Burks über Genderismus

Kann ich fast alles unterschreiben. Allerdings mit einer wichtigen Ausnahme:

By the way: Die zentrale Idee der Gender Studies, dass “Geschlecht” ein kulturelles Konstrukt sei, ist sicher richtig.

Nein, sondern Geschlechterrollen sind kulturell konstruiert. Die zweigeschlechtliche Fortpflanzung durchzieht nun einmal die gesamte Natur höherer Wirbeltiere, zu denen wir auch gehören. Das ist, ich kann nichts dafür, die biologisch-materielle Basis des Menschengeschlechts, und die Aggressionen, die man hervorruft, wenn man diese basale Tatsache und Trivialität ganz wertfrei erwähnt, ist entlarvend. Kommen dann Zusätze wie etwa „Und deswegen ist die Heterosexualität auch das Natürliche…“ oder „Und deswegen muss die Frau auch zu Hause bleiben…“, dann immer gib ihm Kante. Das wäre dann in der Tat der argumentativ unzulässige Übergang zur Geschlechterrolle, eine unzulässige Naturalisierung. Homosexualität ist, indem sie ist, so natürlich wie Heterosexualität (oder so „natürlich“, denn was am Menschen ist eigentlich noch „natürlich“?), und wer etwas anderes behauptet, sollte sich überlegen, ob es wirklich eine so gute Idee war, das Proseminar „Einführung in die Begriffsanalyse und Logik“ zu schwänzen. Aber die schiere biologisch-materielle Basis des Menschengeschlechts – nichts sonst – ist schlicht so, wie sie ist. Aus ihr folgt nichts (jedenfalls nichts, was Sollens-Sätze impliziert – allein schon des Humeschen Gesetzes wegen nicht); wenn jedoch eine geisteswissenschaftliche Theorie diese basalen Fakten rundweg bestreitet, muss die Theorie sich fragen lassen, was an ihren Prämissen oder gar Axiomen falsch sein könnte.

Ich würde den Kampf gegen den Genderismus auch nicht so schrill führen wie Kutschera, aber logischen Unfug sollte man schon logischen Unfug nennen.

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Kommentare

  • G.W.  On Juni 2, 2015 at 21:49

    Nun ja, die Übertreibungen des „Genderismus“ und die sachlich gegründete Kritik daran sind die eine Sache, die Statur einiger Kritiker die andere. Nach allem, das ich von Kutschera über die Jahre kennengelernt habe, halte ich ihn für einen schlichtgewirkten Biologisten, um es platt zu sagen, der ironischerweise inhaltlich, was die vorgegebene Rolle von Geschlechtern angeht, von seinen langjährigen Kontrahenten, den Kreationisten, nicht allzu weit entfernt sein dürfte. In dieses Argumentationsfeld gehört natürlich auch die in den Medien beliebte sogenannte „Evolutionäre Psychologie“, in der häufig mit „just-so“-Argumenten Verhalten evolutionsbiologisch „begründet“ wird, warum halt Männer fremdgehen und Frauen shoppen usw., alles Testosteron und Östrogen und so. Unter den akademischen Psychologen, die ich kenne, hat diese Disziplin ihrer ideologischen Geladenheit und methodologischen Schwächen wegen ein geringes Ansehen, auch weil sich vieles als unhaltbar herausgestellt hat. Vor allem aber bitte ich Sie, Kutscheras wiederholt geäußerten Satz zu beachten: „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie“. Kutschera versteht, das weiß ich, von Geisteswissenschaften nicht wesentlich mehr als wie man das Wort schreibt. Dieser Satz gibt jedoch den Takt und das Niveau vor, eines für das man sich als nicht ungebildeter Naturwissenschaftler schämen muss. Das geht über „schrill“ weit hinaus, sondern hat die Geisteswissenschaften insgesamt, vor allem aber die Philosophie, im Visier. Vorstehendes mag wie „ad hominem“ aussehen, das kümmert mich in diesem Fall allerdings wenig, denn „ad hominem“ kann auch angemessen sein. Sie sollten es aber vielleicht wissen.

    • hf99  On Juni 2, 2015 at 23:09

      Keine Sorge, diesen problematischen Satz habe ich schon wahrgenommen.

      Biologismus hin oder her – es geht um eine gewisse materielle Basis.

