Pegida und Islam (und…und…)

Rainer Trampert bringt es auf den Punkt.

Man kann (und sollte) Pegida unappetitlich finden und muss dennoch nicht in Islam-Idyllik machen. Dass sich hier zwei völkische Ideologien gesucht und gefunden haben – als Feinde stehen sie in Treue fest zueinander -, sollte inzwischen jedem aufgegangen sein, der sich mit der Materie auseinander gesetzt hat. Was Trampert nicht sieht: Dass es natürlich auch in Israel, wie wohl in jedem ‚westlichen‘ Staat, gewissermaßen eine Pegida-Bewegung gibt, also ein gesellschaftliches Grundrauschen, das auf völkische Homogenität setzt. Was immer „völkische Homogenität“ dann im einzelnen sei.

Übrigens, aber das lerne ich auch gerade erst: Man sollte völkische Bewegungen nie vormordern nennen. Sie sind ja gerade ohne die Moderne nicht zu denken, besser: entstammen ihr, noch besser: sind Teil der Moderne – vom modernen Nationalstaat bis zur Pseudo-Wissenschaft „Rassenkunde“. Der logische Kern solcher Kleinbürgertruppen ist die Homogenität, die Disziplinierung allen abweichenden Verhaltens. Innerlich handelt es sich ganz einfach um eine Re-Etablierung ständischer Ordnung…demokratisch bemäntelt. Rang und Stand verbürgt nunmehr die völkisch gedeutete Nationalität. Ganz konsequent muss der „Volkskörper“ (ein schrecklicher Begriff) dann gesund werden/gesund bleiben. Fremde, Schwule, Kranke, „Minderleister“, kurz: Die Anderen – alles ist zu entsorgen. In diesem Sinn muss man wieder und wieder die tiefe Identität scheinbar unvereinbarer Bewegungen thematisieren. Das Pegida-Haß-Movement, die Islamisten, Rabbiner und katholischer Klerus, die gegen Schwule hetzen, protestantischer Judenhaß…ihnen allen, so spinnefeind sie untereinander auch sind, eignet die gleiche fatal-falsche Grundannahme: Die Unterteilung der Welt in „wir“ und „die Anderen“. „Denen da hinten bist Du nichts schuldig, das sind nicht Deine Leute!“ – dieser Satz ist das Kurtzsche Grauen.

(…) die Idee der Menschheit, gereinigt von aller Sentimentalität, hat politisch die Konsequenz, daß wir in dieser oder jener Weise die Verantwortung für alle von Menschen begangenen Verbrechen, daß die Völker für alle von Völkern begangenen Untaten die Verantwortung werden übernehmen müssen. (…)
Völkische und rassische Wahnvorstellungen sind sehr reale, wenn auch sehr zerstörerische Auswege, den schier unüberschaubaren Komplikationen und der fast untragbaren Bürde unser aller Verantwortlichkeit zu entgehen. (Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2000, p. 501)

Mehr wäre zum völkischen Denken, wenn der Begriff des Denkens hier denn statt haben kann, nicht zu sagen.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Mai 30, 2015 at 11:04

    Ich habe das völkische Denken nie vormodern verstanden, sondern immer als Reaktion, als Antwort auf die eingebildeten Zumutungen der Moderne. Dass hierbei technologische Intelligenz nicht abgelehnt wurde, lässt sich an dem Deutschland der 30er Jahre problemlos zeigen. Freilich selbst da mit völkischem Zungenschlag: Die Silberpfeile z.B. als Ausdruck überlegener, teutscher Ingenieurskunst.

  • Surajprasad  On Mai 30, 2015 at 11:10

    Wenn du das gerade erst lernst, hast du vielleicht einen Tip, wo man das am Besten nachlesen kann?

    Ich liebe das Buch von Arendt.

    • hf99  On Mai 30, 2015 at 13:48

      war eine etwas rhetorische Floskel – das war mir intuitiv natürlich schon vorher klar. Nachlesen tu ich es gerade in den Studienscripts G1 der Fernuni Hagen 😉

    • Dirk  On Mai 30, 2015 at 17:14

      Gibt von Andreas Wimmer ein Buch, dass heißt Kultur als Prozess, da kann man das recht gut nach lesen. Ansonsten kann man den Aufsatz „Nationalismus, Nationalstaat und Minderheiten : zu einer Soziologie der Minoritäten“ von Kurt Imhof empfehlen.

