Was wir wissen – update (3) „Was er nicht sagen sollte“

Was wir derzeit wissen, vor allem: Was wir derzeit nicht wissen, fasst t-online (immerhin!) ganz gut zusammen!

In der Tat fehlt die zweite Black-Box, was bei diesem recht engen Trümmerfeld etwas ungewöhnlich ist. In der Tat sind psychische Probleme des Copiloten wahrscheinlich, aber in ihrem Ausmaß und ihrer Bedeutung unklar.

Ein erweiterter Suizid auf der Autobahn erfordert Planung, Bereitschaft, der Suiziddent hat sich lange, mindestens Monate lang, mit der Tat auseinander gesetzt und hebt dann an… hier aber soll die spontane Erklärung des Piloten, er habe in Barcelona den Klogang versäumt und müsse nach dem Aufstieg mal kurz abschiffen, den Copiloten zur Tat animiert haben. Hat er gleichsam auf seine Chance gewartet? Monatelang? Monatelang war niemand seiner Piloten abschiffen?

Je tiefer man sich auf die Geschichte einlässt, desto unklarer wird sie.

Wir lesen: Das Bergmassiv, wo die Maschine zerschellte, habe in der Jugend des Copiloten eine wichtige Rolle gespielt… Das ist Kolportagepsychologie in Reinkultur.

Was „BILD-plus“ hierzu andient, ist schlechthin fassungslos machend. Gesprochen hat BILD-plus mit einem Ex-Bettschatz („Andreas Lubitz hatte mittlerweile eine neue Freundin, die als Lehrkraft in Krefeld arbeitet. Er lebte mit ihr zusammen in seiner Düsseldorfer Wohnung.“), von der es auf BILD-Plus heißt: „Die Stewardess Maria W. (26) war eine zeitlang die Freundin von Todes-Pilot Andreas Lubitz (27).“ (Anmerkung: Ich habe aus Recherchegründen einen BILD-plus-Account; alle Zitate sind authentisch; screenshots are taken)

Auf BILD-ohne-plus lesen wir: „Die Beziehung zu Ex-Freundin Maria W. (Name geändert) geht wegen seiner Erkrankung in die Brüche.“ BILD-ohne-plus suggeriert also, Maria W. („Name geändert“) sei seine ´Hauptfreundin´- was sie nicht war.

Nun gut, so weit, so unklar: Was erzählt „Maria W.“ auf „BILD-plus“?

„Während der Flüge war er ein netter und aufgeschlossener Mensch. Privat war er sehr weich, ein Mensch, der Liebe brauchte. Er war ein guter Mensch, der so süß sein konnte, hat Blumen geschenkt. Wir haben immer sehr viel über Arbeit gesprochen, und da wurde er ein anderer Mensch, er hat sich aufgeregt, unter welchen Umständen wir arbeiten müssen. Zu wenig Geld, Angst um den Vertrag, zu viel Druck.“

Also das übliche. Ich könnte ichweißnichtwieviele Menschen benennen, die ihren Beruf ähnlich wahrnehmen. Im Arbeitsleben gibt es also Druck, sogar existentiellen Druck? Nanu? genau dieser Druck, diese Transformation in Richtung „Risikogesellschaft“ war doch gewollt!

„Als ich vom Absturz hörte, ging mir immer wieder ein Satz durch den Kopf, den er sagte: ,Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.‘ Ich wusste nie, was er damit meint, aber jetzt ergibt es einen Sinn.“

So etwas sagt ein 27jähriger halt hie und da, habe ich damals auch gesagt oder gedacht. Ihre Interpretation – wenn es denn ihre ist -, damit habe der „Amok-Killer“ seine Tat angedeutet, ist uninteressant und falsch.

„Ich habe mich dann von ihm getrennt, weil immer klarer wurde, dass er Probleme hat. Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt. Nachts ist er aufgewacht und schrie, wir stürzen ab, weil er Albträume hatte. Er konnte vor anderen Menschen gut verstecken, was mit ihm wirklich läuft.“

Wer einen Absturz als Albtraum erlebt, inszeniert ihn also wissentlich und willentlich? Sehr stringent… Auch das ist das normale Verhalten offenkundig überforderter Menschen. Im übrigen kann ich auch ganz gut verstecken, was in mir vorgeht.

Kurzum: Ausstreuerei, Verdacht, guilt by association, aber nichts Handfestes, kein eindeutiger Beweis, kein Abschiedsbrief, nichts. Schlaganfall/Ohnmacht/Tumor oä ist weiterhin nicht auszuschließen. Die Sehstörungen könnten sogar auf eine organische Ursache hinweisen.

Übrigens schreibt SpON: Der Co-Pilot soll an psychischen Problemen gelitten haben, diese hatte er vor seinem Arbeitgeber aber offenbar verheimlicht. Das stimmt so nicht. Wenn er aufgrund dieser psychischen Störungen zeitweilig berufsunfähig war, die Ausbildung deswegen unterbrechen musste, hat er sie ja nun gerade nicht verheimlicht.

