Kriecher

ich verdenk es den Zeitungsschreibern nicht, wenn sie jetzt den Blick von Europa abkehren, und sie auf Amerika heften. Was liefert uns dann Europa für Stoff zur Unterhaltung? Die Großen verschließen sich ins Kabinett, wie in ein Pandämonium, und niemand weiß, was sie drin ratschlagen. Daher sind unsere Nachrichten von den Europäischen Höfen gemeiniglich so kühl und abgeschmackt, daß sie kaum zum anhören sind. – Unter allen kriechenden Kreaturen des Erdbodens ist der Zeitungsschreiber die kriechendste. Wie er da mit kindischer Bewunderung den Pomp der Großen anstarrt! Wie er in pedantischer Erfurcht, wie weiland Magister Sebaldus Nothacker, nach dem Schlafrockzipfel eines ausgetrockneten Hofmarschalls schnappt, und ihn demütig küßt!“ (Schubart, Christian Friedrich Daniel, Zeitungsnachricht vom 20. Mai 1776, in: Hermand, Jost (Hg), Von deutscher Republik 1775-1795, Texte radikaler Demokraten, Frankfurt/Main (Suhrkamp), 1975, p. 37)

Stimmen Hermands Daten? Man möchte meinen, Schubart lebte jetzt…

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Kommentare

  • kevin_sondermueller  On April 7, 2015 at 15:39

    Ohne Kriecher keine Krieger …
    (Bitte auf Sächsisch wiederholen;-))

  • ziggev  On April 7, 2015 at 20:57

    allein zu lesen, dass es eine Steigerungsform von ‚kriechend‘ gibt, macht diese Passage, jedesmal, wenn ich sie lese, zum „made my day“-Kandidat.

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