„Keine“ (Germanwings)

Das beantwortete der Psychiater Florian Holsboer schon zu Beginn der Sendung ganz klar: „Depressive sind keine potenziellen Massenmörder.“

Das betonte er auch für den Fall des Airbuspiloten: „Ich sehe nicht, dass hier eine sich in einer Depression befindliche Person gehandelt hat“, sagt Holsboer. Der junge Mann habe mal eine schwere psychiatrische Erkrankung gehabt. „Was es diesmal war, wissen wir nicht“, sagte er.

Der Psychiater vermutet, dass der Co-Pilot eher im Wahn als in depressiver Stimmung das Flugzeug zum Absturz brachte. Depressive begingen mitunter einen erweiterten Suizid, töten also nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Das sind aber zumeist die engsten Angehörigen. Die Erkrankten sehen die Welt derart düster, dass sie diese mit in den Tod nehmen statt sie zurückzulassen. „Das, worüber wir hier heute Abend sprechen, hat nichts mit einem erweiterten Suizid zu tun“, betonte Holsboer.

Aber es handle sich auch nicht um eine Amoktat, denn der junge Mann zeigte nicht die typischen Eigenschaften eines Amokläufers. „Es gibt hierfür keine generalisierbare Bezeichnung“, sagte der Psychiater. In Holsboers Ausführungen wurde deutlich: Die Verbindung zwischen der offenbarten Krankengeschichte des Piloten und dem Absturz existiert nur scheinbar.

Sehr viel mehr ist dazu nicht zu sagen. Wer eine solche Tat mit Depressionen in Verbindung bringt, weiß nicht, was Depressionen sind und was sie mit einem machen. Wer akut an Depressionen leidet, hat für eine solche Tat weder die Zeit noch die Energie, der hat andere Sorgen. Eine akute „Wahnstimmung“, wie Holsboer sagt, ist natürlich auch möglich. Aber ich bin mir, angesichts des Vorlebens des angeblichen „Täters“, dessen Vorgeschichte auch Holsboer zu recht als völlig untypisch für solche Taten ansieht – er war sozial integriert, keine Fremdaggressivität etc -, inzwischen relativ sicher, dass das Schlaganfall(oder Hirntumor o.ä.)-Szenario das realistische ist. „Krankhafte Fehlbeurteilung der Realität“ (Holsbor) – eben. Aber vermutlich aufgrund eines hirnorganischen Schadens.

Und nochmals: Ein technischer Fehler, eine Fehlkonstruktioon aufgrund einer absurden Sicherheitshysterie war es in jedem Fall! Pilot kommt nicht mehr ins Cockpit…das geht nicht, das kann man niemandem erzählen, so abwegig ist es.

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Kommentare

  • Dirk  On März 31, 2015 at 13:07

    Die Erkenntnis im letzten Absatz kann man gar nicht genug hervorheben – aber genau die wird in den MSM so gut wie gar nicht diskutiert. Dann müssten sie ja zugeben, dass sie den Leuten seit Jahr und Tag zu Fragen der Sicherheit in weiten Teilen Unsinn verkauft haben.

  • hf99  On März 31, 2015 at 18:09

    Natürlich wäre eine bipolare Störung möglich. Hier wird es ganz gut zusammen gefasst:

    http://www.kowarowsky.de/bipolar.php
    Daraus: „Die manischen Phasen können ebenfalls in unterschiedlicher Intensität auftreten. Sie können auch hypomanisch sein. Sie liegen dann unterhalb der Grenzschwelle zur Manie. Die manischen Phasen können aber auch diese Grenzlinie zur Manie weit überschreiten und psychotisch werden. Im Extrem können bei sehr intensiven manischen Phasen auch psychotische Symptome hinzukommen wie Größenwahn, Verfolgungswahn oder religiöse Wahnvorstellungen, z.b. die Welt retten zu müssen. Unvermittelte Aggression und Gewalttätigkeit können auftreten ebenso wie Halluzinationen, bei denen Stimmen gehört werden, die unmittelbar zum Betroffenen sprechen. Die Erregung und die Ideenflucht können so extrem sein, dass eine normale Kommunikation mit dem Betroffenen nicht mehr möglich ist.“

    Es wäre Andreas Lubitz auch in diesem Fall ein kranker Mensch gewesen (und kein Killer-Schwein, kein Dreck), genau wie bei einem Schlaganfall/Tumor.

    zweitens aber gilt: Völlig normales Verhalten bis unmittelbar davor, bis der Pilot austritt, dann auf einmal ein schweigend vollzogener manischer Schub? Keine Vorzeichen? Bewegungsdrang, Redefluß oä? Also, das ist nicht unmöglich, kommt mir aber unplausibler vor als Schlaganfall/Tumor oä.