Ansonsten bleibt es dabei: Ohne Sicherheitshysterie wäre dies Unglück nicht geschehen. Ob der Copilot nun ein organisches oder ein psychisches Leiden hatte, ist dem gegenüber unerheblich.

update: Auch hierüber müssen wir reden: aerotoxisches Syndrom. Die Überschrift (Selbstmordtheorie widerlegt) ist Quatsch, aber besprochen werden muss es. Öldämpfe gelangen, so sagen selbst die Fluggesellschaften (ab Min 10:00), „nur sehr selten“ in die Kabine – das heißt ja wohl: Mitunter kommt es vor!

update 2: Auch ich wüßte übrigens ganz gerne, was wer „nicht sagen sollte“

updater 3: Das sehe ich genau so wie LaGioconda. Das ist eine sachliche These von Bröckers, die ganz unaufgeregt untersucht werden muss.

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Kommentare

  • donmotz  On März 30, 2015 at 14:19

    Hat dies auf donmotz rebloggt.

  • ziggev  On März 30, 2015 at 20:25

    „Ansonsten bleibt es dabei: Ohne Sicherheitshysterie wäre dies Unglück nicht geschehen.“ — Gestern kurz bei BBC vorbeigezappt: Genau das wurde da diskutiert bzw. noch etwas vehementer – zumindest von der einen Mitdiskutantin – u. in gewohnt angelsächsischer ungerührt-deutlicher Art und Weise festgestellt.

    Was hier in deutschen Medien abläuft, zeigt immer mehr pathologische Züge. Es ist wie der Hund, der an einem sonnigen Morgen ohne erkennbaren Grund plötzlich anfängt, seinem Schwanz oder besser der Schwanzspitze nachzujagen. Und je mehr er sich so um sich dreht und ihm nachschnappt, umso rascher entwischt ihm natürlich seine „Beute“: Ihm ist nicht bewusst, dass es sich um etwas handelt, was ihm selbst zugehört, dem er hinterhersprigt. Es hat noch nie jemand zu ergründen vermocht, warum der Hund – sonst ein Meister der langen Weile – manchmal dieses Verhalten an den Tag legt. Und es ist lediglich Hypothese, dass unsere Gesellschaft systematisch psychische Pathologien erzeugt; wenn an dieser Hypothese aber etwas dran sein sollte, dann steht wohl zu vermuten, dass die Ursachen hierfür weitgehend mit denen für diese soziale/gesellschaftliche Pathologie in Deckung zu bringen sind, für die diese fassungslos machende, unglaubliche Medien-Idiotie offenbar Symptom ist.

    Oder hat irgendwann schoneinmal jemand beobachtet, dass ein Hund sich das Dem-eigenen-Schwanz-Nachjagen voneinem anderen Hund abgeschaut hat?

    Es hieß übrigens bereits vor ein paar Tagen, dass im Zuge der „diagnostischen Abklärung“, deretwegen der Copilot sich in jener Klinik aufgehalten hatte, eine Depression ausgeschlossen worden ist.

    • Garfield  On März 31, 2015 at 02:29

      Depressionen oder nicht – jedenfalls gut daß sich alles allein auf die Arbeitnehmer konzentriert.
      ich hör nur „mehr Kontrolle“ etc … im Vgl mit den „psych.“ Begleiterscheinen der Arbeitsbedingungen sind die Folgen psych. Erkrankungen wohl ziemlich marginal
      (war nebenbei auch schon mal Grund, warum ein Kapitän nicht mehr direkt ins Cockpit kam…)

      btw: auch die jetzt als Sicherheitsmaßnahme gerühmte „4-Augen-Regelung“ war ursprunglich wohl bloße Kostenersparnis: hin & wieder einen Flugbegleiter ins Cockpit zu stellen, der bei Anklopfen durch den Spion schaut, ist offensichtlich preisgünstiger als in jedem Flieger ein Kamerasystem zu installieren

  • Garfield  On März 31, 2015 at 01:28

    @„was er nicht sagen sollte“

    eigentlich sollte es Euronews – als Nachrichtensender – ja nicht soo schwer fallen, selbst nachzuprüfen, welche Information da gemeint war, die Frage war ja ziemlich spezifisch.
    Stattdessen stellt man dort die Frage in den Raum: Welche Information wurde also von Germanwings veröffentlicht, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war? Oder: was befürchtet Lufthansa, könnte an die Öffentlichkeit gelangt sein, was besser nicht bekannt werden soll?

    das Ganze unter der Überschrift „Seltdsame Äußerungen … zu Unglücksflug 4U9525“ … ich tippe hier mal auf reine Effekthascherei zwecks Erhöhung der Klickzahlen.

  • Wetehof  On Juni 6, 2015 at 06:36

    Die Ex-Freundin von AndreasLubitz sollte sich schämen. Es ist absolut nicht glaubhaft, was diese erzählt. Ich habe mich dann von ihm getrennt, weil immer klarer wurde, dass er Probleme hat. Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt. Nachts ist er aufgewacht und schrie, wir stürzen ab, weil er Albträume hatte. Er konnte vor anderen Menschen gut verstecken, was mit ihm wirklich läuft.“

    Das trifft wohl mehr auf die Ex-Freundin zu, ggf. Rache dieser, weil er sich von ihr getrennt hat.

    Sowieso arg genug, dass Andreas Lubitz für das verantwortlich gemacht wird, die Ursachen sollten mal dort gesucht werden, die mit den Freundinnen in Verbindung stehen. Lehrerin aus Krefeld :-),, und Stewardess mit Name Maria ..:-) wo ist der Josef? Schäm dich was, Maria !

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