  • altautonomer  On Mai 30, 2015 at 12:34

    Ich erinnere mich noch an den letzten BT-Wahlslogan der SPD, mit dem sie subtil an das völkisch Verbindende appelierte: „Auf das WIR kommt es an.“

  • Bersarin  On Mai 30, 2015 at 13:29

    Ein wenig vom Thema Pegida weg und denn doch nicht: Sowohl der Italo-Faschismus wie auch der Germano-Faschismus sind tiefster Ausdruck der Moderne. Beide nehmen diese Moderne explizit in Anspruch. Daß jemand wie Ruttmann, der 1927 in dokumentarischer Manier mit moderner Bildsprache „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ drehte, später auch für die deutschen Faschisten arbeitete, mag nur ein Indiz sein. Viel deutlicher jedoch tritt dieses explizit Moderne des Faschismus hervor, wenn man schaut, wie sehr die Faschisten die damals neuen Medien und die Technik in Anspruch nahmen. Nichts von Scholle, Blut und Boden, Ochsenpflug, Feldweg und Handwägelchen wie uns die Heimattümelei eines Heideggers et al. suggeriert, sondern mit der guten alten Tante JU wird von Wahlveranstaltung zu Parteitag und zum Massenempfang geflogen. Davon zeugt auch das Alter der deutschen Faschisten 1933. Goebbels: 36 Jahre, Hitler: 44 Jahre, Göring: 40 Jahre, Himmler: 30 Jahre, Heß: 39 Jahre.

    Nicht anders die Begeisterung der Futuristen für Faschismus und Maschine. Die Bildsprache Leni Riefenstahls: Hochmodern und bis heute kopiert.

    Reaktionäre, rechtsradikale, islamisch-totalitaristische oder aber faschistische Tendenzen als rein vormodern zu begreifen, führt am Problem vorbei. Ebenso arbeiten IS und Al Quaida mit hochmodernen effizienten Mitteln – mögen sie sich auch einer archaischen und brutalen Religion bedienen. Interessanter sind in der Tat die Denkmechanismen und die sozialpsychologische Struktur dieser Menschen. Dazu muß man übrigens, um das zu erfahren, die Pegida-Mitmarschierer befragen, wie dies ein Leipziger Sozialwissenschaftler tat. Auch wenn dies den sogenannten, selbsternannten Rechtschaffenen und Wächtern über die Gesinnung naturgemäß nicht behagt. (Es könnte ja – unter Umständen – dabei herauskommen, daß beide Lager einander ähnlicher sind als ihnen beiden lieb ist.)

    Neben den Gemeinsamkeiten zwischen Islamisten, jüdischen Religionsradikalen, Pegida und rechten sowie faschistischen Kräften sollten jedoch ebenso die Differenzen in den Blick gerückt werden.

    • hf99  On Mai 30, 2015 at 13:53

      Absolut richtig. Wobei Nazis (und Faschisten mit ihrem Liktorenbündel) natürlich auch auf künstliche, vorgebliche vormoderne „Traditionen“ rekurrierten.

      Ist nicht auf faschistische Bewegungen beschränkt. Meine Lieblingsbeispiele: Bayrische Lederhose und schottischer Kilt. Beides Kunstmythen, im 19. Jhdt erfunden, um Bedürfnisse nach Idyllik zu bedienen. „Wir müssen die Tracht schützen“ – aber diese Tracht gab es gar nicht, die wurde erst erfunden. http://de.wikipedia.org/wiki/Erfundene_Tradition

      • Wolf-Dieter  On Mai 31, 2015 at 22:35

        Erinnert mich ans Hermannsdenkmal … an einer historisch Niederlage der Römer hochgerankte Quasi-Tradition …

        • Wolf-Dieter  On Mai 31, 2015 at 22:42

          Diesmal war der Druckfehlerteufel hinterhaltig. Ich meinte: an einer historisch ungeklärten Niederlage der Römer hochgerankte Quasitradition.

          • hf99  On Mai 31, 2015 at 22:50

            Nun, dass die Römer 9 eine Niederlage gegen irgendwelche Stämme erlitten haben ist unstreitig. Vermutlich bei Kalkriese.

            Dein Beispiel ist natürlich dennoch völlig richtig: Der Fehler war der, die damaligen Stämme auch nur ansatzweise mit den jetzigen (im 19. Jhdt. jetzigen) Deutschen zu identifizieren.