      Polemisch kann man meine Kritik so ausdrücken: Wenn ich Ihnen eine knalle, ist Ihr Schmerz kein soziales Konstrukt, sondern real. Sozial konstruiert ist, wie Sie mit dem Schmerz umgehen sollten.

      • G.W.  On Juni 3, 2015 at 11:12

        Danke für Ihre Antwort. Dass eine „materielle Basis“ besteht, ist in meinen Augen trivial, in der Medizin hat man damit ja laufend zu tun. Ferner scheint mir Ihr Vergleichsbeispiel nicht angemessen. Ob Sie „mir eine knallen“, ist nämlich selbst bereits sozial eingebettet und bedingt, darum geht es, um das Soziale; die Tatsache der physiologischen Vermittlung des Schmerzes ist hier sekundär. Ihr Beispiel funktionierte m.E. auch nur, wenn es unterschiedliche Arten der physiologischen Vermittlung gäbe, die unterschiedliche soziale Korrelate hätten oder haben müssten; es ist in dieser Hinsicht paradox und zeigt m.E. das Gegenteil dessen, was es zeigen soll. Was ich generell wahrnehme, ist – aufgehängt an den unzweifelhaften Übertreibungen der Gender-Theorien und -Praxis – der Versuch eines gesellschaftlichen Rollbacks auf naturalistischer (biologistischer, evolutionsbiologischer) oder religiöser Grundlage, das Menschen auf vorgegebene Rollen einengen möchte. Und da bin ich über die Allianzen dann doch oft erstaunt – oder auch nicht mehr. Nach meiner Erfahrung sind, was beispielsweise Begabungen angeht, die Variationen innerhalb der Geschlechter viel größer als mittlere Unterschiede zwischen ihnen, daher spielt Geschlechtsspezifisches in dieser Hinsicht keine Rolle. Der „Genderismus“ wird sich schon abschleifen, wie manches vorher, da bin ich zuversichtlich und ohne Eifer. Von Positionen der Sorte Kutschera zum „naturwissenschaftlich fundierten“ Sozialdarwinismus ist jedoch ein sehr kurzer Weg, das geht mir wesentlich näher.

        • hf99  On Juni 3, 2015 at 23:07

          Ich betrachte es – siehe meine Antworten unten – allein vom philosophischen Standpunkt aus, also geisteswissenschaftlich. Die Preisgabe der Kategorie Tatsache halte ich für ein Unglück. Ums noch einmal am Beispiel abzumachen: Ob ich, wenn ich Ihnen eine knalle, ein Duell herbeiprovoziere oder ein zivil- und ein strafrechtliches Verfahren, ist kulturell eingebettet – die basale körperliche Tatsache bleibt identisch.

  • Paul  On Juni 2, 2015 at 21:50

    Bei allem Respekt, aber ich kann nicht verstehen, warum immer wieder Menschen glauben, diese simple Unterscheidung sei auch nur irgendeinem Gender-Theoretiker nicht bewusst. Kann ich mir zumindest nicht vorstellen… die sind doch nicht dumm.

    Deshalb benutzen die ja gerade den Begriff „gender“ und nicht „sex“, was vor den 70ern, vor also feministischer gender-Kritik, kein Mensch gemacht hat. Man könnte also sagen, dass du dir dieses Unterschiedes bewusst bist, VERDANKST du gender-Theoretikern – oder zumindest dass du einen Begriff hast, um das direkt auszudrücken.

    Der Artikel von Burks ist aber wirklich gut, vor allem das hier:

    „Ein typischer Irrtum des Bildungsbürgertums – aber von dessen Klassenstandpunkt verständlich – und derjenigen, die dazugehören wollen, ist ja die rührend-naive Idee, dass der gesellschaftliche Aufstieg durch Verhalten oder Erziehung garantiert werde, was die herrschende Klasse natürlich zu einem Hohngelächter animiert. Sprachpolizeiliche Maßnahmen stehen auf einer Stufe mit Erziehung und Moraltheologie – alles irrelevantes Feuilleton. Die Macht kommt aus dem Gewehrläufen oder fußt auf dem Besitz von Produktionsmitteln und hatte noch nie etwas mit zivilisatorischen Verhalten zu tun. Neue Wörter gegen Sexismus sind so etwas wie “fairer” Lohn oder “faier” Handel, also Quatsch.“

