Ruth Klüger, Dieter Lamping und Walter Müller-Seidel über Celans Todesfuge (update)

Literaturkritik.de hat einige klassische Interpretationen von Celans „Todesfuge“ veröffentlicht – von Müller-Seidel, Lamping und Klüger.

Mein eigener Einstieg in das Verständnis dieses Gedichts war immer schon das einzige Reimpaar, das sich in ihm finden läßt:

der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau

Der präzise Mord, daktylisch mit Auftakt, paargereimt, durch scheinpräzise, scheinwissenschaftliche Rassen-Theorie (blaue Augen) legitimiert und fahrplanmäßig („genau“) durchgeführt. Klüger bemerkt:

In der „Todesfuge“ wird das Reimen sozusagen hingerichtet, denn da gibt es nur einen einzigen, und der ist im wahrsten Sinne des Wortes tödlich: „der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“. Die Milch ist schwarz, das Haar ist aschen, der Reim mordet. Verkehrte Welt.

Mit allem Respekt: Nicht so ganz. Bzw: Über dieses Reimpaar läßt sich, so meine ich, noch einiges weitere sagen. Dazu gleich mehr. heute möchte ich einen alternativen Zugang zu Celans gedicht versuchen.

Im gesamten Gedicht geht es um zwei Dinge: Um Mord, Dauermord, begangen durch Meister (sic!), also um den Tod… und um die durch den Mord zerstörte Liebe, beschworen durch die Anrufung der beiden Frauengestalten, die ja in der jeweiligen Gruppe, Juden und Deutsche, ikonographisch für die Liebe zwischen Mann und Frau stehen: Salomons Sulamith und Fausts Gretchen. Also um Liebe und Tod. Und um die Zerstörung dieses humanen Zweiklangs.

Dabei müssen wir natürlich beachten (auch, wenn es trivial ist, erwähnen muss mans), dass beide Spendertexte, das Hohelied Salomos und der Faust, unter anderem in einem voneinander divergieren: Das Hohelied 7 geht bekanntlich gut aus, die Liebenden finden Erfüllung „und an unser Tür sind lauter edle Früchte“ (Hoheslied 7, 14), während Fausts Liebe zu Gretchen ebenso bekanntlich im Desaster endet.

Theologisch wurde das Hohelied als Schilderung der Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel (alte jüdische Deutung) bzw zwischen dem Messias, also Christus, und der Kirche (alte christliche Deutung) gesehen. Wie auch immer: das Hohelied 7 drückt einen Glückszustand aus: Hier fanden Menschen zueinander und also zu sich selber. Hoheslied 7 ist das einzige Lied der Liedsammlung, in der Sulamith explizit erwähnt wird. Wenn wir im Hohen Lied lediglich einen Gedichtband diverser, nur lose aufeinander bezogener Liebesgedichte sehen, wäre der Fall somit geklärt. Vergl aber, bevor wir das Hohelied zu optimistisch deuten, Hoheslied 8, ein Text, dessen Deutung manche Schwierigkeit bereitet. Ich sehe darin eine Warnung, regelrecht ein Beschwören, um die verletzliche Liebe vor Bedrohungen zu schützen…

Fausts Liebe zu Gretchen, durch Mephistos verlogene und verbrecherische Kuppelei und Trickserei wesentlich befördert, um nicht zu sagen überhaupt erst ermöglicht, konnte nicht gut enden und tat es dann ja auch nicht. Dennoch: Es war nicht „Liebe“, es war Liebe, was Gretchen empfand. Bekanntlich eines von Goethes großen Themen: Die Authentizität der Liebe inmitten einer Welt von Zufällen, Beschränkungen, (falschen) Rücksichtnahmen, Zwängen, Schwächen, Gemeinheiten. „Doch – alles, was mich dazu trieb,/Gott! (sic!) war so gut! ach war so lieb!“ Und das war es auch! Alle haben gelogen im Faust, alle, Mephisto sowieso und aus Prinzip, auch Faust (ebenfalls aus Prinzip?), Frau Marthe (dito!), Valentin mit seiner Angst vor dem sog. Ehrverlust, Spießer Wagner, die Saufstudenten, Gretes „Freundinnen“ in ihrer Häme…nur Grete selber nicht.