            • Wolf-Dieter  On Mai 31, 2015 at 23:21

              Nicht die Niederlage an sich ist strittig, sondern, wodurch: Germanen? Oder oder Herpes?

  • summacumlaudeblog  On Mai 30, 2015 at 14:39

    Ergänzung bersarin: Neben dem jugendlichen Alter der nationalsozialistischen Politiker ist noch die absolute Überlegenheit der Nazis in der Verwendung der damaligen Massenmedien (Rundfunk!) gegenüber den aus dem Kaiserreich stammenden Parteien erwähnenswert. Es war eine furchtbare, unheimliche Überlegenheit.
    Es gab in der Anfangszeit des Netzes mal die naive Behauptung, aufgrund der Demokratisierung der Medien hätte das Netz Hitler verhinden können. Nein nein, gerade nicht. Das Netz wäre DIE Spielwiese des Dr Göbbels geworden.

  • Publicviewer  On Mai 30, 2015 at 16:02

    Ein „WIR“ wird es nie geben, auch nicht in humanitären Sinne, denn dafür hat sich die Menschheit einfach zu viel reproduziert.
    Wie „Phil Collins“ es so schön beschrieben hat: Too many people, too many problems, land of confusion…

    • Wolf-Dieter  On Mai 31, 2015 at 22:29

      Das ist gar nicht mal so dumm. Das menschliche Gemeinschaftsgefühl ist entwickelt für Gemeinschaft mit Kopfzahl unter hundert (nagelt mich nicht auf die genaue Zahl fest). Anthropologische Tatsache. Wer es nicht glaubt, zähle die Namen in seinem Adressbuch.

  • neumondschein  On Mai 31, 2015 at 07:55

    Tamperts Artikel zum großen Teil Quatsch und verlogen. Pegida, Thilo Sarrazin, der Moslemhaß, überhaupt der ganze Haß, und der Wahn, das Abendland vor dem Untergang bewahren zu müssen, sind selbst Elaborate der „Lügenpresse“, also der sogenannten Qualitätspresse, und von Zionisten wie Melody Sucharewicz, Hendryk M. Broder, Ralph Giordano & Cie. Ich kann mich nicht entsinnen, daß in den 1990ern irgendjemand sich im entferntesten für Moscheen, Islam u. dergl. interessierte.

  • neumondschein  On Mai 31, 2015 at 08:02

    Mahmoud Abbas, der Judenmörder, gehört nicht einer islamistischen sondern einer säkularen Organisation, der Fatah an, die zeitweilig sich terroristischer Mittel bediente genau wie die zionistische Gegenseite. Es handelt sich also eher um eine Bürgerkriegspatei als um eine Nazipartei, die den kommenden Holocaust plant. Trampert betätigt sich hier also als Agent einer Bürgerkriegspartei. So etwas brauche ich nicht.

  • neumondschein  On Mai 31, 2015 at 08:15

    Der Islam – eine völkische Idee? Was soll das? Wo gibt es denn im Islam ein Volk? Die Staaten mit islamischer Kulturtradition sind allesamt Vielvölkerstaaten, und koloniales Erbe, also Gebilde ohne geschichtliche Tradition. Diese Völker befinden sich auf den unterschiedlichsten Stufen der Zivilisation, bevölkern unterschiedlichste Klima- und Vegetationszonen, haben verschiedene kulturelle Traditionen und legitimieren sich durch unterschiedliche Ideologien. Es gibt unter ihnen recht hochentwickelte junge Industriestaaten wie Malaysia, wie zerrütte failed states wie Somalia. Was all diesen Staaten aber gemeinsam ist, ist die koloniale Vergangenheit, die von Trampert selbstredend nicht erwähnt wird. Viele Staaten wuden durch westliche direkte und indirekte militärische Intervention zerstört, etwa Iraq, Afghanistan, Syrien, Libyen, Somalia etc., was natürlich zu entsprechender Gegenwehr führt nach dem Motto „Afghanistans Sicherheit wird im Sauerland verteidigt“.

  • hf99  On Mai 31, 2015 at 09:12

    Es dürfte Deiner Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, dass ich Tramperts Israel-Idyllik nicht teile. Der Aufsatz ist dennoch lesenswert. Pegida und Islam bringt er auf den Punkt.

    völkisch = Herstellung/Bewahrung des „gesunden Volkskörpers“. Natürlich wird Volk unter den Islamisten nicht „rassisch“, was immer das sei, verstanden, sondern religiös. Aber auch ihnen geht es um den gesunden Volkskörper, der zu schützen ist gegen die kranken, falschen anderen da draußen.