    • hf99  On Juni 2, 2015 at 21:56

      Die Unterscheidung stammt, spätestens, von de Beauvoir. Wenn es bloß um diese Fallunterscheidung ginge, bestünde kein Diskussionsbedarf.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Gender_Studies#Kritik

      Bereits 1991 wies Judith Butler auf das Problem der Trennung von biologischem und sozial konstruiertem Geschlecht hin. Es bestehe ein Widerspruch in der Tatsache, dass Gender zwar als konstruiert angesehen werde, biologisches Geschlecht (engl. sex) und Sexualität hingegen als naturgegeben. Noch weitergehender als andere Autorinnen und Autoren der 1980er- und frühen 1990er-Jahre wie etwa Anne Fausto-Sterling, Claudia Honegger oder Thomas Laqueur führte sie aus, dass Verständnis und Bewertung des biologischen Geschlechts ebenso dem Verständnis des sozialen Geschlechts unterlägen und ein (diskursiver) Rückgriff auf einen vordiskursiven, „natürlichen“ Körper unmöglich sei. In der Biologie würden zudem unterschiedliche Geschlechtertheorien entwickelt, einige stellten die Individualität und Vielfalt von Geschlecht heraus und zweifelten binäre Einordnungen an[11][12], andere kritisierten Androzentrismus und Sexismus.[13][14] Diese gesellschaftliche Prägung der Biologie und ihrer Erkenntnisse seien lange Zeit in den Gender Studies vernachlässigt worden.

      Und das ist logisch haltlos.

      • El_Mocho  On Juni 3, 2015 at 16:51

        Zu Butler schreibt der englische Politologe Gavin Kitching: „Some biologically driven human behaviour is clearly pre-linguistic in origin, i.e.it predates the human capacity for language use, so to that extent it is not, cannot be, ‚discursively constructed‘, at least not if constructed is understood in any causal or originiating way. … This is to say that even after the development of language, human behaviour, human action cannot be reduced to the conceptual or the discursive. It is possiple, for example, to conduct an erotic relationship relationship with another huamn being entirely on a purely ‚conceptual‘ level – but try getting pregnant that way!“

        (The Trouble with Theory, p. 1939)

        Kitiching Fazit ist: „Good intentions are not helped by bad philosophy.“

        • Paul  On Juni 4, 2015 at 11:46

          Es geht ja auch nicht darum, menschliches Verhalten auf das „diskursive zu reduzieren“ – bloß um die Feststellung, dass es kein menschliches Verhalten außerhalb des diskursiven gibt. Deshalb ist der Begriff Geschlechterrolle potentiell irreführend, weil er nahelegt, es sei möglich diese Rolle abzulegen und einfach nur sein Geschlecht ZU SEIN, ganz natürlich und ohne konstruierte Aspekte. Das ist aber unmöglich.

          Das bedeutet aber nicht (zumindest muss es das nicht, meiner Ansicht nach), zu leugnen, dass es quasi eine materielle oder biologische Basis gibt, die auch menschliches Verhalten determiniert – bloß gelten zwei Sachen:

          1. Genauso wie es kein rein diskursiv geprägtes Verhalten gibt, gibt es natürlich kein reines „biologically driven human behaviour“ – niemals in der Geschichte der modernen Wissenschaft hat es schließlich die Möglichkeit gegeben, einen Menschen zu beobachten, dessen Identität und Verhalten nicht von Geburt an sprachlich geprägt ist.

          2. Die Unterscheidung also, was an menschlichem Verhalten „natürlich“ ist und was nicht, ist (fast) unmöglich zu treffen, weil alles an menschlichem Verhalten, Kommunikation und auch Wahrnehmung diskursiv geprägt ist. Nur das ist damit gemeint, dass es keinen unmittelbaren, vor-diskursiven Zugriff auf das Geschlecht gibt. Und deshalb spricht Butler immer davon, das biologische Geschlecht werde „überdeckt“ vom konstruierten – weil es ein Trugschluss ist, dass es möglich wäre, das „natürliche“ Geschlecht unmittelbar beschreiben zu können – was nicht bedeuten muss, dass es keinen Sinn macht, darüber nachzudenken, auf welche Weise biologisches Geschlecht die geschlechtliche Identität determiniert, man muss sich dann nur vor zu einfachen kausalen Erklärungen hüten. Wie man am Sozialdarwinismus sieht, ist keine Wissenschaft derart in Gefahr ideologisch zu werden wie die Sozialbiologie, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das wissenschaftskritische und entmystifizierende Werk der gender-Theorie in der Hinsicht schon ganz getan ist.

