Wider die Identitätspolitik (update)

Haben wir die ökologische Linke gegen Frontex demonstrieren sehen oder gegen die Schuldenpolitik infolge der vorgeblichen Eurorettung? Wo hat, wenn Sie es gern etwas kleiner haben möchten, die niederträchtige Behandlung der Angestellten von Karstadt infolge einer unheiligen Allianz von Politik und milliardenschwerem Investor zu öffentlichem Protest geführt? Klar: Das alles ist komplexer, als es in der schlagwortartigen Reihung erscheint, aber bei all dem handelt es sich um objektive soziale Problemlagen, deren Verursachung man benennen kann. Wenn man an ihnen etwas ändern will, geht das nur, wenn die Interessen und Akteure benannt und bekämpft werden, die für diese Problemlagen sorgen.

Es geht nicht mit abstrakten Gleichheitspostulaten und dem Wunsch, dass sich alle liebhaben und gut finden sollen. Der Soziologe Stephan Lessenich hat unseren Typ von Gesellschaft zutreffend als Externalisierungsgesellschaft bezeichnet, die ihre Ressourcen von außen holt und ihre Probleme nach außen entsorgt. Auf den Inseln des Reichtums, die die Externalisierung bildet, lässt sich dann trefflich die ökologische Befriedung des Kapitalismus, das Ende des Klimawandels oder die Anerkennung aller denkbaren Geschlechtsidentitäten einfordern.

Das ist am Ende nicht nur radikal unpolitisch, sondern eben auch die Übersetzung neoliberaler Wert- und Weltvorstellungen in eine Identitätspolitik, die am übergeordneten Ziel einer gerechten und nachhaltigen Gestaltung der Gesellschaft nicht oder allenfalls noch symbolisch interessiert ist.

(via burks)

Natürlich hat Welzer Recht, allerdings hätte er das alles längst woanders finden können. Nicht zuletzt in diesem exquisiten Blog für die feine, intelligente Leserschaft, das sich seit eh auseinandersetzt mit jener neuen Bürgerlichkeit, die die Kosten der eigenen Privilegien an andere delegiert und die eine schäbige Moral-Simulation (Veggie-Day, Antirauchergesetze, Kinder „schützen“) betreibt, um den Maßstäben zu entgehen, auf die sie sich beruft. Am Ende dieser verschwiemelten bürgerlichen Ideologie stehen dann solche Grotesken wie die, dass die Bundeswehr ökologischer werden möchte. Ihre Drohnen, you better believe it, werden dann sicher ganz nachhaltig produziert.

Eine Bemerkung: Bitte den Begriff „ökologische Linke“ streichen. Links ist daran schon seit langem nichts mehr. Und meine mehr oder weniger lieben ParteigenossInnen (oder heißt es auch bei Euch jetzt Parteigenoss_innen? inninninnenenenen?) – denn nur wer eintritt, kann mit Austritt drohen! – … Ihr hört jetzt mal so langsam bitte auf, von rot-rot-grün zu träumen. Der Preis für rot-rot-grün heißt Krieg. Und das wisst Ihr auch! Alle, durch die Bank! Schlünzi Gregor vorneweg!

update: Dank altautonomer in burks Kommentarspalte: Trampert über die Grünen und die Linkspartei. Lesenswert.

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Mai 30, 2015 at 10:56

    Und – ich kanns mir einfach nicht verkneifen – das kostenlose Abservieren von einer mediokren Lebens“beraterin“ nebest dem hilfesuchenden, verwirrten Kirchenkonservativen gehört natürlich auch hierher.

  • wolfdieter  On Mai 30, 2015 at 17:55

    Um mich selbst zu zitieren: ich habe einige Fehler gemacht im Leben, aber wenigstens einen nicht: ich habe noch nie Grün gewählt.

  • Dirk  On Mai 30, 2015 at 18:05

    Hierin liegt einer der Geburtsfehler der Neuen Sozialen Bewegungen. Indem dass Politische in die Alltagswelt verlegt und Konflikte als Identitätskonflikte verhandelt, läuft man Gefahr ökonomische Ungleichheit und politische Institutionen aus dem Blick zu verlieren.

    • hf99  On Mai 30, 2015 at 18:48

      Und schlimmer: Man läuft Gefahr, politische Debatten als Kampf ums eigene Seelenheil misszuverstehen. Das geschieht denn ja auch weidlich.

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