    • neumondschein  On Mai 31, 2015 at 13:29

      Es bringt nicht viel, Gesellschaften gleichzusetzen, die verschieden sind. Zum Beispiel gibt es kein libanesisches Volk. Es gibt eine Vielzahl endogamer tribalistisch organisierter Volksstämme im Libanon, die jeweils eifersüchtig über den Einfluß der jeweils übrigen Volksstämme auf die Politik wachen. Dort ist jeder Bürger „fremd“. Mit völkischer ideologie hat das wenig zu tun. Ähnlich sieht es in vielen anderen Staaten Afrikas und des Nahen Ostens aus. Auf der anderen Seite kann man die Europäische Idee als völkische Idee auffassen. Das kommt besonders in der Befürchtung zum Ausdruck, Europa, das Abendland könnte untergehen, wegen all der Dekadenz, der Toleranz Fremdstämmigen gegenüber, den Homosexuellen, der Liberalität, der sozialen Wohlfahrt usw. und gleichzeitig in der Auffassung der Superiorität Europas wegen genau derselben Gründe, im Vergleich zu Rußland, der Türkei, dem Islam oder sonst irgendjemandem. Diese europäische Idee ist nix Neues. Das hat es vor Pegida auch schon gegeben. In den 20ern bei Oswald Spengler etwa, oder bei der russischen Operation etwa bei Julia Latynina oder bei ihren staatstragenden Kontrahenten oder beim Majdan-Mob oder den Zionisten (vgl. das populäre Eurabia-Modell). Da muß man schon genau hinhören, wenn irgendwo „europäischen Werten“ gehuldigt wird, denn es könnten völkische Ideologen sein. Die kommen nicht alle von NPD und FPÖ oder Jobbik sondern von Grünen, EVP etc.

      • hf99  On Mai 31, 2015 at 17:47

        Es bringt aber sehr viel, Denkfiguren gleichzusetzen, die gleich sind. Die harte Trennung in „unsere Leute“ und „die Anderen“, denen man nichts schuldig sei, ist der große, der zentrale Irrtum der Menschheit; er muss überwunden werden. Ob ich mir die Kriterien für die „minderwertigen“ Anderen nun per (sowieso falschem) Rassebegriff hole, oder ob ich zum Beispiel Intelligenztests mache (Arendts Beispiel, das sie dem Film „Dr. Seltsam…“ entnahm).

  • mark793  On Mai 31, 2015 at 18:17

    @neumondschein: Die islamische Idee der „umma“, also der Gemeinschaft der Gläubigen, ist bei Licht besehen sicher alles andere als völkisch, aber in der Konsequenz läuft es auf das gleiche Muster hinaus von „wir – und die anderen“ (im Sinne von: die Minderwertigen).

    • Wolf-Dieter  On Mai 31, 2015 at 22:18

      Ja. Sauber. So ist es.

      • hf99  On Juni 1, 2015 at 00:57

        Ahoi, Ihr Beiden: Mein Begriff von „völkisch“ ist wohl derzeit in der scientific community nicht mehrheitsfähig – okay, daran hätte ich denken müssen. Aber ich glaube tatsächlich, dass es auch nicht-rassistisch-völkisches Denken gibt – nämlich eben jenes, das einen „gesunden Volkskörper“ als Gegengift zur kranken Anders-Welt imaginiert und Aggressionen gegen die Anders-Welt empfiehlt – egal, ob dieses „Volk“ nun rassisch/rassistisch konstruiert wird oder sonstwie (zB religiös). Aller Rassismus ist natürlich völkisch – aber meines Erachtens gilt das nicht vice versa. Übrigens ist es meines Wissens relativ unstrittig, dass auch der moderne Islamismus eben Ausfluß der Moderne ist…und nicht etwa vormodern. Anmerken muss man noch, dass es innermuslimischen Streit gibt, der – Stichwort Irland, röm-kath versus prot – ebenfalls sehr hart geführt wird. Die innermuslimischen Opfer solcher Auseinandersetzungen sind m.W. viel zahlreicher als die westlichen Opfer islamistischer Gewalt! Furchtbar, das alles!