          Wenn das jetzt bei einigen dazu führt, die Realität von Geschlecht ganz anzuzweifeln, oder eine post-geschlechtliche Welt als Ziel auszugeben – das würde ich auch einfach ignorieren. Gender-Theorie ist nun mal mittlerweile extrem populär und dementsprechend ist auch die Bandbreite. Aber man darf auch nicht vergessen, dass viele gender-Theorie sich nicht an die vorsichtig differenzierende biologische oder psychologische Wissenschaft richtet, sondern die alltägliche, politische und gesellschaftliche Ideologie des Geschlechtes untersucht – und dabei vor allem darauf abzielt, die Macht normativer Geschlechtsidentitäten zu brechen. Wenn aber einige Menschen, die vielleicht ein bisschen experimenteller drauf sind, das Recht in Anspruch nehmen, zu leben, als seien Geschlechter reine Konstruktionen, muss man das von einer theoretischen Aussage ode sogar Forderung für den Rest der Welt unterscheiden (das ist ja gerade der konservativ-defensive Trugschluss.)

    • hf99  On Juni 2, 2015 at 22:41

      Philosophisch, insbesondere Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretisch, geht es um die Außenweltproblematik, um die Baconsche reine Erfahrung, um Ian Hackings Rehabilitierung des Tatsachenbegriffs usf. ich kann das im Einzelnen hier und jetzt nicht leisten (Fulltime-Job, Roman plus Studium). Soviel: Egal, in welchem Umfang aller Zugriff auf die Welt mithilfe sog. theory-loaden Begriffe erfolgt …unsere Alltagsprache Sn unterstellt bestimmte Voraussetzungen, ohne die wir uns über nichts äußern könnten, und diese Voraussetzungen sind unproblematisch. Sie müssen es sogar sein. „Baum“ evoziert eine ganze Menge – als Begriff selber ist er unproblematisch und muss es auch sein. Arg verkürzt gesagt: Für den Biologen bedeutet „Baum“ etwas anderers als für den Literaturwissenschaftler, Spezialgebiet deutsche Romantik, oder den Holzhändler oder Forstarbeiter…aber alle haben im Rahmen der sog Spracherwerbsstory einen im Idealfall (völlig homogene Sprachgemeinschaft – die gibt es nicht; die deutsche ist aber relativ homogen) identischen so to speak „Grundbegriff“ von „Baum“ gelernt. Postmoderne Sprachtheorien unterstellen, wiederum sehr sehr vereinfacht gesagt, einen gleichsam unbewussten, historisch gewachsenen Bedeutungshintergrund aller Terme von Sn. Einen externen Nachweis für einen solchen Hintergrund kann es aber nicht geben. Ein Baum ist zunächst einmal ein Baum – und nicht ein deutscher Mythos.

      • Dirk  On Juni 3, 2015 at 15:50

        Kannst Du das etwas genauer erklären ?

        • hf99  On Juni 3, 2015 at 21:36

          Ich müsste mich genau vorbereiten. Es geht um das Basisproblem und um die Frage, inwieweit auch Terme in Sn (also unsere Alltagssprache) theoriegeladen ist. Das sie in einem basalen und uninteressanten Sinn auch eine bestimmte Perspektive auf die Welt einnehmen ist unbestritten, aber uninteressant. Interessant: Alle menschlichen Sprachen sind bei allen Unterschieden ähnlich und übersetzbar; die Whorf-Hypothese ist unstreitig falsch. Jede Sprachgemeinschaft, die mit Bäumen konfrontiert ist, entwickelt den Begriff „Baum“ (oder „tree“ oder wasauchimmer). Sprache ist etwas öffentliches, durch sie ineragieren wir miteinander und mit der Welt. Dass alle menschlichen Sprachen viel miteinander gemein haben, ist ein guter Beleg dafür, dass doch so etwas wie ein central core of human thinking gibt, das ahistorisch ist. ich meine damit: das Fallen eines Gegenstandes unter einen Begriff ist im japanischen wie im deutschen die logische Grundrelation, und es ist es in der Ständegesellschaft so gut wie in der modernen Welt. Wenn A B impliziert und B C, dann impliziert A C – das galt bei Aristoteles, das gilt heute, es gilt in Europa wie in Japan, in Südneuseeland, Westkamerun, Ostargentinien und Nordnorwegen. Es ist keine gute Idee, solche basics unter Ideologieverdacht zu stellen. Sie sind die Voraussetzungen dafür, sich überhaupt sinnvoll zu äußern.