Und schon bewegen sich beide Texte aufeinander zu: In beiden geht es um die – ich spreche es aus, obwohl es knarrt, wie Kafka gesagt haben würde – wahre Liebe inmitten einer Welt, die diese Liebe zu zerstören droht. Sie gewichten lediglich anders.

Es ist Celan, der Sulamith und Gretchen immer wieder aufeinander bezieht. Und mit ein bisschen Begriffsgeschubse und Gedankenklauberei könnte ich mich jetzt als Cheflyrik-Kommentator der Berliner Republik in Stellung bringen und davon faseln, dass, indem Celan in seinem Shoah-Gedicht, in dem Shoah-Gedicht, die Liebesbegriffe beider Gruppen – der Täter wie der Opfer – aufeinander bezieht, er Wege zur „Versöhnung“ eröffne.

Versöhnung!

Auf keinen Begriff reagieren Deutsche (Sie lesen gerade einen Aufsatz eines Deutschen!) so pawlowsch wie auf diesen. Versöhnung! Ja, wer hätt die nicht gerne? Gibts da hinten etwa jemanden, der sich diesem zutiefst humanen Begriff verweigert? Und jetzt hat also sogar Celan pro Versöhnung optiert…

Celan tut nichts dergleichen.

Sulamith ist tot, weil irgend wer (wer?) sie ermordet hat, Grete hat weiter gelebt. Sie ist vermutlich irgendwann zwischen dem 9. Mai 1945 und heute friedlich im Bett gestorben und bekam ein ehrenvolles Begräbnis; wenige mögen heute noch leben. (Übrigens eine literarisch brillante Umformung der Spendertexte, denn in den Spendertexten war es ja genau anders herum. Sulamith lebte, Grete starb! Jaja, ich weiß, man hat Probleme damit, der Todesfuge literarische Brillianz zu attestieren. Adorno und so. Aber dann dürften wir nicht über den Text reden. Wenn die Todesfuge, ein Jahrhundert-, ein Jahrtausendgedicht, lediglich moralische und keine literarischen Qualitäten hätte, können wir es auf ein „Judenmord war scheisse“ reduzieren – was nicht einmal falsch wäre! )

Was noch? Er zertrümmert das klassische Dichtersujet: Liebe und Tod, Liebe und Vergänglichkeit, die Liebe als Protest dagegen, nicht bleiben zu können… Alles unerheblich angesichts eines solchen Mordvorhabens. Auch im „Tanz“ sehe ich, obwohl Klüger mit ihrem Verweis auf den Totentanz sicherlich nicht falsch liegt, noch eine weitere Komponente, nämlich eine sexuelle. Die innige Vereinigung der Liebenden…sie findet, pervers gewendet, auf dem Appellplatz statt.

Und jetzt aber zum einzigen Reim im Gedicht:

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – Celan wäre das dichterische Genie nicht, das er nachweislich war, wenn diese Formulierung Zufall wär. Meister, das bedeutet: Es gibt auch Gesellen, Lehrlinge, auch Stümper oder Angelernte. Celan sagt nicht: Allein und ausschließlich Deutsche haben gemordet. Das wäre ja auch absurd. Dass „die Anderen“ (sic!) „auch haben“ (Doppel-sic) war des Deutschen Lieblingsentgegnung. Das Infame daran: Sie hatten ja sogar Recht! Celan bestätigt sie! Ja, die anderen haben auch… Nur: „Meister“!, das waren die Deutschen. Also wir Deutsche, jedenfalls unsere Vorfahren.

„sein Auge ist blau“ – Singular, das deutsche Vok ist auf ein Ich, nämlich das seines Führers bzw seinen Traum, reduziert. Die Rasselehre erstellt virtuell jene rassische (was ist das?) Homogenität, die de facto nicht besteht.