        • Wolf-Dieter  On Juni 1, 2015 at 01:40

          Howdy Hartmut. Dir ist klar, dass dein Begriff von völkisch einer Erläuterung bedarf. Auf dich kommt Arbeit zu. Insbesodere, dass aller Rassismus völkisch sei, steht angesichts der Erfinder des Rassismus (Buchanan, USA) meinem bescheidenen Verständnis entgegen: USA? Und Selbstverständnis als Volk? Hubs.

  • Paul  On Juni 1, 2015 at 13:21

    Zum Völkischen/Rassmismus a la USA: Von Domenico Losurdos Studien über die politischen Ideologien des 19. Jahrhunderts kenne ich die Unterscheidung zwischen horizontalem und transversalem Rassismus, die vielleicht den Gegensatz zwischen eher europäischen völkischen Vorstellungen und dem amerikansichen Rassismus beschreiben kann. In den USA ging es ja darum, eine Unterschicht von der Volksgemeinschaft auszuschließen, die trotzdem permanent – eben als Arbeitskräfte – Teil der Gesellschaft bleiben sollte. Dazu kames es zur Erfindung der „Sozialtechnologie“ Rassismus (übrigens lange vor James Buchanan, oder was meinst du damit?).

    In Wirklichkeit stehen aber transversale und horizontale Ausschlussmechanismen immer nebeneinander und ineinander verschlungen: Europäische Eliten haben teilweise über die Arbeiterschichten ebenso gesprochen, als seien sie Angehörige einer anderen Rasse und auch Sarrazins Argumentation in „Deutschland schafft sich ab“ würde im Prinzip auch ohne Bezug auf „Ausländer“ funktionieren, nur mit Bezugnahme auf die deutsche Unterschicht. Gleichzeitig ist der nationalistische Diskurs in den USA auch immer schon völkisch gewesen – in der Zeit der ersten großen Immigration am deutlichsten, als sich der Hass vor allem gegen Iren und Ost- und Südeuropäer richtete, die man lange als eben nicht weiß, nicht Angehörige derselben Rasse, abgelehnt hat, vom Antisemitismus ganz zu schweigen. Heute ist das natürlich nicht mehr so biologistisch formuliert, sondern wie in Europa auch mit Bezug auf die angebliche christliche Natur der Nation, oder durch Ablehnung der spanischen Sprache in der Öffentlichkeit, etc.

    Ich finde diesen Widerspruch sehr faszinierend: einerseits ist das völkische ja so etwas wie die demokratische Seite des reaktionären Projektes (In etwa Hitler: „Jeder deutsche Straßenfeger muss höher stehen als die Eliten der unterworfenen Völker“ – das große Versprechen des Kolonialismus), aber gleichzeitig ist es Teil einer Stärkung auch von internen Hierarchien: „Innerlich handelt es sich ganz einfach um eine Re-Etablierung ständischer Ordnung…demokratisch bemäntelt.“ Es ist ein Mittel, um „die Massen“ für den Kampf gegen die Gleichheit zu gewinnen, aber es ist und bleibt ein Widerspruch, den rechte Bewegungen immer wieder aufs neue lösen müssen – und den Linke immer etwas hilflos mit der Argumentation „falsches Bewusstsein!“ wegerklären wollen.
    Man kann dieses ideologische Problem auch bei den heutigen rechten Parteien in Europa beobachten: Geert Wilders zum Beispiel hatte ursprünglich ein neoliberales wirtschaftliches Programm, rechts eben, musste das aber für eine populistische Verteidigung des Wohlfahrtsstaates aufgeben, um eine soziale Basis zu finden. Und die AfD konzentriert sich so sehr auf das Thema Euro und „Asylmissbrauch“, weil diese sich zumindest als populistisch verkaufen lassen – tatsächlich ist es aber eine Partei der wirtschaftlichen Oberschicht. Ebenso der Antifeminismus – ein gut erprobtes Mittel, um Menschen gegen Gleichheitspolitik insgesamt zu mobilisieren.

    Zum Islam: Der Islamismus kann wirklich nicht als modern genug verstanden werden. Man muss sich daran erinnern, dass der moderne politische Islam seine Wurzeln im Widerstand gegen die Kolonisierung des Mittleren Ostens und Asiens nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches hat und somit sowohl einen Entwurf einer „eigenen Moderne“, die gegen die europäische Gewaltherrschaft sich richten sollte, und einen Widerstand gegen die Moderne, die als demütigend empfunden wurde, in sich trägt. In dem Sinne also vielleicht wirklich vergleichbar mit Faschismen, auch in Japan, aber ebenfalls mit anderen anti-kolonialen Widerstandsbewegungen der dritten Welt.

