Schopenhauers idealistische Grundansicht

Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede, von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt. Jedoch ist es für ein denkendes Wesen eine mißliche Lage, auf einer jener zahllosen im gränzenlosen Raum frei schwebenden Kugeln zu stehn, ohne zu wissen woher noch wohin, und nur Eines zu seyn von unzählbaren ähnlichen Wesen, die sich drängen, treiben, quälen, rastlos und schnell entstehend und vergehend, in anfangs- und endloser Zeit: dabei nichts Beharrliches, als allein die Materie und die Wiederkehr der selben, verschiedenen, organischen Formen, mittelst gewisser Wege und Kanäle, die nun ein Mal dasind. Alles was empirische Wissenschaft lehren kann, ist nur die genauere Beschaffenheit und Regel dieser Hergänge. – Da hat nun endlich die Philosophie der neueren Zeit, zumal durch Berkeley und Kant, sich darauf besonnen, daß Jenes alles zunächst doch nur ein Gehirnphänomen und mit so großen, vielen und verschiedenen subjektiven Bedingungen behaftet sei, daß die gewähnte absolute Realität desselben verschwindet und für eine ganz andere Weltordnung Raum läßt, die das jenem Phänomen zum Grunde Liegende wäre, d.h. sich dazu verhielte, wie zur bloßen Erscheinung das Ding an sich selbst.[9]

»Die Welt ist meine Vorstellung« – ist, gleich den Axiomen Euklids, ein Satz, den Jeder als wahr erkennen muß, sobald er ihn versteht; wenn gleich nicht ein solcher, den Jeder versteht, sobald er ihn hört. – Diesen Satz zum Bewußtseyn gebracht und an ihn das Problem vom Verhältniß des Idealen zum Realen, d.h. der Welt im Kopf zur Welt außer dem Kopf, geknüpft zu haben, macht, neben dem Problem von der moralischen Freiheit, den auszeichnenden Charakter der Philosophie der Neueren aus. Denn erst nachdem man sich Jahrtausende lang im bloß objektiven Philosophiren versucht hatte, entdeckte man, daß unter dem Vielen, was die Welt so räthselhaft und bedenklich macht, das Nächste und Erste Dieses ist, daß, so unermeßlich und massiv sie auch seyn mag, ihr Daseyn dennoch an einem einzigen Fädchen hängt: und dieses ist das jedesmalige Bewußtseyn, in welchem sie dasteht. Diese Bedingung, mit welcher das Daseyn der Welt unwiderruflich behaftet ist, drückt ihr, trotz aller empirischen Realität, den Stämpel der Idealität und somit der bloßen Erscheinung auf; wodurch sie, wenigstens von Einer Seite, als dem Traume verwandt, ja als in die selbe Klasse mit ihm zu setzen, erkannt werden muß. Denn die selbe Gehirnfunktion, welche, während des Schlafes, eine vollkommen objektive, anschauliche, ja handgreifliche Welt hervorzaubert, muß eben so viel Antheil an der Darstellung der objektiven Welt des Wachens haben. Beide Welten nämlich sind, wenn auch durch ihre Materie verschieden, doch offenbar aus Einer Form gegossen. Diese Form ist der Intellekt, die Gehirnfunktion.

Schopenhauers Eröffnung des zweiten Bands der Welt als Wille und Vorstellung ist eine der bekanntesten philosophischen Texte überhaupt – so fulminant, dass darüber Schopenhauers philosophische Leistung übersehen wird. Literarisch brillant, mit Einflüßen auf die gesamte Moderne von Thomas Mann, Brod, Kafka, Wittgenstein bis Borges…aber philosophisch unergiebig, so lautet das gern kolportierte Vorurteil über sein Werk.

Dabei wird übersehen, dass Schopenhauer hier eine der subtilsten Reflexionen rund um Berkeleys esse is percipii (is percipii, is, englisch) geleistet hat. kein grobmotorischer Idealismus, sondern eine sehr ausgewuchtete Untersuchen zum Außenweltproblem, mit einem Lösungsvorschlag, der auch heute noch Beachtung verdient:

Bei aller transscendentalen Idealität behält die objektive Welt empirische Realität: das Objekt ist zwar nicht Ding an sich; aber es ist als empirisches Objekt real. Zwar ist der Raum nur in meinem Kopf; aber empirisch ist mein Kopf im Raum. Das Kausalitätsgesetz kann zwar nimmermehr dienen, den Idealismus zu beseitigen, indem es nämlich zwischen den Dingen an sich und unserer Erkenntniß von ihnen eine Brücke bildete und sonach der in Folge seiner Anwendung sich darstellenden Welt absolute Realität zusicherte: allein Dies hebt keineswegs das Kausalverhältniß der Objekte unter einander, also auch nicht das auf, welches zwischen dem eigenen Leibe jedes Erkennenden und den übrigen materiellen Objekten unstreitig Statt hat. Aber das Kausalitätsgesetz verbindet bloß die Erscheinungen, führt hingegen nicht über sie hinaus. Wir sind und bleiben mit demselben in der Welt der Objekte, d.h. der Erscheinungen, also eigentlich der Vorstellungen. Jedoch bleibt das Ganze einer solchen Erfahrungswelt zunächst durch die Erkenntniß eines Subjekts überhaupt, als nothwendige Voraussetzung derselben, und sodann durch die speciellen Formen unserer Anschauung und Apprehension bedingt, fällt also nothwendig der bloßen Erscheinung anheim und hat keinen Anspruch, für die Welt der Dinge an sich selbst zu gelten. Sogar das Subjekt selbst (sofern es bloß Erkennendes ist) gehört der bloßen Erscheinung an, deren ergänzende andere Hälfte es ausmacht.

