Kunst und ihre Interpreten

laokoonfalsch

Laokoon

AsterixLaocoon

1
Was wissen wir heute über die Laokoon-Gruppe? Dass sie Winckelmann zu seinem bis heute berühmten Diktum über die griechische Kunst veranlasst hat – ausgerechnet eine Figurengruppe, deren Dynamik ihresgleichen sucht: Der vom Betrachter aus rechte Sohn, verärgert über die lästige Schlange, aber nicht mehr, Laokoon in der Mitte, wütend und ansatzweise bereits verzweifelt kämpfend, der linke Sohn, schon besiegt, sich seinem Schicksal fügend. Dass sie (ein Akt der Interpretation, wenn es denn je einen gab) lange Zeit falsch ergänzt wurde, bis der wahre (???) rechte Arm aufgefunden wurde. Dass sie einen Höhepunkt griechischer Kunst darstelle – oder handelt es sich doch eher um Eklektizismus, um Maniriertheiten hellenistischer Zitiererei? Zitiert wird sie jedenfalls bis heute – von Winckelmann über Lessing bis hin zum köstlichen René Goscinny. Dabei ist die Gruppe so, wie wir sie kennen, selber bereits eine Kopie, Mache, Double; das Original ist bekanntlich verschollen…

2
Von Hermann Hesse – ja, von dem; macht mir den Hermann nicht gänzlich klein! – stammt das bekannte Bonmot über Kafkas Werk, dass die Interpreten mit tausend Schlüsseln vor den Toren seines Werkes herumfummelten und nicht merkten, dass die Tür ja offen sei. Das ist reizend, ich zitiere es auch immer gerne – aber ich bemerke doch: Etwas stört mich daran. Schon/gerade der biedere Literaturwissenschaftler in mir möchte protestieren. Denn nicht das Interpretieren von Texten ist anstößig – jede, jeder Lesende interpretiert notwendig, oder, in Sartres berühmter Einsicht: das Werk entsteht ja erst beim Lesen, durch das Lesen. „So schreibt der Autor, um sich an die Freiheit der Leser zu wenden, und er braucht sie, um sein Werk existieren zu lassen.“(Sartre, Jean-Paul, Was ist Literatur?, Reinbek 1981 uö, p. 45) Anstößig allein ist jene Regelanalyse, die, ein schlechter, unzeitgemäßer Ersatz für die Regelpoetik und im Widerspruch zu Sartres Freiheit, den Lesenden erklärt, wie sie den Text gefälligst allein und ausschließlich zu sehen hätten. Das muss gar nicht bedeuten, der Regelanalyse Valet zu sagen – ich fand es immer sehr hilfreich, mich literarischen Werken auch mal ganz standartisiert zu nähern („und das issn Jambus, nich wa, und der hat dieundie poetische Funkschon“). Aber natürlich liegt die Betonung auf „auch“.

3
Kunst, Literatur…das ist in der Tat nichts anderes als das freie Gespräch über sie und das mit ihnen. Dass sich dieses freie Gespräch seit eh um um wenige klassische Mythen und Topoi zentriert, ist nun unserer Situation geschuldet: Boy meets girl, außerdem fragen wir uns ständig, wer wir sind („Bis man uns mit einer Hand voll“), und gesellschaftlichen Verkehr, also Konflikte, gibt es auch noch, weil wir alle essen müssen und meistens zuwenig davon da ist. Das bedeutet aber: Eklektizismus ist unser aller Kunst-Schicksal seit den Höhlenmalereien von Lascaux, denn der Eklektizismus ist letztlich dem Material und den Formen geschuldet. Schon Lessing, schon Plato und Aristoteles wussten: Künstler sind in jedem Fall Nachahmer, denn im Nachahmen – für Bildungsrassisten: in der Mimesis – und seiner Radikalisierung besteht ja alle Kunst.

„Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern ist er Kopist. Jene ist ein Teil der allgemeinen Nachahmung, welche das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein Vorwurf mag ein Werk anderer Künste, oder der Natur sein. Diese hingegen setzt ihn gänzlich von seiner Würde herab; anstatt der Dinge selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und gibt uns kalte Erinnerungen von Zügen eines fremden Genies, für ursprüngliche Züge seines eigenen.“ (Lessing, Laokoon VII, Lessing, Werke in 3 Bänden, herausgegeben von Göpfert, München 1982 (Harenberg Sonderausgabe), Werke III, p.59)

Lessing glaubt hier also noch an die Dichotomie „originale Kunst“ versus „Mache“. Das dürfte heute so keiner mehr mitmachen. Aber von Lessings „Original-Nachahmung“ (ein ersichtlicher Selbstwiderspruch) bis zu Nietzsches „Aber nein! Mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!“ (woraus unmittelbar folgt, dass es keine wahre, wirkliche Mimesis versus Mache mehr geben kann) ist es nur noch ein kleiner Schritt. Und damit, verteufelte Dialektik, wäre die sog. Authentizität möglicherweise sogar rehabilitiert – authentisch (ein Begriff, den ich nicht sehr liebe, den ich eigentlich nicht anders als knarrend aussprechen kann) wäre ich, wenn ich mich möglichst vielen Nachahmungs-Möglichkeiten öffnete…was man als Leben aus zweiter Hand, aber auch als Befreiung verstehen kann. Am sinnvollsten wohl als beides.

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