„er trifft dich mit bleierner Kugel er trífft dich genau“

Die „bleierne“ Kugel ist mein einziger Kritikpunkt, wenn überhaupt, an diesem zutiefst realistischen Gedicht: Kugeln, wie sie die Einsatzgruppen verschossen haben, waren damals schon lange nicht mehr aus Blei. „stählerner“ wäre der richtige Begriff gewesen. Warum „bleierner“? Weil der Humanist Paul Celan sich für die Technik der Tötung nicht groß interessierte? Okay, können wir drüber reden. Und „Blei“, was jahrhundertelang verschossen wurde, ist bis heute Metapher fürs Schießen („bleihaltige Luft“). Ich diene dennoch eine andere Interpretation an: 1945 dürfte jede/r, die oder der sich mit Kriegstechnik befasste (und das dürften alle zeitgeschichtlich Interessierten gewesen sein!), gewusst haben, dass schon lange nicht mehr mit Blei geschossen wurde. Es wussten aber auch alle – per Formulierung „bleihaltige Luft“ wissen es die kompetenten Sprecher deutscher Sprache bis heute – , dass Blei historisch etwas mit Kugeln zu tun hat. Somit evoziert Celan hier eine historische Dimension: Der unfassbare Mord an den Juden kam nicht aus heiterem Himmel. Dass ihm darüber hinaus Hölderlins „bleierne Zeit“ bekannt war, dürfen wir ebenfalls voraussetzen.

Der Reim, die bleierne Zeit, das Beschwören Goethes, die Fugenform verbindet Deutschlands Kulturgeschichte unaufhebbar mit dem Massenmord. Das ist zweifellos gewollt. Damit beschwört Celan aber nicht nur und vor allem nicht vordringlich einen angeblichen Widersprüch zwischen „Deutschlands“ (wer ist das?) sog. Höhen und Tiefen (wie konnte das im Lande Schillers nur passieren?). Vielmehr leistet er Ursachenforschung. Das Offene als Gegenkonzept zum engen Himmel, zur bleiernen Zeit, Fausts Liebesunfähigkeit, sein hemmungsloser, intellektuell bemäntelter Egoismus (was immer Faust 2 noch zu sagen hat: Grete ist tot, sie wird nicht mehr lebendig)…all das wurde ja auf deutsch ausformuliert, dort aber nicht wahrgenommen.

„genau“

Das bedarf keines Kommentars. Kein anderer Massenmord – und es gab so einige in der Weltgeschichte, wir wollen das nicht verschweigen – ist so unfassbar präzise, so unfassbar „genau“ durchgezockt worden.

Indem Celan den einzigen Reim seines Gedichts fast ans Ende stellt – wie ein Scharnier -, macht er klar: Um dieses Thema kreist sein Gedicht! Und nirgends wird in diesen beiden Zeilen zwischen Täter und Opfer vermittelt. Es gibt da ja auch nichts zu vermitteln. Der einzige zeitgenössische deutsche Dichter, dem Celan wirklich nahe war, war Bert Brecht. „O Deutschland, bleiche Mutter! Wie haben deine Söhne dich zugerichtet Daß du unter den Völkern sitzest Ein Gespött oder eine Furcht!“

Ist wohl so. Und es wäre besser, für uns selbst, vor allem aber für die Welt, wenn wir das endlich einmal akzeptierten. Stattdessen: Lautstarkes, aggressives Einfordern Berliner Normalität. Welche Normalität? Celan hat literarisch klargestellt, dass es zwischen der ermordeten Sulamith und der lebenden Magarethe – individuelle Schuld ist dabei egal – keinen Konnex gibt und keinen geben kann. Bis heute hat Deutschland die Folgerungen daraus nicht gezogen.

