Laokoon

Auf Bersarins immer anregende Gedanken möchte ich, wenn Zeit ist (und diese Zeit muss sein) gesondert eingehen – eine kleine Bescheidwisserei muss jetzt schon sein:

Ein prominentes Beispiel für eine allgemeine Kunstkritik jenseits der Regelpoetik in den Anfängen jener bürgerlichen Epoche findet sich in Lessings „Laokoon“ aus dem Jahr 1766, deren Untertitel lautete: „Über die Grenzen der Malerei und Poesie“. Darin fragt Lessing nach der Eigenart des Poetischen und wie dieses in seiner Verfahrensweise insbesondere im Hinblick darauf, wie das Schöne darzustellen sei, von der bildenden Kunst sich abgrenzt.

Zwar terminieren Lessings Ausführungen wiederum in eine Art von Regelpoetik, insofern er Bestimmungen der Kunst liefert, wie ein Dichter im Unterschied zu einem Bildhauer vorzugehen habe. Doch gründen sich diese Kriterien nicht auf einer bloßen Abstraktion, in der – gleichsam als ontologische Bestimmung von Kunst – Schmerz und Leid der einzigen und einen Weise gemäß abzubilden seien, sondern Lessing arbeitete – als Schriftsteller und Dramatiker, als Künstler eben – ein spezifisches Moment von Kunst heraus. Es ist nämlich der Gegenstand selbst, der in seiner jeweiligen Verfaßtheit dem Künstler das Maß liefert, statt daß abstrakte und der Sache am Ende äußerlich bleibende, gesetzte Regeln den Kanon konstituieren. Das Kunstwerk erlangt binnenästhetisch eine Eigendynamik, darin der Rezipient ebenso eine Stelle zugewiesen bekommt wie auch das Werk selber, welches einerseits als Rätselgestalt, andererseits als zu Deutendes auf eine Sichtung angewiesen ist.

Jein.

In Lessings Longessay geht es bekanntlich um die Laokoon-Gruppe und u.a. darum, weshalb Literatur und bildende Kunst (abbildende Kunst) Schmerz, Verzweiflung, Körperlichkeit, somit Sinnlichkeit jeweils anders darstellen müssen. Seine klassische Antwort: Literatur arbeitet Zeichen für Zeichen, nebeneinander, kann das, was dargestellt wird, nur in zeitlicher Reihe darstellen. Handlungen/Zeit/Veränderung als formierendes Prinzip. Bildende Kunst kann das, was dargestellt wird, nur statisch, feststehend, punktuell, aber eben exemplarisch dartun – Fläche/Raum (plus Farbe) als formierendes Prinzip. Lessing geht also nicht normativ vor, sondern deskriptiv, was ja auch sein Anspruch war. Inzwischen wissen wir, modernegestählt: Literatur kann die zeitliche Abfolge zerbrechen, bildende Kunst kann ihre Statik zertrümmern (dadaistische Mobiles zB, experimenteller Film, Film überhaupt als vierte Kunstgattung)…aber als Beginn der hier eröffneten Debatte behält Lessings großartige Analyse natürlich auch heute ihren Wert.

Meine persönliche Lieblingspassage aus diesem Longessay, der neben der Hauptthese ungeheuer viel anregende Ansätze enthält, ist diese:

Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Schöne nur ein kleiner Teil ist. Wahrheit und Ausdruck sei ihr erstes Gesetz; und wie die Natur selbst die Schönheit höhern Absichten jederzeit aufopfere, so müsse sie auch der Künstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen, und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck erlauben. Genug, daß durch Wahrheit und Ausdruck das Häßlichste der Natur in ein Schönes der Kunst verwandelt werde.

Das ist ja, vor Schiller, fast schon eine Ästhetik des Häßlichen… Was red ich! Das ist eine Ästhetik des…Häßlichen? Der Verwandlung des Häßlichen in Kunstschönes? Wie auch immer: Lessing zeigt sich im Laokoon auf der Höhe der Zeit und mehr als das. Er relativiert den zentralen ästhetischen Begriff Schönheit massiv. Es gab so manche dumpf-eindeutige, es lieb meinende Aufklärichte im Deutschland des 18. Jhdts. – Lessing gehörte ganz gewiss nicht dazu. Wie auch immer er selber sich letztlich entschieden haben mag – Schönheit von Wahrheit zu trennen und derart zu relativieren, und sei es versuchsweise, das ist modern bis heute!

Waru Lessing der dritten (ersten?) Kunstgattung, der Musik, hier so gar keinen Raum zugesteht, wäre eine Doktorarbeit wert.

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