Bersarin über Kunst und Kitsch

Interessant, dass Bersarin, und zwar vom Rezipienten her, die Unterscheidung Kunst/Kitsch rehabilitiert. Und zwar zu Recht rehabilitiert.

Das wird bei der Bedeutungsverschiebung des Begriffs „Romantik“ ganz augenscheinlich. Romantik ist ja der erste große Protest gegen die Moderne, übrigens ein gesamteuropäisch/nordamerikanisches Ereignis, und vor allem ein Protest innerhalb der Moderne, kein bloß retardierendes Moment. Übrigens ist sie, die ja auch in sich sehr widersprüchlich war (der Katholik Brentano ist so gut Romantiker wie der rote Heine) auch dort nicht einfach nur rückständig, wo sie die Rückkehr zu vormodernen Lebenswelten tatsächlich als Therapie andiente. Denn auch Brentano war sich natürlich darüber im Klaren, dass seine Sehnsucht nach dem ‚einfachen Leben‘ nicht nötig wäre, wenn das Leben diese Einfachheit aufwiese.

Soll ich arm mein Elend bauen, / Dann hab Mitleid und gib mehr; / Gib mir kindliches Vertrauen/ Dann wird alles leicht, was schwer. // Aus der Ferne schon gib Winke / Mahnt das Herz in deiner Brust, / Daß ich trinkend nicht ertrinke / Gib mir Innigkeit statt Lust. // Kind, wie auch der Blitz der Wonne / Mich an deiner Brust durchzückt, / Schrei‘ ich doch nach einer Sonne, / Die dein Blick mir hart entrückt (Brentano, Clemens, 7. April 1834, in Brentano, Clemens, Werke, Hg. Friedhelm Kemp, München 1972, Sonderausgabe München 1982, Band I, p. 198-199)

Einfach geht anders…

Indem ich die Romantik auf jenes candle-light-Dinner am See reduziere, das die Konsumenten buchen, weil sie, wie Bersarin richtig und kritisch anmerkt, „ihre Seele baumeln lassen“ und sich wohl auch ein bißchen fitt spritzen wollen für die Verteilungsschlägereien, die am Montag morgen wieder anstehen, bestreite ich alles, was Romantik mitsamt ihrem kritischen Impetus ausmacht. Diese Bedeutungsverschiebung ist in ihrem Ausmaß (und ihrer versteckten Infamie) nur noch mit jener zu vergleichen, die mit dem Begriff Idealismus betrieben wird. Man kann speziell über den deutschen Idealismus von Schiller bis Hegel selbstredend sehr geteilter Meinung sein… Subtile Theorien des Selbst- und damit Weltbewusstseins aber darauf zu reduzieren, „aus Idealismus“ einen Kuchen für eine Wohltätigkeitsveranstaltung gebacken zu haben…darauf muss man erst mal kommen.

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Kommentare

  • wolfdieter  On März 20, 2015 at 20:05

    Was soll verkehrt daran sein, seine Seele baumeln zu lassen, um sich für die nächste Verteilungsschlägerei fit zu machen?

    Kitsch hat zunächst keine logisch-schlüssige Definition, sondern ist eine allgemein-moralische Wertung, artverwandt mit der Unterscheidung zwischen E- und U-Musik (übrigens eine typisch deutsche Unterscheidung).

    Ich will den Kitschbegriff nicht die Berechtigung absprechen. Eine allgemein-moralische Wertung will ich mir immer vorbehalten. (Beispielsweise verdamme ich M. Reich-Ranickys Verständnis von „großer“ Literatur. Kultur findet auf der Straße statt und nicht hinterm Samtvorhang.)

    Aus Gestaltungsprinzipien, die ich im Design-Studium gelernt habe, ließe sich der Kitsch-Begriff rein technisch annähern. Vielleicht mache ich einen Blog-Eintrag draus … oder eher nicht.

    Zurück zur rhetorischen Frage oben. Soweit ich Bersarin verstehe (es fiel mir schwer, die Textfülle zu verarbeiten; ich fasse mich kürzer), verlagert er den Begriff Kitsch weg vom Werk hin zum Betrachter. Kann er gerne machen, aber es ist wahnsinnig unwichtig.

  • Bersarin  On März 21, 2015 at 23:20

    Der Begriff „Kitsch“ wertet nicht moralisch, sondern er wurde im Zusammenhang mit Kunst verwendet. Mithin handelt es sich hier um einen Begriff der Ästhetik. Eine moralische Wertung wäre etwa: „Du sollst Vaddern und Muddern ehren“ oder „Du sollst kein dummes Zeug reden über Dinge, von denen du nichts verstehst“ oder die goldene Regel oder der Kategorische Imperativ. Moralisch inspiriert wäre allenfalls der Satz „Du sollst Menschen nicht mutwillig und gar zu arg in der Kritik vernichten, die Kitsch produzieren“.