          Nun wird unterstellt, dass selbst Sn gleichsam in einem tiefen Sinn vordisponiert ist, sich jahrtausende in Sn niedergeschlagen haben sollen (was in einem uninteressanten Sinn sicherlich auch stimmt). Und das wird einfach so ausderlamäng behauptet, ohne Beleg.

          „Frau“ im basalen Sinn bedeutet „Mensch mit den-und-den Geschlechtsmerkmalen“. Natürlich, und da sind wir bei den geschlechterROLLEN, bedeutet Frau in unserer Gesellschaft dann sehr schnell noch viel mehr und anderes. „Votze, die ja meint, wenn sie nein sagt“ zB. Das ist zu dekonstruieren, das ist zu entlarven, da bin ich gar nicht gegen Butler. Aber conditio sine qua non dafür, sich überhaupt sinnvoll miteinander ins Benehmen setzen zu können, ist nun einmal die basale Sprache Sn und ihre Fähigkeit, (re)identifizierend auf Einzeldinge Bezug nehmen zu können und diesen Einzelduingen Eigenschaften zusprechen zu können. Eine Frau in Sn ist keine Rolle. Eine Frau in Sn ist eine der beiden am häufigsten ausgeprägten Geschlechter des Menschen (ja, es gibt auch Hermaphroditen etcetc). Das liegt daran, dass wir Menschen uns zweigeschlechtlich vermehren. Ist nun mal so, kann ich nix für. Und wenn man das richtig versteht, ist damit auch keine Wertung verbunden und kann es, siehe Hume, ja auch gar nicht sein.

          • Dirk  On Juni 4, 2015 at 12:53

            Vielen Dank für die klare und ausführliche Antwort. Ein anderer Kritikpunkt an Butler wäre, dass sie Diskurse als selbstreferentielle Systeme beschreibt, die Wirklichkeit schaffen können. Diese Wirkung kann Sprache jedoch nur entfalten, wenn sie sich auf Machtresourcen stützt die selber nicht sprachlicher Natur sind. Was bedeutet, dass sich sozialer Wandel nicht durch Brüche und Widersprüche in Diskursen erklären läßt, sondern Ausdruck realer sozialer Konflikte ist, die von real existierenden Subjekten ausgetragen werden.

  • ziggev  On Juni 2, 2015 at 22:33

    (zweites Posting enthält ebensoviele Links aber weniger Rechtschreibfehler)

    … soll es zwar auch bei irgendwelchen Lurchen oder jedenfalls Amphibien (eben Frösche oder Lurche), See irgendwo im Regenwald in Südamerika 1 See bewohnen, geben, dass nämlich a l l e Individuen (oder besser „Exemplare“?) 1 Art denselben Genomsatz haben, aber was sind schon solche Lurche gegen so´n cooles Teil wie ´n Sägerochen bzw. Schwertfisch? Ob „höheres“ Wirbeltier oder nicht (sorry, ich frage mich immer, was das „höher“ hier bedeuten mag. Zuletzt gelesen in einer Hagiographie über Ernst Haeckel (dankenswerter Weise mit guten Reproduktionen seiner berühmten Bildtafeln). Solange mir das kein Biologe erklärt, schwärt der Ideologieverdacht), – der dlf-Sendung von heute (Forschung aktuell,16.35 h) zufolge sei nun das erste Mal Jungfernzeugung bei Wirbeltieren in der Wildnis festgestellt worden, wie Wissenschaftler in „Current Biology“ berichtet hätten.

