diese Einsicht nicht analytisch nutze, sondern als Zug im Machtspiel, um persönlich anzugreifen, um meine Identität (ich mag den Begriff nicht sonderlich; Identität ist die engste aller Äquivalenzrelationen und sonst ist sie gar nichts) zu wahren undsofort. Kurz, wenn ich diesen analytischen Satz verquicke mit persönlichen, identitären Bedürfnissen – nach Abgrenzung, Selbsterhöhung, Abwehr oder was immer.

      Freiheit gewinne ich, wenn ich gewähren lasse. Ich muss nicht alles verstehen, was (na gut, Wolf-Dieter) Ronja von Rönne so sagt, und goutieren muss ich es schon gar nicht. Aber ich muss sie gewähren lassen, und sie mich – anders geht es nicht. Ich möchte in einer Gesellschaft, in der man erbarmungslos diskurspolizeilichen Maßnahmen unterzogen wird, wenn man vielleicht wirklich mal dummes Zeugs geplappert hat, nicht leben. Ich bin da sehr konservativ: So geht man mit Menschen nicht um, das macht man nicht, auch nicht mit Menschen, die einen fehler begangen haben. Wenn man Barbara Eggert (um jetzt doch noch einmal auf das Beispiel zu kommen) gesagt hätte „Mädel, hatteste n schlechten Tag? Denk doch noch mal nach, wer hier eigentlich die Probleme verursacht! Und wenn Du von Entwicklungspsychologie nix verstehst, sollteste vielleicht in Zukunft das Thema Kinder meiden.“, wäre das völlig in Ordnung gewesen. „Faschistenschwein“ und Job weg war es nicht. Ist so ne Privatreligion von mir: Unfair Angepöbelte haben bei mir n Bonus. Und Leute, die erbarmungslos durchs Dorf getrieben werden, haben ihn mit Schlagobers.

      • ziggev  On Juni 2, 2015 at 19:42

        mensch hf99, jetzt lass´ ich Dich schon so lange gewähren, als Konservativen – mach bloß so weiter! und ich hätte Dich ja nie so ausgiebig zitiert, erst recht nicht im thread Deines eigenen blogs, wenn ich´s nicht für auf Anhieb durchlesbar gehalten hätte. Ließ sich sogar verhackstückelt wieder aufbereiten.

        wenn´s also genehm ist, lass ich Dich weiter gewähren!

      • metepsilonema  On Juni 2, 2015 at 21:25

        Das „Vergangenheitsargument“ ist hoch problematisch, weil es das Subjekt außer Acht lässt: Ein Aufwachsen mit Fremdenfeindlichkeit muss nicht zwingend ebendiese zur Folge haben (es kann genausogut die gegenteilige Folge haben).

        Man kann und soll persönliche Haltungen und Vorlieben schon mal in einen gesellschaftlichen Zusammenhang stellen (Was tue ich? Ist das allgemein üblich? Warum? Wie ist es zu bewerten?). Aber jemanden zu verteufeln, weil er aus einem bestimmen sozialen Umfeld kommt, ist Unsinn (in einer Polemik, wäre es etwas anderes).

        Ob etwas konservativ genannt werden kann oder nicht, ist ohne Belang, entscheidend sind die aufgebrachten Argumente (die Analyse).

        • hf99  On Juni 2, 2015 at 21:32

          Natürlich; indessen spielt meine Herkunft, spielen meine Prägungen schon ihre Rolle, die dann auch angemessen berücksichtigt werden sollte.

  • ziggev  On Juni 2, 2015 at 18:15

    ich plädiere übrigens immer für Lach-Yoga o.Ä. (vielleicht besser als „Lasset uns gemeinsam beten“ und gesünder als der genannte Whiskey) und für „sichselbsthassende“ „Jüdin“ sowie für „mit einem Freund ‚zusammentraf'“ (brutalstmögliche Zusammenschreibung – hier spricht die Betonung auf zusámmen, also die Betonung im ersten Wort, fürs Kompositum).

    aber Scherz beiseite, ich darf Dich zitieren:

    Die große Lüge, der große Selbstbetrug der Linken ist der Satz “Das Persönliche ist politisch und das Politische persönlich”. Nein. Eben gerade nicht. Um Himmels Willen! Denn dadurch wird die rationale Frage, wie wir uns gesellschaftlich klug/klüger, gemeint ist: human/humaner organisieren können, zur Frage nach dem persönlichen Seelenheil. Abweichende Meinungen sind dann nicht etwa andere Auffassungen, über die man sich höflich, freundlich, angemessen austauscht, sondern des Teufels. Und bedrohen mich, mich als Person. Ich weiß, was die reflektierte Linke mit diesem Satz meint, und so, wie er von ihr gemeint ist, ist er auch bedenkenswert: Auch und gerade persönliche Präferenzen sind ja politisch wirksam, natürlich müsste man sie soziologisch und sozialpsychologisch analysieren und berücksichtigen. Aber genau so ist es ja nicht gemeint von der angelinksten Bürger-Trischta.

    ich habe mir erlaubt, hervorzuheben, worauf es mir ankam.

    Aber das ist nun mal wirklich ein lobenswerter Ansatz – zu versuchen, eine intuitiv völlig unsinnige Aussage einmal wenigstens sich selber als irgendwie plasusibel zurechtzulegen ! Deinem „Nein. Eben gerade nicht“ stimme ich natürlich völlig zu. Die von mir hervorgehobene Ausführung „natürlich müsste man sie [die persönlichen Präferenzen] soziologisch und sozialpsychologisch analysieren und berücksichtigen“ könnte nun gelesen werden als „weil sie bereits ein Symptom für etwas zu betrachten sind, das wir (auch) politisch (be)werten müssen“. – Du hättest Dich lediglich kurz gefasst, weil es Dir um etwas anderes ging … Dann wäre es aber womöglich die von Dir oft und gern so genannte „Gesinnungsschnüfflerei“ (oder so ähnlich).

    Eine historische Analyse der Entstehungsgeschichte dieses unseligen Slogans, der mich – aus kontingenten Gründen – regelmäßig einfach nur zur Weißglut treibt (wenn ich nur dran denke), wäre m.E. also tatsächlich überfällig.

    „Soziologen“, Marxisten nun endlich mal vor: Los! Rechtfertigt euch, wie habt ihr nur diesen für so viel Dummheit, Neid und Niedertracht gesorgt habenden Slogan in die Welt setzen können ? – Wir müssen das wissen, damit wir wissen, wie wir „die Frage nach dem persönlichen Seelenheil“, zur „rationale[n] Frage, wie wir uns gesellschaftlich klug/klüger, gemeint ist: human/humaner organisieren können (…) über die man sich höflich, freundlich, angemessen austauscht“, umwandeln können !

  • ziggev  On Juni 2, 2015 at 18:16

    (zweites posting hat weniger Rechtschreibfehler)

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