Das ist es! Die Außenwelt existiert, unabhängig von uns…aber eben ausschließlich innerhalb des Systems „Welt als Vorstellung“. Ich nenne es den to-do-as-if-realism. Man tut nicht nur, gleichsam aus Bequemlichkeit und zur Verkürzung, so, als existiere die Außenwelt…man muss so tun, als ob: Denn kein Subjekt ohne Objekt und vice versa. In seinen Worten:

Der Grundfehler aller Systeme ist das Verkennen dieser Wahrheit, daß der Intellekt und die Materie Korrelata sind, d.h. Eines nur für das Andere daist, Beide mit einander stehn und fallen, Eines nur der Reflex des Andern ist, ja, daß sie eigentlich Eines und das Selbe sind, von zwei entgegengesetzten Seiten betrachtet; welches Eine, – was ich hier anticipire, – die Erscheinung des Willens, oder Dinges an sich ist; daß mithin Beide sekundär sind: daher der Ursprung der Welt in keinem von Beiden zu suchen ist.

Von hier aus gewinnen neuere Deutungen Schopenhauers, die ihm regelrecht – neben seinem Idealismus – einen gleichsam versteckten Materialismus zusprechen, ihre Rechtfertigung. Dass Schopenhauer zB im ‚Willen in der Natur‘ stark materialistisch argumentiert, ist immer schon gesehen worden. Etwa von Karl Vorländer, der ihm denn auch „Widersprüche“ attestiert. Noch Birnbacher, der zu recht deutliche materialistische Tendenzen bei Schopenhauer ausmacht, zeiht ihn genau deswegen der Ambivalenz (Birnbacher, Dieter, Schopenhauer, Stuttgart 2009. p. 18ff). Ich sehe diesen Widerspruch nicht. Was ich sehe ist ein aufregendes Konzept, um eine der klassischen Probleme der Philosophie in Griff zu bekommen.

Alle Zitate, wenn nicht anders angegeben: Schopenhauer, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung II, in: Schopenhauer, Arthur, Zürcher Ausgabe, Werke in 10 Bänden, Band III, herausgegeben von Arthur und Angelika Hübscher, Zürich 1977, Kap 1 und 2 passim.

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Kommentare

  • El_Mocho  On Februar 12, 2015 at 09:33

    „Der Grundfehler aller Systeme ist das Verkennen dieser Wahrheit, daß der Intellekt und die Materie Korrelata sind, d.h. Eines nur für das Andere daist,“

    ich finde es immer wieder verblüffend, dass offenbar niemand auffällt, was für ein Unsinn das ist. Ohne Geist gibt es keine Materie? Bevor es Menschen gab, existierte die Welt also nicht? Wie ist denn die Existenz des Geistes zu erklären, ist er gleich mit dem Urknall entstanden?

    • hf99  On Februar 12, 2015 at 09:42

      Vielleicht mal Schopenhauers Materie-Begriff zur Kenntnis nehmen?

      • El_Mocho  On Februar 12, 2015 at 13:43

        Wenn ich es recht sehe, sagt er, dass die Materie ein „Gehirnphänomen“ ist.
        Was ist dann das Gehirn?

        I rest my case.

        • hf99  On Februar 12, 2015 at 14:37

          Bitte genau lesen. „Die objektive Materie“, die Du vermutlich meinst und von der Schopenhauer mit Gründen aussagt, dass wir gar nicht sagen können, was das denn nun eigentlich sein solle, ist nicht die durch das Subjekt konstituierte Materie/empirische Realität, die Schopenhauer hier meint.

          • El_Mocho  On Februar 13, 2015 at 14:48

            Also ich habe das ganze Kapitel durchgelesen, und finde das alles höchst absurd.

            „Es ist eben so wahr, daß das Erkennende ein Produkt der Materie sei, als daß die Materie eine bloße Vorstellung des Erkennenden sei; aber es ist auch eben so einseitig. Denn der Materialismus ist die Philosophie des bei seiner Rechnung sich selbst vergessenden Subjekts. …Darum eben muß der Behauptung, daß ich eine bloße Modifikation der Materie sei, gegenüber, diese geltend gemacht werden, daß alle Materie bloß in meiner Vorstellung existire: und sie hat nicht minder Recht. “

            Natürlich können sich Menschen die Welt nur vorstellen, aber daraus folgt doch nicht, dass sie nicht existiert, ohne vorgestellt zu werden. Das famose Subjekt geistert einfach so durch die Welt, und Schopenhauer (genau wie Kant) empfindet das offenbar völlig selbstverständlich und keiner Erklärung bedürftig. Aus meiner Sicht ist da unschwer die von Gott aus dem Nichts geschaffene unsterbliche Seele zu erkennen.

            Aus meiner Sicht ist jedenfalls die Auffassung, dass es eine unabhängig von erkennenden Subjekten objektiv existierende Welt gibt, und erkennende Subjekte ihrerseits Teil dieser Welt sind (und es sie ohne die vorhergehende Existenz der Welt auch nicht geben würde), wesentlich plausibler, und sie kommt ohne unerklärbare Wesenheiten aus.

  • Wolfgang  On Februar 14, 2015 at 12:08

    Philosophenstreit

  • Bersarin  On Februar 14, 2015 at 17:48

    Hic Rhodus, hic salta, El Mocho: Postuliere nicht, sondern beweise uns, daß es sich so verhält, wie Du schriebst!

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