    Wir sehen also, dass wir bereits jedenfalls mit unserem Alltagsverständnis des biologischen Geschlechts manchmal ins schwimmen geraten (ich meinte nicht die Lurche oder Frösche oder Rochen). Sozialwissenschaftler meinen mit „Geschlecht“ die Bedeutung der Verkommnisse dieses Wortes in der Soziosphäre; Biologen lassen da wahrscheinlich, s.o., was die engere Bedeutung betrifft, mit sich reden, denn wenn Kindchen kein Papi hat, wie steht es dann mit der „geschlechtlichen Fortpflanzung“?

    Kann man also wirklich von Biologen verlangen, dass sie von dem biologischen Geschlecht sprechen, und von den Sozialwissenschaftlern, die nichts weiter als soziale Rollen beschreiben, ausdrücklich von Geschlechterrollen?

    Nun, es gibt sicherlich Wissenschaftskrieger, die die Naturwissenschaft in Geiselhaft zu nehmen suchen und deren Sprache als die einzig etwas bedeutende, aussagende und präzise Sprache proklamieren. Gute Naturwissenschaftler tun sowas aber nicht. Dagegen wirken die „Humanisten“, die „Soziologen“, also kurz die Sozialwissenschaftler, weitaus mehr wie ein kriegerisch gesonnener Stamm. – Insofern ist Dein Einwand auch in meinen Augen berechtigt. Denke aber an jene Lurche, die jenes einsame Biotop irgendwo im Regenwald bewohnen und alle entweder Schwestern oder Schwester und Mutter sind … Und dann haben wir nun auch noch die „höheren“ (sind immerhin schon Fische …)

    Das vollkommen überflüssige Ansinnen, jene beiden Methoden der unterschiedlichen Disziplinen, Vorgehensweisen und entsprechenden Weisen, sich untereinander zu verständigen, zu je philosophischen Haltungen zu generalisieren, führt zu unterschiedlichen „Philosophien“, die aber keinerlei Kriterien anzugeben erlauben, anhand derer zu entscheiden werden könnte, welche nun der anderen vorzuziehen sei.

  • Paul  On Juni 2, 2015 at 22:38

    Hm, dann verstehe ich wohl nicht, was du meinst.
    Das hier ist wohl die entscheidende Stelle: Buthler führte aus, dass
    „Verständnis und Bewertung des biologischen Geschlechts ebenso dem Verständnis des sozialen Geschlechts unterlägen und ein (diskursiver) Rückgriff auf einen vordiskursiven, „natürlichen“ Körper unmöglich sei.“

    „Verständnis und Bewertung des biologischen Geschlechts“ – also die _Bedeutung_ des biologischen Geschlechts ist sozial und diskursiv konstruiert.

    Wie dem auch sei, zumindest bei Judith Butler liegt der Kern und die Ausgangslage der gesamten Theorie gerade darin, zu kritisieren, dass wir die soziale Konstruktion „gender“, was aber vielleicht der Rollenbegriff nicht ganz trifft, behandeln wie das biologische Geschlecht, wie eine objektive, essentialistische Tatsache. Also gar nicht im Widerspruch zu dem, was du ausgeführt hast.

    Ich bin aber auch kein Experte und interessiere mich auch nicht besonders für Butler, etc. Nur glaube ich, dass zu leicht vergessen wird, wie wirkmächtig die Vorstellungen von naturalisierten und essentiellen Geschlechtern noch bis vor kurzem waren – und wie viel wir an Aufklärung (im größten philosophischen Sinne) in der Hinsicht gender-Theorien verdanken.

    • hf99  On Juni 2, 2015 at 23:02

      ja, das ist die entscheidende Stelle. siehe meine Erläuterungen.

      • ziggev  On Juni 4, 2015 at 00:55

        Leute, wie Butler, machen den Fehler, ihre Unfähigkeit, auf den Tatsachenbegriff zu rekurrieren, was fachbedingt sein mag, zu generalisieren. Deswegen ist es auch so zwecklos und wirkt so hilflos, ihnen immer entgegenzuhalten: ‚aber die Tatsachen, die Tatsachen!‘ Lähmend und nicht minder langweilig ist es, wenn es dann heißt: ‚die Gendertheoretiker_innen bestreiten ja gar nicht biologische und so weiter Tatsachen!‘