    Der Kitschbegriff mag sich nicht strikt definieren lassen, wie ein Begriff der Mathematik, was jedoch nicht bedeutet, daß er unscharf und schwammig sei. Kitsch in Kunst ist die Verwendung abgelebter Formen zum Zwecke der allgemeinen Erbauung, ist der kalkulierte Reiz, der bereits prospektiv den Marktwert taxiert. Das kann sich mit dem Kunstgewerblichen decken, muß es aber nicht immer. Worpswede zur heutigen Zeit ist zum Beispiel Kitsch, wenn eine Szenerie aktiviert werden soll, die ästhetisch lange schon nicht mehr funktioniert. Jeff Koons ist Kitsch, wenngleich er damit spielt und diesen Begriff mit einem doppelten Boden versieht. Aber das ironische Spiel der Postmodernen verfällt – wie auch bei Koons – häufig selber wiederum dem Kitsch, da mag noch so sehr das Augenzwinkern eingebaut sein.

    *****

    Die deutsche Romantik ist eine schillernde Angelegenheit: in der Tat handelt es sich um die erste Kritik der Moderne aus der Moderne heraus, eine Kritik der Kritik zudem, die die Hegelsche Vermittlungsleistung im unendlichen Poetisieren, im Strömen der Bilder, in den Fragmenten und Reflexionsspiralen auflöst. Das läßt sich sicherlich gut an den Schriften des Novalis zeigen. Interessant in diesem Zusammenhang zudem die Stellung des Subjekts.

    • hf99  On März 21, 2015 at 23:48

      Das postmoderne Augenzwinkern ist nicht immer, wohl aber recht häufig preisbewusst einkalkuliert. yep, Kitsch ist keine moralische Wertung, ‚versteckt infam‘ meinte es auch eher intellektuell. Worpswede ist ein sehr guter Hinweis. Ggfls kann dasselbe Kunstwerk sowohl Kitsch als auch nicht-Kitsch sein (an Sartre denken: wir erst, der rezipient, erschaffen das Kunstwerk zur Gänze!).

      Dass nicht-mathematische Begriffe sehr wohl ihren guten Sinn und Zweck haben kann man gut bei Seiffert nachlesen, dessen zwei Bände „Wissenscaftstheorie“ ich durchweg empfehle: Erster Band: das, was klassisch-moderne WT ist, Carnap undsoweiter. Zweiter Band: Phänomenologie, Hermeneutik, Dialektik, die er eben a u c h als „Wissenschaft/wissenschaftliches Verfahren“ deutet. Die große Lüge der analytischen Verfahren: ich, und nur ich, bin Wissenschaft! Die da hinten sind unwissenschaftlich.

      ich schlage mich mal wieder mit den basics herum, weil ich auf meine alten Tage mal wieder studiere. Fernuni Hagen, BA Kulturwissenschaften. Die Scripts sind heute eingetroffen 😉

      • wolfdieter  On März 22, 2015 at 10:20

        Den Brauchwert des nicht-formalen Begriffs Kitsch habe ich nicht nur befürwortet, sondern auch begründet: ich will etwas verdammen können.

    • hf99  On März 22, 2015 at 00:13

      „Die deutsche Romantik“ ömm, äh, also die Romantik war eine europäisch/nordamerikanische Angelegenheit. Sie beginnt mE übrigens mit Rousseau, Blake und dem Sturm und Drang, der zT (etwa von Heine selber) immer schon als Frühromantik gedeutet wurde.

    • wolfdieter  On März 22, 2015 at 10:15

      @Bersarin – Einwand verstanden, aber:

      Moralisch nicht im Sinn von Handlungsimperativ, sondern im Verhältnis zum Wahren, Idealen, Guten zum Nachgemachten, Verderbten, Minderwertigen.

      Deine Beispiele für Kitsch in Kunst ist sehr schön, ich fasse sie zusammen im Mem „Röhrender Hirsch“. Aber sie sind nur ein Beispiel unter vielen für Kitsch.

      Beispielsweise wurde Bernard Buffet seinerzeit als „neuer Picasso“ gefeiert, weil er Picassos Formenwelt einer bestimmten Schaffensphase ganz ordentlich replizierte. Wenige Jahre später degenerierte er in der öffentlichen Wahrnehmung zur Kaufhauskunst.

      Ein weiteres Beispiel für Kitsch ist das Nachkriegs-Zigeunermädel in den deutschen Treppenaufgängen als greifbarer Beleg für kosmopolitische Weltsicht im Kontrast zu Blut und Boden. Nicht abgelebt, sondern über-ge-dingsbumst.