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Kommentare

  • Bersarin  On Februar 14, 2015 at 19:34

    Es ist dies ein sehr genauer (und kluger) Kommentar zu einem totzitierten und zur christlich-abendländisch-jüdischen Erbauungslektüre herabgesunken Gedicht; zumal von einer Fraktion degradiert, deren Philosemitismus samt Konvertitentum im Grunde nur die Kehrseite einer Medaille ist. (Von diesem grauslichen Betroffenheitsherangewanze ans Judentum mal ganz abgesehen. Der Deutsche, der jüdischer als der Jude sein möchte. Diese eigenartige Schuldvariante. Mimesis ans Ermordete. [Auch ein Aspekt des Opferdiskurses.] All das spielt ja im Grunde in die Celan-Rezeption mit hinein.) Insofern ist der Hinweis und die genaue Lektüre der Namen Margarete und Sulamith mehr als bedeutsam.

    Wieweit Celan Brecht nahe war, ist schwierig auszumachen. Der Duktus und der Ton von Brechts und von Celans Dichtung samt der Konstruktion der Gedichte liegen weit auseinander. Zwei Pole deutscher Nachkriegslyrik. Über die „Todesfuge“ freilich mag es einen Bezug geben. Darüber wäre nachzudenken. Dennoch: Dialoge zwischen Brecht und Celan? Eine zunächst komplizierte Angelegenheit, denn selbst der Antifaschismus Brechts und der Celans differieren erheblich. Brecht – auf politischer Linie und in den politischen Gedichten doch sehr unidirektional, zu lesen, etwa in seinem „Anachronistischen Zug“. Was ich ihm nicht vorwerfe: Das „Nie wieder“ in jenen Zeiten war angesichts des Grauens und der Vernichtungslager keine wohlfeile Phrase, wie einige Jahrzehnte später auf Demos als Slogan gerufen, sondern ganz und gar ernst: denn fruchtbar war der Schoß durchaus. Und ist es noch. (Freilich heute in anderer Weise.) Das mag dann auch den Agitprop rechtfertigen, und aus diesem geschichtlichen Kontext heraus ist die Brechtabstrafungen Kehlmanns seinerzeit schlicht naseweis zu nennen.

    Celan hingegen – schwer gezeichnet und im Grunde keinem politischen Lager eindeutig zuzurechnen.

    • hf99  On Februar 14, 2015 at 19:55

      Es handelt sich um ein Kommentarbruchstück. mehr ist auch nicht möglich. ich hatte natürlich „Ein Blatt, baumlos, für Bertolt Brecht“ im Hinterkopf.

      Nich eingehen werde ich auf die Plagiatsvorwürfe. das bedeutet nicht, Celans Gedicht nicht mit Golls und Weißglas‘ Texten in Verbindung bringen zu ‚dürfen‘ , natürlich darf man. vermutlich hat Celan die beiden Texte, beides starke Texte ebenfalls und gleichfalls Gezeichneter, tatsächlich gekannt. Wer daraus jedoch Plagiatsvorwürfe ableitet, ist literarisch nicht ganz bei Troste.

      http://www.fa-kuan.muc.de/WEISSGL.RXML

      http://www.inst.at/trans/15Nr/03_6/gutu15.htm
      Zu Claire Goll als Dichterwitwe sag ich lieber nix wg drohender Sexismusvorwürfe…

      • hf99  On Februar 15, 2015 at 12:13

        Und hier das Gutachten Reinhard Döhls über den „Fall Celan“, der natürlich in Wahrheit ein „Fall Claire Goll“ ist; spätestens mit diesem Gutachten waren die Dinge schon 1960 klargestellt:
        http://www.reinhard-doehl.de/celan2.htm
        Claire Goll hat gelogen und offenkundig auch gefälscht; Celan war rehabilitiert…wenn er denn überhaupt jemals verurteilt war. Fast das gesamte literarische Feld hat damals Erklärungen pro Celan abgegeben, pars pro toto seien Ingeborg Bachmann und Enzensberger erwähnt (siehe Döhl-Text).

        Claire Goll, offenbar selber schwer traumatisiert, vermutlich histrionisch veranlagt, mag einem menschlich leid tun…literarisch ist der de facto nie existente „Fall“ geklärt. Dass Celan all die vielen Solidaritätserklärungen zu seinen Gunsten nicht wahrnehmen konnte nach allem, was man ihm und seiner Familie angetan hat, macht die Sache so bitter wie exemplarisch.

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