Erste Faustregel – und einige Reflexionen

Und immer wieder: Tatsachen und Moral müssen sich dem taktischen Denken verweigern. Das ergibt sich bereits analytisch aus den Begriffen Tatsache und Moral. Denn sie verwirken ihren jeweiligen Anspruch, wenn sie relativiert, taktisch gewendet und dadurch diskreditiert werden.

Der gesamte Sartre-Camus-Streit, den ich nach wie vor für die mit wichtigste politische Debatte des 20. Jahrhunderts halte, zentrierte sich um dieses Problem. Das („um einmal ein Wort zu verwenden, das ich nicht sonderlich liebe“ – Benn) Tragische an diesem Streit: Sartre hat das Problem taktischer Verwertbarkeit berechtigter moralischer Anklagen sehr wohl gesehen – natürlich wurde der GuLaG vom ‚Westen‘ taktisch vernutzt -, aus dieser Einsicht aber nichts gelernt. Camus, an sich (aber hier gibt es kein an sich) der weniger systematische Denker, hat es richtig gedeutet: Es gibt keine Versöhnung zwischen Existenzialismus und Marxismus, kann es nicht geben. Denn zwischen säkularer Geschichts-Eschatologie und individuellem Freiheitsakt ist kein Auslgeich denkbar. Entweder ich insistiere auf persönliche Moral (thats me!), oder ich handle als Parteitagsbeauftragter!

Ich nenne es seit eh das „Katyn-Problem“: ja, Katyn wurde von Goebbels taktisch vernutzt, richtig…und diese propagandistische Nutzlandgewinnung muss dargestellt und kritisiert werden. Nur hat diese Kritik mit den ganz anders gelagerten Fragen (wer tat in Katyn was, wann, wie, warum, zu welchem Zweck, mit welchen Mitteln und welchem Ergbnis?) natürlich wenig zu tun. Und jetzt kommt es zu einer Diskrepanz, die in meinen Augen zentral ist für das Verständnis von Mediendemokratie.

Für die vom Fache – die Historiker/innen, Philosoph/en/innen, Politikwissenschaftler/innen usf. – ist diese Fallunterscheidung wenig aufregend. Der mörderische deutsche Nazi-Wahnwitz wird durch den zutreffenden Hinweis, auch andere „hätten“, in nichts besser, in nichts legitimiert. Alle quellenkritisch abgesicherten Fakten sind ruhig und unaufgeregt darzustellen. Aber die öffentliche Unterredung in Deutschland stürzt sich natürlich lustvoll in solche Untiefen. Tieffrequenzig, also körperlich spürbar, dröhnt das „Juhu!“ durch Deutschland, sobald man zB auf Katyn aufmerksam macht. Dieser Jubel ist schlicht ekelhaft.

Im letzten Jahr feierten wir Deutschen uns. Endlich, endlich wurde uns Gewißheit: Wir sind ja gar nicht Schuld! „Chris“ (Sönke Neitzel – peinlich, peinlich!) Clark erzählte uns: Es sei ja gar nicht so gewesen! Das deutsche Reich, seine Machtelite? Nicht mehr Schuld an WW 1 als andere auch! Dass Clark quellenkritische Fehler beging, die sogar mir Laien auffielen…unerheblich! Hauptsache Freispruch! Wie in einem schlechten Krimi.

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Kommentare

  • Wolfgang  On Mai 11, 2015 at 16:32

    Wenn es denn nur ein schlechter Krimi wäre, na gut, aber so?

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