  • G.W.  On März 31, 2015 at 20:47

    Mir scheint es zweifelhaft, ob Psychologie und Psychiatrie im engeren medizinischen Sinne im Nachhinein viel weiterhelfen. Es gibt doch viele Menschen, denen verrückte Ideen und Impulse durch den Kopf gehen: jetzt an der Kreuzung oder beim einfahrenden Zug jemanden stoßen, jetzt plötzlich selbst vor den Bus springen, jetzt dies oder das Unvorstellbare. Und ich glaube nicht, dass dies unbedingt krankhaft ist, sondern dass dies zu den Ausformungen menschlicher Phantasie und durchgespielter Handlungsfreiheit gehört. Ich habe solches von mehr als einer wirklich ganz normalen Person gehört, es muss eben nur eine Atmosphäre herrschen, in der nicht gleich psychiatrisiert wird. Und man frage sich selbst doch einmal ohne Heuchelei, was einem nicht alles einmal durch den Kopf ging und wozu man sich augenblicksweise hingerissen fühlte. Die wesentliche Frage ist doch immer die der Kontrolle und vor allem Impulskontrolle, sei es rein intern oder extern unterstützt oder forciert.

    Denken Sie nur, einen im ganz gewöhnlichen Alltagssinne labilen, auch phasenweise depressiven Menschen überkommt in der „geeigneten“ Situation plötzlich der Gedanke, etwas Verrücktes, Destruktives wie einen Landeanflug an ungeeigneter Stelle einzuleiten, selbst ohne definite finale Absicht, und er ist in dem Moment wacklig genug, es tatsächlich zu tun. Ein Augenblicksereignis, es hätte auch anders kommen können. Dann kann er sehr bald nicht mehr zurück, das scheint mir ein entscheidender Punkt. Was hätte er denn dem Kopiloten erklären sollen, wenn er ihn eingelassen hätte, was der Flugkontrolle, ohne den Arbeitsplatz zu verlieren? Es braucht zur Erklärung weder psychiatrisches Krankmachen noch moralisches Diabolisieren, und wenn man irgendwo im Psychischen sucht, dann meines Erachtens am ehesten in Richtung übergroßer Impulsivität. Dies bitte ich auch zu bedenken.

    • hf99  On März 31, 2015 at 21:14

      Danke für diese Bemerkungen – auch dieses Szenario ist natürlich denkbar. Natürlich, jeder von uns hat (zumindest innerlich und im Gedanken!) bei Tempo 150 schon mal das Steuer losgelassen. Nur haben wir uns eben unter Kontrolle und lassen es dann nicht wirklich los. Aber bitte bedenken: Wenn es denn so war, wie von Ihnen angedacht, gehört schon etwas dazu, die Sache, bei scharfem Bewusstsein, bis zum Ende durchzuziehen. Und dieses „etwas“ – fehlende Impulskontrolle sagen Sie selber – wird schon in der einen oder anderen Form mit klinischen Begriffen beschrieben und erklärt werden müssen. Mit seinen Abgründen (die in der Tat jede/r von uns wohl in sich hat) eben nicht klar zu kommen – to cope with! – , darum geht es, das ist die entscheidende Differenz. Es geht mir hier um Erklärung, nicht ums Verurteilen.