  • Bersarin  On März 22, 2015 at 09:27

    Die (künstlerische) Romantik ist vielschichtig – in der Tat. Und nicht nur das: sie setzt sich aus vielen Einflüssen zusammen, entwickelte sich je nach Land auf spezifische Weise. Aus genau diesem Grunde grenzte ich sie ein. Denn die französische Konzeption von Romantik ist eine ganz und gar andere als die deutsche. Hier ging es mir um die ästhetischen und philosophischen Implikationen, die sich über jene von mir genannten Begriffe herauskristallisieren. Diese Implikationen sind wesentlich bei den Gebrüdern Schlegel und bei Novalis zu finden. Insofern eben: deutsche Romantik.
    _________

    Viel Erfolg beim Studium. Die Fernuniversität Hagen ist eine gute Option.

  • ziggev  On März 23, 2015 at 15:50

    das widerständige Moment der Romantik liegt heute, wo wir alle immer nur ‚gut drauf‘ sind, wie sollten wir denn sonst funktionieren in dieser wunderbaren kapitalistischen Glitzerwelt?, vielleicht in der schwarzen Galle, der undedingen Melancholie der Romantik. „Die Seele baumeln lassen“, sind wir ehrlich, kommt einem unendlichen Absturz ins Schwärzeste des Selbst gleich. Peinlich, wer traut sich heute noch eine echte Depression zu? Dieser ehemalige Mode-Habitus ist vollkommen aus der Mode geraten. Es gibt freilich immer noch die Osho-Lösung: Da bleibt immer die Perspektive des reinen „Beobachters“: einfach – ohne zu urteilen – die Gefühle, die schwärzesten Gefühle lediglich beobachten. Ich verkünde: egal, um welche feelings es sich handelt (cool, „feeling“ hat immer den aktivistischen Aspekt), in die Position des „Beobachters“ zu gehen, erzeugt immer Gefühle der Euphorie. Das ist so, check es selber aus!

    Die Hoffmannsche Ironie (z.B.) wandert immer auf dünnem Eis. Die Melancholie, die schwärzeste Depression, als Erkenntnis zu begreifen – das ist uns völlig abhanden gekommen. „Die Seele baumeln lassen“ – richtig verstanden – kann uns dieses Moment wieder zurückgewinnen lassen. As Far As I Know ist Kitsch definiert als Kunsthandwerk, das sich billig verkaufen lässt. Die Sache ist very simpel. Ich sehe kaum einen Zusammenhang zw. Kitsch u. Romantik, außer dem folgenden: Deine schwärzesten Momente sind kein Kitsch, das ist kein billiges Gewäsch! Stürze Dich hinein in diese Dunkelheit, fuck off die Leistungsgesellschaft!, ein christliches Verständnis, das den Suizid verbietet, vorausgesetzt.

    So lese ich jedenfalls z.B. die ‚Elexiere des Teufels‘. Die antiaufklärerischen Aspekte der Romantik – who cares? Es wurden uns einfach die Ergebnisse einer unwahrscheinlichen Fabulierungslust geschenkt. Gegen Kants Philosophie des Gehirn-im-Tank (mit einem letzten Ausweg zu einer Verbindung zu „Welt da draußen“, echt jämmerlich) setzten wir den common sense. Soweit waren aber die Romantiker noch nicht. Stattdessen haben wir Schumann, Schubert, Hoffmann. Ich habe damit kein Problem.

  • ziggev  On März 23, 2015 at 19:54

    ich meine, zurück zur deutschen Romantik: mal wieder Jean Paul lesen! Zurück zu den wirklich großen Meistern ! Darunter geht wirklich nichts! Es kommt nur darauf an, es zu tun, period, Ende der Durchsage.

    • hf99  On März 23, 2015 at 22:47

      Mein (derzeitiger) Lieblingstext der deutschen Romantik ist der Sandmann. In der vorzüglichen Edition des Wagenbach-Verlags übrigens. Hoffmann, E.T.A., Der Sandmann, in: Der Automaten-Mensch, E.T.A.Hoffmanns Erzählung vom ‚Sandmann‘. Mit Bildern vom Alltag & Wahnsinn. Auseinandergenommen und zusammengesetzt von Lienhard Wawrzyn, Berlin 1976, Auflage 1985, (Wagenbach)

      Der Fragebogen an die Angehörigen von Wahnsinnigen 1818 (aaO p. 56) macht einfach fassungslos… dabei ist dieser Fragebogen von der Heuristik heutiger forensischer Pychiatrie gar nicht so weit entfernt…

      • ziggev  On März 25, 2015 at 15:24

        meine Buchhändlerin vor Ort: „Wagenbach, Hoffmann“ gibt leider keine Ergebnisse. 1976? – das ist ja asbach-uralt. Nicht mehr im Programm. Wir müssen wohl den ungeliebten Amazon (oder ebay) bemühen. Aber thankx, neben Beckett werde ich mich wohl tatsächlich auf meine alten Tage noch einmal um Hoffmann bemühen. Danke für die Anregung!

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