        Dieser Fehler beruht ganz offensichtlich, um einmal bei hf99´s Skizze des Tatsachenbegriffs hier im Thread zu bleiben, auf der Unkenntnis desselben. Was kann man schon von so einem Windmühlenkampf, geführt mit Tatsachen, bei der Nichtzurkenntnisnahme des Tatsachenbegriffs der Gegenseite, erwarten? Desh. begrüße ich die hiesigen Anstrengungen, ihn wieder einzuführen. Wenn ich das Butler-Zitat oben richtig gelesen habe, benimmt sie sich der Möglichkeit, jenen Begriff überhaupt auch nur zu diskutieren. Dagegen sind natürlich bloße Tatsachenbehauptungen völlig wirkungslos. Ob´s sie ‚gibt‘ oder nicht – das braucht Butler überhaupt nicht zu kümmern! Warum also immer die in kritischer Absicht geäußerten Behauptungen der Art: ‚aber Tatsache, dass so-und-so‘?

        Was Wissenschaftstheorie angeht, würde ich allerdings nicht beim Tatsachenbegriff anfangen, sondern bei John Stuart Mill und Carnap wäre mir, also ganz klassisch, ein Bedürfnis.

        Solange ich denken kann, bin ich von dem krass undialektischem Vorgehen all jener ‚Postmodernen‘, Gendertheoretiker_innen usf. einfach nur befremdet. Der erste Schritt, um eine eigenen Position zur Diskussion zu stellen, muss doch der sein, die Gegenseite genau kennenlernen zu wollen.

        hach, und wie bequem, die Wissenschaftstheoretiker setzen auch noch alles daran, sich so klar wie möglich auszudrücken! Es unterlaufen aber immer wieder Peinlichkeiten wie ‚Multikausalität! Eine solche wird nicht in Rechnung gezogen‘. Niemand kennt offenbar old John St. Mill … All das ist schon etwas peinlich.

        Zurück also – meinetwegen – zum Tatsachenbegriff! Das ist vielleicht schon einmal ein Anfang, Good Luck, hf99 !!!

  • ziggev  On Juni 2, 2015 at 22:55

    …( das 2. posting enthält weniger Rechtschreibfehler ) …

  • El_Mocho  On Juni 3, 2015 at 14:53

    „“Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie”

    Das ist ein durchaus akzeptabler Satz, schließlich ist auch der menschliche Geist ein biologisches entstandenes Phänomen. Zumindest ist er richtiger als umgekehrt.

  • H. A.  On Juni 3, 2015 at 19:18

    Ein menschliches Leben findet immer im Spannungsfeld zwischen biologischer Beschaffenheit („Natur“) und Gesellschaft statt. Und da gibt es zwischen einem Frauenleben und einem Männerleben körperlich bedingt nicht nur einen „kleinen Unterschied“, sondern große Unterschiede.

    „Gender“ betrifft das gesellschaftlich geprägte Leben beider Geschlechter, welches weniger vom biologischen Geschlecht („Sex“) bestimmt wird, sondern vielmehr durch die Klassenlage.

    Die Frau aus reichem Hause hat ein anderes Leben vor sich als jene aus dem Prekariat.
    Die Beziehung zu Männern ist auch ganz anders, denn sie verfügt über Vermögen und ein arbeitsfreies Einkommen. Und damit ökonomische Macht und Unabhängigkeit.
    Biologisch bedingt und daher Frauenschicksal ist die Schwangerschaft, es sei denn, sie lässt ihr Kind von einer Leihmutter austragen. Nach der Schwangerschaft werden die Hausarbeit sowie die Pflege und die Erziehung der Kinder an bezahltes Personal delegiert.

    Der affirmative Feminismus und der affirmative Genderismus ignorieren die gesellschaftliche Klassenspaltung und fördern den Geschlechterkampf. Es sind reaktionäre, herrschaftserhaltene Ideologien im Sinne von „divide et impera“.

    Zudem hat sich der affirmative Feminismus nachteilig auf die Situation der meisten Frauen ausgewirkt. Er idealisierte die Lohnarbeit als „Emanzipation“. Das wäre jedoch nur der Fall gewesen, wenn die Lohnarbeitszeit halbiert worden wäre. Das hätte beide Geschlechter befreit. So kam für die Frauen und Mütter zusätzlich zur häuslichen unbezahlten Reproduktionsarbeit nun noch der Zwang zur Vollzeitlohnarbeit hinzu.

    Der Feminismus war und ist höchst profitabel fürs Kapital.

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