      In einem Punkt sind wir uns allemal einig: „moralisches Diabolisieren“ – ja, das war und ist fürchterlich. Andreas Lubitz war ein Mensch; andere trauern um ihn. Dass dieser Schulleiter aus Haltern öffentlich verkündet, er trauere ganz bewusst nur um 149 Menschen, ist für mich so nicht akzeptabel. Wobei auch er ein Opfer der verfrühten Verengung auf das Szenario „bewusster, vorsätzlicher Massenmord imn Form eines Mitmnahmesuizids“ ist. Mir geht es im Wesentlichen darum, diese Festlegung als verfrüht zu kritisieren. Zumal sie – psychiatrisch falsch – in der uninformierten Öffentlichkeit mit der Diagnose „Depression“ verknüpft wird. Wenn Andreas Lubitz keine (über das ’normale‘ menschliche Maß hinaus) Fremdaggressionen an den Tag gelegt hat, ist sie sogar extrem unwahrscheinlich. Und da es ja nun mal so passiert ist, wie es passiert ist, müssen andere, alternative Szenarien her. Das Szenario „Realitätsverlust“ (aus psychischen oder aus organischen Gründen) scheint mir das Wahrscheinlichste.

      • G.W.  On März 31, 2015 at 22:58

        Danke für die Antwort, natürlich ist das von mir dargelegte Szenario am Ende ebenfalls in einem weiteren psychologisch-psychiatrischen Sinne von einem pathologischen Zustand begleitet, doch selbst das „Durchziehen“ denke ich mir wie in einer Schockstarre, mit Schock über sich selbst und die Konsequenzen, und da zieht mancher vielleicht das Ende (nicht den Tod als solchen) vor statt einer definitiv verbauten Traumkarriere und der in diesem Falle ebenfalls zu erwartenden Schlagzeilen. Auch eine Form von Realitätsverlust, doch ohne dass man gleich zu im engeren Sinne akut-psychiatrischen Zuständen Zuflucht nehmen muss, die ich wiederum für unwahrscheinlich halte. Ich denke, da ist, wie man so sagt, „einer durchgedreht“, nur dass es in diesem Fall größere Konsequenzen hatte als gewöhnlich.

        • hf99  On März 31, 2015 at 23:17

          Eine theoretisch (und, aber das sollte zumindest bei guter Theorie so sein, auch praktisch) hochinteressante Debatte. Es geht Ihnen – vermute ich jetzt mal – um Verantwortlichkeit, um den Apell an das bewusste Dasein. Die Psychiatrie erheischt Diskurshoheit für alles abweichende Verhalten. Gegen diese Diskurshoheit bin selbstverständlich auch ich. Sehr viel häufiger, als die – ich nenne es jetzt mal so – „anpsychologisierte“ Gesellschaft es wahrhaben will, ist der Mensch frei, zu entscheiden, was er denn nun tun will.

          Wollte Andreas Lubitz nicht nur sich selbst, sondern en passant auch noch 149 weitere Menschen töten? Genau das kommt mir – und hier müssen wir schon auch psychologisch argumentieren – unwahrscheinlich vor – wenn er nicht während seiner Tat realitätsentfremdet war. (In gewisser Weise war er das natürlich trivialerweise – aber wer ist „er“ in diesem Zusammenhang? Der Mensch Andreas Lubitz so, wie er als Mensch wesentlich w a r?) Die neuesten Nachrichten stützen meine Version: Er hat mit seiner Lebensgefährtin (der wirklichen, nicht der BILD-plusserin, von der man nichts mehr hört) über seine Depressionen gesprochen. Er hat der Lufthansa, seinen Job, seinen Traum riskierend, diese Depressionen offenbart! Tut das jemand, der vorsätzlich einen Airbus ans Felsmassiv nagelt? Einen Querschaltung, einen durchgeglühten Draht will ich nicht ausschließen…aber eine vorsätzliche Tat? Schlaganfall, Hirntumor, Wahnimpuls, Öldämpfe im Cockpit (das ist keine VT, die gibts!)…alles möglich, aber ein eiskalt durchgezockter Mitnahmesuizid/Amoklauf (kriminologisch wäre das als solcher zu bezeichnen)? Eher nicht… Nicht bei einem, dem keine Fremdaggressivität nachgewiesen wurde, der seiner Freundin und seinem Arbeitgeber gegenüber offen war, was seine Erkrankung betrifft…

          Vielleicht meinen wir dasselbe in unterschiedlichen Worten.

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