    Gleichzeitig muss man als Beobachter von außen aber immer vorsichtig sein, ob man den lokalen Kontext auch wirklich versteht, in dem sich diese Positionen bilden, besonders was den universalistischen Anspruch von alQuaeda und IS angeht. Es gibt zwar viele Gruppen von Sudan bis Indonesien, die sich auf alQuaeda bezogen haben, aber meist als Mittel in ihrem eigenen, lokalen Kampf – ein wirklich globales Phänomen war es vielleicht nur in der westlichen Fantasie, oder eben als Kehrseite zum globalen Machtanspruch des Westens. Das gleiche gilt für den Islamischen Staat: Eigentlich haben sich ja nur sehr wenige junge Männer aus dem Rest der Welt ihm angeschlossen, wenn man sich mal vor Augen hält wie groß das Reservoir an jungen, arbeitslosen Sunnis auf der Welt ist – und überraschend viele kamen aus Europa, vielleicht weil sie, aufgewachsen im Westen, eher der universalistischen Propaganda auf dem Leim gingen. Die meisten Araber haben wahrscheinlich schon lange vor uns durchschaut, dass der Islamische Staat nur eine bestimmte irakische Volksgruppe wieder an die Macht bringen will und gerne Geld und Soldaten aus dem Rest der islamischen Welt dafür hätte. Der Hass auf Jesiden und Kurden zum Beispiel mag zwar eine islamistische Sprache sprechen, hat aber womöglich ähnliche Wurzeln wie der alte Hass der Baath-Kader seit Jahrzehnten schon, eben die Kader, die ja zu großen Teilen im Islamischen Staat aufgegangen sind – und dieser Hass lässt sich durchaus als völkisch bezeichnen.

  • Paul  On Juni 1, 2015 at 13:25

    Das Problem mit dem Begriff „völkisch“ scheint mir – ohne jetzt genau über seine Verwendung in der Forschung Bescheid zu wissen – eher darin zu bestehen, dass er 1. sich in keine andere Sprache der Welt genau übersetzen lässt (oder?) und 2. lange nichts mehr mit dem heutigen Sprachgebrauch zu tun hat. Aber abgesehen davon beschreibt er meiner Meinung nach sehr gut und suggestiv einen biologisierten Nationalismus.

    (btw das macht einen echt nervös, wenn man so einen langen Beitrag eintippt und der verschwindet dann einfach… aber offenbar tauchen die ja irgendwann doch noch auf 😉

  • Paul  On Juni 1, 2015 at 14:09

    Ein Kommentar zur USA noch: Auch die extremen Formen des Antikommunismus dort haben – nach Hartmuts Definition – völkische Züge. Das reicht von der ersten red scare nach dem ersten Weltkrieg, die ihre Energie vor allem daraus zog, dass viele Sozialisten, Gewerkschaftler und Radikale (genauso wie die damalige Arbeiterschaft!) keine WASPs waren, sondern oft jüdische Einwanderer aus Osteuropa oder Russland, bis hin zum Übernationalismus des Kalten Krieges und schließlich die heutige Ablehnung Obamas als – zumindest im ideologischen Sinne – „Ausländer“, Fremder, eben un-Amerikanischer „Anderer.“ Ich finde, es gibt keinen Grund, eine prinzipielle Trennung zwischen rassistischen Identitäts- und Ausschlussmechanismen zu treffen und solchen, die kulturell, religiös, oder auch politisch begründet sind. Das verschwimmt doch tendenziell immer und lässt sich, wenn überhaupt, nur im Einzelfall auseinanderdividieren. Man denke nur an die Geschichte der Ukraine, wo politische Identitäten im Kontext des europäischen Bürgerkrieges kulturelle Bruchlinien erst radikalisiert haben und dann aber auch irgendwie erst erschaffen – und wer könnte jetzt noch sagen, was es eigentlich genau ist, was das Land im Moment spaltet, oder was es im zweiten Weltkrieg gespalten hat?
    Trotzdem macht es doch Sinn, sich über Grundstrukturen solcher Konflikte Gedanken zu machen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: